Freitag, 27. Februar 2026

Vademecum Antisemitismus: Eine kurze Orientierungshilfe

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Immer häufiger liest man den Vorwurf des Antisemitismus.
Und noch häufiger liest man, dass der Vorwurf des Antisemitismus unangebracht ist und inflationär verwendet wird.

Ganz persönlich habe ich den Eindruck, dass diejenigen, die Antisemitismus vorwerfen, eher die Definition kennen, als diejenigen, die das abstreiten.

Es erinnert mich ein wenig daran, dass in einer Mode – wie sie immer wieder auf Social Media stattfinden – Menschen sich gegen die Zuschreibung gewehrt haben, politisch rechts zu sein. Hat man dann auf das Profil geschaut, war das voll mit eindeutig rechten Inhalten.
Das Problem lag also vermutlich darin, dass die Leute gar nicht wussten, was „rechts“ bedeutet. Und dass sie es mit „rechtsextremistisch“ gleichgesetzt haben.

Also schauen wir uns dieses Antisemitismus-Ding doch einmal genauer an.

Es gibt gar keine Semiten

Eins muss ich kurz vorwegnehmen: Es gibt gar keine Semiten.

Ich habe das bereits mehrfach auf Social Media erklärt, aber wohl leider nicht übertragen.

Der Historiker August Ludwig von Schlözer hat 1781 einen Begriff für eine Sprachfamilie gesucht. Und hat diese dann nach dem Sohn von Noah „Sem“ (Shem) benannt.
Das ist etwa so, wie die „indo-germanischen“ Sprachen, die heute „indo-europäische“ Sprachen genannt werden. Trotzdem gibt es ja keine Indo-Germanen.

Zu diesen Sprachen gehören neben den antiken Sprachen wie Akkadisch, Hebräisch und Aramäisch („die Sprache Jesu“) auch das heutige Arabisch, das Neu-Hebräisch und verschiedene äthiopische Sprachen wie die Amtssprache Amharisch.

Der Begriff des Antisemitismus wurde 1879 von dem deutschen Anarchisten und Publizisten Wilhelm Marr geprägt. Also einem Linksextremisten, der für Antisemitismus war. Er hatte die „Antisemiten-Liga“ gegründet.
Der Begriff sollte der ursprünglichen Bezeichnung „Judenfeindlichkeit“ einen wissenschaftlichen Anstrich verleihen.

Das ewig wiederholte Argument ist also quatsch, wer Antisemit sei, müsse auch etwas gegen Araber haben. Oder umgekehrt, wer gegen Antisemitismus sei, dürfe nichts gegen Araber haben. Das ist eine übliche, propagandistische Verzerrung, um den Begriff aufzuweichen.

Der Begriff „Antisemitismus“ bezeichnet ausschließlich das, was er ursprünglich durch seine „Erfinder“ bedeutet hat: Judenfeindlichkeit.

Die Definition

Was Antisemitismus ist, ist natürlich schwierig zu definieren. Weil viele Phänomene dazugehören.
In Deutschland und vielen anderen Ländern hat man dafür die Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA, „Internationale Allianz zum Holocaustgedenken“) als stehende Definition festgeschrieben.

Das ist keine dahergelaufene Organisation, sondern dort sind Staaten Mitglieder. Fast alle europäischen Staaten, die USA, Kanada, und so weiter. Daneben gibt es Beobachterstaaten. Und diese IHRA hat die sog. Stockholm-Erklärung herausgegeben. Zusammen mit der folgenden Arbeitsdefinition.

Gehen wir es durch.
Die Punkte sind meist abstrakt und daher komplex. Es würde lange dauern, sie genau zu erklären. Daher nenne ich einfach Beispiele oder kommentiere.

Der Aufruf zur Tötung oder Schädigung von Jüdinnen und Juden im Namen einer radikalen Ideologie oder einer extremistischen Religionsanschauung sowie die Beihilfe zu solchen Taten oder ihre Rechtfertigung.

Dazu gibt es sicher nichts weiter zu erklären.

Falsche, entmenschlichende, dämonisierende oder stereotype Anschuldigungen gegen Jüdinnen und Juden, oder die Macht der Jüdinnen und Juden als Kollektiv; insbesondere - aber nicht ausschließlich - die Mythen über eine jüdische Weltverschwörung oder über die Kontrolle der Medien, Wirtschaft, Regierung oder anderer gesellschaftlicher Institutionen durch die Jüdinnen und Juden.

Beispiel:

„Die USA sind der jüdischen Lobby unterworfen.“
Francesca Albanese, inzwischen Sonderberichterstatterin der UN, X, 2014

Jede Interessensgemeinschaft hat Lobby-Organisationen. In den USA beispielsweise auch die Waffen-Lobby und die Öl-Lobby. Auch andere Staaten, das gehört zu jeder normalen Diplomatie. Saudi-Arabien, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate, sie alle werden Lobbyarbeit betreiben.
Zu behaupten, ein ganzes Land sei einer jüdischen Lobby unterworfen, trifft diese Definition also recht genau.

Und wer ernsthaft etwas über eine Weltverschwörung erzählt… In Deutschlands Psychiatrien sitzen Leute für weniger.

Das Verantwortlichmachen der Jüdinnen und Juden als Volk für tatsächliches oder unterstelltes Fehlverhalten einzelner Jüdinnen und Juden, einzelner jüdischer Gruppen oder sogar von Nichtjüdinnen und Nichtjuden.

Was einige Israelis im Bezug auf die Siedlungen im Westjordanland tun, kann man nicht auf alle Israelis umlegen. Geschweige denn auf alle Juden. Was unter diesen Siedlern wiederum einige wenige tun, indem sie beispielsweise arabische Siedlungen angreifen, kann man nicht einmal auf alle Siedler umlegen.
Was viele Medien gerne ganz Israel anlasten, ist im Grunde die sog. „Hilltop Youth“, vergleichbar vielleicht mit militanten Neonazis in Europa.

Wer den Veröffentlichungen der IDF (Israel Defense Forces, Israelischen Verteidigungsstreitkräfte) folgt, wird überrascht feststellen, dass die auch mindestens wöchentlich von Einsätzen gegen diese Radikalen berichten.

Das ist nur eines von vielen Beispielen. Und ich werde nicht müde zu erwähnen, dass ich etwas gegen Siedlungen und gegen die Regierung Netanjahu habe.

Würden wir jede Straftat, die junge Männer mit Migrationshintergrund in Deutschland verüben, einer arabischen Herkunft anlasten, wären wir längst über Migrationsdebatten und AfD hinaus.

Das Bestreiten der Tatsache, des Ausmaßes, der Mechanismen (z.B. der Gaskammern) oder der Vorsätzlichkeit des Völkermordes an den Jüdinnen und Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Unterstützer und Komplizen während des Zweiten Weltkrieges (Holocaust).

Diese Definition ist international.
In Deutschland ist das eh strafbewährt, von daher überlasse ich die Erklärung den Staatsanwaltschaften.

Der Vorwurf gegenüber den Jüdinnen und Juden als Volk oder dem Staat Israel, den Holocaust zu erfinden oder übertrieben darzustellen.

Siehe vorheriger Punkt.

Der Vorwurf gegenüber Jüdinnen und Juden, sie fühlten sich dem Staat Israel oder angeblich bestehenden weltweiten jüdischen Interessen stärker verpflichtet als den Interessen ihrer jeweiligen Heimatländer.

Dieser Punkt geht wieder in die Richtung der Legende der jüdischen Lobby und Weltherrschaft.

Das Aberkennen des Rechts des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung, z.B. durch die Behauptung, die Existenz des Staates Israel sei ein rassistisches Unterfangen.

Das habe ich gerade erst wieder gelesen, kurz bevor ich diesen Beitrag begonnen habe. Auch sehr viele Spielarten des so genannten Post-Kolonialismus argumentieren so.

Tatsache ist, hätten die Araber nicht über Jahrzehnte hinweg versucht, einen israelischen Staat zu verhindern oder Israel zu zerstören, wäre dort auch niemand vertrieben worden oder hätte sich genötigt gesehen zu flüchten. Denn die Geschichte begann ja auch nicht – wie gerne behauptet – mit der Gründung Israels. Sondern mit Massakern und Pogromen weit früher.
Ein Fünftel aller Israelis heute sind arabischstämmige Muslime und genießen mehr Freiheiten, als in allen angrenzenden arabisierten Staaten. In Israel gibt es mehr Moscheen als in den Palästinensischen Autonomiegebieten.

Zu behaupten, Israel sei ein Apartheidsstaat, ist faktisch falsch.
Israel hat das Westjordanland besetzt. Und behandelt dort selbstverständlich die Palästinenser anders, als israelische Staatsbürger. Aber das liegt eben im Kern jeder Besatzung. Das gilt für alle Staaten zu allen Zeiten.

China vergibt ja auch nicht die Staatsbürgerschaft an alle Tibeter. Denn – nur zur Erinnerung – das ist ja seit 1951 besetzt. Schert auch keine Sau.
Hat irgendwer einmal den Vorwurf gelesen, China sei ein Apartheidsstaat? Selbst wenn das in Bezug auf die Uiguren eher zutreffen würde?

Damit sind wir beim nächsten Punkt.

Die Anwendung doppelter Standards, indem man von Israel ein Verhalten fordert, das von keinem anderen demokratischen Staat erwartet oder gefordert wird.

Das ist ja so mein Lieblingspunkt, mit dem ich mich im Kontext des Gazakrieges ständig herumschlage.
Es ist absolut ok, etwas gegen die Besetzung des Westjordanlandes zu haben. Das habe nicht nur ich auch, sondern auch Millionen von Israelis.

In dem Moment, in dem man aber von Israel etwas in der Kriegsführung fordert, dass beispielsweise von der Ukraine völlig in Ordnung ist, wird es antisemitisch.

Das passiert häufig durch den Vorwurf eines Völkermordes. Es ist aber nun einmal so, dass man sich nicht nur an den Definitionen von Völkermord abarbeiten darf. Sondern etwas Kompetenz haben muss, das auch militärisch abzugleichen. Mit dem, was andere Staaten tun und tun würden. Beispielsweise sollte man den völkerrechtlichen Grundsatz der Verhältnismäßigkeit verstehen.

Das Verwenden von Symbolen und Bildern, die mit traditionellem Antisemitismus in Verbindung stehen (z.B. der Vorwurf des Christusmordes oder die Ritualmordlegende), um Israel oder die Israelis zu beschreiben.

Gerade Deutsche und Österreicher sollten die Karikaturen aus den nationalsozialistischen Schmierenblättern kennen. Komischerweise hat keiner von den Israelis, die ich kenne, eine Hakennase, einen Buckel oder Pejot. (Schläfenlocken)

Vergleiche der aktuellen israelischen Politik mit der Politik der Nationalsozialisten.

Diese Arbeitsdefinition wurde 2015 vorgeschlagen und im Mai 2016 angenommen. Mit „aktuell“ ist also das jeweilige Zeitgeschehen gemeint, nicht der derzeitige Gazakrieg.

Als Beispiel kann man auch hier wieder die erwähnte Francesca Albanese anbringen, die ja gerne verteidigt wird.

Ein Bild von Netanjahu einem historischen Bild von Adolf Hitler gegenübergestellt.
Die Sonderberichterstatterin der UN hat hier eindeutig einem antisemischen Posting zugestimmt. „Das ist genau das, was ich heute gedacht habe.“ Ich hätte gerne einen eigenen Screenshot geteilt. Aber das Posting ist inzwischen in Deutschland eingeschränkt, es stellt also sehr sicher eine Straftat dar. Francesca Albanese 12.11h, 25.07.2024
Das kollektive Verantwortlichmachen von Jüdinnen und Juden für Handlungen des Staates Israel.

Es gibt inzwischen reihenweise Berichte von Angriffe auf jüdische Deutsche mit dem Hintergrund des Gazakrieges.

Für einige ist das sicher schwer zu trennen, das benötigt Abstraktionsvermögen. Aber ich selber komme aus der Nähe von Köln und die älteste jüdische Gemeinde in Deutschland ist 321 in Köln nachgewiesen. Das bedeutet, Juden waren schon in Deutschland, bevor die Slaven ins heutige Ostdeutschland eingewandert sind. Sogar bevor der Begriff „deutsch“ (ahd.: „tiudisk“) überhaupt erfunden wurde.
Also in meinem Verständnis sind die deutscher als Sachsen. Ohne da einen Wettbewerb aufmachen zu wollen.

Die Schwierigkeit der Komplexität ist so menschlich, wie sie offenbar geübt werden muss. Ein jüdischer Deutscher kann der Religion des Judentums angehören, kann aber auch Atheist sein. Er kann sich über sein Jüdischsein definieren, aber ebenso über seine deutsche Staatsbürgerschaft. Und das mit den jüdischen Nachnamen funktioniert ja auch nicht zuverlässig.

Sobald jemand beispielsweise jüdische Deutsche, Briten, Polen oder Amerikaner für das verantwortlich macht, was seiner Meinung nach in Israel gerade schiefläuft, ist das Antisemitismus. So simpel ist es.

Kleiner Hinweis: Netanjahu konnte sich nur an der Macht halten, weil er sich mit den Rechtsradikalen ins Bett gelegt hat. Eine Koalition aus fünf (!) Parteien. Er hatte keine Mehrheit. Kann man ja gerne mal jüdische Deutsche nach fragen.

Wenn Asterix erwachsen wird

Wir alle sind mit Stereotypen groß geworden. Asterix und Obelix, Tim und Struppi, Lucky Luke… alles ein reiner Abgesang von Stereotypen. (Außer bei den Briten, die haben wirklich alle Überbiss und trinken heißes Wasser. Quelle: Python, Monty, et. al., 1975)

Das ist gut und richtig so. Denn dadurch lernen wir, uns die Welt begreiflich zu machen.
Das lässt sich auch nicht aus der Welt schaffen. Weil der Mensch, das Einordnen und Sortieren, die Schubladen, so funktionieren. Zuerst definieren wir, wer wir nicht sind, bevor wir definieren, wer wir sind.
Man kann das aufgrund des wissenschaftlichen Fortschritts heutzutage sogar bis zur Evolutionspsychologie und zu Hormonen wie Oxytocin herunterbrechen. Das wohl gleichzeitig für Mutterschutz wie auch für Fremdenfeindlichkeit zuständig ist. Was ja wiederum evolutionär völlig Sinn ergibt.

Das entscheidende ist, was wir als Erwachsene damit anfangen. Ob unser Asterix auch erwachsen wird. (Obelix wird es eh nicht.) Ob wir lernen zu differenzieren. Ob wir Abstraktionsvermögen entwickeln.

Schon Aristoteles hat darauf herumgedacht. Die „falsche Dichotomie“ (falsches Dilemma) wird auch „falsche Umkehrung“ genannt. (Sophistischen Widerlegungen)
Bevor Fragen kommen: Eine Blume ist kein Stein. Deshalb ist nicht alles, was keine Blume ist, ein Stein.

Ich persönlich habe eine einfache Faustregel.
Wenn ich Juden oder Israelis etwas zuschreibe, würde ich das auch allen anderen zuschreiben?

  • Würde die Bundeswehr in genau der gleichen Situation in einem Krieg so kämpfen wie die IDF?

  • Wenn die Ukraine im Krieg einige Zivilisten tötet, würde ich da auch einen Völkermord annehmen?

  • Wenn Russen die ukrainische Energieversorgung bombardieren, was ein Kriegsverbrechen ist, würde ich denen einen Völkermord vorwerfen?

  • Wenn der BND so etwas wie die Pager-Aktion des Mossad bringen würde, würde ich dann „Völkermord“ schreien?

  • Wenn ein paar durchgeknallte Sachsen die NATO auflösen wollen, wollen das alle Sachsen oder gar alle Deutsche?

  • Wenn eine deutscher Lobby-Verband in den USA (es gibt mehrere große und einflussreiche) tätig ist, würde ich sagen, dass die USA von denen unterworfen sind?

  • Wenn die AfD die Bundesregierung stellt, sind deshalb dann alle Deutschen schlagartig rassistisch und kolonialistisch?

  • Wenn die Dänen einhundert Jahre lang Selbstmordanschläge in Deutschland verüben, Leute massakrieren, Deutschland das Existenzrecht absprechen und Kriege anfangen, weil sie meinen, dass sie ein Anrecht auf Schleswig-Holstein haben, bin ich dann extremistisch, wenn mir die Hutschnur platzt und ich finde, dass da endlich mal auf den Tisch gehauen werden muss? („From the Elbe to the sea, Denmark will be free!“)

  • Kann ich jemanden für das verantwortlich machen, was Russland derzeit macht, nur weil seine Großeltern mütterlicherseits aus Russland stammen und er Dimitri heißt?

Wenn nicht, deutet das mindestens auf Rassismus hin.
Und wenn es Juden betrifft, auf Antisemitismus.

Erst, wenn das verstanden wurde, lohnt es sich darüber zu diskutieren, ob 6.000.000 Menschenleben vielleicht nicht doch einen kleinen Sonderstatus wert sind.
Aber auch echt erst dann. Bis dahin geht es nur um eine Gleichbehandlung.


Erschienen auf steady.page


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