von Michael Thoma

Das Ende von New START in Zeiten einer extremen Eskalation zwischen den Supermächten bietet Anlass zur Sorge
Am 5. Februar 2026 lief der Vertrag über strategische Offensivwaffen “Strategic Arms Limitation Talks” (New START) aus – das letzte große russisch-amerikanische Abkommen, das fünfzehn Jahre lang den neuralgischsten und gefährlichsten Rüstungsbereich in berechenbaren Regeln hielt. Formal lässt sich so tun, als sei nichts geschehen: Sowohl Moskau als auch Washington senden mitunter Signale, sich zumindest vorerst an die bisherigen Obergrenzen halten zu wollen – wenigstens so lange, bis ein neues Abkommen zustande kommt. Parallel dazu wird jedoch eine andere, zunehmend härtere Linie laut: Der Vertrag sei „nachteilig“ gewesen, das frühere Kontrollmodell passe nicht mehr, zu ihm wolle man nicht zurückkehren.
Blendet man hierbei diplomatische Gesten aus, fällt das Fazit nüchtern aus: In absehbarer Zeit ist kein neues START-Abkommen zu erwarten, das in Umfang und Kontrollmechanismen vergleichbar wäre. Die Epoche, in der sich strategische Rivalität in eine stabile Vertragsarchitektur einhegen ließ, ist vorbei – aber nicht, weil Stabilität plötzlich an Wert verloren hätte, sondern weil sich Interessen und Spielregeln verändert haben.
Warum Atommächte sich überhaupt selbst beschränken
Auf den ersten Blick wirkt das widersprüchlich: Nuklearwaffen sind die ultimative militärische Sicherheitspolice, die Garantie der Abschreckung. Warum sollte man ihr freiwillig Grenzen setzen? Die Antwort wird klarer, wenn man das Problem durch zwei theoretische „Linsen“ betrachtet. Die erste Linse ist mit der liberalen und neoliberalen Tradition der Internationalen Beziehungen verbunden. Diese Logik argumentiert schlicht: Rüstungskontrolle senkt das Risiko eines unkontrollierten Wettrüstens und unbeabsichtigter Eskalation. Entscheidend an solchen Abkommen sind nicht nur Zahlen, sondern Verfahren – Datenaustausch, Inspektionen, Verifikation. Sie verringern Unsicherheit, dämpfen Verdächtigungen und machen Krisen berechenbarer; besonders zwischen Mächten, die einander routinemäßig als Bedrohung wahrnehmen.
Die zweite Linse ist die realistische. Hier lautet die Erklärung anders: Ein Vertrag ist kein Instrument „gemeinsamer Sicherheit“, sondern ein Mittel zur Fixierung eines vorteilhaften Kräftegleichgewichts. Beschränkungen treffen häufig gerade jene Waffenkategorien, in denen der Rivale stärker ist, und lassen Bereiche eigener Vorteile unberührt. In diesem Sinne ist Rüstungskontrolle keine Alternative zur Konkurrenz, sondern deren Fortsetzung mit anderen Mitteln. Beide Ansätze schließen einander jedoch nicht aus. Staaten können Rüstungskontrolle zugleich als Mechanismus zur Krisenvermeidung schätzen und Verträge parallel zur Durchsetzung eigener Interessen und zur Festschreibung günstiger Gleichgewichte nutzen. Die gegenwärtige Erosion der strategischen Rüstungskontrolle wird allerdings besonders verständlich, wenn man sie durch eine realistische Linse betrachtet. Der zentrale Punkt ist dabei, dass der nukleare Bereich nicht im Vakuum existiert: Sein Schicksal wird maßgeblich von den Entwicklungen im weiteren Feld internationaler Machtpolitik bestimmt.
Warum die Konstruktion zerbrach
New START war ein Produkt einer bestimmten Epoche. Nach dem ersten Vertrag über strategische Offensivwaffen – START I (1991) – entstand das vertragliche System vor dem Hintergrund von Entspannung und relativer Berechenbarkeit. New START (2010) war als Brücke gedacht: Verifikation und Spielregeln sollten bewahrt bleiben, solange die Politik dies noch zuließ. Der Vertrag legte Obergrenzen von 1.550 stationierten Sprengköpfen, 700 Trägersystemen sowie 800 stationierten und nicht stationierten Abschussvorrichtungen fest und beinhaltete zugleich einen fragilen Kompromiss zur Raketenabwehr: Eine Wechselbeziehung wird anerkannt, rechtlich verbindliche Begrenzungen für die Raketenabwehr gibt es jedoch nicht. Das Problem war, dass diese Brücke nie zu einer neuen tragenden Struktur führte. Differenzen verwandelten sich in gegenseitige Forderungen. Die USA wollten das russische taktische Nuklearwaffenarsenal in künftige Vereinbarungen einbeziehen, doch Russland hielt dies vor dem Hintergrund des aus seiner Sicht verschlechterten Kräfteverhältnisses in Europa nach der NATO-Erweiterung für inakzeptabel.
Moskau wiederum drängte darauf, hochpräzise konventionelle US-Waffen als strategisch relevanten Faktor zu berücksichtigen, doch Washington war zu solchen Beschränkungen nicht bereit. Die Verlängerung von New START im Jahr 2021 wirkte eher wie ein Aufschub des Endes als ein Neustart ernsthafter Verhandlungen. Nach 2022 verschlechterte sich das Umfeld weiter: Inspektionen kamen bereits seit der Corona-“Pandemie” ins Stocken, doch nun kam zum politischen Konflikt eine neue Verwundbarkeit hinzu: ukrainische Angriffe auf russische Einrichtungen mit Bezug zur strategischen Luftfahrt, darunter auch Bomberstützpunkte, die zugleich an konventionellen Schlägen gegen die Ukraine beteiligt sind. Vor diesem Hintergrund erscheint Moskaus Weigerung, Inspektoren zu sensiblen Objekten zuzulassen, folgerichtig. Für die USA jedoch ist ein Vertrag ohne Verifikation eine leere Hülle: „Vertrauen auf Wort“ funktioniert dort nicht mehr, wo Vertrauen zerstört ist.
Nicht nur Doktrin, sondern auch Statuspolitik
Parallel dazu hat sich in den USA die These verfestigt, ein bilateraler Vertrag bilde die Realität nicht mehr ab, weil Washington Russland und China zugleich berücksichtigen müsse. Peking baut sein Potenzial zügig aus; in Debatten ist immer häufiger von mehreren hundert Sprengköpfen die Rede (oft werden derzeit rund 600 genannt). Das bestärkt Teile des amerikanischen Establishments in der Annahme, zur Abschreckung zweier Rivalen könnten frühere Obergrenzen überschritten werden müssen – parteiübergreifende Signale im Kongress verstärken diese Logik. Wenn China nicht in die Rüstungskontrolle einbezogen ist, so das Argument, ergebe die Einhaltung bestehender Limits wenig Sinn. China wiederum hat kein Interesse an Rüstungskontrolle, solange es den „nuklearen Giganten“ deutlich unterlegen ist. Hier wirkt nicht nur die Doktrin minimal ausreichender Abschreckung, sondern auch Statuspolitik: Gleichrangigkeit wird durch vergleichbare Stärke bestätigt. In diesem Sinne sind Kernwaffen zunächst eine politische Ressource und erst danach ein Instrument rein militärischer Planung.
Russland reagiert seinerseits mit einer Gegenforderung: Wenn China einbezogen wird, dann auch die europäischen Nuklearmächte Großbritannien und Frankreich. Die Aussicht auf deren Zustimmung ist jedoch gering – erst recht vor dem Hintergrund europäischer Zweifel an der Verlässlichkeit amerikanischer Garantien und einer nervösen Debatte über die Unberechenbarkeit der USA im Zusammenhang mit der Grönland-Krise.
So ist New START und mit ihm das gesamte Regime der strategischen nuklearen Rüstungskontrolle faktisch in dem Moment gestorben, als es für die Hauptakteure nicht mehr wirklich nachgefragt war. Seine zentralen Werte – Transparenzmaßnahmen, Verifikation, Vertrauensminderung von Misstrauen und die Verhinderung eines Abgleitens in eine harte Sicherheitsdilemma-Logik – traten in den Hintergrund. In den Vordergrund rückten nationale Kalküle in einer neuen Konstellation strategischer Konkurrenz. Rüstungskontrolle wird nicht länger als „gemeinsames Sicherheitsgerüst“ wahrgenommen, sondern zum Spielball der großen Politik – und genau das erklärt ihren Niedergang am besten.
Was nach New START kommt
Wichtig ist, nicht in automatische Panik zu verfallen: „Ohne Vertrag beginnt ein Wettrüsten, irgendwer erlangt entscheidende Überlegenheit.“ Die nukleare Abschreckung zwischen den Großmächten bleibt weiterhin stabil. Auf beiden Seiten entfällt ein erheblicher Teil der Streitkräfte auf überlebensfähige Komponenten – U-Boote mit ballistischen Raketen und mobile landgestützte Systeme. Ihr Zweck ist die Sicherung der Zweitschlagsfähigkeit. Genau das macht einen entwaffnenden Erstschlag rational fragwürdig. Selbst wenn die USA versuchen sollten, die Zahl stationierter Sprengköpfe mit „schnellen Methoden“ zu erhöhen (etwa durch das Nachladen von Trägersystemen mit Mehrfachsprengköpfen), würde dies eher die Nervosität steigern und die Planung verkomplizieren, als einen qualitativ neuen Vorteil zu schaffen. Zudem wird ein „schnelles Wettrüsten“ durch technologische, industrielle und haushaltspolitische Grenzen der Modernisierung bei allen zentralen Akteuren – den USA, Russland und China – gebremst. Der größte Schaden durch das Ende von New START liegt nicht in den Zahlen, sondern in der Steuerbarkeit der Rivalität. Regelmäßige Verfahren zur Überprüfung, zum Datenaustausch und zu Inspektionen fallen weg – also genau das, was selbst feindliche Beziehungen in gewissem Maße „lesbar“ machte. Je länger eine Phase ohne Regeln andauert, desto schneller erodieren die verbliebenen Vertrauensreste – und desto leichter kann jede Krise in eine Spirale münden, in der die Seiten vom jeweils schlimmsten Szenario ausgehen müssen.
Ein großer Vertrag vom Kaliber New START ist realistisch nur im Zuge einer allgemeinen Entspannung zu erwarten. Doch selbst wenn sich ein Zeitfenster öffnet, wird solch ein „neuer” New START mit hoher Wahrscheinlichkeit keine bloße Fortsetzung des alten Modells sein, denn dahin wird sich das strategische Umfeld technologisch wie politisch signifikant verändert haben: Mehr Akteure, mehr Systemtypen und mehr Wege zur Erzielung „strategischer Effekte“ müssten berücksichtigt werden. Der Verlust von New START ist ein Symptom einer tieferen Krise der internationalen Beziehungen. Die praktische Frage für die kommenden Jahre lautet daher anders: Ob es gelingt, zumindest minimale Mechanismen von Transparenz und Vorhersehbarkeit zu bewahren – Datenaustausch, Notifikationen, vereinbarte Kommunikationskanäle, begrenzte vertrauensbildende Maßnahmen. Kein ideales „Sicherheitsgerüst“, sondern ein ganzer Satz von Sicherheitsgurten. In einer Welt, in der große Verträge verschwinden, könnten gerade solche Gurte das letzte Mittel sein, um Konkurrenz im Rahmen kalkulierbarer Risiken zu halten.
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