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Samstag, 5. September 2026

Falsche Rechnungen mit Wind und Atom: Programmbeschwerde gegen den NDR

von Thomas Hartung

Testbohrungen in der Baltischen See bei Lubiatowo-Kopalino, dem Standort des polnischen AKW-Großprojekts



Es gibt journalistische Fehler, die sich in einer falschen Zahl erschöpfen. Und es gibt Fehler, bei denen jede einzelne Zahl stimmen kann und dennoch am Ende eine falsche Geschichte steht. Letztere sind interessanter, weil die Desinformation durch Auswahl, Anordnung und Bezugsgröße geformt wird – durch jene unscheinbaren Techniken also, mit denen aus Fakten ein Narrativ gezimmert wird. Ein lehrreiches Beispiel liefert derzeit der “Norddeutsche Rundfunk“ (NDR): Er berichtete über das erste polnische Kernkraftwerk, das in Lubiatowo-Kopalino an der Ostseeküste entstehen soll. Drei AP1000-Reaktoren des US-Unternehmens Westinghouse mit zusammen 3.750 Megawatt Leistung sind dort vorgesehen. Der NDR beziffert die Investition auf rund 45 Milliarden Euro und bezeichnet sie als größte Einzelinvestition Polens seit 1989.

Dann aber entdeckt der Reporter gewissermaßen das Gegenargument am Horizont: Fast in Sichtweite entsteht der Offshore-Windpark Baltic Power mit 76 Turbinen und 1.140 Megawatt installierter Leistung. Diese entspreche ungefähr der Leistung eines Reaktors des geplanten Kernkraftwerks. Bauzeit des Windparks: drei Jahre. Kosten: rund fünf Milliarden Euro. Bauzeit des Kernkraftwerks: zehn Jahre. Kosten: 45 Milliarden.

Man muss kein Energieökonom sein, um zu verstehen, welche Botschaft diese Gegenüberstellung transportieren soll: Hier die moderne, schnelle und billige Windkraft, dort der schwerfällige und teure Atomkoloss. Fünf gegen 45 Milliarden. Drei gegen zehn Jahre. Gestern gegen morgen. Wer wollte da noch für Kernenergie sein?

Ein Reaktor kostet plötzlich so viel wie drei

Bloß hat die Rechnung einen Schönheitsfehler, genauer gesagt: gleich mehrere. So groß ist die Irreführung der NDR-Berichterstattung, dass der Verein Nuklearia deshalb nun eine Programmbeschwerde gegen den NDR eingereicht hat. Der zentraler Einwand ist verblüffend einfach: Der Sender vergleiche beim Leistungswert den Windpark mit einem einzigen der drei geplanten Reaktoren, bei den Kosten jedoch denselben Windpark mit der Gesamtinvestition mit dem gesamten Kraftwerk, das nicht aus einem, sondern aus drei Reaktoren besteht. Die Vergleichsbasis wird also mitten in der Rechnung gewechselt. Das ist ungefähr so, als würde ein Automagazin feststellen, ein Kleinwagen könne ebenfalls fünf Personen befördern und koste nur 25.000 Euro, eine Flotte aus drei Reisebussen dagegen koste 900.000 Euro – und anschließend ausrufen, der Kleinwagen erledige dieselbe Transportaufgabe für einen Bruchteil des Preises.

Aber selbst die rechnerische Korrektur dieses Fehlers reicht nicht, um die Falschdarstellung des NDR zu heilen. Denn: 1.140 Megawatt Windkraft und rund 1.250 Megawatt Kernkraft sind energiewirtschaftlich keineswegs dasselbe. In Megawatt gemessen wird zunächst einmal die theoretische installierte Nennleistung. Entscheidend für die Versorgung ist jedoch, wieviel elektrische Arbeit eine Anlage über das Jahr tatsächlich erzeugt. Ein Windpark liefert seine Nennleistung nur bei entsprechenden Windverhältnissen; ein Kernkraftwerk produziert dagegen über lange Zeiträume nahezu kontinuierlich.

Keine seriöse Gegenüberstellung

Nuklearia rechnet deshalb seriöser und realistischer – und zwar mit den erwarteten Jahresstrommengen. Und da sehen die Größenverhältnisse ganz anders aus: Baltic Power soll demnach bis zu vier Terawattstunden jährlich erzeugen, das vollständige Kernkraftwerk etwa 26 Terawattstunden. Um dessen Jahresproduktion zu erreichen, wären also ungefähr sechseinhalb Windparks der Größe von Baltic Power erforderlich. Legt man die vom NDR genannten fünf Milliarden Euro zugrunde, landet man bereits bei 32,5 Milliarden Euro – und nicht bei fünf.

Hinzu kommt die Lebensdauer. Das Kernkraftwerk ist für etwa 60 Jahre Betrieb ausgelegt, der Windpark nach der Rechnung von Nuklearia für maximal rund 30. Für denselben Zeitraum müßte die Windkraftkapazität also mindestens einmal ersetzt werden. Der Verein kommt damit in seiner vereinfachten Investitionsrechnung auf 65 Milliarden Euro gegenüber 45 Milliarden für das Kernkraftwerk. Netzausbau, Speicher und gesicherte Reserveleistung sind dabei noch nicht berücksichtigt. Natürlich ist auch das keine vollständige volkswirtschaftliche Rechnung. Hinzu kommt, dass Nuklearia ein pro-nuklearer Interessenverein ist. Eine umfassende Kalkulation müsste Finanzierungskosten, Betrieb, Brennstoff, Rückbau, Netzanschlüsse, mögliche Kostenüberschreitungen und zahlreiche weitere Faktoren auf beiden Seiten einbeziehen. Doch genau das bietet die NDR-Kritik eben nicht nicht. Eine seriöse Gegenüberstellung müsste zumindest dieselben Bezugsgrößen verwenden. Auch das tut der NDR nicht.

Journalismus durch Montage

Hier zeigt sich eine der subtilsten Formen moderner Medienwirkung: Niemand muss lügen; man muss nur richtig auswählen. Die Halbwahrheit ist formal keine Lüge, doch mehrere Halbwahrheiten können durchaus lügen. 45 Milliarden Euro sind tatsächlich sehr viel Geld. Fünf Milliarden sind erheblich weniger. Zehn Jahre sind länger als drei. 1.140 Megawatt liegen tatsächlich ungefähr in der Größenordnung eines AP1000-Reaktors. Jede einzelne Information kann für sich betrachtet stimmen; erst ihre Montage erzeugt den falschen Eindruck. Das ist journalistisch deshalb bemerkenswert, weil öffentlich-rechtliche Medien so gerne den Begriff „Einordnung“ verwenden.

Nachrichten sollen nicht bloß Fakten liefern, sondern Zusammenhänge erklären. Doch “Einordnung” kann ebenso Aufklärung wie Verzerrung bedeuten. Wer Äpfel neben Birnen legt und anschließend die Kilopreise vergleicht, hat schließlich ebenfalls „eingeordnet“. Beim Thema Energie hat diese meinungsmanipulative Technik in Deutschland eine lange Tradition. Kernkraft erscheint bevorzugt als singuläres Großprojekt mit vollständig sichtbaren Kosten. Wind- und Solarenergie erscheinen dagegen als einzelne Anlagen, deren systemische Voraussetzungen weitgehend außerhalb des Bildes bleiben. Beim Kernkraftwerk gehören Reaktor, Sicherheitssysteme, Gebäude und Rückbau gedanklich zur Technologie. Beim Windrad verschwinden Reserveleistung, Speicherbedarf, Redispatch und zusätzliche Netze gern im allgemeinen Stromsystem. So entsteht eine asymmetrische Buchführung. Der konventionelle Kraftwerksblock muss seine Rechnung allein bezahlen; die volatile Energie darf einen Teil ihrer Rechnung an das Gesamtsystem weiterreichen.

Polen hat die deutsche Lektion anders verstanden

Das eigentlich Interessante an der polnischen Entscheidung ist jedoch politischer Natur: Polen steht grundsätzlich vor demselben Problem, das auch Deutschland lösen will: der Dekarbonisierung seiner Energieversorgung. Noch immer stammt ein erheblicher Teil des polnischen Stroms aus Kohle. Warschau setzt deshalb nicht ausschließlich auf Wind und Sonne, sondern will Kernenergie als verlässlichen Baustein eines neuen Energiesystems etablieren. Damit zieht Polen aus ähnlichen Herausforderungen nahezu die gegenteilige Konsequenz wie Deutschland. Deutschland schaltete seine letzten Kernkraftwerke 2023 ab. Polen baut sein erstes. Deutschland erklärt Kernenergie zum technologischen Auslaufmodell. Polen erkennt es als Zukunftstechnologie investiert Milliarden in eine nukleare Infrastruktur. Deutschland möchte Kohle und Kernkraft überwinden und setzt langfristig auf erneuerbare Energien, Netze, Speicher und regelbare Reservekapazitäten; Polen betrachtet Kernenergie gerade als Mittel, um seine Abhängigkeit von Kohle zu reduzieren.

Damit wird Polen zum unangenehmen Nachbarn. Nicht weil dort Kernreaktoren entstehen, sondern weil ihre bloße Existenz den deutschen Sonderweg relativiert. Politische Sonderwege funktionieren am besten, solange sie sich als Avantgarde erzählen lassen. Wer einen anderen Weg geht, darf deshalb nicht nur einfach anders entschieden haben; er muss als rückständig, teuer, gefährlich oder technisch naiv gefragt werden. Jahrelang ließ sich diese Hierarchie bequem aufrechterhalten: Deutschland war das Land der „Energiewende“, das die Fackel des grünen Fortschritts in eine glorreiche Zukunft voranträgt, andere Staaten “brauchten noch etwas“ zur Erkenntnis und mussten vermeintlich nur noch aufholen.

Naturgesetzliche Endstufe technologischer Vernunft?

Diese deutsche Mission ist zur Wahnvorstellung geworden; keiner will Deutschland mit seinen inzwischen welthöchsten Strompreisen und wirtschaftszerstörerischen Klimamaßnahmen folgen. Inzwischen setzen zahlreiche europäische Länder voll auf Kernkraft oder planen neue Reaktoren. Selbst die Europäische Union hat Kernenergie unter bestimmten Voraussetzungen in ihre Taxonomie für “nachhaltige Investitionen” aufgenommen. Je mehr europäische Staaten Kernenergie nicht als Vergangenheit, sondern als Bestandteil ihrer Zukunft betrachten, desto schwieriger wird es, den deutschen Ausstieg als naturgesetzliche Endstufe technologischer Vernunft zu präsentieren. Und deshalb besitzt die NDR-Geschichte ihre eigentümliche Dramaturgie. Da ist zunächst die große Rodungsfläche im Küstenwald: Eine Anwohnerin steht fassungslos am Baustellenzaun. Verwiesen wird auf Kostensteigerungen bei französischen und britischen Kernkraftprojekten.

Der Bericht erwähnt zwar auch Befürworter, etabliert aber früh die bekannte Assoziationskette: Naturzerstörung – gigantische Baustelle – gigantische Kosten. Dann erscheint am Horizont die Windkraft wie ein fortschrittlicher, sauberer, nachhaltiger Erlöser. Und plötzlich ist die Welt wieder übersichtlich. So wie die geistigen Innenwelten öffentlich-rechtlicher Journalisten. Gerade die ökologische Bildsprache verdient hierbei Aufmerksamkeit: Hunderte Fußballfelder gerodeter Küstenwald sind anschaulich. Jeder Leser sieht die kahle Fläche bildlich vor sich. Der Flächenbedarf einer äquivalenten Windstromproduktion bleibt hingegen abstrakt.

Die merkwürdige Unsichtbarkeit der Fläche

Dabei ist auch Windenergie nicht flächenlos; Offshore-Windparks benötigen Meeresflächen, Fundamente, Seekabel und Netzanschlüsse. Onshore-Anlagen brauchen Zufahrtswege, Fundamente und Leitungen. Jede Form großtechnischer Energieerzeugung greift in Räume, Landschaften und Ökosysteme ein.
Doch die Wahrnehmung ist asymmetrisch. Beim Kernkraftwerk wird der Eingriff der Technologie zugerechnet, bei erneuerbaren Energien gilt er häufig als unvermeidliche Begleiterscheinung eines höheren ökologischen Ziels. Darin steckt bereits eine moralische Vorentscheidung.

Der tiefere deutsche Irrtum besteht darin, Energiepolitik zunehmend als Gesinnungsfrage zu behandeln. Technologien erhalten moralische Eigenschaften. Wind ist „sauber“ – Atom „gefährlich“. Kohle ist „schmutzig“, Sonne „erneuerbar“. Aus technischen Systemen werden Charaktertypen: Gute Energie versus böse Energie. Doch ein Stromnetz kennt keine Moral. Es kennt Frequenz, Spannung, Leistung und Arbeit. Es muss in jeder Sekunde Gleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch herstellen. Ihm ist gleichgültig, welche Energiequelle ein Politiker sympathisch findet. Genau hier beginnt die Bedeutung der Systemkosten. Ein Kraftwerk ist nicht allein danach zu beurteilen, was seine Kilowattstunde am Werkstor kostet. Entscheidend ist auch, welchen Beitrag es zu einem funktionierenden Gesamtsystem leistet und welche zusätzlichen Einrichtungen erforderlich sind, um seine Eigenschaften auszugleichen.
Eine wetterabhängige Energiequelle besitzt andere Qualitäten als eine steuerbare. Das ist kein Argument gegen Windkraft. Es ist ein Argument gegen den Taschenspielertrick, beide so zu behandeln, als seien installierte Megawatt unabhängig von ihrer Verfügbarkeit identische Waren.

Die “Energiewende” als journalistischer Normalzustand

Wer 1.140 Megawatt Offshore-Wind neben rund 1.250 Megawatt harte Reaktorleistung stellt, muss deshalb erklären, dass Leistung nicht Produktion und Produktion wiederum nicht Versorgungssicherheit bedeutet. Tut er das nicht, wird aus Vereinfachung Verzerrung. Über Jahrzehnte hat sich die sogenannte deutsche “Energiewende” vom politischen Projekt zum journalistischen Normalzustand entwickelt. Ihre Zielrichtung wird häufig nicht mehr als eine politische Option unter mehreren behandelt, sondern als Bezugsrahmen, innerhalb dessen nur noch über Geschwindigkeit und Umsetzung gestritten wird. Dadurch verschiebt sich die Beweislast; Der Kernkraftbefürworter muss sich rechtfertigen,, warum er eine abgeschaffte Technologie zurückhaben will. Der Befürworter eines weitgehend erneuerbaren Systems muss dagegen nicht grundsätzlich erklären, wie dessen wetterabhängige Erzeugung jederzeit mit Verbrauch, Netzstabilität und industriellem Bedarf zusammengebracht werden soll. Er diskutiert nur noch darüber, wie schnell Speicher und Netze gebaut werden müssen.

Polen stört dieses Arrangement, weil es die Grundsatzfrage wieder öffnet: Was, wenn ein europäisches Industrieland nach Abwägung ähnlicher Probleme zu einem anderen Ergebnis kommt? Was, wenn Warschau nicht trotz Klimapolitik Kernkraftwerke baut, sondern gerade wegen Dekarbonisierung, Versorgungssicherheit und industriellem Energiebedarf? Dann müsste deutscher Journalismus nicht mehr den Polen erklären, warum Kernenergie falsch ist – sondern es müsste Deutschland erklären, warum der eigene Weg der richtige sein soll.

Wo findet hier das eigentliche Experiment statt?

Die Frage, wer hier eigentlich “experimentiert“, ist die größte Pointe der Geschichte. Im deutschen Diskurs erscheint Polen als das Land, das sich auf ein gewaltiges nukleares Experiment einläßt. Man kann die Perspektive aber ebenso gut umkehren: Ein hochindustrialisiertes Land schaltet funktionierende Kernkraftwerke ab, will zugleich aus der Kohleverstromung aussteigen, elektrifiziert Verkehr und Wärmeversorgung, erwartet zusätzlichen Strombedarf durch Digitalisierung, Rechenzentren und industrielle Transformation und möchte dieses System wesentlich auf wetterabhängige Erzeugung stützen. Welches Land führt hier das größere Experiment durch? Polen kauft Reaktoren eines existierenden Typs. Deutschland versucht dagegen ein Stromsystem aufzubauen, für das gewaltige zusätzliche Netze, Speicher und flexible Erzeugungskapazitäten erforderlich sein werden.

Das kann theoretisch funktionieren, auch wenn die bisherigen Resultate, freundlich gesagt, eher skeptisch stimmen. Intellektuelle Redlichkeit würde aber zumindest verlangen, es ebenfalls als technologisch, ökonomisch und infrastrukturell anspruchsvolles Großprojekt mit Risiken und Kosten zu betrachten. Ausgerechnet jene Skepsis, mit der deutsche Medien auf ausländische Kernkraftprojekte blicken, wäre – weitaus schlüssiger und angebrachter – auch und gerade gegenüber der eigenen “Energiewende” angebracht. So gesehen, betrifft die Programmbeschwerde von Nuklearia gegen den NDR am Ende weit mehr als nur eine fragwürdige Rechnung. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Windkraft schlecht und Kernenergie gut ist; das wäre nur die spiegelbildliche Vereinfachung desselben Denkfehlers. Die Frage lautet, ob ein öffentlich finanzierter Sender beide Technologien nach denselben Maßstäben vergleicht.

Sonderweg einer bestimmten politischen Epoche

Nochmals: Wenn Kosten verglichen werden, müssen vergleichbare Strommengen und Betriebszeiten betrachtet werden. Wenn Leistung verglichen wird, muss zwischen Nennleistung und tatsächlicher Jahresproduktion unterschieden werden. Wenn Umweltfolgen thematisiert werden, gehören sie auf beide Seiten der Bilanz. Und wenn Großprojekte wegen möglicher Kostensteigerungen kritisiert werden, dürfen die systemischen Kosten des Alternativmodells nicht einfach aus dem Bild fallen. Das wäre keine “Pro-Atom-Berichterstattung”; es wäre schlicht Journalismus. Vielleicht wird Polen in zwanzig Jahren feststellen, dass sein Kernkraftprogramm teurer wurde als geplant. Vielleicht verzögern sich die Reaktoren. Vielleicht werden heutige Annahmen widerlegt. All das ist möglich und gehört in eine kritische Berichterstattung.

Aber ebenso möglich ist etwas, das im deutschen Energiediskurs schwerer auszusprechen scheint: dass Polen eine strategische Entscheidung getroffen hat, deren Rationalität sich erst in Jahrzehnten vollständig zeigen wird – und dass der deutsche Atomausstieg eines Tages weniger als Beginn einer europäischen Zukunft denn als Sonderweg einer bestimmten politischen Epoche betrachtet werden könnte. Dann würde der NDR-Vergleich von 2026 rückblickend beinahe symbolisch wirken: Ein Land baut drei Reaktoren für Jahrzehnte, und sein deutscher Nachbar schaut hinüber und sieht vor allem einen Windpark, der schneller fertig ist. Manchmal besteht Provinzialismus nicht darin, die Welt nicht zu sehen. Sondern darin, sie nur durch die ideologische Brille der eigenen “Energiewende” zu betrachten.


Freitag, 4. September 2026

Die Sonne im Reaktor: Deutschlands überraschender Wettlauf um die Energie der Zukunft

von Walter Revilloud

Plasma-Versuchsanordnung: Grundlagenforschung zur Fusionsenergiegewinnung



Deutschland hat seine letzten Kernkraftwerke abgeschaltet und seine einstmals weltweit führende Kernforschung außer Landes getrieben. Doch nun will ausgerechnet dieses Land das erste Fusionskraftwerk der Welt bauen: Vier deutsche Unternehmen liefern sich einen Wettlauf um eine Technologie, die unsere Energieversorgung grundlegend verändern könnte. Die entscheidende Frage lautet jedoch, ob wir den Beginn einer neuen Energieära erleben, – oder ob hier wieder einmal eine große deutsche Erfindung entsteht, an der am Ende nur die anderen verdienen (das Beispiel Transrapid lässt grüßen).

Es klingt zunächst wie ein Widerspruch: Deutschland verabschiedet sich aus der Kernenergie, sprengt Kühltürme, baut Kraftwerke zurück – und gleichzeitig erklärt die Bundesregierung die Kernfusion zur Schlüsseltechnologie und formuliert ein geradezu vermessen klingendes Ziel, nämlich dass das erste Fusionskraftwerk der Welt soll in Deutschland stehen soll. Doch Kernspaltung und Kernfusion haben außer dem Wort „Kern“ nur begrenzt etwas miteinander zu tun. Bei einem herkömmlichen Atomkraftwerk werden schwere Atomkerne gespalten. Bei der Fusion geschieht genau das Gegenteil, nämlich leichte Atomkerne werden miteinander verschmolzen. Es ist jener Prozess, der seit Milliarden Jahren unsere Sonne antreibt. Gelingt es, diesen Vorgang technisch zu beherrschen, könnte daraus eine Energiequelle entstehen, die grundlastfähig, weitgehend unabhängig von Wetter und Tageszeit und nahezu CO2-frei arbeitet. Die heute führenden zivilen “Atom-Mächte“, zu denen Deutschland aus freien Stücken längst nicht mehr gehört, tüfteln daran seit Jahrzehnten. Die Crux an dieser potentiell unbegrenzten Energiequelle: Eine sich selbst erhaltende Kettenreaktion wie bei der Kernspaltung gibt es nicht. Genau deshalb ist die Fusion einer der großen technologischen Träume unserer Zeit.

Vier Unternehmen und mehrere Wege zur künstlichen Sonne

Doch plötzlich mischt Deutschland ganz vorne mit – allerdings nicht staatlicherseits, sondern in der Privatwirtschaft: Vier deutsche Unternehmen stehen hierbei besonders im Mittelpunkt, nämlich Proxima Fusion, Focused Energy, Marvel Fusion und Gauss Fusion. Sie verfolgen unterschiedliche technische Konzepte – und das ist hier entscheidend und in der Tat vielversprechend. Denn noch weiß niemand, welcher Weg am Ende tatsächlich zu einem wirtschaftlich arbeitenden Kraftwerk führt. Proxima Fusion setzt auf den sogenannten Stellarator: Dabei wird extrem heißes Plasma durch kompliziert geformte Magnetfelder eingeschlossen. Deutschland besitzt auf diesem Gebiet einen erheblichen wissenschaftlichen Vorsprung. Mit Wendelstein 7-X in Greifswald steht hier eine der bedeutendsten Stellarator-Forschungsanlagen der Welt. Proxima will diese wissenschaftliche Grundlage nun industrialisieren. Zunächst soll in Garching der Demonstrator „Alpha“ entstehen.

Danach wird es richtig interessant: Das kommerzielle Kraftwerk „Stellaris“ ist für Gundremmingen vorgesehen – ausgerechnet der Ort, wo jahrzehntelang eines der leistungsstärksten deutschen Kernkraftwerke Strom erzeugte. Ironischerweise könnte nun ausgerechnet hier künftig wieder die Kernenergie zu Ehren gelangen – diesmal jedoch nicht durch Spaltung, sondern durch Fusion. Das hat beinahe fast schon Symbolcharakter. Und es geht längst nicht mehr um ein paar Wissenschaftler in einem Labor. Proxima sammelte im Juli 2026 weitere 411 Millionen Euro ein und erreichte dabei eine Unternehmensbewertung von mehr als 2,4 Milliarden Euro. RWE und Google gehören zu den Investoren. Aus einem Forschungsprojekt ist ein milliardenschweres Industrieprojekt geworden.

Biblis bekommt ein zweites Leben

Noch bemerkenswerter ist die Entwicklung in Biblis: Auch dort steht ein ehemaliges Kernkraftwerk. Focused Energy will diesen Standort zu einem Zentrum der Laserfusion machen. Das Unternehmen verfolgt einen vollkommen anderen Ansatz als Proxima. Winzige Brennstoffkapseln sollen durch extrem leistungsfähige Laser so stark komprimiert werden, dass Wasserstoffkerne miteinander verschmelzen. Dass eine solche Fusion grundsätzlich funktionieren kann, wurde in den USA bereits erfolgreich demonstriert. Die entscheidende Herausforderung besteht nun darin, aus einem wissenschaftlichen Experiment einen industriellen Prozess zu machen. Und genau da beginnt das eigentliche Problem. Ein Kraftwerk muss nicht einmal eine Fusion erzeugen, sondern immer wieder. Und das zuverlässig und millionenfach und am Ende muss mehr nutzbarer Strom herauskommen, als die gesamte Anlage einschließlich Laser, Kühlung, Brennstoffversorgung und Nebenaggregate verbraucht.

Focused Energy nennt inzwischen konkrete Etappen: 2031 soll ein erster wichtiger Laser-Meilenstein erreicht werden, vier Jahre später soll eine erste Pilotanlage entstehen und für 2037 ist gar die erste Einspeisung von Fusionsstrom ins Netz vorgesehen. Ob dieser ambitionierte Zeitplan wirklich eingehalten werden kann, steht auf einem anderen Blatt; aber allein die Tatsache, dass inzwischen über Standorte, Lieferketten und Kraftwerkskonzepte gesprochen wird, zeigt, wie stark sich die Fusionsforschung verändert hat und dass das Luftschloss-Stadium konkreten Planungen gewichen ist.

Auch Marvel Fusion setzt auf Laser

Mit Marvel Fusion gibt es einen zweiten bedeutenden deutschen Vertreter der Laserfusion-Technologie. Das Unternehmen verfolgt wiederum einen anderen technischen Ansatz und arbeitet unter anderem mit ultrakurzen, extrem intensiven Laserpulsen. Focused Energy und Marvel sind damit Konkurrenten und gleichzeitig doch Teil desselben entstehenden deutschen Fusionsökosystems. Im Sommer 2026 erhielt der deutsche Laserfusions-Hub grünes Licht. Rund um den European XFEL in Hamburg und Schleswig-Holstein sowie am besagten Standort Biblis sollen Forschung, Unternehmen und Industrie enger zusammengebracht werden. Das klingt zunächst nach typisch deutscher Subventionitis und Förderpolitik, doch in diesem Fall steckt jedoch ein durchaus vernünftiger Gedanke dahinter – denn ein Fusionskraftwerk besteht nicht nur aus einem Reaktor.

Es braucht Hochleistungslaser oder supraleitende Magnete, Spezialwerkstoffe, Vakuumtechnik, hochpräzise Fertigung, Sensorik, Steuerungssysteme, Kühltechnik und einen funktionierenden Brennstoffkreislauf. Und hier besitzt Deutschland etwas, das in der Diskussion häufig unterschätzt wird, nämlich eine außergewöhnlich leistungsfähige industrielle Basis. Maschinenbau, Optik, Laser, Spezialwerkstoffe, Elektrotechnik, Anlagenbau. Genau diese Verbindung von Grundlagenforschung und Industrie könnte Deutschlands eigentlicher Trumpf sein. Solange sich der Staat – noch – regulatorische zurückhält und Technologieoffenheit wenigstens in diesem Forschungsgebiet zulässt, besteht Hoffnung für echte evolutionäre Weiterentwicklung. Vielleicht lernt man ja aus den Fehlern der E-Mobilität und Energiewende.

Der vierte im Bunde: Gauss Fusion

Auch Gauss Fusion setzt auf magnetischen Einschluss. Das Unternehmen verfolgt das Ziel eines europäischen Fusionskraftwerks und versucht dabei bewusst, Kompetenzen aus Industrie und Forschung zusammenzuführen. Damit entsteht etwas, was Deutschland lange nicht mehr erlebt hat, nämlich einen Wettbewerb verschiedener technischer Ansätze für eine vollkommen neue Energieindustrie. Und plötzlich stellt sich eine Frage, die weit über Energiepolitik hinausgeht: Haben wir aus Solarindustrie und Digitalisierung gelernt? Deutschland kennt dieses Muster. Deutsche Forscher und Unternehmen waren bei der Photovoltaik einmal Weltspitze. Eine bedeutende Solarindustrie entstand und verschwand zu großen Teilen nach Asien. Deutschland verfügte über hervorragende Batterieforschung, während andere Länder gigantische Batteriekonzerne aufbauten. Deutschland besitzt Weltklasseforschung bei künstlicher Intelligenz, Halbleitern, Robotik und Quantentechnologien, doch die großen Plattformunternehmen entstehen überwiegend anderswo.

Das Problem Deutschlands war selten das Wissen, sondern das Problem begann häufig danach. Aus einer Erfindung muss ein Produkt werden und aus dem Produkt eine Fabrik und dann eine Industrie. Daraus entsteht dann schließlich ein Weltmarkt! Genau an dieser Stelle entscheidet sich auch der Wettlauf um die Fusion, denn Deutschland kämpft keineswegs allein.

Amerika und China warten nicht

Weltweit arbeiten inzwischen Dutzende Unternehmen an kommerzieller Fusion. Besonders die USA ziehen enormes privates Kapital an. Technologieunternehmen und Milliardäre investieren Milliarden. Google engagiert sich in der Branche, Microsoft hat bereits einen Stromabnahmevertrag mit einem amerikanischen Fusionsunternehmen geschlossen. China hingegen verfolgt seinen bekannten Weg über strategische Technologie, langfristige Planung und massive staatliche Unterstützung. Nach einer 2026 veröffentlichten Übersicht fließt mehr als die Hälfte des privaten Fusionskapitals in amerikanische Unternehmen. Chinesische Unternehmen erhalten ebenfalls enorme Summen. Europa liegt deutlich dahinter. Damit beginnt ein Wettlauf, den wir aus anderen Industrien kennen. Wer zuerst ein funktionierendes Kraftwerk baut, gewinnt noch lange nicht automatisch. Entscheidend wird sein, wer anschließend hundert davon bauen kann.

Die Bundesregierung hat inzwischen reagiert. Mit ihrem Aktionsplan und dem Programm „Fusion 2040“ sollen Milliarden in Forschung, Infrastruktur und Demonstrationsanlagen fließen. Bis 2029 sind nach Angaben der Bundesregierung rund 2,44 Milliarden Euro für die Fusionsforschung vorgesehen. Das klingt gewaltig. Im internationalen Technologiewettbewerb relativiert sich diese Summe allerdings schnell, es ist lediglich ein Tropfen auf dem heißen Stein!

Zwei Milliarden Euro: Viel Geld und doch nicht viel

Ein einziges späteres Pilotkraftwerk kann mehrere Milliarden Euro kosten. Deshalb wird der Staat diese Technologie nicht allein finanzieren können und sollte es auch nicht. Entscheidend wird sein, privates Kapital zu mobilisieren. Dass Unternehmen wie RWE einsteigen, ist deshalb womöglich wichtiger, als die nächste staatliche Förderrichtlinie, denn irgendwann muss aus Forschung ein Geschäft werden.

Und damit kommen wir zu einem Punkt, über den man durchaus streiten darf. Deutschland hat seine letzten Kernkraftwerke 2023 abgeschaltet. Gleichzeitig benötigt die deutsche Volkswirtschaft künftig erheblich mehr Strom. Elektroautos, Wärmepumpen, Industrie, Wasserstoffproduktion und vor allem Rechenzentren und künstliche Intelligenz lassen den Strombedarf steigen.

Wind und Sonne werden dabei eine wichtige Rolle spielen, aber sie bleiben wetterabhängig. Speicher, Netze und flexible Kraftwerke müssen diese Schwankungen ausgleichen. Ein funktionierendes Fusionskraftwerk würde die Gleichung fundamental verändern. Es könnte große Mengen Strom unabhängig von Wind und Sonnenschein produzieren. Damit wäre Fusion nicht der Gegner erneuerbarer Energien, nein, sie könnte deren idealer Partner werden. Die energiepolitische Ironie bleibt trotzdem bemerkenswert: Wir bauen Kernkraftwerke ab und hoffen gleichzeitig darauf, an denselben Standorten die nächste Generation der Kernenergie zu errichten. Biblis und Gundremmingen könnten dafür eines Tages wirklich zu Symbolen werden. Nur eine Frage bleibt offen: Funktioniert es wirklich? An dieser Stelle muss man die Euphorie bremsen. Seit Jahrzehnten heißt es über die Kernfusion scherzhaft, sie sei noch dreißig Jahre entfernt und das seit fünfzig Jahren.

Diesmal nicht nur erfinden, sondern auch bauen!

Dieser Spott ist nicht vollkommen unberechtigt. Die physikalischen und technischen Schwierigkeiten sind enorm. Plasma muss bei Temperaturen von weit über 100 Millionen Grad kontrolliert werden. Materialien müssen einem extremen Neutronenbeschuss standhalten. Tritium muss erzeugt und im Kreislauf geführt werden. Komponenten müssen wartbar sein. Und anschließend muss die Anlage auch noch wirtschaftlich Strom produzieren. Zwischen einer gelungenen Fusion im Labor und einem Kraftwerk, das jeden Tag zuverlässig Strom ins Netz liefert, liegt ein gewaltiger Unterschied. Deshalb sollte niemand heute behaupten, dass 2035, 2040 oder 2045 mit Sicherheit ein wirtschaftliches Fusionskraftwerk laufen wird.

Es kann gelingen, es kann aber auch erst später gelingen und es kann sich herausstellen, dass einzelne heute favorisierte Technologien nicht wirtschaftlich funktionieren. Genau deshalb ist es sinnvoll, mehrere Wege gleichzeitig zu verfolgen. Darin liegt die eigentliche Bedeutung des deutschen Fusionsprogramms. Deutschland braucht wieder technologische Ambitionen. Wir können nicht dauerhaft darüber diskutieren, welche Industrie wir regulieren, besteuern oder subventionieren, sondern wir müssen auch wieder darüber sprechen, welche neuen Industrien wir schaffen wollen.

Seltene Gelegenheit

Kernfusion könnte eine davon sein. Selbst, wenn das erste kommerzielle Kraftwerk erst in zwanzig Jahren entsteht, müssen die dafür benötigten Magnete, Laser, Materialien, Steuerungen und Maschinen vorher entwickelt werden. Daraus können Unternehmen, Arbeitsplätze und Exportmärkte entstehen, sogar dann, wenn nicht jedes der heutigen Fusionskonzepte erfolgreich sein sollte. Genau deshalb wäre es fatal, wenn sich die alte Geschichte wiederholt, nämlich Deutschland forscht, Deutschland entwickelt, Deutschland demonstriert und anschließend produziert Amerika oder China. Bei der Kernfusion bietet sich eine seltene Gelegenheit, diese Reihenfolge zu durchbrechen.

Wir verfügen über Spitzenforschung. Wir verfügen über eine starke industrielle Basis. Wir haben mehrere Unternehmen, die unterschiedliche technologische Wege verfolgen. Und inzwischen scheint sogar die Politik verstanden zu haben, dass daraus eine Industrie entstehen könnte. Ob Proxima, Focused Energy, Marvel Fusion oder Gauss Fusion am Ende das Rennen macht, ist deshalb fast zweitrangig. Entscheidend ist etwas ganz anderes: Wenn eines dieser Unternehmen tatsächlich die Sonne auf die Erde holt, sollte auf dem Kraftwerk nicht nur „in Deutschland erfunden“ stehen. Es sollte vielmehr auch heißen: Made in Germany!


Donnerstag, 3. September 2026

Funktionäre opponieren gegen Merz: DIHK-Geheimplan zur Rettung der deutschen Industrie

von Gerold Keefer

Deindustrialisierung: Die wirtschaftsfeindlichste Energiepolitik aller Zeiten trägt Früchte



Wenige Tage, bevor es bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zu einem historischen Sieg der AfD kommen könnte, platzt im politischen Berlin eine Bombe: Führende Vertreter der deutschen Wirtschaft haben offenbar hinter dem Rücken der Bundesregierung einen geheimen Plan zur Rettung des Industriestandorts Deutschland ausarbeiten lassen. Offenbar laufen die Fäden für den Überraschungscoup bei der mittelständisch orientierten Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) in der Hauptstadt zusammen. Der Präsident der DIHK, Paul Florian, hat die Existenz des bisher geheim gehaltenen Papiers auf Nachfrage vorgestern, am späten Dienstagnachmittag, zwar bestätigt, wollte sich aber nicht näher äußern. Schon im Vorfeld wurde mehreren Hauptstadtredaktionen, unter anderem von ARD, ZDF, RTL und der dpa, der Geheimplan zugespielt. Gerüchte über ein solches Dokument machten bereits Ende letzter Woche im Berliner Regierungsviertel die Runde.

Mittlerweile sind auch inhaltliche Details dieses Plans bekannt, die Agenturen berichten ausführlich. Kernpunkt bildet demnach ein sogenanntes “Sofortprogramm Offensive Schiefergas” (SOS), das auf die Förderung umfangreicher heimischer Erdgasvorkommen in großem Stil setzt: “Nach Schätzungen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe lagern hierzulande allein in Schiefergaslagerstätten etwa 1,3 Billionen Kubikmeter technisch gewinnbare Ressourcen; das ist etwa das Dreizehnfache des jährlichen inländischen Gasverbrauchs.” So zitiert das ZDF wörtlich aus dem Dokument.

Deutlich sinkende Energiepreise

Vertreter von Industriekonzerne reagierten zunächst mit Zurückhaltung. Die Börsenkurse deutscher Konzerne verzeichneten aber teils kräftige Gewinne. “Nun gibt es für die heimische Industrie eine Perspektive, um aus der selbstgeschaffenen Energiemisere herauszukommen und wieder wettbewerbsfähig zu werden. Wir erwarten bei Umsetzung des Plans, ähnlich wie in den USA, deutlich sinkende Energiepreise!”, kommentierte ein Analyst, der ungenannt bleiben will, euphorisch.

Überraschend schnell meldete sich die Bundesregierung: Regierungssprecher Kornelius verweist darin auf “langjährige Abnahmeverpflichtungen gegenüber unserem Bündnispartner und mangelnde Nachhaltigkeit des Plans”. Er nannte das Vorgehen der DIHK “sehr befremdlich und mit dem Gedanken des Klimaschutzes unvereinbar”. Bundeskanzler Merz, der gerade im Kurzurlaub am Gardasee weilt, wollte sich zu den Umtrieben der DIHK nicht äußern. Für unverantwortlich hält Umweltminister Henning Maurer das Vorgehen: “Die DIHK durchkreuzt offenbar unsere nationalen Anstrengungen zum Erreichen der Klimaneutralität und der dazu notwendigen Umstellung der Energiegewinnung auf erneuerbare Energieträger.”

Nur ein schöner Traum

An dieser Stelle wache ich auf: Es war alles nur ein schöner Traum. Nein, die deutsche Industrie wird nicht gerettet, sie geht gerade unter. Wenn konkurrierende Länder über wesentlich günstigere Energie verfügen, ist diese Entwicklung unvermeidbar. Ebenso unvermeidbar ist der darauffolgende Verlust unseres Wohlstands. Auch die Zukunftstechnologien, die die Auto-, Chemie- oder Elektroindustrie im günstigsten Fall ersetzen könnten, benötigen Energie – sehr viel mehr Energie, als viele glaubten. Zusätzlich benötigen sie Bildung. In Ludwigshafen sind nach monatelangen Gewaltexzessen an der Karolina-Burger-Realschule ein Drittel der Lehrer krank gemeldet. Refugees welcome! Den DIHK-“Geheimplan” gibt es aber tatsächlich, er ist auch gar nicht geheim, sondern trägt den Titel “Faktenpapier unkonventionelles Erdgas in Deutschland“ – und darin steht tatsächlich der oben zitierte Satz: “Nach Schätzungen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe lagern hierzulande allein in Schiefergaslagerstätten etwa 1,3 Billionen Kubikmeter technisch gewinnbare Ressourcen; das ist etwa das Dreizehnfache des jährlichen inländischen Gasverbrauchs.” Deutschland könnte sich also über ein Jahrzehnt hinweg komplett mit Erdgas selbst versorgen.

Man erfährt darin auch etwas über Fracking in Deutschland: “Für die Gewinnung konventionellen Gases wird Fracking hierzulande… bereits seit Anfang der 60er Jahre eingesetzt.” So unbeherrschbar und umweltschädlich wie medial vermittelt ist Fracking also wohl doch nicht; aber vorsorglich hat der Bundestag auf Initiative der Bundesregierung unter Merkel beschlossen, es ab dem Jahr 2017 de facto zu verbieten. Bereits 2013 hat das laut “Geheimplan” ein gewisser Peter Altmeier (CDU) angekündigt. Im Jahr 2025 kam der Bundesregierung übrigens noch die glorreiche Idee, die konventionelle Öl- und Gasförderung in Nord- und Ostsee weiter einzuschränken und sie in den Meeresschutzgebieten – rund 45 Prozent der deutschen Meeresfläche – zukünftig ganz zu verbieten.

Grotesk unwirtschaftlich

Stattdessen lassen wir eben in den USA fracken. Dort sind uns offenbar alle Umweltbedenken ähnlich egal wie die “Tsunami-Risiken” der Kernkraftwerke in Frankreich, von denen wir Strom beziehen. Nach umweltschädlicher Gewinnung wird das Frackinggas (LNG) gekühlt auf Riesentanker gepumpt, die tausende Kilometer zurücklegen müssen, um in Deutschland auf eiligst auf teils in den oben genannten Schutzgebieten errichteten Terminals entladen werden zu können.

Parallel werden weiterhin sinnlos Dutzende Milliarden Euro in “Leuchtturmprojekten” abgefackelt, beispielsweise mit dem Energieträger Wasserstoff – eine Technik, für die heute längst feststeht, dass sie auf absehbare Zeit grotesk unwirtschaftlich bleiben wird. Trotzdem wird gegenwärtig für 20 Milliarden Euro in Deutschland ein Netz aus Wasserstoffleitungen mit einer Leitungslänge von rund 9.000 Kilometern Länge errichtet. Und wir bauen weiterhin Windräder und Photovoltaikanlagen, die den Strompreis wegen der Aufwendungen für die Netzstabilität und die Entsorgung von Stromüberschüssen ständig verteuern – und schauen bei alledem zu, wie die deutsche Industrie, die deutsche Wirtschaft, ja das ganze Land untergehen.

Kein Handlungsbedarf

Das DIHK-Papier trägt das Datum vom Februar 2013 und wurde damals offenbar an alle lokale Industrie- und Handelskammern im Land verteilt. Die Funktionäre kennen die Inhalte also seit über einem Jahrzehnt; trotzdem sahen sie 2013, als Erdgas für die Industrie in Deutschland bereits dreimal so teurer war wie in den USA, keinen Handlungsbedarf. Sie sahen auch im Jahr 2014, als der Ukraine-Konflikt ausbrach, keinen Handlungsbedarf. Sie sahen ebenfalls im Februar 2022, als der Ukraine-Krieg ausbrach, keinen Handlungsbedarf. Und sie sahen im September 2022, als die Nord-Stream-Pipeline gesprengt wurde, keinen Handlungsbedarf.

Sie sahen offensichtlich auch im April 2023, als Habeck die letzten deutschen Kernkraftwerke abschalten ließ, keinen Handlungsbedarf und auch nicht im Oktober 2023, als der Gaza-Krieg ausbrach, ebensowenig wie im Februar 2026, als der Iran-Krieg ausbrach. Diese Funktionäre sehen vermutlich nie einen Handlungsbedarf. Jede Herde Schafe weiß sich besser zu helfen.


Dienstag, 1. September 2026

Das EU-Märchen vom “klimaneutralen“ E-Auto

von Nicole Höchst

E-Autos auf Halde: Das Schicksal jeder planwirtschaftlichen Fehlsteuerung



Die EU schreibt dem Elektroauto 0 Gramm CO2 pro gefahrenem Kilometer ins Stammbuch. Null. Als fiele das Auto fertig vom Himmel. Dass das nicht stimmen kann, ist jedem Laien klar. Die TU München hat einmal nachgerechnet. Im Whitepaper „Defossilisation statt Dekarbonisation“ wurden 19 Studien ausgewertet, analysiert wurde der ganze Lebenszyklus eines Elektrofahrzeugs von Rohstoffen und ihrer Förderung, Entwicklung, Fabrikation, Auslieferung und Reparaturen, Herkunft des durchschnittlich verbrauchten Strommixes, Entsorgung und Recycling. Das Ergebnis: im Schnitt verursacht ein E-Auto 41 Prozent weniger CO2 als ein vergleichbarer Verbrenner. Das ist zwar eine beträchtliche Einsparung (ob dies nun wirklich Auswirkungen auf das Klima und die globalen Temperaturen haben mag oder nicht, und wenn ja, welche) – aber nicht null. Fazit: E-Mobilität ist eben nicht klimaneutral – und wäre es auch dann nicht, wenn wirklich völlig emissionsfreier Strom verfügbar wäre.

Was das in anfassbaren Zahlen heißt: Die TU München hat keine detaillierten Grammzahlen bekanntgegeben, bis auf die belastbare Lebenszyklus-Rechnung der CO2-Emissionen eines heutigen EU-Mittelklassewagens (ICCT) im Straßenverkehr. Dieser zufolge verursacht der Verbrenner 235 Gramm CO2-Äquivalent pro Kilometer, beim E-Auto 63 sind es Gramm. Auf 200.000 Kilometer also rund 47 Tonnen gegen rund 13 Tonnen. Hier, rein bezogen aufs Fahren (ohne Produktion und sie sonstigen obigen Faktoren), ist die Einsparung also über zwei Dritten. Aber eben auch wieder 100 Prozent. Die EU tut aber so, als wäre die CO2-Emission null – eine glatte Lüge, zum maximalen Schaden des Herzstücks der deutschen Industrie.

Schluss mit dem Schwindel!

Beim Strom aus der Steckdose sehen wir denselben Trick. Das “grüne“ Musterland der Energiewende Deutschland vermeldet für 2025 344 Gramm CO2 pro Kilowattstunde (laut Umweltbundesamt). Bezogen aufs E-Auto, das im Durchschnitt bei 18 Kilowattstunden auf 100 Kilometer veranschlagt wie, sind das allein durchs Laden rund 62 Gramm pro Kilometer. Weniger als bei Verbrennerantrieb – aber nicht null. Doch die EU schreibt null. Und wie sieht es mit der Batterie? Ihre Erzeugung ist besonders CO2-intensiv. Oftmals in China produziert, fallen durch dortigen Kraftwerkstrom überwiegend aus Kohle, Rohstoffförderung und Transport rund 560 Gramm pro Kilowattstunde an. Die TU München benennt es klar: Die Hälfte der E-Auto-Bilanz eines E-Autos fällt bereits an, bevor das Ding auch nur den Werkhof verlässt.

Klimaneutral ist am E-Auto also gar nichts – weder der Fahrstrom noch der Fabrikstrom. Der Titel des Whitepapers, “Defossilisation statt Dekarbonisation”, ist dennoch eine Kampfansage gegen die deutsche Autoindustrie. Denn Dekarbonisierung heißt: Jeglicher Kohlenstoff muss weg. Nach den Studienerkenntnissen würde dies jedoch bedeuten, dass dann nicht nur der Verbrenner tot ist, sondern auch das E-Auto – weil dieses eben auch nicht ohne beträchtliche CO2-Emissionen auskommt. Defossilierung heißt: Jegliche fossile Energieträger sollen weg – Öl, Kohle, Gas. Ob der Kohlenstoff stattdessen dann aus der Luft kommt und im Kreis läuft, ist eine andere Frage. Doch genau diesen Unterschied will Brüssel nicht. Ende November jedenfalls soll im Europäischen Parlament über das sogenannte „Automobilpaket“ abgestimmt werden, das die EU-Kommission im Dezember 2025 vorgelegt hat. Dabei geht es um die Anpassung – sprich: Lockerung – der CO2-Flottengrenzwerte und damit um die Frage nach dem Fortbestand des faktischen Verbrennerverbots ab 2035. Spätestens dann muss Schluss sein mit der 0-Gramm-Mär!


“Ohne Migration wäre unser Land am Ende” – ach, tatsächlich?

von Albrecht Künstle

Fachkräfte im Rumlungern?



Im Vorfeld der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt werden die Kartellparteien und Einheitsmedien nicht müde zu betonen, dass ohne Ausländer unser Land untergehe. Es brauche Wachstum, tönt es von allen Seiten – Was zwar nicht falsch ist, aber nicht in der simplifizierenden Sichtweise, die Zuwanderung in diesem Zusammenhang rein quantitativ und nicht qualitativ betrachtet. Die Gazetten titeln seit Jahren pausenlos „Ohne Ausländer kein Wachstum“ (wie die “Badische Zeitung” am 4. August); auch regierungsnahe Forschungseinrichtungen wie das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) verkünden: „Ausländische Beschäftigte tragen mittelbar zum wirtschaftlichen Erfolg bei“. Wenn das so ist, fragt man sich allerdings, wieso nicht nur die öffentlichen Kassen – vor allem der Kommunen – trotz Rekordeinnahmen seit 2015 chronisch pleite sind, sondern wo dieser angebliche Erfolg messbar wird. Schon damit kann man der ganzen anhaltenden Pro-“Fachkräfte”-Kampagne wirksam begegnen. Und schließlich hatten wir ja in den letzten zehn Jahren eine massive Zuwanderung von rund 17 Millionen Ausländern, neben einigen deutschen Rückkehrern.

Nach Abzug der Auswanderung von immerhin 11 Millionen im selben Zeitraum – und mehr Sterbefällen als Geburten – verblieb in der Migrationsbilanz dabei eine Bevölkerungszunahme von rund vier Millionen gleich fünf Prozent. Diese Millionen mehr Menschen generieren einen entsprechenden Bedarf und dadurch wirtschaftliche Nachfrage; trotzdem nahm die Wirtschaftsleistung (das Bruttoinlandsprodukt) vor 2020 nur um ein Prozent pro Jahr zu, und seit 2020 dann überhaupt nicht mehr. Wir haben den größten Zuwachs an Ausländern in Europa, aber das geringste Wirtschaftswachstum. Deshalb drängt sich die Frage auf, inwiefern mehr Ausländer unseer Wirtschaft wirklich gut getan haben sollen; der „Wirtschaftlichkeit“ der Wirtschaft vielleicht schon – aber kaum der unseres Landes…

Deutlich geringere Produktivität

Als Erklärungen für das scheinbare Paradoxon seien nachfolgend einmal die Quoten der Erwerbstätigkeit und die Produktivitätsproblematik beleuchtet. Die Erwerbstätigenquote von Ausländern hat sich zwar nach den vielen Leerjahren und Lehrjahren auf rund zwei Drittel der Erwerbsfähigen verbessert, was aber den vielen ukrainischen Flüchtlingen zu verdanken sein dürfte, die besser ausgebildet sind. Sie beträgt über 77 Prozent. Die Beschäftigungsquote hat sich auch wegen des Frauenanteils erhöht (in bestimmten Ausländerkreisen ist der Begriff übrigens nicht von ungefähr ein Fremdwort!); in dieser höheren Quote sind jedoch vor allem die Zugewanderten enthalten. Ohne diese sind fast 80 Prozent der Einheimischen erwerbstätig – nicht nur zwei Drittel. Und außerdem leisten Zugewanderte im Durchschnitt in ihren Jobs weniger Arbeitsstunden und sind zumindest in den ersten Jahren deutlich weniger produktiv.

Unterm Strich bringen Zugewanderte nur etwas mehr als die Hälfte ihres Potenzials in unsere Wirtschaft ein, erarbeiten also ihren eigenen Lebensunterhalt; rund ein Sechstel ihrer Erwerbsfähigen lebt nicht für die Wirtschaft, sondern von der Wirtschaft. Sie müssen also von der Allgemeinheit unterhalten werden – sprich: von uns. Doch tun jene von ihnen, die gottlob arbeiten, dies mit der gleichen Effektivität? Der Fachbegriff dafür ist die Produktivität, die nach jener pro Erwerbstätigem und nach Stundenproduktivität unterschieden wird. Eine Unterscheidung Ausländer/Einheimische gibt es bei der Ermittlung der – wohl aus ideologisch begründetem Desinteresse – bezeichnenderweise Produktivität nicht, aber es ist festzustellen, dass die Produktivität umso mehr abnahm, je mehr Zugewanderte tätig wurden. Die Produktivität reicht schlicht nicht mehr aus: “Deutschlands Wohlstand ist so nicht zu halten” , stellt das IW fest – eine Binsenweisheit. Die Hintergründe des Problems sind in diesem Papier gut zusammengefasst. Aber von der These „Ausländische Beschäftigte tragen mittelbar zum wirtschaftlichen Erfolg bei“ ist darin keine Rede. Welche These des IW stimmt nun?

Fragwürdige Manifestationen von “Wachstum“

Klar ist: Ohne Ausländer läuft in bestimmten Branchen nicht mehr viel, beispielsweise beim Streetfood (etwa Döner) oder der Gastronomie. Ausländische Inhaber von Geschäften dieser Branchen wurden jetzt vor der Wahl in Sachsen-Anhalt aufgerufen, einen Tag zu schließen, um zu zeigen, dass ohne sie nichts mehr geht. Da ist zwar etwas dran, ebenso auf dem Bau, in der Logistik, bei der Müllabfuhr und Straßenreinigung – aber abgesehen davon, dass die AfD diese ja produktiven und legalisierten Migranten entgegen permanenter Medienbehauptungen überhaupt nicht abschieben will, sondern nur Illegale und Straffällige, stellt sich doch die Frage: Wo sonst noch? Wer beispielsweise den Gesundheitsbereich bemüht, muss einräumen, dass die dort tätigen ausländischen Mediziner und Pflegekräfte a nicht nur unsereins versorgen, sondern auch deren eigene Landsleute. Als ich im Krankenhaus lag, sah ich an über der Hälfe der Zimmertüren ausländische Namen.

Wenigstens eines stimmt am Mantra „Ohne Ausländer kein Wachstum“ – aber völlig anders als propagiert: Ohne so viele Migranten gäbe es kein “Wachstum” der Wohnungsnot, der öffentlichen Verschuldung von Bund, Ländern und Gemeinden, der Integrations- und Bildungsprobleme an unseren Schulen, des Verkehrs auf unseren Straßen, der explodierenden Gewaltkriminalität und vor allem des Messer-Missbrauchs, der Terrorgefahr und allgemein empfundenen Unsicherheit auf Festen, der überbordenden Wartezimmer von Arztpraxen und Notaufnahmen oder der benötigten Gefängniskapazitäten. Diese Formen von “Wachstum” sind jedoch getrost verfechtbar. Was wir eher brauchen, ist Wirtschaftswachstum!

Minimalvoraussetzung: Für sich selbst und seinesgleichen sorgen!

Der gemeinsame Nenner zwischen Befürwortern und Gegnern von weiterer Zuwanderung könnte in der Konsequenz lauten: Zuwanderung ja – aber erstens nur nach Bedarf und Eignung ausgewählte Migranten, und zweitens nur so viele, wie es wirklich braucht – alleine schon, damit die Neuankömmlinge die schon vor ihnen Zugewanderten, die ihren Lebensunterhalt nicht selbst erarbeiten, wenigstens mitversorgen können (wie gesagt: etwa ein Sechstel von ihnen). Will sagen: Jene, die bislang nicht berufstätig sind, sollten zunächst einmal durch ihre nachgezogenen Familienmitglieder oder Landsleute ausgehalten werden (aus welchen Gründen auch immer sie bislang nicht selbst arbeiten – sei es wegen mangelnder Sprache, kultureller Eigenheiten oder schlicht wegen bevorzugter Nutzung der sozialen Hängematte, wobei sie das soziale Netz nicht ausnutzen, sondern es lediglich im Rahmen idiotischer gesetzlicher Missbrauchsmöglichkeiten gebrauchen, die ihnen von unzähligen NGOs und “Beratungsstellen” regelrecht aufgedrängt werden). Zumindest müssen die hier neu Aufgenommenen selbst bereit und in der Lage sein, in vollem Umfang für den eigenen Lebensunterhalt und den ihrer Familien sorgen zu können – ansonsten ist es mit dem Aufenthalt in Deutschland vorbei.

Und nun die Preisfrage: Welche der in Sachsen-Anhalt und anderswo zur Wahl stehenden Parteien können sich einem solchen Konsens anschließen?


Samstag, 22. August 2026

Wahlkampf für Dummies: Linke Memes preisen die segensreiche Entwicklung Sachsen-Anhalts in 30 Jahren Altparteienherrschaft

von Lukas Mihr

Baut auf, baut auf, baut weiter auf: Alles soll beim Alten bleiben, denn besser war es nie…



Es ist Wahlkampf im Osten – und das merkt man ganz besonders auf Social Media. Jede Seite flutet ihre Kanäle mit Memes, um auf den letzten Metern den Trend noch zu drehen. Zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt kursiert nun eine Infografik (siehe folgende Abbildung), die nahelegt, dass die Einwanderung dem ostdeutschen Bundesland genützt habe. Vergleicht man die wichtigsten Kennziffern von 1995 bis 2025, scheint das Land einen steilen Aufstieg erlebt zu haben – und das, während sich der Ausländeranteil fast verfünffachte. Das zeige, so die frohe Botschaft, dass die Wahlkampfstrategie der AfD, die längst vergangene Zeiten zurückwolle, gescheitert sei, denn früher war sei es eben keineswegs besser gewesen; im Gegenteil. Hier wäre schon die Grundaussage zu hinterfragen. Haben die seitherigen Einwanderer Sachsen-Anhalt einen Aufschwung beschert – oder hat umgekehrt ein Wirtschaftsboom das Land attraktiv für Migration gemacht?



Aber der Reihe nach: Leider lässt sich nicht nachvollziehen, wer das Motiv in Umlauf gebracht hat. Ein klarer Urheber – etwa ein Parteilogo – fehlt. Man kann nur sagen, dass die Infografik zumeist von linken Accounts geteilt wird. Sind die darin verwendeten Daten korrekt? Grundsätzlich ja. Lediglich beim Einkommen stammt die Vergleichszahl von 2024 statt 2025, aber aktuellere Daten sind nicht verfügbar und sie würden auch kaum anders aussehen. ABER: Nur weil die Zahlen stimmen, muss die daraus abgeleitete Botschaft noch lange nicht stimmen. Denn wie so oft fehlt hier der Kontext.

Das Einzeltier wird sich fragen: „Habe ich genug zu fressen?“ Das Herdentier allerdings: „Habe ich weniger zu fressen als mein Artgenosse?“ Und bekanntermaßen ist der Mensch ein Herdentier. Diese Weisheit muss man im Hinterkopf behalten, um die Infografik korrekt einzuordnen. Sie beginnt mit der wichtigsten Kennzahl: Seit 1995 ist die Zahl der Straftaten um ganze 46 Prozent gesunken. Eigentlich also doch ein voller Erfolg! Oder nicht? Tatsächlich ist diese Zahl nicht ganz so beeindruckend, denn in den vergangenen Jahren ging auch die Bevölkerung in Sachsen-Anhalt stark zurück. Ein bisschen verschämt wird dieser Umstand in kleinerer Schrift auch zugegeben. In Pro-Kopf-Zahlen sanken die Straftaten also nur um 30 Prozent. Doch auch dieser Erfolg ist nochmals kleiner, als er aussieht. Denn das ostdeutsche Bundesland überaltert – und gerade junge Männer sind überdurchschnittlich häufig für Straftaten verantwortlich. Trotz dieses einen positiven Nebeneffekts kann man wohl kaum stolz auf den Geburtenrückgang und die Abwanderung in den Westen sein.

Nur bedingte Vergleichbarkeit

Zum Teil ist der Effekt allerdings echt: Auch infolge der gestiegenen Wirtschaftsleistung gingen Eigentumsdelikte tatsächlich zurück, von den bekannten sonstigen Faktoren wie massiv leistungsfähiger digitaler Überwachungs- und Sicherheitstechnik ganz abgesehen. Auch sank in den letzten Jahren sank die Zahl der Drogendelikte – eben weil Marihuana mittlerweile legalisiert ist und auch schon davor seit Jahren von der Polizei nicht mehr mit Hochdruck verfolgt wurde, ebenso wie auch zu Bagatelldelikten oder Ordnungswidrigkeiten herabgesunkenen früheren Straftaten. Auch bei bestimmten Delikten, die mit Abtreibung, Sterbehilfe und Prostitution verbunden sind, fanden Liberalisierungen des deutschen Rechts statt, sodass die entsprechenden Zahlen zurückgingen. Auf wieviele Prozentpunkt sich dieser Effekt summiert, ist unklar; er dürfte allerdings durchaus ins Gewicht fallen, wenn man nicht nur den Rückgang der Bevölkerung und die Überalterung der Gesellschaft miteinbezieht. Zudem ist denkbar, dass sich das Anzeigeverhalten der Gesellschaft oder die Ermittlungsmethoden der Polizei verändert haben, was einen Vergleich mit den Gegebenheiten vor 30 Jahren schwierig macht.

Wenn die Zahl deutscher Männer schneller sinkt, als die Zahl migrantischer Männer zugleich ansteigt, kann die Kriminalitätsstatistik im ersten Augenblick sogar noch positiv aussehen. Der Ausländeranteil müsste noch viele Jahre weiter ansteigen, bevor er sich in einer landesweiten Statistik niederschlägt. Dennoch dürften Einzelfälle eine Wirkung entfalten. Dass der Täter, der im Dezember 2024 sechs Besucher des Magdeburger Weihnachtsmarktes tötete, Saudi war, werden die Wähler nicht vergessen haben. Genauso wenig wie die Tatsache, dass vor 2016 Großveranstaltungen eben noch nicht mit Betonpollern gesichert werden mussten. Der Rückgang der Arbeitslosenquote von 15,7 Prozent auf 8 Prozent ist eine eindeutige Verbesserung, doch relativ gesprochen fällt sie kleiner aus. Sachsen-Anhalt stand 1995 auf Platz 16 im Ländervergleich, 2025 immerhin auf Platz 12. Verglichen mit dem Rest Deutschlands ist die Lage also immer noch schlecht. Beim Punkt Bildung gibt die Infografik immerhin zu, dass das Datenmaterial keinen sauberen Vergleich zulässt. Recherchiert man dann auf eigene Faust, stellt man fest, dass Sachsen-Anhalt von allen Bundesländern die niedrigste Abiturquote hat. Das muss aber nichts Schlechtes sein. Denn viele Bundesländer haben einfach die Hürden im Bildungssystem abgesenkt, damit möglichst viele Schüler bestehen. Große Firmen wissen üblicherweise, dass ein guter Abiturschnitt je nach Bundesland unterschiedlich viel über die Kompetenzen der Bewerber aussagt.

Relativer Stillstand

Insbesondere der Sprung beim Durchschnittseinkommen von 11.000 Euro auf 26.000 Euro sieht beeindruckend aus. Aber halt! In den 90ern bezahlte man noch mit der D-Mark – und wie jeder weiß, kann man nur inflationsbereinigte Gehälter vergleichen.

Dies berücksichtigt, würden die stolzen 26.000 Euro auf eine Kaufkraft von etwa 16.000 Euro (nach dem Stand von 1995) absinken. Die astronomisch hohen 137 Prozent würden also auf gerade einmal 41 Prozent Steigerung zusammenschrumpfen. Tatsächlich ist Vergleichszeitraum ist Sachsen-Anhalt, was das Einkommen angeht, seitdem sogar vom 14. auf den 16. Platz abgerutscht. Zu guter Letzt wird ins der Grafik auch noch darauf hingewiesen, dass auch die Lebenserwartung stieg; erneut eine gute Nachricht – jedoch wieder nichts, was im bundesweiten Vergleich auffällig wäre: Denn die Lebenserwartung für Männer stand in Sachsen-Anhalt 1995 auf Platz 14 aller Bundesländer und fiel bis 2025 sogar auf Platz 16 zurück. Frauen verbesserten sich im selben Zeitraum von Platz 15 auf Platz 14.

An diesen Vergleichspunkten der Grafik stellt sich wohl am deutlichsten die Frage, was all das mit Ausländern im Speziellen oder der Politik im Allgemeinen zu tun haben soll. Dass in den vergangenen 30 Jahren Autos sicherer, Medikamente besser und Zigaretten unbeliebter wurden, ist eine Binse. Auch wenn mehr Geld für das Gesundheitssystem zur Verfügung stand, erklärt dies nur einen Teil der Veränderung. Wie man sieht, gab es im Großen und Ganzen zwar eine Verbesserung – die aber eben nicht ganz so spektakulär ausfällt, wie die Grafik uns glauben machen will. Der obige Herdentiervergleich zeigt sogar einen relativen Stillstand: Im Bundesländerranking ist Sachsen-Anhalt mal auf- und mal abgestiegen, bleibt aber im Wesentlichen da, wo es schon vor 30 Jahren war. Die einzige tatsächliche Verbesserung war ohnehin nicht auf das “segensreiche“ Wirken der Altparteien, sondern auf den Systemwechsel und damit den Siegeszug des Kapitalismus nach über 40 Jahren Planwirtschaft zurückzuführen. Auch das ist nicht gerade die beste Werbung für linke Politik.


Stuttgart 21 und andere Katastrophen der Bahnplanung

von Albrecht Künstle

Eingebrochener Tunnel von Rastatt 2017



Die wiederholten Verlängerungen der Fertigstellung des Bahnprojekts Stuttgart 21 sind Anlass für diesen weiteren Artikel zum Thema Bahn. Ich habe oft schon zu diesem Komplex geschrieben, mich bisher aber über einige Hintergrunddetails zurückgehalten und lieber geschwiegen – weil ich befürchtete, dass kaum jemand mir abnehmen würde, dass ich auch auf diesem Gebiet ein ausgewiesener Kenner bin. 20 Jahre lang brachte ich mich als Mitglieder der Bürgerinitiative Bahn vor Ort und in der IG Bohr am Oberrhein aktiv in die Planung des Ausbaus der Oberrheinstrecke als komplexes Teilstück der Transversalen Bahnstrecke von Rotterdam bis Genua ein; ich war der Fachmann der Bürgerinitiative für die Berechnung von Betriebsabläufen, deren Streckenkonflikte, der schalltechnischen Ausbreitungsberechnung und Dimensionierung von Schallschutzmaßnahmen zuständig. Ebenso arbeitete ich der beauftragten Kanzlei zu, die im Auftrag der angrenzenden Kommunen die Bahnplanung und deren Alternativen rechtlich begleitete. Dabei erwarb ich eine solide Kompetenz und viele Insider-Einblicke. Infolge dessen wurde mir sogar von den Projektverantwortlichen der Bahn eine Arbeitsaufnahme angeboten wurde, nachdem ich 2008 im Erörterungstermin einen transparenten Zug-Zeitlauf-Rechner und dessen Ergebnisse vorgestellt hatte. Anhand dessen konnte ich darstellen, an welchen Stellen die unterschiedlichen Zuggattungen bei welcher Geschwindigkeit Streckenkonflikte auslösen würden, die durch neue Gleisanlagen zu beheben wären.

Dies Ausführungen seien hier nur zum Nachweis dessen vorangestellt, dass ich weiß, wovon ich rede, und um den folgenden Ausführungen die angemessene Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Stuttgart 21 (S21) soll hier nicht verteidigt werden, im Gegenteil. Aber der Schuldige an der Misere ist in diesem Projekt nicht die Bahn. Sie wollte dieses Projekt gar nicht! Der Stuttgarter Kopfbahnhof war so leistungsfähig wie andere Kopfbahnhöfe in Deutschland auch. Nein, es war die Stadt Stuttgart, die ein Immobilienprojekt im Kopf und auf dem Reißbrett hatte, bei dem der bisherige Bahnhof im Weg war. Das Land Baden-Württemberg wollte diesem Prestigeprojekt ihrer Hauptstadt nicht nur nicht im Wege stehen, sondern beförderte es im Gegenteil noch. Und nolens, volens machten am Ende auch die Bahnplaner mit; sie hofften wohl, mit ihren „Nettigkeiten“ gegenüber den hauptverantwortlichen Initiatoren noch staatstragender zu werden. Übrigens bestand durchaus auch ein finanzieller Anreiz für die Planung von teurem Schnickschnack – weil die Bahnplaner 18 Prozent der Bausumme erhalten. Das Nutzen-Kosten-Verhältnis des Projekts S21 war von Anfang an trotz aller Schönrechnerei bestenfalls nur leicht positiv; es hätte also besser gar nicht realisiert werden sollen. Beschlossen wurde es trotzdem – und seit nunmehr bald drei Jahrzehnten wird versucht, es zu realisieren und irgendwann fertigzustellen. Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, ein studierter Mathematiker, saß übrigens als Mitglied in der Verhandlungskommission. Inzwischen wird geunkt, dass mit “Stuttgart 21“ gar nicht das Jahr 2021 gemeint gewesen, sondern 2100? Doch genug des Sarkasmus.

Das Tunneldesaster von Rastatt

Kommen wir an dieser Stelle von S21 nun zu einem anderen, bereits erwähnten Desaster. Ein bedeutender Teil des Ausbaus der Güterzugstrecke Rotterdam-Genua war deren Untertunnelung in Rastatt. Solche Tunnel sind heutzutage kein “Hexenwerk” mehr (auch wenn die Bohrmaschinen des heimischen Herstellers Herrenknecht nur weibliche Namen tragen…). Wir konnten damals mit der eingangs erwähnten Bürgerinitiative den Tunnel von seiner nördlichen Seite her besichtigen – wahrlich ein Paradebeispiel deutscher Ingenieurskunst. Doch der Teufel steckt im Detail: Zwar können sich solche Monstren von zwei Seiten her durch härtestes Gebirgsstein fressen und sich in der Mitte fast zentimetergenau treffen; doch wie bohrt man einen Tunnel durch das Kiesgestein am Oberrhein? Das ist fast so wie einen Pudding an die Wand nageln. Die Lösung: Man muss ihn dazu einfrieren. Der Kies vor dem Bohrkopf wird mit riesigen Sonden fortlaufend vereist. Am Oberrhein haben wir die größten Grundwasserbestände in Europa. Hinter dem eingefrorenen Kies wird gebohrt und gleich dahinter werden die Tübbings eingesetzt, jene exakt nach dem Bogenverlauf der Röhre vorgefertigt gebogenen Betonteile, die dann hinter dem Bohrkopf von derselben gleichen Maschine eingesetzt werden – bevor der Kies wieder auftaut.

Wie kam es aber dazu, dass am 12. August 2017 die Oströhre einbrach und die darüber kreuzenden Gleise plötzlich ein Meter durchhängten? Näheres dazu siehe hier. Das Malheur passierte nur 52 Meter vor der Stelle, wo die gewaltige “Wühlmaus” eigentlich wieder das Tageslicht erblicken sollte. „Im Be-reich der Unterfahrung war mit einer bis zu −33 °C kalten Kühlflüssigkeit der Boden eingefroren worden, um ihn zu stabilisieren. Der Maschinenvortrieb auf einer Länge von 205 m in einem vollständig gefrorenen Eiskörper stellte ein Novum im maschinellen Tunnelbau dar“, wuschen die Experten ihre Hände in Unschuld. Ich dagegen hatte sofort einen anderen Verdacht: Weil es in den Monaten zuvor, vom Herbst 2016 bis Frühling 2017, sehr wenig geregnet hatte und der geringe Regenüberschuss im Sommer 2017 eigentlich noch nicht aufs Grundwasser durchgeschlagen sein konnte, rief ich einen befreundeten Hydrologen an. Dieser recherchierte für mich, was ich geahnt hatte: Tatsächlich lag der Grundwasserstand einen halben Meter tiefer als in den Jahren zuvor. Das erscheint zwar nicht viel, aber bei einer Gradiente (Steigung) von 12 Promille am Einsturzort macht ein halber Meter über die die Länge fast 42 Meter aus – sprich: 10 Meter bis zur vorberechneten Stelle des fertigen Tunnels. Bei normalem Grundwasserstand hätte die Vereisung unter den beiden querenden Gleisen funktioniert; aber ohne ausreichendes Grundwasser gibt es kein Eis, auch wenn die Temperatur -100 Grad betragen hätte. Die Folge des Desaster: Die Tunnelbohrmaschine musste zuerst verschüttet und dann zubetoniert werden, um dem Bahnverkehr darüber wieder zu ermöglichen. Später musste sie wieder zusammen mit dem Beton herausgemeißelt werden, um den Tunnel fertigstellen zu können.

Riesiger Vertrauensverlust

Meine Erkenntnisse der Ursache der Havarie stellte ich großen Printmedien zur Verfügung, erhielt aber leider keine Rückmeldung. Entweder hatte man dort kein Interesse, meinen Indizien weiter nachzugehen – oder man tat es, wurde jedoch – gegen viel Geld oder unter Verweis auf was auch immer? – von interessierter Stelle zum Schweigen gebracht (ein paar Tausender fallen bei einer Milliarde Schadensumme alleine bei den Eisenbahnunternehmen, plus den Kosten eines Tunnelbohrkolosses und Betonspecht-Arbeiten, kaum ins Gewicht). Ins Gewicht fiel aber das verloren gegangene Vertrauen in die Fachkompetenz von Experten aller Beteiligten wie auch in die Aufklärungsbereitschaft von Politik und „Qualitätsmedien“; der Nord-Stream-Anschlag lässt grüßen…

Abschließend noch ein Beispiel, das Kopfschütteln auslösen müsste: Sicher haben Sie, liebe Leser, als Bahnreisende schon festgestellt, wie beängstigend hoch die Lärmschutzwände auch entlang von Bahnhöfen sind. Die Anwohner klagen zunehmend, dass für sie die Sonne später aufgeht und früher unter, und dass willkommene Luftbewegung verhindert wird, vor allem im Sommer. Lärmschutzwände werden in ihrer Höhe berechnet – und gebaut – entsprechend den Schallemissionen der Anzahl verschiedener Züge und deren Geschwindigkeit. Dabei wird jedoch nach Vorschriften verfahren, die faktisch längst überholt sind: Anhaltende Züge verursachen im Stillstand kaum Lärm, und beim Herunter- und Anfahren viel weniger, als wenn ein Zug mit gleicher Geschwindigkeit durchfährt. Beim Erlass der Berechnungsvorschrift im letzten Jahrhundert kam man überein, zum Ausgleich des geringen Lärms haltender Züge das Türenknallen der alten Waggons gegenzurechnen. Doch jetzt knallen die Türen nicht mehr, aber trotzdem werden diese Lärmschutzmonstren – die teilweise höher sind als damals die Berliner Mauer – so berechnet, als ob alle Züge mit der geltenden Streckengeschwindigkeit durchrasen, die meist viel höher liegt als die tatsächlich gefahrenen Geschwindigkeiten. Die zu hohen Lärmschutzwände in Bahnhofsbereichen sind für alle ein Ärgernis und kosten uns Steuerzahler viel Geld. Und: Sie werden nicht von der Bahn bezahlt, sondern aus dem Bundeshaushalt. Abgeordnete und das Verkehrsministeriums machte ich auf dieses anachronistische Verwaltungsgedicht Relikt aufmerksam; ich habe aber erhebliche, Zweifel ob sich etwas ändert. Ich könnte die Beispiele fortsetzen, etwa mit der Bahnplanung für den Ausbau der Rheintalbahn fast vor der Haustüre, die einen ebenfalls verzweifeln lässt, weil sie mit den geänderten verkehrspolitischen Parametern nicht kompatibel ist und unnötig viel Zeit und Geld kostet. Aus dem Projektbegleitung der Rheintalbahn zog ich mich zurück, weil mir die 20 Jahre zu viele schlaflose Nächte bereitet hatten. Häme liegt mir dabei fern; es ist mehr eine tiefe Enttäuschung über unser Land. Meine Erkenntnis über den Zustand der Bahn: Ich würde inzwischen sagen, sie ist das Spiegelbild Deutschlands. Nichts läuft mehr rund. Ob die neue Bahnchefin und der neue Verkehrsminister die Wende schaffen? Wohl eher nicht, wenn man an das abschreckende Biespiel der Bundesregierung und Friedrich Merz denkt…


Freitag, 21. August 2026

Die grüne Goldgrube: Wie Al Gore den Klimawandel zum Business machte – und Obama den Boden dafür bereitete

von Nicole Höchst

Starke “Partner” zum beidseitigen Nutzen: 
Gore (r.) 2008 mit Obama



Al Gore hat den Klimawandel nicht erfunden; Wissenschaftsgrößen wie Joseph Fourier, John Tyndall und Svante Arrhenius beschäftigten sich mit den physikalischen Grundlagen des Treibhauseffekts, lange bevor Gore überhaupt geboren wurde. Viel interessanter ist jedoch, wie aus dem geschlagenen Präsidentschaftskandidaten innerhalb weniger Jahre einer der bekanntesten Klimaaktivisten der Welt und gleichzeitig ein sehr vermögender Investor werden konnte. Als Gore 2001 aus dem Amt des Vizepräsidenten schied, vermeldete er ein Vermögen von weniger als zwei Millionen Dollar. 2012 schätzte selbst die als Quelle unverdächtige linke “Washington Post” sein Vermögen bereits auf rund 100 Millionen Dollar. Nach seiner politischen Ära startete seine zweite Karriere: 2004 gründete Gore gemeinsam mit David Blood Generation Investment Management. Die Firma setzte von Anfang an auf langfristige Investments “unter Einbeziehung von Nachhaltigkeitskriterien”. Gore ist bis heute ihr Chairman. Generation selbst bezifferte das verwaltete Vermögen zum 30. Juni 2025 auf rund 31,3 Milliarden Dollar (siehe hier und hier).

2006 kam der Film „An Inconvenient Truth“ (“Eine unbequeme Wahrheit“) in die Kinos. Der Film machte Gore endgültig zum Gesicht der internationalen Klimabewegung. 2007 erhielt er gemeinsam mit dem Weltklimarat IPCC den Friedensnobelpreis. Parallel entwickelte sich seine wirtschaftliche Karriere weiter: 2013 wurde der Sender “Current TV” an “Al Jazeera” verkauft; der Kaufpreis wurde auf rund 500 Millionen Dollar beziffert. Gore hielt nach damaligen Berichten etwa 20 Prozent an dem Unternehmen; die “Washington Post” schrieb, dass er aus dem Verkauf brutto ungefähr 70 Millionen Dollar erlösen könnte. Dazu kamen Vortragshonorare und seine Tätigkeit bei Apple. Dass Gore als Apple-Verwaltungsrat Aktienoptionen erhielt, ist keine Vermutung, sondern lässt sich in den SEC-Unterlagen von Apple nachlesen: Noch 2020 wies Apple für Gore 32.889 nicht ausgeübte Optionen aus. Aus dem ehemaligen Vizepräsidenten war ein Multimillionär geworden.

Bemerkenswerte wirtschaftliche Zusammenhänge

Dann kam Barack Obama. Gore unterstützte Obama im Präsidentschaftswahlkampf 2008 öffentlich; am 16. Juni 2008 trat er in Detroit für ihn auf. Nach der Wahl traf Obama am 9. Dezember 2008 in Chicago mit Gore und Joe Biden zusammen. Gegenstand des Treffens war nach damaligen Angaben die Klimakrise und die Energiepolitik. Gore trat anschließend zwar nicht in die Regierung ein, aber die politische Nähe beim Thema Klima und Energie war offensichtlich; Obama lieferte die Politik. Gore Lobby, Geld und Background für die beabsichtigte grüne Transformation. Die Folge: Mit dem American Recovery and Reinvestment Act von 2009 begann die bis dahin größte staatliche Förderung “sauberer Energien” in den USA. Nach Angaben des US-Energieministeriums umfassten die staatlichen Investitionen und Steueranreize für die „clean energy economy“ mehr als 90 Milliarden Dollar.

Und hier wird es richtig interessant. Die “Washington Post” untersuchte 2012 die Investments von Gore und deren Zusammenhang mit den Förderprogrammen der Obama-Regierung. Das Ergebnis: 14 Green-Tech-Unternehmen, in die Gore investiert hatte, erhielten oder profitierten unmittelbar von mehr als 2,5 Milliarden Dollar an staatlichen Krediten, Zuschüssen und Steuervergünstigungen. Die Zeitung stellte die Unternehmen und Förderungen zusätzlich in einer eigenen Übersicht zusammen. Zwar bedeutete diese auffällige Verbindung nicht, dass Gore diese staatlichen Gelder persönlich erhielt, auch wurden die Programme nicht eigens für seine Unternehmen geschaffen; das US-Energieministerium betonte gegenüber der “Washington Post”, dass Förderentscheidungen nach Prüfung der Anträge durch Berufsbeamte getroffen worden seien und die Programme “grundsätzlich allen Unternehmen“ offenstanden, die die Voraussetzungen erfüllten. Dennoch bleibt der wirtschaftliche Zusammenhang bemerkenswert: Gores Investments lagen genau in einem Sektor, in den die neue Regierung Milliarden öffentlicher Gelder lenkte.

Eine Win-Win-Situation

Außer Frage steht auch, dass Gores geschäftliches Umfeld Obama finanziell unterstützte: Nach Recherchen der “Washington Post” spendeten fünf führende Personen von Gores Generation Investment Management, darunter sein Mitgründer David Blood, zusammen 130.000 Dollar zur Unterstützung von Obamas Präsidentschaftskandidatur. Noch deutlicher waren die Verbindungen bei Kleiner Perkins Caufield & Byers: Gore war bei der Risikokapitalfirma seit 2007 Partner und sollte sich auf Investitionen in alternative Energien konzentrieren. Er und andere Kleiner-Perkins-Partner samt Ehepartnern spendeten laut “Washington Post” insgesamt mehr als 800.000 Dollar an die Demokraten; ein erheblicher Teil davon ging an Obama beziehungsweise an Aktivitäten zur Mobilisierung demokratischer Wähler. John Doerr, einer der wichtigsten Kleiner-Perkins-Partner und ein bedeutender Investor in grüne Technologien, wurde zudem Mitglied von Obamas President’s Economic Recovery Advisory Board, des wichtigsten Wirtschaftsberatungsgremiums des Weißen Hauses.

Die Verflechtung zwischen Venture-Kapital, Politik und Green-Tech-Förderung ging jedoch noch weiter: Eine weitere Untersuchung der “Washington Post” ergab 2011, dass 3,9 Milliarden Dollar an Bundeszuschüssen und Finanzierungen an 21 Clean-Tech-Unternehmen gingen, die von Investmentfirmen finanziert worden waren, welche Verbindungen zu fünf Mitarbeitern und Beratern der Obama-Regierung hatten. Dies beweist formal zwar noch keine rechtswidrige Einflussnahme, zeigt aber ebenfalls, wie eng Politik, staatliche Förderung und die Venture-Capital-Szene damals miteinander verbunden waren.

Gore saß dabei an einer bemerkenswerten Schnittstelle: Er war Klimaaktivist, Mitgründer eines nachhaltigen Investmenthauses und Partner eines Venture-Capital-Unternehmens, das in grüne Technologien investierte. Gleichzeitig war er einer der prominentesten politischen Fürsprecher eines grundlegenden Umbaus der Energieversorgung.

Neuauflage von “Des Kaisers neue Kleider“

Obama selbst investierte – zumindest allen verfügbaren Belegen nach – offenbar nicht persönlich in Gores Green-Tech-Unternehmen; deshalb wäre die Behauptung, er habe sich an der von ihm betriebenen Lobbypolitik persönlich bereichert, nicht haltbar. Bei Gore jedoch liegt die Sache anders. Die “Washington Post” brachte es bereits 2012 auf den Punkt: Sein Investmentportfolio passte “ausgesprochen gut zur Agenda der neu ins Amt gekommenen Regierung”. Hellsichtigkeit, Zufall oder gar Plan? Nun, wer letzteres vermutet, ist vermutlich gleich wieder „Klimaleugner“ oder „Verschwörungstheoretiker“. Fakt jedenfalls ist, dass Generation Investment Management seine Erträge von 2008 auf 2009 vervierfachte. 2009 fielen nach Angaben der Zeitung 51 Millionen Dollar Gewinn für Gore und seine neun Partner ab. Wie viel davon tatsächlich auf staatliche Förderung zurückzuführen war, ließ sich jedoch nicht genau feststellen.

Sowohl im Fall Gores damals wie auch heute noch bei allen Verflechtungen zwischen “Klimaschutz“ und Politik gilt: Wer öffentlich und nachhaltig vor einer angeblich existenziellen Gefahr warnt, weitreichende politische Maßnahmen fordert und gleichzeitig in Unternehmen und Branchen investiert, die von genau diesem politischen Umbau profitieren können, muss sich die Frage nach seinen wirtschaftlichen Interessen gefallen lassen. Erst recht, wenn Milliarden an Steuergeld fließen. Vorsichtig ausgedrückt, hat Al Gore jedenfalls aus seiner Überzeugung zumindest keinen finanziellen Nachteil gezogen: Aus dem ehemaligen Vizepräsidenten mit weniger als zwei Millionen Dollar angegebenem Vermögen wurde ein sehr vermögender Investor, während er gleichzeitig zu einem der weltweit bekanntesten Vorkämpfer der Klimapolitik aufstieg. Er hat gezeigt, dass man “den Planeten retten” und dabei vor allem sehr reich werden kann. Sein Beispiel mutet an wie eine sehr erfolgreiche moderne Inszenierung des Märchens “Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Anderson – und ist eine Art Blaupause für zahllose Profiteure der Klimalobby bis in die Gegenwart, und das nicht nur in den USA, sondern auch in Europa.

Der natürliche Klimawandel ist real. Etwas zu leugnen, was seit Jahrmillionen existiert, wäre Borniertheit. Zu behaupten, der Mensch könne ihn aufhalten, ist Hybris.


Entkräftete Medienlügen: 90 Prozent der europäischen Kernreaktoren lieferten auch in den “Hitzewellen” 2026 planmäßig Strom

von Jochen Sommer

Kühlung stets gesichert: 
Kernkraftwerk (hier Emsland in Lingen)



Rund 90 Prozent der europäischen Kernreaktoren produzierten während der theatralisch vermeldeten Hitzewellen und Dürreperioden 2026 – und zwar selbst zu deren jeweiligen Höhepunkten – wie vorgesehen Energie. Das zeigt eine Auswertung des Expertenvereins Nuklearia e.V., die sämtliche Drosselungen und Abschaltungen durch Hitze, hohe Wassertemperaturen und Niedrigwasser berücksichtigt. Die Einschränkungen konzentrierten sich – wie schon immer seit ziviler Nutzung der Kernenergie in Europa –auf eine begrenzte Zahl von Standorten; ein Teil der Drosselungen dauerte nur wenige Stunden oder betraf lediglich einen Teil der Leistung. Auch Berichte des Branchenportals “Energy Intelligence” bestätigen, dass die Mehrheit der Reaktoren planmäßig weiterlief.

Und das, nota bene, obwohl an bis zu 26 Anlagen hitzebedingte Einschränkungen von zeitweise über 10 Gigawatt auftraten und in Ländern wie Ungarn und Rumänien zu Versorgungsengpässen führten. Was in der hysterisierenden und ideologischen Berichterstattung über die Atomenergie kaum noch berichtet wird: Kernkraftwerke können problemlos an Hitze und Niedrigwasser angepasst werden. Je nach Standort helfen Nasskühltürme, Trockenkühltürme oder Hybridkühltürme (wie im Kernkraftwerk Neckarwestheim) sowie wasserbauliche Maßnahmen.

Starke Resilienz der Kernkraft unter Hitze und Dürre

“Die große Mehrheit der deutschen Kernkraftwerke wäre auch für die aktuelle Hitze und Dürre gut gerüstet gewesen. Brokdorf, Krümmel und Unterweser liegen an tidebeeinflussten Gewässern. Isar 2 verfügt über einen Kühlturm und einen Stausee. Emsland und Neckarwestheim hatten ebenfalls Kühltürme und lagen an regulierten Flussabschnitten. Philippsburg 2 am Rhein war auf extremes Niedrigwasser ausgelegt. Diese Standorte hätten auch unter den aktuellen Bedingungen zuverlässig Strom geliefert“, erklärt Dominic Wipplinger, Kerntechniker und Vorstandsmitglied der Nuklearia.

An der Donau zeigte sich die Standortabhängigkeit deutlich: Das bulgarische Kraftwerk Kosloduj blieb unbeeinträchtigt, während Paks in Ungarn und Cernavodă in Rumänien gedrosselt oder zeitweise abgeschaltet werden mussten. Gegenmaßnahmen wie Felsensprengungen und das Versenken von Lastkähnen halfen, den Wasserstand lokal anzuheben und den Betrieb teilweise zu sichern. Weitere Hintergründe finden sich in den Analysen der Nuklearia zur Resilienz der Kernkraft unter Hitze und Dürre. Die Ereignisse unterstreichen erneut: Kernkraft ist hochgradig anpassungsfähig und liefert auch unter Extrembedingungen zuverlässig und stabilen Strom – vorausgesetzt, Standorte werden gezielt modernisiert und nicht politisch vernachlässigt und unterfinanziert.