Sonntag, 1. Februar 2026

Sprache ohne Nation?

von Thomas Hartung

Deutscher Pausenhof der Zukunft: Deutsch hat als Umgangssprache ausgedient – geht es nach “progressiven Experten”



Ein kürzliches “Spiegel”-Interview mit Wiebke Scharff Rethfeldt über „mehrsprachige Erziehung“ beginnt mit einem nüchtern daherkommenden Befund: Fast die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren in Deutschland hat inzwischen einen Migrationshintergrund. Was vor wenigen Jahrzehnten als weit entfernte Zukunftsprojektion galt, wird hier en passant als Gegenwartsdiagnose präsentiert – aber nicht als Problem, sondern als neue Ressource.

Die Bremer Logopädin Rethfeldt erklärt sodann, jede Sprache sei es wert, gefördert zu werden; und gute Kompetenzen in der Herkunftssprache bildeten die beste Grundlage für den Erwerb der Schulsprache. Eltern sollen ihre Kinder konsequent in der eigenen Erstsprache sozialisieren; Deutsch erscheint eher als nachgelagerte Option des Bildungssystems.

In dieser pädagogischen Rhetorik steckt ein politischer Sprengsatz. Denn wer sagt, fast die Hälfte der Kleinkinder spreche zu Hause eine andere Sprache, sagt zugleich: Die künftige Bevölkerung dieses Landes wird mehrheitlich nicht mehr im klassischen Sinn deutschsprachig sozialisiert. Der Begriff „Umvolkung“ taucht im “Spiegel”-Artikel selbstverständlich nicht auf; aber die zugrundeliegende demographische Verschiebung markiert das einstige “Sturmgeschütz der Demokratie” erstmals unverhohlen als Normalität. Das Bemerkenswerte ist: Nicht mehr die Größenordnung wird diskutiert, sondern nur die Frage, wie man sie sprachpädagogisch begleitet.

Die Entwertung der Nationalsprache

Der Text stellt die deutsche Sprache in eine Reihe mit vielen anderen idiomatischen “Ressourcen”. Das Problem sei ein „monolinguales Normverständnis“ des Schulsystems; anstelle des Fokus auf Deutsch solle Mehrsprachigkeit insgesamt als Kapital anerkannt werden. Auf dem Pausenhof sollten Kinder die Sprache sprechen dürfen, „in der sie sich wohlfühlen“ – also Türkisch, Arabisch oder Kurdisch. Sprachverbote würden ohnehin fast nur diese Herkunftssprachen treffen, während Englisch oder Französisch unbehelligt blieben. Damit wird die Nationalsprache von der Integrations- zur Prestigefrage herabgestuft. Deutsch ist nicht mehr die gemeinsame Grundlage eines politischen Gemeinwesens, sondern nur eine beliebige Option unter vielen, deren (noch bestehende, aber schwindende) Dominanz als Ausdruck überkommener Mehrheitskultur gilt. Wer darauf insistiert, dass der öffentliche Raum in Deutschland – insbesondere Schulen und Kitas – primär deutschsprachige Räume sein sollten, wird implizit in die Nähe von Bildungs-, ja Ausländerfeindlichkeit und damit wieder einmal “Diskriminierung” gerückt.

Objektiv betrachtet ist jedoch das Gegenteil wahr: Ohne eine gemeinsam geteilte Sprache gibt es keine demokratische Öffentlichkeit, keine gemeinsame Geschichtserzählung, keinen sozialen Aufstieg über Bildung. Eine Nation kann – zu Hause gesprochen – durchaus gerne hundert Sprachen dulden (Schätzungen gehen allein in China von über 300 gesprochenen Sprachen aus); doch im öffentlichen Kern braucht sie eine. Wenn dieser Kern relativiert wird, zerfasert das Gemeinwesen.

Vom Sprachenpluralismus zum postnationalen Projekt

So verstanden, ist das “Spiegel“-Interview mit Rethfeldt kein neutraler Fachbeitrag, sondern Agenda-Journalismus und Teil eines größeren Projekts: Es passt zu einem globalpolitischen Programm, das nationale Homogenität misstrauisch beäugt und stattdessen auf „Migrationsgesellschaft“ und „Diversität“ setzt – und die Auflösung der westlichen Kulturnationen zum Ziel hat. Migration selbst und Herkunft wären für sich betrachtet noch nicht einmal das Problem; doch wenn beinahe die Hälfte der Kinder im Vorschulalter einen Migrationshintergrund hat, müsste sich aber jedes ernstzunehmende Gemeinwesen die Frage stellen: Wie gewährleisten wir, dass diese Kinder auch in die sprachliche und kulturelle Tradition des Landes hineinwachsen? Die Antwort des Artikels lautet widerwillig: Gar nicht – oder jedenfalls nicht prioritär. Gefördert werden soll hingegen die Herkunftssprache; Deutsch wird schon irgendwie mithalten.

Damit wird ein Schritt vollzogen, der weit über Pädagogik hinausweist. Wer die Herkunftssprachen von Zuwanderern systematisch stärkt und gleichzeitig die deutsche Sprache aus der Rolle des verbindlichen Bezugsrahmens löst, arbeitet objektiv an der Entnationalisierung des Gemeinwesens. Die berühmte „postnationale Gesellschaft“ beginnt primär mit Grenzöffnungen und sekundär mit der Erosion der gemeinsamen Sprache.

Mehrsprachigkeit ja – aber wozu?

Natürlich ist gegen Mehrsprachigkeit an sich nichts einzuwenden. Ein Kind, das gut Türkisch und gut Deutsch spricht, verfügt über einen kulturellen Reichtum, den man nicht geringschätzen sollte. Der Autor selbst wurde einst in der DDR russisch, englisch und spanisch sozialisiert. Entscheidend ist jedoch die Hierarchie: Wird Deutsch zur tragenden Säule, auf der weitere Sprachen aufbauen, oder zu einem beliebigen Baustein in einem identitätspolitischen Patchwork? Der “Spiegel” beantwortet diese Frage implizit – natürlich– zugunsten des Patchworks. Sprachverbote auf dem Pausenhof – etwa das deutsche Sprachgebot an der Berliner Herbert-Hoover-Schule, wo mehr als 90 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben – werden vor allem als Pre-tigeproblem gedeutet.

Dass Sprache auch eine Grenze zwischen drinnen und draußen ziehen kann – zwischen denen, die sie verstehen, und denen, die ausgeschlossen sind –, wird hier nur am Rande erwähnt. Wenn ein deutsches Kind auf einem Schulhof steht, auf dem in Grüppchen lautstark Sprachen gesprochen werden, die es nicht versteht, „lernt“ es eben keineswegs automatisch Weltoffenheit, sondern erlebt sehr konkret das Gefühl der Ausgrenzung und wie es ist, in der eigenen Heimat zur Minderheit zu werden. Konservative Sprachpolitik würde deshalb völlig anders argumentieren: Ja zu Mehrsprachigkeit in Familie und Freizeit; ja zu Herkunftssprachen als persönliche Ressource! Aber eben auch: Klare Priorität für Deutsch in allen institutionellen Räumen, die das Gemeinwesen tragen – Kita, Schule, Verwaltung, öffentliche Kommunikation. Nicht als Akt der “Diskriminierung“ anderer, sondern der eigenen Selbstbehauptung. Es ist frappierend und schlimm gleichermaßen, dass man diese banalen Erläuterungen und Rechtfertigungen heute eigens erwähnen muss.

Wenn die Sprache fällt, fällt der Staat

Die vom “Spiegel” befragte Expertin betont mehrfach, es gebe einen Zusammenhang zwischen Sprachförderung, mentaler Gesundheit und stabilen familiären Bindungen. Das ist plausibel – doch es greift zu kurz. In einer Nation, deren staatliche Souveränität schon durch supranationale Institutionen, europäisches Recht und globale Märkte ausgehöhlt wird, ist die gemeinsame Sprache vielleicht der letzte harte Kern politischer Identität. Wer in diesem Moment postuliert, jede Sprache sei es wert, gefördert zu werden, der sagt in der politischen Subtext-Lesart: Der Nationalstaat soll sich nicht länger als Träger einer besonderen Sprach- und Kulturgemeinschaft verstehen, sondern als offener Raum, in dem jede Herkunft gleichrangig ist. Die logische Fortsetzung wäre dann ein Gemeinwesen, das zwar noch steuerlich und administrativ funktioniert, aber keinerlei innere „Wir“-Formel mehr besitzt.

Konservative Skepsis richtet sich nicht gegen die türkische Großmutter, die mit ihrem Enkel Anatolisch spricht. Sie richtet sich gegen ein Bildungs- und Mediensystem, das diesen individuellen, privaten Normalfall zum politischen Leitbild erhebt – und dabei vergisst, dass die politische Ordnung auf einer völlig anderen Ebene operiert. Wer das Deutsche als Leit- und Verkehrssprache relativiert, legt – bewusst oder unbewusst – die Axt an den ohnehin brüchigen Stamm des Nationalstaats.

Demographische Verschiebung im pädagogischen Gewand

Es ist ein Unterschied, ob ein Land Mehrsprachigkeit aushält oder ob es daraus den Schluss zieht, dass es im Grunde keine Mehrheitssprache mehr braucht. Das “Spiegel”-Interview tendiert klar zur zweiten Position: Es akzeptiert nicht nur eine faktische demographische Verschiebung, sondern plädiert normativ: Kinder sollen sich „frei“ entscheiden dürfen, in welcher Sprache sie im öffentlichen Raum sprechen; monolinguale Erwartungen gelten als Defizit. Ein konservativer Widerspruch muss deshalb lauten: Sprachpolitik ist keine harmlose Randfrage, sondern Kernbereich staatlicher Selbstdefinition. Wer die Nationalsprache schleift, bereitet den Abschied vom Nationalstaat vor. Die Aufgabe verantwortlicher Politik bestünde nicht darin, diese Entwicklung schönzureden, sondern sie zu ordnen: durch klare Priorität für Deutsch in allen öffentlichen Institutionen, durch konsequente Sprachförderung für alle Kinder – und durch die Ehrlichkeit, dem Bürger zu sagen, was auf dem Spiel steht.

Nicht jede Gesellschaft muss sich als Nation verstehen. Aber eine Gesellschaft, die es tut, kann auf eine gemeinsame Sprache nicht verzichten – ohne sich selbst aufzugeben.

 

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