Donnerstag, 26. Februar 2026

Berlinale bis Buchenwald: Der neue Antifaschismus zersetzt seine eigenen Grundlagen

von Thomas Hartung

Von linken Israelhassern angefeindet: Schmiedeeisernes Eingangstor des KZ Buchenwald mit dem vom internierten Bauhausschüler Franz Ehrlich gestalteten berühmt-berüchtigten Schriftzug „Jedem das Seine“ 



Dass es Proteste gegen eine KZ-Gedenkstätte ausgerechnet von links, queer und „antifaschistisch“ geben würde, hätte sich vor wenigen Jahren kaum jemand vorstellen können. Doch genau das geschieht derzeit in Buchenwald. Unter dem Motto „Kufiyas in Buchenwald“ ruft ein Bündnis „jüdischer, queerer und antifaschistischer Gruppen“ dazu auf, die Gedenkfeier zur Befreiung des Lagers im April mit palästinasolidarischen Aktionen zu „erobern“ – aus Protest gegen ein angebliches Verbot palästinensischer Symbole und gegen die „reaktionäre Gedenkpolitik“ der Einrichtung. Auslöser war ein Vorfall, bei dem einer Besucherin mit Palästinensertuch (Kufiya) der Zutritt verwehrt wurde – eine Entscheidung, die das Thüringer Oberverwaltungsgericht ausdrücklich bestätigte: Die Gedenkstätte dürfe Besucher mit politisch aufgeladenen Symbolen abweisen, um das würdige Gedenken zu schützen. Buchenwald warnte daraufhin vor einer Vereinnahmung der Gedenkveranstaltungen durch eine „linksextreme, propalästinensische Kampagne“ und machte klar, dass Symbole, die mit aktuellen Konflikten und Menschenfeindschaft verbunden sind, auf offiziellen Zeremonien nichts verloren haben.

Die Kampagne sieht hingegen das Gegenteil: Sie wirft der Gedenkstätte vor, “für Israel parteiisch” zu sein, den “Völkermord in Gaza” moralisch zu unterstützen und das Erbe Buchenwalds im “Kampf gegen Zionismus” zu verraten. In Flugschriften ist von “Ultradeutschen” die Rede, Mitarbeiter werden namentlich angegriffen, teilweise gedoxxt (also ihre Identität und privaten Kontaktdaten öffentlich gemacht). Der “Kampf gegen Zionismus” wird ausdrücklich als „antifaschistisch und im Sinne der Gedenkstätte“ umgedeutet. Was hier passiert, ist mehr als ein normaler Streit um Symbolpolitik: Ein Ort, an dem deutscher Verbrechen an Juden, Sinti, Roma, politischen Gegnern gedacht wird, soll in eine Bühne für einen aktuellen antiisraelischen Aktivismus verwandelt werden – mit der impliziten Botschaft: Wer sich nicht an diesem Aktivismus beteiligt, „missbraucht“ das Gedenken.

Vom „Nie wieder“ zum „Nie wieder für diese Juden“

Die Figur ist bekannt: Wer die Bundesrepublik attackieren will, greift ihre Erinnerungspolitik an. In Buchenwald läuft das in drei Schritten ab. Erstens wird die Gedenkstätte als verlängerter Arm der Bundesregierung dargestellt – als „Propagandainstrument“, das angeblich neue Verbrechen decke. Zweitens wird Israels Krieg gegen eine islamistische Terrororganisation nach dem 7. Oktober semantisch in die Nähe des NS-Genozids gerückt. Drittens wird der antifaschistische Anspruch für eigene Zwecke reklamiert: “Kampf gegen Zionismus ist antifaschistisch!” Damit verschiebt sich das Koordinatensystem. Aus dem historischen Konzentrationslager, in dem Juden und andere von Deutschen ermordet wurden, soll ein symbolischer Schauplatz für den Kampf gegen den jüdischen Staat werden.

Die Opfer von damals werden rhetorisch vereinnahmt, um die Juden von heute zu delegitimieren. Genau das meint der Begriff „regressiver Antizionismus“: eine Haltung, die den eigenen Antisemitismus als Antifaschismus ausgibt. Dass Buchenwald sich dagegen wehrt – mit Hausordnungen, Hinweisen auf die Würde des Ortes, Verweis auf Gerichtsurteile –, wird von der Kampagne als “Repression” gebrandmarkt. Die Grenze zwischen Trauerort und Demo-Kulisse, zwischen Gedenken und aktueller Nahostpolitik soll bewusst eingerissen werden.

Berlinale: Israel-Hass im Scheinwerferlicht

Dass diese Verschiebung nicht auf Gedenkstätten beschränkt ist, zeigt das zweite Großereignis der deutschen Erinnerungskultur: die Berlinale. Dort hat sich seit 2024 ein Muster etabliert. Preisträger nutzen die Bühne, um Israel als “Apartheidstaat” und “Genozidregime” zu brandmarken und verleumden, ohne den Massenmord vom 7. Oktober auch nur zu erwähnen; Parolen wie „From the river to the sea“ – die faktische Auflösung und Vernichtung Israels – werden skandiert; das Publikum klatscht, und das LKA ermittelt wegen antisemitischer Straftatbestände. Die Festivalleitung zieht sich anschließend regelmäßig auf Formalien zurück: Äußerungen von Preisträgern seien Privatmeinungen, man distanziere sich, solange alles „innerhalb der gesetzlichen Grenzen“ bleibe. Gleichzeitig sind es genau diese Äußerungen, die das Bild Deutschlands auf bedenkliche Weise nach außen prägen: Deutschland als Kulisse, auf der linke Kultur-Eliten ritualisiert die eigene Regierung und den jüdischen Staat vor Weltpublikum anklagen – ohne die elementaren Fakten des Terrorangriffs, der Geiselnahmen, der Hamas-Charta mitzudenken.

In diesem Jahr war es der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah Alkhatib, dessen Film “Chronicles From the Siege” als “bestes Spielfilmdebüt” ausgezeichnet wurde. Der Filmemacher warf der deutschen Regierung mit einer Palästinenserflagge auf der Bühne vor, sie sei Partner “des Völkermordes im Gazastreifen”. Eines Tages werde es ein wunderbares Filmfestival in Gaza geben, sagte er. “Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir wer-den uns an jeden erinnern, der gegen uns war. Ein freies Palästina von jetzt bis ans Ende der Welt.”

Antifaschismus als Legitimationsfolie

Zuvor hatten bereits die libanesische Filmemacherin Marie-Rose Osta, die den Goldenen Bären für den besten Kurzfilm gewann, auf der Bühne die israelische Kriegsführung kritisiert; zudem hatten Dutzende internationaler Künstler, darunter Javier Bardem und Tilda Swinton, in einem offenen Brief das “Schweigen” der Berlinale zum Gaza-Krieg kritisiert. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD), der als einziger Vertreter der Bundesregierung bei der Gala gewesen war, verließ noch während Alkhatibs Rede den Saal; “Bundesminister Schneider hält diese Aussagen für nicht akzeptabel”, teilte sein Pressesprecher mit. Der Eklat auf offener Bühne hat nun Konsequenzen: Berlinale-Chefin Tricia Tuttle soll gehen; Kulturstaatsminister Wolfram Weimer beraumte eine außerordentliche Sitzung der zuständigen Kulturveranstaltungen des Bundes ein.

Die Parallele zu Buchenwald springt ins Auge. Auch hier wird ein symbolisch überladener Ort – die große Bühne eines A-Festivals, mit historischer Nähe zur NS-Vergangenheit der Stadt – zu einer Projektionsfläche für einen schwarz-weiß gemalten Nahostkonflikt pervertiert. Der Antifaschismus von gestern wird hier als Legitimationsfolie genutzt, um die Juden von heute im Namen der Menschenrechte zu verurteilen.

Gemeinsamkeiten: Entankerung der Juden aus der Erinnerung

Was verbindet Buchenwald-Kampagne und Berlinale-Skandal? Beides ist nicht bloße „Israelkritik“; es ist eine strukturelle Verschiebung. Erstens die Entkopplung der Erinnerung von konkret, lebenden Juden: In beiden Fällen wird zwar ständig von “Faschismus”, “Genozid”, “Nie wieder” gesprochen – aber der konkrete Bezug auf jüdisches Leben und jüdische Gemeinden der Gegenwart und israelische Sicherheitsbedürfnisse verschwindet. Juden werden zur abstrakten Folie im Diskurs, nicht mehr zum Subjekt der Geschichte.

Zweitens der Austausch von Täter- und Opferpositionen: In Buchenwald wird suggeriert, die eigentliche “Instrumentalisierung” sei nicht die antisemitismuskritische Arbeit der Gedenkstätte, sondern ihre Parteinahme für Israel – als wäre der jüdische Staat der eigentliche Nachfolger der SS. Auf der Berlinale werden Terroropfer ausgeblendet, während sich die Täterseite zum Opferkollektiv “Gaza” stilisiert. Und drittens dann der moralische Hochmut der kulturellen Eliten: In beiden Fällen agieren gebildete, gut vernetzte Milieus – akademische Aktivisten, Künstler, Intellektuelle; doch sie sprechen nicht im Tonfall der sensibel tastenden Kritik, sondern mit dem Gestus moralischer Gewissheit. Wer widerspricht – ob Gedenkstättenmitarbeiter oder Festivalleitung –, steht sofort unter Verdacht, auf der “falschen Seite der Geschichte” zu stehen.

So entsteht eine neue, paradoxe Form des Antifaschismus: Man bekämpft „den Faschismus“ überall, bloß nicht dort, wo Judenhass und Vernichtungsphantasien offen ausgesprochen werden – etwa in den „From the river to the sea“- oder „Intifada, Intifada“-Chören. Stattdessen versucht man, die wenigen Orte, an denen Erinnerung noch konkret, nüchtern, juristisch und historisch präzise betrieben wird, in diese Schwarzweiß-Moral hineinzuziehen.

Ontologie des Gedenkens: Was lässt sich politisch nicht „umnutzen“?

Hier geht es um mehr als aktuelle Skandale. Es geht um die Frage, ob es in einer demokratischen Kultur noch Räume gibt, die sich der permanenten Umwidmung entzie-hen – ob es einen Kern des Wirklichen gibt, der nicht beliebig politisierbar ist.
Eine Gedenkstätte wie Buchenwald steht für einen solchen Kern. Sie ist keine offene Agora, sondern ein halb sakraler Ort, an dem die Toten nicht mehr widersprechen können und die Lebenden sich gerade deshalb zurücknehmen. Dass eine Leitung dort Symbole untersagt, die zum aktuellen politischen Kampf gehören – ob Hakenkreuz, Hammer und Sichel oder Kufiya –, ist kein Akt der Zensur, sondern die Verteidigung dieser Grenze. Gerichte haben das ausdrücklich so gesehen. Die Berlinale dagegen ist von ihrem Selbstverständnis her ein offener Kunst- und Debatten-raum; hier geht es nicht um Schweigen, sondern um Sprechen. Aber auch hier gibt es Grenzen; nicht in Form von Gesinnungskatalogen, sondern in Form des rechtlichen Rahmens und einer kulturellen Selbstdisziplin. Wer die Bühne nutzt, um grotesk vermessene Völkermordvorwürfe herauszuplärren, während Geiseln noch in Tunneln sitzen, verlässt diesen Rahmen.

Konservativ zu denken heißt nicht, überall Redeverbote zu fordern. Es heißt, zu unterscheiden: Zwischen Orten des Gedenkens und Orten der Debatte. Zwischen Kritik und Dämonisierung. Zwischen hartem Wort und Vernichtungsphantasie. Der neue „Antifaschismus“ ignoriert all diese Differenzen und Nuancen – und wird damit selbst regressiv.

Die rechte Antwort: Nicht weniger, sondern ernstere Erinnerung!

Was folgt daraus? Eine rechtskonservative Position, die mehr sein will als Reflex, muss zwei Dinge leisten. Sie darf sich erstens zunächst nicht in Abwehrreflexen erschöpfen, sondern muss die Erinnerungskultur gegen ihre Entkernung verteidigen. Das bedeutet gerade nicht, Buchenwald zur moralischen Staatskirche zu machen, sondern im Gegenteil: dafür zu sorgen, dass der Ort seiner ursprünglichen Aufgabe treu bleibt – nüchterne Dokumentation, historische Präzision, Respekt vor den Opfern. Wer dort Kufiyas, Anti-Israel-Parolen und infame “Genozid”-Vorwürfe gegen den jüdischen Staat inszenieren will, greift genau diese Aufgabe an. Und: Sie muss jene Stimmen in Kunst und Medien stärken, die sich der billigen Symbolpolitik verweigern. Das heißt nicht, pro-israelische Pflichtreden zu verlangen. Es heißt, von unseren kulturellen Eliten eine Form von Ernst zu erwarten: die Fähigkeit, zwischen Kritik und Delegitimierung zu unterscheiden, sich nicht reflexhaft in die Pose des “Widerstands” zu werfen, nur weil es Applaus im eigenen Milieu bringt.

Die Skandale von Buchenwald und Berlinale sind Symptome ein und derselben Geisteskrankheit – nämlich einer moralischen Hysterie, die Erinnerung nur noch als Munition im Gegenwartsstreit begreift. Wer sie heilen will, muss an eine simple, heute fast radikale Wahrheit erinnern: Gedenkstätten sind keine Bühnen, und die Shoah ist kein Argument in Talkshow-Debatten über Gaza. Wer diesen Anspruch ernst nimmt, egal, ob er politisch links, liberal oder konservativ ist, begibt sich heute automatisch in Widerspruch zu jenen Milieus, die das “Nie wieder” zu einer bedingten Formel machen: Nie wieder Faschismus – außer, wir können ihn gegen Israel verwenden! Jeder, der über eine an der Geschichte geschärften Intelligenz verfügt, muss hier in die Pflicht zur entschiedenen Widerrede kommen; nicht aus Staatsräson, sondern aus intellektueller Redlichkeit. Wer das Gedenken an Buchenwald und die Bühne der Berlinale gegen den neuen, entgleisten Antifaschismus verteidigt, verteidigt nicht “die Regierung”, sondern die letzten Reste einer Erinnerungskultur, die ihren Namen noch verdient.


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