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Dienstag, 29. September 2026

Heiße Luft und Liebe: Habeck bei Miosga, die Zweite

von Wilma Fricken

Am Sonntag hatte Caren Miosga in ihrer gleichnamigen ARD-Sendung mal wieder akuten Milcheinschuss (oder, sofern noch möglich, spontanen Eisprung): Sie durfte wieder mal ihren Lieblingsgast und insgeheimen Crush, den grünen Ex-Wirtschaftsminister Robert Habeck, im Studio willkommen heißen – und das erneut im Einzelinterview, obwohl diese huldvolle Sonderbehandlung weder Habecks nicht mehr vorhandener politischer Relevanz noch dem, was von seinen Einlassungen substanziell zu erwarten ist, auch nur annähernd angemessen war. “Robert Habecks zweites Date mit Caren Miosga“, frotzelte treffend die “Ostdeutsche Allgemeine“. Offenbar sollte kein anderer Gast die wolkigen Ergüsse des eingebildeten Großdenkers und seines ARD-Groupies mit lästigen Fragen oder gar Kritik stören. Nachdem sich Miosga bei ihrem letzten, zum Fremdschämen peinlichen tête-à-tête mit Habeck Ende November 2024 wie eine läufige Hündin gebärdet und dem unrasierten grünen Schmachtfetzen nonstop schöne Augen gemacht hatte (wobei sie wohl am liebsten über den Tisch gekrabbelt wäre), ging man in der ARD diesmal auf Nummer Sicher und und zeichnete den einstündigen Auftritt anstelle eines Live-Interviews vorsichtshalber zuvor auf.















Dies bedeutete gleichwohl nicht, dass das Gespräch weniger peinlich ausfiel. Erneut durfte Habeck bei seinem Gastspiel in aller Ruhe seine üblichen Plattheiten absondern. Miosga stellte ihn als „Berater und Dozenten“ vor (wer lässt sich von so einem beraten und in was?), der nach einem Jahr Abwesenheit “von außen auf die deutsche Politik” schaue (die Vollversorgung als Ex-Minister kommt gleichwohl weiter von innen, sprich vom deutschen Steuerzahler). Er schaue „jetzt immer vom Nordpol“, schwafelte er. Von dort habe er die Parallelen der politischen Entwicklung in vielen Staaten gesehen. Eine Rückkehr in die Politik kann er sich angeblich „im Moment nicht vorstellen“. Dafür gebe es „keine Pläne, keine Strategien und kein Verlangen“. Demnächst werde er (bitte nicht schon wieder!) ein Buch veröffentlichen und „diesen Diskurs dann auf vielen Bühnen darstellen“ – um dann anschließend gleich „vielleicht das nächste“ in Angriff zu nehmen. Wahrlich, als Ex-Minister und “Dozent“ hat man viel Freizeit – und Habeck ist offenbar weiterhin entschlossen ,sich als öffentlicher Intellektueller zu inszenieren und seine Weisheiten in Buchform und auf Bühnen zu präsentieren, die ihm zweifellos allesamt sperrangelweit offenstehen – geneigtes Publikum und linksgrüne Klatschaffen inklusive.



Der grüne Merz

Der Erkenntnisgewinn dieser Miosga-Sendung lag auch diesmal wieder bei praktisch Null, es sei denn, man erachtet die völlig unmaßgeblichen Einordnungen der präpotenten und leeren Luftnummer Habeck mit ihrer mit alternativ-professoraler Selbstgefälligkeit als relevanten Debattenbeitrag: Die Ergebnisse der Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt hätten ihn nicht überrascht, ließ er wissen (Kunststück, wo sich diese das ganze Jahr über eindeutig in allen Umfragen abgezeichnet hatten). Die Gefährdung des politischen Systems werde nicht durch Modifikationen des Heizungsgesetzes oder der Rente mit 63 gelöst, stattdessen müsse das „Wachstumsversprechen“ wieder eingelöst werden, um das „Demokratieversprechen“ garantieren zu können (Allgemeinplätze, die jeder Merz-Rede würdig wären). Plattitüden dieser Art sind typisch für Habeck: banal, aber im Gewand wohlklingender Rhetorik. Letztlich ist es ganz egal, was er sagt – seine Fanbase aus Studienrätinnen und linken Systemjournalistinnen hängt stets gebannt an seinen Lippen. Ach ja, zu Kanzler Friedrich Merz fiel ihm noch eine wahrhaft bahnbrechende Erkenntnis ein: Dieser sei im letzten Bundestagswahlkampf von den Medien „hochgeschrieben“ worden, doch sein „fehlendes handwerkliches Geschick“ sei aber schon damals „kein Geheimnis“ gewesen. Die Wähler müssten sich eingestehen, dass sie bekommen haben, was sie gewählt hätten. So zutreffend sie sind, lassen sich diese Worte auch nahtlos auf Habeck selbst übertragen.



Irgendjemand, stellte er fest, müsse Friedrich Merz ja gewählt haben. “Und nun wundern wir uns, dass er so ist, wie er ist“. Man könne sich zwar verwählt haben, müsse das dann aber auch eingestehen, sagte er mit unerträglicher Arroganz. In Wahrheit haben die Wähler das gewählt, was Merz versprochen hat, nämlich „Links ist vorbei“. Dass es sich bei ihm um den größten Lügner der Nachkriegsgeschichte handeln würde, der in allem das Gegenteil von dem tut, was er verspricht, war nicht absehbar. Gewählt hat man die derzeitige Politik jedenfalls nicht, sondern das genaue Gegenteil. Die sich abzeichnenden Landesregierungen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern unter Führung beziehungsweise mit Beteiligung der Linkspartei seien „weder eine gute noch eine schlechte Nachricht“, meint Habeck. Zu Berlin erklärte Habeck bezeichnenderweise, den Vorwurf eines „völlig enthemmten Antisemitismus“ in der Berliner Linken teilt er nicht. Dann folgte der Übergang zum Thema Israel, wo Habeck sich zwar die Worte abrang: „Wir haben eine Verpflichtung gegenüber Israel. Da kann es keine Grauzone geben, weder bei der Regierungsbildung in Berlin noch im Diskurs und auch nicht verschwiemelt am Kaffeetisch in der bürgerlichen Mitte“, dann allerdings sofort nachschob, trotzdem dürfe man „legitime Kritik an der Regierung Netanjahu im Staate Israel wünschen, äh, aussprechen …“ Er habe einen Monat an der Hebrew University in Jerusalem gearbeitet, prahlte er (was ihn natürlich zu fundierten Urteilen über die israelische Innenpolitik berechtigt), und es sei so, „dass die liberalen Israelis, die nicht Netanjahu unterstützen, von Deutschland erwarten, dass wir sie nicht alleine lassen mit ihrer Kritik an der Regierung Netanjahu und am Vorgehen der israelischen Armee“.



Salon- und studiofähiges Israel-Bashing

Er denke, es gebe viele Belege, „dass in Gaza Kriegsverbrechen begangen wurden“. Zwar müsse „jede Form von Antisemitismus benannt und bekämpft werden“, das dürfe jedoch nicht „zu einem Schweigeverbot oder zu einer Schweigeaussage“ führen, „dass man Israel und die Regierung Netanjahu nicht kritisieren darf“. Es ist das übliche linke “ja, aber” und das Gekrampfe zwischen Realität und Gesinnung, zwischen Realität und Moralisieren, wie es die Grünen Khmer von ihrer linksradikalen Chaotenbasis bis zu luxuslinken Parvenüs der Parteiprominenz hinauf immer an den Tag legen. Sobald es für dieses milieutypische, kaum camouflierte Israel-Bashing Beifall von der Pali- und Hamasversteherfraktion im Studio gab, drehte er weiter auf: Der Staat Israel sei “nicht friedfertig“, sondern immer ein „aggressiver Staat nach außen“ gewesen, behauptete Habeck so geschichtsblind wie kontrafaktisch, um sich sogleich zu weiteren pseudotiefgründigen Einlassungen bemüßigt zu fühlen: „Das ist aber super schwer. Auch der Diskurs, den wir hier in Deutschland haben, und diese Wortlosigkeit, dass wir keinen Raum haben. Sie sehen auch, wie ich arbeite, dass ich mich hier nicht verspreche und dann irgendwas sage, was dann gleich wieder hochgezogen werden kann“, lobte er sich selbst. Auch müsse es Räume geben, „wo Menschen ihre Fragen loswerden können, ohne dass sie gleich als Antisemiten dargestellt werden“. Dessen Existenz sei allerdings „die Konsequenz der deutschen Geschichte“. Zum Massenmord der Hamas in Israel und überhaupt zum palästinensischen Terror sowie dem seit seiner Gründung 1948 anhaltenden Überlebenskampf des jüdischen Staates verlor er kein einziges Wort.



Erneut zeigte sich, was für jeden auch nur halbwegs interessierten politischen Beobachter seit Jahren offensichtlich ist: Dieser Mann ist das zwar charmante, aber absolute Nichts. Habeck, der es in weniger als drei Jahren geschafft hat, die größte Volkswirtschaft Europas zu ruinieren, inszenierte sich mit eilfertiger Unterstützung der ARD als Elder Statesman, der mit visionärem Blick eitel auf die Krisen der Welt blickt und eine erschreckende Seichte in Generalfragen wie Details aufweist. Es ist ein Glücksfall, dass dieser schauderhafte geistige Dünnbrettbohrer, der ebenso wie auch seine Parteifreundin Annalena Baerbock niemals in Ministerrang hätte aufsteigen dürfen, der Bundesregierung nicht mehr angehört – wenngleich diese die grüne Ideologie nicht minder obsessiv zum Schaden Deutschlands verfolgt…




Sonntag, 27. September 2026

Heino: Der verdächtige Sänger

von Thomas Hartung

Heino (bei einem Auftritt im Juli dieses Jahres)



In der Medienwelt finden sich Porträts, die einen Menschen beschreiben, und es andere, die ihn dechiffrieren. Stefan Willekes soeben im ”Zeit-Magazin erschienenes Heino-Porträt gehört entschieden zur zweiten Gattung. Schon der Vorspann stellt nicht einfach einen 87-jährigen Künstler vor, der seit nunmehr fast sieben Jahrzehnten auf deutschen Bühnen steht. Er eröffnet ein Ermittlungsverfahren: Heino sei eine „Institution der alten Bundesrepublik“, habe besonders im Osten viele Fans, singe von Heimat und Deutschland und „behauptet“, das sei nicht politisch gemeint. Dann die Frage: „Wo steht Heino wirklich?“ Das unscheinbare Verb „behauptet“ ist dabei wichtiger als manches spätere Argument. Wer etwas behauptet, kann recht haben; im journalistischen Sprachgebrauch schwingt jedoch bereits mit, dass die Behauptung der Überprüfung bedarf. Heino singt also nicht einfach unpolitisch von Heimat, er behauptet sein Unpolitischsein. Das Magazin übernimmt damit von Beginn an die Rolle des Hermeneutikers, der hinter dem Gesagten nach dem eigentlich Gemeinten sucht; ja nach dem, was eigentlich sein müsse.

Das kennen wir inzwischen zur Genüge von Gesinnungsprozessen von Beleidigung bis Volksverhetzung, wo Juristen sich anmaßen dürfen, Angeklagten zu erklären, was sie denn mit ihren Äußerungen tatsächlich geäußert haben. Dass all dies sozial arrogant, politisch einseitig, ja – Stichwort Gesinnungsjustiz – instrumentalisierend und linguistisch schlicht dumm ist, muss hier nur in Erinnerung gerufen werden, um den Text einzuordnen. Nur ergibt die Recherche ein Problem: Der verborgene “rechte Heino” lässt sich gar nicht so recht finden und überführen. Er lehnt ein lukratives Angebot der FPÖ für einen Parteiauftritt ab. Er hat sich gegen die AfD ausgesprochen und sogar einmal ein AfD-Verbot befürwortet. Vor der Bundestagswahl unterstützte er Friedrich Merz. Gregor Gysi, gewiss kein Kronzeuge einer rechten Heino-Apologetik, berichtet von Ansichten zu Mindestlohn und Steuergerechtigkeit, die er “eher sozialdemokratisch” findet, und bekundet ausdrücklich, sein anfänglicher Verdacht, Heino stehe „rechts außen“, habe sich nach persönlicher Bekanntschaft erledigt. Ein klassisches Porträt könnte an diesem Punkt eine überraschende Erkenntnis verbuchen: Das kulturelle Bild und die tatsächlichen politischen Positionen dieses Mannes passen nicht besonders gut zusammen.

Der Mann, der nicht verschwinden will

Das “Zeit-Magazin” jedoch wählt den intellektualistisch-laienjuristischen – und problematischeren – Weg: Wenn Heino politisch nicht zuverlässig rechts einzuordnen ist, werden eben seine hinterlassenen Zeichen untersucht. Das beginnt durchaus brillant. Heino erscheint als „Zeitmaschine“. 1969, 1989, 2026: Die Welt dreht sich weiter, politische Systeme verschwinden, Moden kommen und gehen – aber einer steht immer noch da und singt. Die Sonnenbrille bleibt, die blonden Haare ebenso, erst recht das rollende R, und selbst die Beatles, erzählt Heino seinem Publikum, seien inzwischen Geschichte, während er immer noch da sei. Darin liegt tatsächlich etwas kulturgeschichtlich Faszinierendes. Heino ist nicht bloß ein Sänger aus der alten Bundesrepublik. Er ist ein Stück alter Bundesrepublik, das die Bundesrepublik überlebt hat, aus der es stammt. Und vielleicht beginnt genau hier das Unbehagen. Denn die bundesdeutsche Kulturgeschichte der vergangenen Jahrzehnte versteht sich gern als Geschichte erfolgreicher Überwindungen. Überwunden wurden Provinzialität und Muff, autoritäre Familienstrukturen und sexuelle Prüderie, Nationalpathos und unreflektierte Heimatgefühle. Was früher selbstverständlich war, wurde historisiert, problematisiert, dekonstruiert oder wenigstens ironisiert.

Nur hat Heino offenbar die kulturwissenschaftliche Fortbildung versäumt. Er singt weiter. Das Magazin erinnert genüsslich daran, wie lange er schon als Inbegriff des Gestrigen verspottet wird. Rainer Moritz nannte ihn einmal das „Brechmittel mehrerer Generationen“, Punkmusiker machten sich über ihn her, Otto ließ bereits 1985 einen Heino-Zombie aus dem Grab steigen. Sein Aussehen, heißt es, sei oft als „provozierend spießig“ empfunden worden: der „Look eines Ewiggestrigen“. Bemerkenswert ist daran das Wort provozierend. Früher provozierte, wer Konventionen brach. Inzwischen kann offenbar auch provozieren, wer sie nicht bricht. Heino ist kulturgeschichtlich zum Ärgernis geworden, weil er eine Entwicklung verweigert, ohne sie argumentativ zu bekämpfen. Er hält keine Vorträge gegen die Moderne. Er steht einfach noch herum.

Die Deutschlandfahne unter Beobachtung

Am deutlichsten zeigt sich die Methode des Porträts beim Konzert in Cottbus. Auf der Bühne hängt eine riesige Deutschlandfahne. Heinos Manager versichert, sie habe „nichts mit einer politischen Gesinnung oder Ausrichtung zu tun“. Am Ende bittet eine Lautsprecherdurchsage das Publikum, sich zur Nationalhymne zu erheben. Gespielt wird – wohlgemerkt – ausschließlich die dritte Strophe. Und dann beobachtet der “Zeit“-Reporter das Publikum. Viele junge Leute, viele alte, Paare, Familien, „unauffällige Menschen“. Es gebe „keine Glatzen“, niemand habe AfD-Parolen gebrüllt. Man muss diesen Absatz zweimal lesen, um seine ganze unfreiwillige Komik zu erfassen. Bei einem deutschen Konzert hängt eine deutsche Fahne, anschließend erklingt die gültige Nationalhymne – und der journalistische Kontrollblick wandert durch die Reihen, um festzustellen, ob irgendwo Rechtsextremisten oder Jünger der Pech-und-Schwefel-Partei zu entdecken sind.

Natürlich findet Willekes keine. Doch weshalb musste er überhaupt nach ihnen suchen? Genau hier offenbart sich jene kulturelle Semiotik, die das gesamte Porträt strukturiert. Die Deutschlandfahne ist nicht zuerst Deutschlandfahne; sie ist ein “Zeichen”, eine “Chiffre”, deren mögliche Kontamination geprüft werden muss. Heimat ist nicht zunächst Heimat. Volkslied nicht zunächst Volkslied. Osten nicht einfach eine Himmelsrichtung oder ein historischer Erfahrungsraum. All diese Dinge tragen einen politischen Schatten. Der Reporter schreibt diesen Schatten nicht frei erfunden in die Gegenstände hinein; es gibt durchaus politische Milieus, die nationale Symbole vereinnahmen. Gerade deshalb aber stellt sich die entscheidende Frage: Wer besitzt die Deutungshoheit über ein kulturelles Zeichen – diejenigen, die es gebrauchen, oder diejenigen, die es am radikalsten verwenden? Wenn die Anwesenheit rechter Männer mit Glatzen die politische Bedeutung einer Deutschlandfahne verändern kann, müsste ihre Abwesenheit sie eigentlich wieder normalisieren. Doch so funktioniert die Semiotik des Verdachts nicht.

Heimat als ostdeutsche Devianz

Besonders aufschlussreich wird das beim Blick nach Ostdeutschland. Dort war Heino zu DDR-Zeiten populär, obwohl seine Musik öffentlich nicht gespielt werden durfte. Karl-Eduard von Schnitzler formulierte 1973 im “Schwarzen Kanal” einen Satz, der erstaunlich gut auch in das heutige Porträt passen würde: „Das Vergangene steht semmelblond vor uns und singt die alten Lieder.“ Das ist eine wunderbare historische Pointe. Der sozialistische Chefpropagandist und das westdeutsche Kulturmilieu begegnen Heino aus völlig unterschiedlichen politischen Ausgangspunkten – und stoßen sich doch am selben Phänomen: Da singt einer von etwas, das eigentlich überwunden sein sollte. Der Heino-Sammler Eberhard Kulla beschreibt, was der Sänger für manche DDR-Bürger bedeutete: „Heino hat uns etwas gegeben, das die Staatsregierung der DDR nicht wollte: Heimat. Er hat uns die deutsche Einheit in Liedern geschenkt.“ Kulla war wegen seines Heino-Fankreises sogar ins Visier der Staatssicherheit geraten. Hier liegt eine große Geschichte bereit. Man könnte untersuchen, warum ausgerechnet sentimentale westdeutsche Volksmusik in der DDR eine oppositionelle oder zumindest nonkonforme Bedeutung gewinnen konnte. Warum Heimat gerade dort kostbar wurde, wo der Staat festlegen wollte, was Heimat politisch zu bedeuten habe.

Das ”Zeit“-Magazin nimmt jedoch eine charakteristische Abzweigung. Kulla beklagt, eine linke Elite wolle Heino in die rechte Ecke stellen. Prompt diagnostiziert ihm Willekes daraufhin ein „diffuses Ressentiment“, ein „Leiden an der deutschen Wirklichkeit“, vorgetragen im „Grummel-grummel-Bariton“. Und bald ist man bei den „Unverstandenen“, deren “Gefühl” sich inzwischen über ganze Landstriche gelegt habe und Wahlen entscheiden könne. Heino, so die Pointe, sei seiner Zeit voraus gewesen. Aus einem konkreten DDR-Erlebnis wird so eine Vorgeschichte des heutigen politischen Ressentiments. Das müsste per se vielleicht gar nicht falsch sein – aber es ist bemerkenswert, wie schnell der Text jene Erfahrung psychologisiert, deren politischen Gehalt er zuvor selbst beschrieben hat. Wer sich von einer kulturellen Elite verkannt fühlt, könnte tatsächlich verkannt worden sein. Er könnte aber auch bloß unter einem „Gefühl des Unverstandenseins“ leiden. Zwischen beiden Möglichkeiten liegt ein beträchtlicher Unterschied.

Die Hermeneutik des Verdachts

Damit gelangt man zum eigentlichen Verfahren des Artikels. Es handelt sich um eine Hermeneutik des Verdachts. Heinos Aussagen werden nicht primär danach beurteilt, was sie besagen, sondern danach, welche verborgenen kulturellen Bedeutungen sie transportieren könnten. Seine politische Selbstbeschreibung besitzt dabei erstaunlich wenig Beweiskraft. Sagt Heino, die Deutschlandfahne sei nicht politisch gemeint, wird gerade dieses Dementi interessant. Singt er ein altes Lied, wird dessen Rezeptionsgeschichte untersucht. Sagt er, er habe sich über bestimmte politische Implikationen nie Gedanken gemacht, erscheint genau diese Gedankenlosigkeit als Problem.

So entsteht eine argumentativ nahezu perfekte Falle: Wäre Heino erklärter Nationalist, wäre die Sache klar. Bestreitet er, Nationalist zu sein, könnte gerade das Teil seiner Strategie der Vieldeutigkeit sein. Der Artikel formuliert diesen Verdacht ganz ausdrücklich. Heino bewege sich „auf einem Grat zwischen krassem Nationalismus und dem Dementi desselben“. Dadurch könne er sich einer Festlegung entziehen und immer behaupten, alles Suspekte sei nicht so gemeint gewesen, so Willekes. Das ist eine bemerkenswert schwere kulturpolitische Anklage. Denn „krasser Nationalismus“ wäre normalerweise anhand politischer Aussagen zu belegen. Hier entsteht er vor allem aus einem Ensemble von Liedern, Fahnen, Auftritten, Publikumsreaktionen und der Weigerung des Sängers, die daraus gezogenen Interpretationen zu übernehmen.

Wenn „Schwarzbraun“ nach Auschwitz führt

Am schärfsten wird diese Methode bei „Schwarzbraun ist die Haselnuss“. Heinos Manager weist darauf hin, das Lied sei älter als der Nationalsozialismus und finde sich sogar in einem Lagerliederbuch von Häftlingen des KZ Sachsenhausen. Man kann diese Verteidigung historisch diskutieren; die Verwendung eines Liedes durch unterschiedliche Gruppen beantwortet tatsächlich nicht automatisch die Frage nach seiner späteren Konnotation. Doch dann zieht Willeke einen Vergleich, der die gesamte Methode des Textes entblößt: Auch „Arbeit macht frei“, schreibt er sinngemäß, sei schließlich nicht von den Nationalsozialisten erfunden worden; trotzdem würde sich kein vernünftiger Mensch den Satz heute über seine Bürotür hängen. Rhetorisch sitzt das vielleicht; historisch jedoch hinkt es gewaltig. „Arbeit macht frei“ ist durch seine Anbringung an den Toren nationalsozialistischer Konzentrations- und Vernichtungslager zu einer der international bekanntesten Chiffren des NS-Terrors geworden. Ein Volkslied hingegen, das vor dem Nationalsozialismus existierte, von Nationalsozialisten gesungen wurde, aber zugleich auch in einem Liederbuch von KZ-Häftlingen auftauchte, besitzt offenkundig eine andere semantische Geschichte.

Ausgerechnet ein Artikel über gefährliche Vieldeutigkeit produziert hier selbst eine mächtige Assoziation. Er sagt nicht: Heino singt ein NS-Lied. Nein, er stellt „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ neben „Arbeit macht frei“. Den Rest erledigt das kulturelle Gedächtnis des Lesers. Und damit praktiziert der Text genau jene Methode, die er Heino indirekt vorwirft: Er arbeitet mit Zeichen, deren Wirkung über das ausdrücklich Gesagte hinausgeht.

Heino ist nicht rechts genug für den Artikel

Das Verrückteste an diesem Porträt bleibt deshalb, wie viele seiner eigenen Rechercheergebnisse gegen die implizite These sprechen. Gregor Gysi mag Heino. Seine politischen Ansichten erscheinen ihm teilweise sozialdemokratisch. Heino hält die AfD nicht für die Lösung. Er lehnte den FPÖ-Auftritt ab. Als ein AfD-Politiker mit dem Satz „Am Sonntag würde Heino Felix wählen“ warb, ging Heinos Management juristisch dagegen vor. Man stelle sich die umgekehrte Konstellation vor: Ein Sänger äußerte sozialdemokratische Positionen, spräche sich gegen eine linke Partei aus, verweigerte einen gut bezahlten Auftritt bei deren Parteifest und klagte dagegen, von einem ihrer Kandidaten für Wahlwerbung vereinnahmt zu werden. Würde man anschließend acht Seiten lang fragen, ob er vielleicht doch irgendwie links sei? Bei Heino wird genau diese Differenz zwischen politischer Position und kultureller Codierung zum Gegenstand.

Das mag legitim sein, verrät aber mehr über den gegenwärtigen Kulturkampf als über Heino. Denn offenbar existiert inzwischen ein Begriff des kulturell Rechten, der weit über konkrete politische Überzeugungen hinausreicht. Heimat, Volkslied, nationale Symbolik, Skepsis gegenüber kulturellen Eliten, Widerstand gegen sprachliche Aktualisierung und das Beharren darauf, alte Dinge weiterhin in ihrem alten Sinne verwenden zu dürfen – all das bildet ein Milieu von Zeichen, aus dem sich ein politischer Verdacht zusammensetzen lässt. Der politische Heino kann sozialdemokratischer sein, als das Klischee erlaubt. Der semiotische Heino bleibt verdächtig.

„Ich mach doch nix“

Deshalb ist der Titel des Porträts hervorragend gewählt: „Ich mach doch nix!“ Im Text fällt der Satz völlig banal. Heino versucht, einen Pappaufsteller auseinanderzuklappen, sein Manager sagt: „Heino, lass das“, und der alte Mann antwortet: „Ich mach doch nix.“ Doch der Satz wird zum Motto einer ganzen Existenz: Heino macht doch nix. Er singt nur. Er trägt nur seine Sonnenbrille. Er lässt eine Deutschlandfahne aufhängen. Er singt alte Lieder. Er tritt für einen Feuerwehrmann auf, den er ungerecht behandelt findet. Er weigert sich, sein Repertoire nach den jeweils neuesten Sensibilitäten zu kuratieren. Und gerade dieses „Ich mach doch nix“ hält das Porträt offenbar für unglaubwürdig. Denn in der spätmodernen Kultur gibt es offenbar keine unschuldigen Worte, Taten und Ereignisse mehr, wie trivial sie auch sind. Alles wird zum Verdachtsmoment, zum Indiz, zum entlarvenden Zeichen. Wer singt, “reproduziert Diskurse”.

Wer eine Fahne zeigt, “positioniert sich”. Wer ein Wort benutzt, aktiviert seine “Verwendungsgeschichte. Wer behauptet, etwas sei unpolitisch, kann damit eine “politische Normalität” verteidigen. Das alles ist als kulturwissenschaftliche Einsicht nicht unsinnig. Aber eine Gesellschaft, die jedes Zeichen ausschließlich über seine problematischste Verwendung liest, verliert irgendwann die Fähigkeit zur kulturellen Mehrdeutigkeit.

Wem gehört ein Volkslied?

Hier liegt die entscheidende Frage, die das Porträt nicht stellt: Wem gehören kulturelle Zeichen? Gehört „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ den Nationalsozialisten, weil sie es sangen? Den KZ-Häftlingen, weil es auch in ihrem Liederbuch stand? Den Generationen davor? Heino? Seinem Publikum? Oder jeweils dem Interpreten, der die politisch folgenreichste Verwendungsgeschichte auswählt? Und weiter: Gehört die Deutschlandfahne den demokratischen Institutionen der Bundesrepublik oder dem radikalsten Demonstranten, der sie ebenfalls schwenkt? Gehört Heimat demjenigen, der darin Kindheit, Landschaft und Zugehörigkeit erkennt – oder demjenigen, der daraus ein ethnisches Ausschlusskonzept macht?

Eine liberale Kultur müsste auf solche Fragen eigentlich mit einem entschiedenen Sowohl-als-auch reagieren. Zeichen sind nicht herrenlos, aber sie sind auch nicht auf ihre schlimmste historische Verwendung festgelegt. Sonst könnte jede extremistische Bewegung Symbole gerade dadurch dauerhaft enteignen, dass sie sie sich aneignet. Die paradoxe Folge wäre eine kulturelle Vetomacht der Radikalen: Je erfolgreicher Rechtsextreme ein Symbol benutzen, desto weniger dürften Demokraten es benutzen. Das wäre eine bemerkenswerte Form antifaschistischer Kapitulation.

Der falsche Heino als moralisch wahrer Heino

Am Ende des Porträts vollzieht Willeke noch eine zweite, beinahe literarische Operation: Er besucht einen Heino-Imitator, der in Altenheimen singt. Dieser falsche Heino setzt sich zu Kranken ans Bett, hört ihre Geschichten und verbirgt hinter seiner Sonnenbrille Tränen der Rührung. Der echte und der falsche Heino sind einander nie begegnet. Dann kommt der Schlusssatz: Der echte Heino müsse für die Verwechslung eigentlich dankbar sein, weil er in Gestalt seines Imitators ein Mensch sei, „der Nähe zulässt und dem es nichts ausmacht, Mitgefühl zu zeigen“. Das ist elegant geschrieben und zugleich erstaunlich brutal. Nach der politischen Hermeneutik folgt die psychologische.

Der echte Heino erscheint als emotional gepanzerte Marke: immer dasselbe Lächeln, immer dieselbe Brille, „Jaja“, „So, so“, Bühne, Erfolg, weitermachen. Selbst nach dem Tod seiner Tochter und später seiner Frau steht er rasch wieder im Rampenlicht. Der Imitator dagegen weint. Der falsche Heino wird dadurch zum moralisch wahreren Heino. Auch hier stellt sich allerdings eine Frage, die ein Porträt über einen 87-jährigen Mann vielleicht wenigstens zulassen müsste: Ist öffentlich sichtbare Emotionalität tatsächlich der zuverlässigere Beweis von Mitgefühl? Oder begegnet hier eine Kultur, die Authentizität durch demonstrierte Innerlichkeit misst, einem Menschen aus einer Generation, die gelernt hat, Schmerz gerade nicht öffentlich auszustellen? Vielleicht ist auch das eine Form kultureller Übersetzung, die das Porträt nicht leistet.

Das Vergangene steht semmelblond vor uns

Am Ende bleibt deshalb Karl-Eduard von Schnitzlers Satz hängen: „Das Vergangene steht semmelblond vor uns und singt die alten Lieder.“ Er war als sozialistische Polemik gemeint. Heute könnte er fast als kulturjournalistische Diagnose durchgehen. Gerade darin besteht Heinos eigentümliche Bedeutung. Er ist kein großer politischer Denker, vermutlich nicht einmal ein besonders politischer Mensch. Das “Zeit-Magazin” liefert selbst genügend Material dafür, dass die Suche nach einer konsistenten rechten Ideologie bei ihm wenig ergiebig wäre. Aber Heino begeht etwas, das für eine reflexive Kultur womöglich schwerer zu ertragen ist: Er problematisiert sich nicht. Er singt Heimat, ohne vorher Heimat zu definieren. Er zeigt Deutschland, ohne die Fahne mit einer Gebrauchsanweisung zu versehen. Er singt Lieder, deren Rezeptionsgeschichte Kulturredakteure auf mehrere Seiten beschäftigen kann, und antwortet auf die Frage nach ihrer Bedeutung womöglich bloß: Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht.

Das kann naiv sein. Es kann stur sein. Manches kann geschmacklos oder historisch unsensibel sein. Nur ist Naivität noch keine Ideologie und Sturheit noch kein Nationalismus. Vielleicht ist Heino deshalb weniger ein politisches Rätsel als ein hermeneutischer Störfall. An ihm zeigt sich, wie schwer es einer Gegenwart fällt, kulturelle Phänomene stehenzulassen, deren Produzenten die Bedeutung ihrer eigenen Zeichen nicht nach den Kategorien des gegenwärtigen Diskurses erklären. Das “Zeit-Magazin” fragt: Wo steht Heino wirklich? Nach acht Seiten lautet die interessantere Gegenfrage: Warum reicht es uns nicht, dort nachzusehen, wo er tatsächlich steht? Politisch findet man einen alten Unterhaltungskünstler mit widersprüchlichen, teilweise konservativen, teilweise sozialdemokratischen Ansichten, mit Sympathie für Merz, Distanz zur AfD und einem tiefen Trotz gegen jene, von denen er sich sein Leben lang verspottet fühlte.

Kulturell aber steht dort etwas Größeres. Ein Restbestand jener Bundesrepublik, in der Heimat noch kein Diskurs, das Volkslied noch kein Bekenntnis und die Deutschlandfahne noch nicht notwendig ein Fragebogen zur politischen Gesinnung war. Man muss nicht darauf bestehen, diese Bundesrepublik unbedingt zurückzuhaben. Man könnte aber einfach akzeptieren, dass einige ihrer Bewohner noch leben. Und manchmal sogar noch singen.


Mittwoch, 16. September 2026

Ob 11. September oder 7. Oktober: Am Ende ist immer der Jude schuld

von Julian Marius Plutz

Alles geplant von finsteren Mächten… Die antisemitischen Konspirationisten haben in diesem Herbst Hochkonjunktur



Was ist der Unterschied zwischen der “Tagesschau” und einer Verschwörungstheorie? Die Antwort: Sechs Monate. Sie kennen das: Während kluge Menschen Ereignisse längst als valide Tatsache abgespeichert haben, kommt der öffentlich-rechtliche Rundfunk eben bei den gleichen Tatsachen entweder mit Lamentieren oder Verharmlosen oder sogar mit Totschweigen um die Ecke. Das war so bei Corona, bei der Sprengung von Nord Stream und bei vielen anderen Vorgängen, wo das Offensichtliche nicht ins Narrativ passte. Doch dann gibt es noch die anderen Verschwörungstheorien, die keine sechs Monate oder gar zwei Jahre brauchen, sondern nur wenige Stunden bis zur Sendung – allerdings unter einer Voraussetzung: Sie müssen einfach unbedingt und sofort ins Erzählmuster passen.

So ist es beim Thema Israel. Fast immer, wenn sich die ARD mit dem Nahostkonflikt befasst, geht es darum, den vermeintlich geknechteten Gazanern (die abgesehen von ihren Kindern mehrheitlich erwiesenermaßen ein judenfeindlicher und gewaltaffin-toxischer Misthaufen sind) eine Bühne zur Opferinszenierung zu geben – was sogar schon dazu führte, dass Propagandisten mit Preisen gekürt werden. Daher erhielt die ARD-Nahostkorrespondentin Sophie von der Tann vor zwei Monaten ausgerechnet in Frankfurt den Katharina-Zell-Preis für ihre “unerschrockene” Berichterstattung; streng genommen erhielt sie diesen Orden wider die menschliche Schläue vom Landesverband Evangelische Frauen in Hessen und Nassau – für ihre ungefilterte pro-Hamas-Berichterstattung. Spätestens hier wird klar, warum Adolf Hitler für die Reichspogromnacht den Martin Luthers Geburtstag gewählt hat. Insofern ist es nur folgerichtig, dass sich manche ihre Verschwörungstheorien so zusammenzimmern, dass es auch wirklich ins selbstgewählte schimmelige Weltbild passt. Und wenn etwas nicht passt, dann muss es eben passend gemacht werden.

Toxischer, blinder Judenhass

Vergangenen Freitag jährte sich zum 25. Mal der islamische Anschlag auf das World Trade Center in New York. Und zum 25. Mal jährt sich das Hochamt der weltweiten Verschwörungsirren, die mit zunehmendem zeitlichen Abstand zu diesem verhängnisvollen Datum predigen, dass die USA und/oder – wer auch sonst – die Juden für diesen größten feindlichen Angriff auf die Vereinigten Staaten seit Pearl Harbor verantwortlich waren. Innerhalb kürzester Zeit wurden Arbeitslose, Soziologen und sonstige Taugenichtse zu Experten für Bausubstanz und Statik oder zu Sachverständigen für Sprengtechnik Brandbegutachtung. Und all diese Privatgelehrte wissen aus selektivem Quellenstudium ganz genau, dass das, was am 11. September 2001 geschah, gar nicht so geschehen sein kann, weil es ihrer Expertise widerspricht und die gegenteilige Erklärungen Teil der Lüge der insgeheimen wahren Schuldigen sind.

Sie berufen sich ausgerechnet auf einen Historiker wie Daniele Ganser, dessen Bücher im Wesentlichen damit glänzen, dass er fast ausschließlich Sekundärquellen verwendet; ein Schweizer Geschichtswissenschaftler, der nicht empirisch arbeitet und von Bauwesen so viel Ahnung hat wie der Autor dieser Zeilen, sich im Gegensatz diesem jedoch zum großen Erklärer aufwirft, wird zum Kronzeugen der Verschwörungsirren. Eigentlich ist diesen Leuten völlig egal, wer Täter ist – und noch mehr ist ihnen egal, wer die Opfer waren. Diesen Leuten geht es nur darum, ihr antiamerikanisches und “antizionistisches“ Narrativ zu bestärken. Apropos Juden: Nach dem 11. September 2001 gab es auch einen 12. September 2001. Jüdische Schulen wurden von Polizisten mit Maschinenpistolen bewacht, als die Jungs und Mädels nach diesem Dienstag zum Unterricht kamen. Deutschlandweit waren Innenminister aufgrund von Gefahrenmeldungen in Alarmbereitschaft, jüdische Einrichtungen zu schützen (ja, damals gab es noch Innenminister, die das Problem ernst nahmen). Das war etwa in Brandenburg und in Bayern der Fall.

Antizionismus und Antiamerikanismus vereint

Doch was hat der Anschlag vom 11. September überhaupt mit Juden zu tun? Weshalb mussten der 9-jährige Ben und die 10-jährige Esther in Deutschland noch mehr als sonst geschützt werden, wo die Anschläge doch die USA trafen? Die Antwort ist so bizarr wie traurig: Weil sie Juden sind. Und weil viele der Verschwörungsirren, die den 9/11 als “Inside Job” verklären und eine weitgehend lückenlos aufgeklärte Planungsgeschichte samt Tathergang unter Verweis auf vermeintlich (!) “ungeklärte Details” (Stichwort WTC7 mit einem angeblichen jüdischen Versicherungsbetrug) in Abrede stellen, im Kern Juden hassen und im Kern US-Amerikaner hassen. Deshalb würdigen sie das Offensichtliche zynisch herab und blenden es aus – den mörderischen islamistischen Terror, der später auch Europa mit Deutschland traf. Sie wollen es nicht sehen, weil ihr Antisemitismus oder Antizionismus noch stärker ist als ihre Abneigung gegen den militanten Islamismus. Betrachtet man sich die in den letzten 25 Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossenen Publikationen und Medienaktivitäten einer ganzen 9/11-Verschwörungstheorie, so fällt auf, dass für viele dieser Paranoiker der damalige Anschlag wohl zur rechten Zeit kam, um ihrem völlig unmaßgeblichen Leben einen Sinn zu geben.

Der Ungeist dahinter ist überaus fruchtbar – und spiegelt sich auch in den “Völkermord“-Vorwürfen gegen Israel und in einer beispiellosen Täter-Opfer-Umkehr. In wenigen Wochen wird sich der 7. Oktober 2023 jähren, der Tag, an dem so viele Juden ermordet wurden wie seit der Shoah an keinem anderen einzelnen Tag. Auch dann werden wir wieder die üblichen Verschwörungsirren lesen und hören, die ad-hoc-Experten in Flugabwehr und Staatssicherheit und die False-Flag-“Insider“, die nichts wissen, aber alles erklären können und am Ende zu der immerselben einfältigen, toxischen und dummen conclusio kommen: Der Jude ist an allem Schuld. Sogar am Holocaust und am 7. Oktober.


Samstag, 12. September 2026

25 Jahre nach 9/11 ist der Islam auf der Siegesstraße – und Muslime gelten als die wahren “Opfer“ des eigenen Terrors

von Theo-Paul Löwengrub

Verklärt, umgelogen, verleugnet … aber nie vergessen: Der Terror vom 11. September 2001



Der 11. September war, so schien es damals, das Fanal einer Zeitenwende, in seiner Tragweite in der jüngeren Geschichte nur vergleichbar mit dem Angriff auf Pearl Harbor 60 Jahre zuvor. Hier zerschlug ein zu allem bereiter exterminatorischer Islamterror die Illusion einer friedlichen Koexistenz und Aussöhnung und vollzog eine denkbare extreme Kampfansage gegen die freie Welt der Aufklärung und der Moderne. Schlagartig und blutig rief sich der 1.400 Jahre alte mörderische Expansionsdrang einer totalitären Weltanschauung mit Alleinherrschaftsanspruch zurück.

Doch der heilsame Schock blieb aus. Ein Vierteljahrhundert später muss man bitter konstatieren: 9/11 hat nicht zu einer notwendigen Distanzierung und Wachsamkeit, zu einer schon damals dringend angezeigten Besinnung des Westens geführt und die Einsicht befördert, ihn für seinen Selbsterhalt und Fortbestand kämpfen zu lassen. Eher zum genauen Gegenteil. Was immer die Drahtzimmer um Osama Bin-Laden und die islamistischen Al-Quaida-Zellen, aus denen zahlreiche weitere Terrornetzwerke hervorgehen sollten, im Schilde führten: Nie hätten sie sich in ihren kühnsten Vorstellungen erträumt, dass heute, 25 Jahre später, der Islam auf einem solchen Siegeszug sein würde. Heute leben mehr Muslime als jemals zuvor, darunter auch fundamentalistische, in Europa und in den letzten Jahren zunehmend auch in den USA – und dominieren dort das gesellschaftliche und auch politische Geschehen zunehmend.

Der Terror hat nie aufgehört

Auch der Terror hat nie aufgehört. Die Attacken setzten sich in einer blutigen Serie von Madrid über Bali und Mumbai und London und Pariser und Berlin fort. Doch längst inzwischen braucht es sie gar nicht mehr, da der Westen im Zustand der freiwilligen Unterwerfung angelangt ist – und dem Islam durch die die woke “postkoloniale“ Selbstgeißelung, „critical race theory“ und ebensolche monströsen, semantisch sinnfreien Konstrukte wie “antimuslimischer Rassismus“ bereitwillig den Weg bereitet. Er kapituliert nicht nur, sondern rollt der Islamisierung fliegende Teppiche aus. Während die kriegerische Mentalität und Glaubensideologie der weltweiten Umma gegenüber den Tagen der Islamischen Expansion und der Osmanischen Eroberung unverändert geblieben ist, wenn auch heute eher Verstellung und Demographie (Stichwort Geburten-Dschihad) als der reale Kampf mit dem Schwert zum Einsatz kommen, haben die Christenheit und das der aufgeklärte Westen alle Waffen gestreckt und bejubeln ihre Verdrängung und geistige Knebelung. Diese Entwicklung hätte nach dem Fall der Zwilligstürme und der damals für jedermann spürbaren historischen Umbruchstimmung, dieser gefühlten Zeitenwende, niemand erwartet. Eher das genaue Gegenteil.

Schuld, dass es so kam, hat selbstverständlich die Regierung Bush – aber anders als von Verschwörungsfreaks angenommen nicht durch die Schuld an den Anschlägen durch aktive “Sprengung“ oder auch nur vorsätzlichem Gewährenlassen, sondern weil sie das teils affektive, teils wohlbegründete Verlangen nach Gegenreaktion in einen grotesken “War on Terror“ umlenkte, der binnen kürzester Zeit Freund und Feind gleichermaßen gegen die USA aufbrachte (insbesondere, als dieser dann auch noch zur Resterledigung der “Familienangelegenheit“ Saddam Hussein durch frei erfundene Massenvernichtungswaffen-Vorwürfe missbraucht wurde).

George W. Bush hat es versaut

Nachdem anfangs sogar Frankreich und das unter Gerhard Schröder rotgrün regierte Deutschland ihre “bedingungslosen Solidarität“ zusagten, kam es bald zur Distanzierung von Bushs erratischem und durch humanitäre Skandale wie Guantanamo und Abu Ghraib kompromittierte Kurs, schließlich zu ersten ernsten Zerwürfnissen innerhalb des westlichen Bündnisses – erste Vorboten einer bis heute anhaltenden transatlantischen Entfremdung, während die islamische Welt zu neuer Geschlossenheit fand und es insbesondere im Zuge des “Arabischen Frühlings“ – 10 Jahre nach 9/11 – zu einer Re-Fanatisierung der islamischen Welt kam, die Bürgerkriege, neue Kalifate und Dschihad hervorbrachte.Diese politische Destabilisierungen im gesamten Nahen Osten und vorderasiatischen hatten am Ende die größte Massenmigration der Geschichte Richtung Europa zur Folge – und sorgten dort für die Einwanderung von Millionen überwiegend archaisch sozialiserten Muslimen und damit eben jene Islamisierung sorgte, die uns heute, nach dem 11. September 2001, niemand für möglich gehalten hätte.

Inzwischen ist daraus die schlimmste innenpolitische Bedrohung und Sicherheitsgefährdung einst freier Gesellschaften geworden; die Kampfansage der Dschihadisten ist unüberhörbar. in Europa schreitet die Islamisierung voran – dank eines politischen Islam, der sich als gefährlichste Ideologie weltweit erweist – im Nahen Osten, in Afrika und Südasien. Und in Europa ist er sogar stärker denn je.



Die westliche Linke und Intellektuelle , die am 9/11 mehr als nur klammheimliche Freude über den Angriff auf den großen Satan USA verspürte und ähnlich pietätlos wie nach dem Attentat auf Charlie Kirk reagierte, indem sie früh von einer erwartbaren und letztlich gerechten “Reaktion” einer angeblich durch die USA dauergedemütigten islamischen Opfergemeinschaft, die sich nur durch assymetrischen Terror zu wehren wüsste, war über diese Entwicklung verzückt. So unerwartet, wie nach dem barbarischsten Anschlag der Geschichte der Islam, obwohl diskreditiert, weltweit erst so richtig aufblühte, war auch die Linke nach dem Zusammenbruch des Sozialismus 1990, obwohl diskreditiert, nicht etwa in und in Bedeutungslosigkeit versunken, sondern hatte stetig an Einfluss gewonnen; in Deutschland kam ihre große Zeit wenige Jahre nach der 9/11-Zeitenwende, als ausgerechnet unter Angela Merkel die linke Transformationsagenda und das autoritäre Regiment der sozialistischen Alternativlosigkeit das gesamte Land durchsetzten. Beides, importierter Islam und deutschlandhassendes Juste Milieu der Wohlstandslinken, führten zur Entstellung Deutschlands bis zur Unkenntlichkeit, wie wir es heute fassungslos erleben.

Doch schon vor dem Terror vom 11. September war Deutschland als Rückzugsgebiet für islamistische Schläfer so geschätzt gewesen, dass nicht von ungefähr die Harburger Terrorzelle um Mohammed Atta, die Verantwortlichen des Anschlags, hier – unter der untätigen Blindheit des damaligen SPD-Innensenators Olaf Scholz – unbehelligt ihre Vorbereitungen treffen konnte. Und heute, 25 Jahre später, sind wird in diesem Deutschland schließlich so weit, dass 25 Jahre nach 9/11 kein Wort mehr über die unschuldigen Opfer – darunter auch 11 deutsche – von damals verloren wird; stattdessen werden die Muslime zu den wahren Opfern und Leidtragenden erhoben. Die “taz“ – man beachte auch die Autorennamen der betreffenden Ergüsse – mag hierfür beispielhaft stehen:



Die “Tagesschau“ fühlte sich – sogar per Push-Nachricht – zum 25. Jahrestag des Massenmords von New York, Washington und Shanksville zu folgendem Hinweis bemüßigt:



Bereits am Dienstag dieser Woche war alles, was dem ebenfalls zur ARD-Familie gehörenden “Südwestrundfunk“ zum Jahrestag des bestialischsten Terrors einfiel, ein Interview mit der woken Trierer “Historikerin“ Christin Hansen, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Neueste Geschichte der Uni Trier, geführt, die sich unter anderem mit “historischer Stereotypenforschung” befasst, inklusive – na was wohl –“Islamophobie, Islamfeindlichkeit und antimuslimischem Rassismus”. Durchschaubarer einziger Zweck des Gesprächs: Ebenfalls Muslime zu den eigentlichen Leidtragenden des Anschlags zu machen.

Man muss diese propagandistische Hirnwäsche und seine Zumutungen bereits jahrein, jahraus unfreiwillig ertragen, und wenigstens diesem Jahrestag wollte man diesen ideologischen Rotz von Steigbügelhaltern der Islamisierung eigentlich nicht vorgesetzt bekommen, sollten sich die unsäglichen Relativierer und Umdeuter einmal zurückhalten. Von wegen:Sie taten es, wie befürchtet, natürlich nicht. Zynische und nachgerade menschenverachtende Aussagen, die bei emphatischen und mitfühlenden Menschen damals, vor 25 Jahren, Unverständnis, Zorn oder sogar das Bedürfnis nach Lynchjustiz ausgelöst hätten (und zu Recht auf eine Stufe gestellt worden wären mit Mitleidsbekundungen oder “Verständnis“ für KZ-Wärter und andere Vollstrecker des Holocausts) werden einer zur ultimativen Selbstverachtung erzogenen Öffentlichkeit von einem moralisch verwahrlosten akademischen Linksmilieu heute mit der größten Selbstverständlichkeit aufgetischt, die für diese Verhöhnung jeglichen Normalempfindens und jeden Realitätssinns auch noch mit Zwangsgebühren zahlen muss.

Victim Blaming auch beim 7. Oktober hoch im Kurs

Gleichzeitig wird nicht der geringste Anstoß daran genommen, wenn der Terroranschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023 – das schlimmste Massaker an Juden seit 1945 – von einemehemaligen zwangsgebührenalimentierten RBB-“Journalisten“ Malcom Ohanve in menschenverachtendem Zynismus als indirekte Schuld der Ermordeten selbst dargestellt wird – weil diese, so wörtlich, “in der Nähe eines Kriegsgebietes gefeiert“ hätten. Sinngemäß, meint Ohanve allen Ernstes, seien jungen Leute auf den Nova-Festival seien nicht als Juden getötet worden, sondern als Israelis – und dass sie sich ja des “Kolonialismus” schuldig gemacht hatten. Auch für solche Äußerungen wäre man vor 25 Jahren zu recht öffentlich geächtet worden. Heute sind sie salonfähig, kommen sie doch von einem Hetzer mit seinerseits palästinensischem Migrationshintergrund und somit Opfer-Abonnement – in einem Land, wo die Hamas-Opferpropaganda inzwischen Universitätskanon und parlamentarischer Konsens ist. Als damals, kurz nach dem Einsturz der Türme, in Ost-Jersulem und anderswo palästinensische Männer, Frauen, Kinder mit Freudentränen den Tod von tausenden Zivilisten in den USA bejubelten (ein Bild, das sich in der Berliner Sonnenallee nach dem 7. Oktober 2003 wiederholen sollte), wurde der generische unversöhnliche Hass dieses erfundenen Volkes auf die “Zionisten“ und ihre US-Verbündeten vor aller Welt in all seiner widerwärtigen Hemmungslosigkeit sichtbar und erregte Abscheu; heute sind “Völkermord“-Lügenmärchen und Geschichtslegenden salonfähig geworden.

Überall dort, wo die Islamisierung voranschreitet und die muslimische Zuwanderung ihre “kulturbereichernde“ Wirkung entfaltet, entstehen neue “Wahrheiten“ und kontrafaktische “Neubewertungen”, wird der zivilisatorische Konsens aufgekündigt, und werden – angereichert durch linkswoke Ideologien und moralische Schuldkeulen – Täter in Opfer verwandelt. Auch in den USA, wo in den letzten Jahren die Zahl der Muslime als Folge der Biden’schen Willkommenspolitik durch die Decke ging und, als wohl sinnfälligstes Indiz des kulturellen Shifts seit 2001, mit Zoran Mamdani ein lupenreiner Islamist als New Yorker Bürgermeister den Schauplatz des damaligen Horrors regiert, machen sich die Folgen dieser Entwicklung zunehmend bemerkbar. Mamdanis Verhalten anlässlich der Gedenkfeierlichkeiten war denn auch an Unwürdigkeit, Schandbarkeit und Taktlosigkeit nicht mehr zu überbieten.

Mamdani verhöhnt die Opfer

Bereits nach seiner Wahl war alles, was ihm zu 9/11 einfiel, dieses Statement gewesen: „Ich möchte an meine Tante erinnern, die nach dem 11. September nicht mehr mit der U-Bahn fuhr, weil sie sich mit ihrem Hijab nicht mehr sicher fühlte.” Dass Zehntausende New Yorker sich an Verwandte zurückerinnern müssen, die in den Türmen des World Trade Centers verbrannten, war es dem “islamic mayor“ nicht einmal wert erwähnt zu werden. So war es auch wenig überraschend, dass Mamdani gestern, als im Rahmen einer der mittlerweile heiligsten nationalen Zeremonien der USA die Namen der fast 3.000 Toten am einstigen Ground Zero verlesen wurden, Mamdami durch respektloses Gefeixe und Gelache mit einer demokratischen Kollegin auffiel.

Dass sich der amerikanische (und westliche) Geist der Freiheit – noch jedenfalls – gegen die Mächte der Finsternis, Verstellung und Vernichtung behauptet, versinnbildlichte die eindrucksvolle gestrige Lichtinstallation, bei der durch 2.996 Drohnen – für jedes Opfer eine – die Umrisse von Nord- und Südturm des Word Trade Centers nachbildeten und sie 25 Jahre nach ihrer Zerstörung im New Yorker Nachthimmel wiederauferstehen ließ.





Montag, 7. September 2026

Wenn alle Sicherungen durchknallen

von Alexander Schwarz

Auch Dieter Hallervorden blickt reichlich bedripst aus der Wäsche nach dem AfD-Kantersieg



Mit 43,8 Prozent laut vorläufigem amtlichen Endergebnis übertrifft der Wahltriumph der AfD in Sachsen-Anhalt alle Erwartungen – und versetzt das politisch-mediale Kartell in eine Mischung aus Schockstarre und Hysterie, mit gleichwohl reflexhaften weiteren Hassparolen gegen die AfD: Dirk Kurbjuweit, der Chefredakteur des „Spiegel“ (der mit seinem haarsträubend-lächerlichen und völlig inhaltsleeren Versuch, den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund zum „gefährlichsten Mann Deutschlands“ zu erklären, eine der peinlichsten Medienpleiten der bundesdeutschen Geschichte einfuhr und Siegmund damit vermutlich etliche weitere Stimmen zutrieb), reagierte schon kurz nach den ersten Hochrechnungen auf die einzige ihm und seiner Blase mögliche Weise – nämlich, indem er einfach nochmals den Unsinn abspulte, mit dem sich sein der Realität vollends entrücktes Milieu seine Lebenslügen zusammenkonstruiert. „Was sich als Erstes einstellt, ist Entsetzen“, so der “Journalist“ Kurbjuweit – dem man diese Bestürzung auch durchaus abkauft, da seine berufliche Selbstdefinition auf der Attitüde der hypermoralischen Haltungsrecken basiert. Was folgt, ist die übliche Litanei aus Lügen und Fehleinschätzungen, die als Folge der eigenen Wahnvorstellungen subjektive Gewissheit erlangt haben: „Dass das möglich ist in Deutschland, gut achtzig Jahre nach der Diktatur der Nationalsozialisten, die für den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust und andere Horrortaten verantwortlich sind. Dass im Jahr 2026 eine Partei, die keine scharfe Trennlinie zu Nazideutschland ziehen will, eine Wahl haushoch gewinnt“, empört er sich. So redet nur, wer sich zu lange selbst zugehört hat

Erschreckend sei, „dass sich mehr als 40 Prozent der Wähler von offenkundigem Rechtsextremismus nicht abschrecken lassen. Dass sie diese Ausrichtung entweder begrüßen oder in Kauf nehmen, weil sie sich von der AfD eine bessere Politik versprechen, auch ein besseres Leben für sich selbst, obwohl die AfD dafür kein realistisches Angebot hat. Fakten spielen für viele Menschen kaum noch eine Rolle.“ Das kommt ausgerechnet vom Chef eines Magazins, das sich schon vor Jahren von jeder faktenbasierten Berichterstattung verabschiedet hat und nur noch links-woke Postille im Dienste des Staates fungiert. „Das Ende der liberalen Demokratie in der Bundesrepublik wird denkbar“, fabuliert Kurbjuweit weiter – als sei diese liberale Demokratie in Wahrheit hierzulande nicht schon längst von den Kräften zerstört worden, als deren Propagandisten sich der „Spiegel“ samt Rest der Mainstream-Journaille hergeben. Ob bei Corona, den katastrophalen Folgen des Migrations- und Klimawahns, dem Ukraine-Krieg oder Donald Trump: Überall singen die einst seriösen und namhaften Medien das hohe Lied der regierungstreuen Agendapolitik und wollen das in ihren Augen unmündige Volk zu Gehorsam und der richtigen Gesinnung erziehen.

Honig im Kopf: CDU plus Linke

In der Wahl-Sondersendung von Maybritt Illner im ZDF, das noch am Tag vor der Wahl von irren “Omas gegen Rechts“ umkommentiert die geisteskranke These verbreiten ließ, im Falle eines AfD-Sieges würden wieder Juden deportiert, eierte Unions-Fraktionschef Thorsten Frei unbeholfen herum und zog sich wieder einmal auf den Unvereinbarkeitsbeschluss der CDU mit der AfD von 2018 zurück. Er verwies zudem auf die Landesverfassung von Sachsen-Anhalt, die festlegt, dass ein amtierender Ministerpräsident so lange weiterregiert, bis ein neuer gewählt ist. Soll heißen: Frei würde also den desaströs gescheiterten CDU-Mann Sven Schulze, der noch knapp über 17 Prozent kam und – ob nun auf eigenes Verschulden oder durch “tatkräftige” Hilfe von Merz – mehr als die Hälfte der CDU-Wähler vertrieben hat, am liebsten einfach weiterwurschteln lassen – obwohl Schulze am Wahlabend angesichts des Wahlergebnisses überaus nachdenklich gewirkt hatte und das Wahlergebnis als demokratisches Votum anerkannte, wobei er erstmals eine merkliche Distanz gegenüber der eigenen Brandmauerpolitik durchblicken ließ.

Das zugeschaltete Komiker-Fossil Dieter Hallervorden, das – ganz offensichtlich wenig erfolgreich – Wahlkampf für die CDU gemacht hatte, forderte nun, die Union müsse zwingend den Unvereinbarkeitsbeschluss mit der Linken überdenken. Dieser sei „absolut antiquiert“, da es sich nicht mehr um die PDS der 1990er Jahre handele. Die Verzweiflungslogik des fehlgeleiteten neunzigjährigen „Honig im Kopf“-Stars: Wenn die Union überhaupt noch eine Chance haben wolle, eine Regierung zu bilden, müsse sie dies mit den Linken tun. Wie dies indes zwei Parteien gelingen soll, die zusammen auf 26 Prozent kommen, führte der offensichtlich von allen guten Geistern verlassene Hallervorden nicht aus. Die Kommunisten sind die mit weitem Abstand radikalste Partei des Landes, die als einzige real verfassungsfeindliche sozialistische Positionen vertreten. Außerdem ist die Linke eine Brutstätte des Antisemitismus – was dem Israel-Hasser Hallervorden, der mit seinen zum Fremdschämen peinlichen Wahlkampfauftritten endgültig bewiesen hat, dass er zu seiner eigenen Karikatur geworden ist, natürlich runtergeht wie Öl.

Einfältiges Geschwafel der Künstlerblase

Der sächsische CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer erwies sich wieder einmal als “Musterdemokrat” erster Güte voller Respekt für den Souverän – und bezeichnete die Wahl in Sachsen-Anhalt als „geschichtlichen Unfall“. Er tat zudem seine Ansicht kund, dass man Sachsen-Anhalt besser zwischen anderen Bundesländern aufgeteilt hätte; auch das eine Art der CDU, mit unliebsamen Wahlergebnissen umzugehen, die auch noch auf ihr Versagen zurückzuführen sind. SPD-Greis Wolfgang Thierse klagte, „Wir“ seien “damals” (er meinte 1989) “für Freiheit und Meinungsfreiheit auf die Straße gegangen. Aber das haben ‚wir‘ nicht gewollt.” Dass das Volk seinen Willen in freien Wahlen äußere, hätten Thierse und Co. also nicht gewollt, hielt ihm die AfD-Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch süffisant entgegen. Auch nach dem gestrigen Wahlabend setzten die üblichen Verdächtigen ihre Verbotsagitation munter fort: Vor der Landesvertretung in Sachsen-Anhalt in Berlin riefen einige versprengte Linke nach einem AfD-Verbot. Darunter befand sich auch die Grüne Bettina Jarasch, die im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt.

Der AfD-Triumph war auch und gerade eine schallende Ohrfeige für all die Schauspieler, Sänger und anderen Haltungskünstler, die seit Wochen und Monaten einen Appell und einen Auftritt nach dem anderen absolvierten, um den Bürgern einzuhämmern, was sie gefälligst (nicht) zu wählen haben – nämlich die einzige reale Opposition im Land. Diese Woche hatte die 80er-Jahre Band Alphaville die Schlagzeilen beherrscht, weil sie sich weigerte, bei ihrem Auftritt auf dem „Glücksgefühl“-Festival am Hockenheimring auf ihre Anti-AfD-Tiraden zu verzichten und deshalb vom Veranstalter zuerst aus- und dann feigerweise wieder eingeladen wurde. Mallorca-Sängerin und Ex-Erotik-Trashstar Mia Julia unterbrach ihre Darbietung bei dem Festival für zehn Minuten, um zu enthüllen, dass sie seit 2017 von „Nazis“ bedroht werde – was natürlich ebenfalls als absurde Warnung vor der AfD zu verstehen war. Andere, wie etwa die toteste aller Hosen Campino, Herbert Grönemeyer oder Hape Kerkeling, hatten schon das ganze Jahr über ihr einfältiges Geschwafel gegen die AfD abgesondert.

Die Menschen haben genug

Besonders abstoßend war eine Einlassung des Schauspielers Hannes Jaenicke (nach dem zu Recht kein Hahn mehr kräht): Er hatte vorgeschlagen, die AfD solle den Männern in Sachsen-Anhalt Leihmutterschaften finanzieren, da die Frauen „aus verständlichen Gründen“ weggezogen seien und das Bundesland vom Aussterben bedroht sei. Geschmacklose Bemerkungen wie diese mögen in einer dekadenten Künstlerblase ankommen, doch angesichts einer derartigen Dauerbeschallung mit dem hanebüchensten Unsinn ist es kein Wunder, dass die AfD bei immer mehr Bevölkerungsgruppen das Meinungsbild anführt. Die Menschen haben endgültig genug von einer dummdreisten und arroganten Bevormundung durch abgehobene, realitätsvergessene und weltfremde “Eliten“, die sich mit der Attitüde des Besserwissers und Durchblickenden über die realen Probleme im Land erheben.

Der gestrige Tag verschaffte Sachsen-Anhalt eine globale Aufmerksamkeit, die das kleine Land noch nie hatte. Die gesamte Weltpresse berichtete über die Landtagswahl in einem vergleichsweise bevölkerungsschwachen Bundesland. Egal ob “Al Jazeera”, die „New York Times“, CNN oder “Le Monde”: überall nahmen die Meldungen und Einschätzungen des Wahlergebnisses breiten und prominenten Raum ein. Selbst US-Präsident Donald Trump postete eine Hochrechnung. Die Resonanz spiegelt die quälende Erwartung und Hoffnung der gesamten westlichen Welt und insbesondere vieler bürgerlicher Kräfte in der gesamten EU wider, dass Deutschland endlich zur Besinnung kommen und hier wieder Politiker mit Verstand und Verantwortung regieren mögen. „Bild“- und „Welt“-Kolumnist Harald Martenstein brachte die Essenz der politischen Entwicklung in Deutschland auf den Punkt: „Selbst, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt noch einmal scheitert: Sie wird, falls sich nichts ändert, früher oder später regieren. So, wie bald in fast ganz Europa Rechte regieren“.


Samstag, 5. September 2026

Falsche Rechnungen mit Wind und Atom: Programmbeschwerde gegen den NDR

von Thomas Hartung

Testbohrungen in der Baltischen See bei Lubiatowo-Kopalino, dem Standort des polnischen AKW-Großprojekts



Es gibt journalistische Fehler, die sich in einer falschen Zahl erschöpfen. Und es gibt Fehler, bei denen jede einzelne Zahl stimmen kann und dennoch am Ende eine falsche Geschichte steht. Letztere sind interessanter, weil die Desinformation durch Auswahl, Anordnung und Bezugsgröße geformt wird – durch jene unscheinbaren Techniken also, mit denen aus Fakten ein Narrativ gezimmert wird. Ein lehrreiches Beispiel liefert derzeit der “Norddeutsche Rundfunk“ (NDR): Er berichtete über das erste polnische Kernkraftwerk, das in Lubiatowo-Kopalino an der Ostseeküste entstehen soll. Drei AP1000-Reaktoren des US-Unternehmens Westinghouse mit zusammen 3.750 Megawatt Leistung sind dort vorgesehen. Der NDR beziffert die Investition auf rund 45 Milliarden Euro und bezeichnet sie als größte Einzelinvestition Polens seit 1989.

Dann aber entdeckt der Reporter gewissermaßen das Gegenargument am Horizont: Fast in Sichtweite entsteht der Offshore-Windpark Baltic Power mit 76 Turbinen und 1.140 Megawatt installierter Leistung. Diese entspreche ungefähr der Leistung eines Reaktors des geplanten Kernkraftwerks. Bauzeit des Windparks: drei Jahre. Kosten: rund fünf Milliarden Euro. Bauzeit des Kernkraftwerks: zehn Jahre. Kosten: 45 Milliarden.

Man muss kein Energieökonom sein, um zu verstehen, welche Botschaft diese Gegenüberstellung transportieren soll: Hier die moderne, schnelle und billige Windkraft, dort der schwerfällige und teure Atomkoloss. Fünf gegen 45 Milliarden. Drei gegen zehn Jahre. Gestern gegen morgen. Wer wollte da noch für Kernenergie sein?

Ein Reaktor kostet plötzlich so viel wie drei

Bloß hat die Rechnung einen Schönheitsfehler, genauer gesagt: gleich mehrere. So groß ist die Irreführung der NDR-Berichterstattung, dass der Verein Nuklearia deshalb nun eine Programmbeschwerde gegen den NDR eingereicht hat. Der zentraler Einwand ist verblüffend einfach: Der Sender vergleiche beim Leistungswert den Windpark mit einem einzigen der drei geplanten Reaktoren, bei den Kosten jedoch denselben Windpark mit der Gesamtinvestition mit dem gesamten Kraftwerk, das nicht aus einem, sondern aus drei Reaktoren besteht. Die Vergleichsbasis wird also mitten in der Rechnung gewechselt. Das ist ungefähr so, als würde ein Automagazin feststellen, ein Kleinwagen könne ebenfalls fünf Personen befördern und koste nur 25.000 Euro, eine Flotte aus drei Reisebussen dagegen koste 900.000 Euro – und anschließend ausrufen, der Kleinwagen erledige dieselbe Transportaufgabe für einen Bruchteil des Preises.

Aber selbst die rechnerische Korrektur dieses Fehlers reicht nicht, um die Falschdarstellung des NDR zu heilen. Denn: 1.140 Megawatt Windkraft und rund 1.250 Megawatt Kernkraft sind energiewirtschaftlich keineswegs dasselbe. In Megawatt gemessen wird zunächst einmal die theoretische installierte Nennleistung. Entscheidend für die Versorgung ist jedoch, wieviel elektrische Arbeit eine Anlage über das Jahr tatsächlich erzeugt. Ein Windpark liefert seine Nennleistung nur bei entsprechenden Windverhältnissen; ein Kernkraftwerk produziert dagegen über lange Zeiträume nahezu kontinuierlich.

Keine seriöse Gegenüberstellung

Nuklearia rechnet deshalb seriöser und realistischer – und zwar mit den erwarteten Jahresstrommengen. Und da sehen die Größenverhältnisse ganz anders aus: Baltic Power soll demnach bis zu vier Terawattstunden jährlich erzeugen, das vollständige Kernkraftwerk etwa 26 Terawattstunden. Um dessen Jahresproduktion zu erreichen, wären also ungefähr sechseinhalb Windparks der Größe von Baltic Power erforderlich. Legt man die vom NDR genannten fünf Milliarden Euro zugrunde, landet man bereits bei 32,5 Milliarden Euro – und nicht bei fünf.

Hinzu kommt die Lebensdauer. Das Kernkraftwerk ist für etwa 60 Jahre Betrieb ausgelegt, der Windpark nach der Rechnung von Nuklearia für maximal rund 30. Für denselben Zeitraum müßte die Windkraftkapazität also mindestens einmal ersetzt werden. Der Verein kommt damit in seiner vereinfachten Investitionsrechnung auf 65 Milliarden Euro gegenüber 45 Milliarden für das Kernkraftwerk. Netzausbau, Speicher und gesicherte Reserveleistung sind dabei noch nicht berücksichtigt. Natürlich ist auch das keine vollständige volkswirtschaftliche Rechnung. Hinzu kommt, dass Nuklearia ein pro-nuklearer Interessenverein ist. Eine umfassende Kalkulation müsste Finanzierungskosten, Betrieb, Brennstoff, Rückbau, Netzanschlüsse, mögliche Kostenüberschreitungen und zahlreiche weitere Faktoren auf beiden Seiten einbeziehen. Doch genau das bietet die NDR-Kritik eben nicht nicht. Eine seriöse Gegenüberstellung müsste zumindest dieselben Bezugsgrößen verwenden. Auch das tut der NDR nicht.

Journalismus durch Montage

Hier zeigt sich eine der subtilsten Formen moderner Medienwirkung: Niemand muss lügen; man muss nur richtig auswählen. Die Halbwahrheit ist formal keine Lüge, doch mehrere Halbwahrheiten können durchaus lügen. 45 Milliarden Euro sind tatsächlich sehr viel Geld. Fünf Milliarden sind erheblich weniger. Zehn Jahre sind länger als drei. 1.140 Megawatt liegen tatsächlich ungefähr in der Größenordnung eines AP1000-Reaktors. Jede einzelne Information kann für sich betrachtet stimmen; erst ihre Montage erzeugt den falschen Eindruck. Das ist journalistisch deshalb bemerkenswert, weil öffentlich-rechtliche Medien so gerne den Begriff „Einordnung“ verwenden.

Nachrichten sollen nicht bloß Fakten liefern, sondern Zusammenhänge erklären. Doch “Einordnung” kann ebenso Aufklärung wie Verzerrung bedeuten. Wer Äpfel neben Birnen legt und anschließend die Kilopreise vergleicht, hat schließlich ebenfalls „eingeordnet“. Beim Thema Energie hat diese meinungsmanipulative Technik in Deutschland eine lange Tradition. Kernkraft erscheint bevorzugt als singuläres Großprojekt mit vollständig sichtbaren Kosten. Wind- und Solarenergie erscheinen dagegen als einzelne Anlagen, deren systemische Voraussetzungen weitgehend außerhalb des Bildes bleiben. Beim Kernkraftwerk gehören Reaktor, Sicherheitssysteme, Gebäude und Rückbau gedanklich zur Technologie. Beim Windrad verschwinden Reserveleistung, Speicherbedarf, Redispatch und zusätzliche Netze gern im allgemeinen Stromsystem. So entsteht eine asymmetrische Buchführung. Der konventionelle Kraftwerksblock muss seine Rechnung allein bezahlen; die volatile Energie darf einen Teil ihrer Rechnung an das Gesamtsystem weiterreichen.

Polen hat die deutsche Lektion anders verstanden

Das eigentlich Interessante an der polnischen Entscheidung ist jedoch politischer Natur: Polen steht grundsätzlich vor demselben Problem, das auch Deutschland lösen will: der Dekarbonisierung seiner Energieversorgung. Noch immer stammt ein erheblicher Teil des polnischen Stroms aus Kohle. Warschau setzt deshalb nicht ausschließlich auf Wind und Sonne, sondern will Kernenergie als verlässlichen Baustein eines neuen Energiesystems etablieren. Damit zieht Polen aus ähnlichen Herausforderungen nahezu die gegenteilige Konsequenz wie Deutschland. Deutschland schaltete seine letzten Kernkraftwerke 2023 ab. Polen baut sein erstes. Deutschland erklärt Kernenergie zum technologischen Auslaufmodell. Polen erkennt es als Zukunftstechnologie investiert Milliarden in eine nukleare Infrastruktur. Deutschland möchte Kohle und Kernkraft überwinden und setzt langfristig auf erneuerbare Energien, Netze, Speicher und regelbare Reservekapazitäten; Polen betrachtet Kernenergie gerade als Mittel, um seine Abhängigkeit von Kohle zu reduzieren.

Damit wird Polen zum unangenehmen Nachbarn. Nicht weil dort Kernreaktoren entstehen, sondern weil ihre bloße Existenz den deutschen Sonderweg relativiert. Politische Sonderwege funktionieren am besten, solange sie sich als Avantgarde erzählen lassen. Wer einen anderen Weg geht, darf deshalb nicht nur einfach anders entschieden haben; er muss als rückständig, teuer, gefährlich oder technisch naiv gefragt werden. Jahrelang ließ sich diese Hierarchie bequem aufrechterhalten: Deutschland war das Land der „Energiewende“, das die Fackel des grünen Fortschritts in eine glorreiche Zukunft voranträgt, andere Staaten “brauchten noch etwas“ zur Erkenntnis und mussten vermeintlich nur noch aufholen.

Naturgesetzliche Endstufe technologischer Vernunft?

Diese deutsche Mission ist zur Wahnvorstellung geworden; keiner will Deutschland mit seinen inzwischen welthöchsten Strompreisen und wirtschaftszerstörerischen Klimamaßnahmen folgen. Inzwischen setzen zahlreiche europäische Länder voll auf Kernkraft oder planen neue Reaktoren. Selbst die Europäische Union hat Kernenergie unter bestimmten Voraussetzungen in ihre Taxonomie für “nachhaltige Investitionen” aufgenommen. Je mehr europäische Staaten Kernenergie nicht als Vergangenheit, sondern als Bestandteil ihrer Zukunft betrachten, desto schwieriger wird es, den deutschen Ausstieg als naturgesetzliche Endstufe technologischer Vernunft zu präsentieren. Und deshalb besitzt die NDR-Geschichte ihre eigentümliche Dramaturgie. Da ist zunächst die große Rodungsfläche im Küstenwald: Eine Anwohnerin steht fassungslos am Baustellenzaun. Verwiesen wird auf Kostensteigerungen bei französischen und britischen Kernkraftprojekten.

Der Bericht erwähnt zwar auch Befürworter, etabliert aber früh die bekannte Assoziationskette: Naturzerstörung – gigantische Baustelle – gigantische Kosten. Dann erscheint am Horizont die Windkraft wie ein fortschrittlicher, sauberer, nachhaltiger Erlöser. Und plötzlich ist die Welt wieder übersichtlich. So wie die geistigen Innenwelten öffentlich-rechtlicher Journalisten. Gerade die ökologische Bildsprache verdient hierbei Aufmerksamkeit: Hunderte Fußballfelder gerodeter Küstenwald sind anschaulich. Jeder Leser sieht die kahle Fläche bildlich vor sich. Der Flächenbedarf einer äquivalenten Windstromproduktion bleibt hingegen abstrakt.

Die merkwürdige Unsichtbarkeit der Fläche

Dabei ist auch Windenergie nicht flächenlos; Offshore-Windparks benötigen Meeresflächen, Fundamente, Seekabel und Netzanschlüsse. Onshore-Anlagen brauchen Zufahrtswege, Fundamente und Leitungen. Jede Form großtechnischer Energieerzeugung greift in Räume, Landschaften und Ökosysteme ein.
Doch die Wahrnehmung ist asymmetrisch. Beim Kernkraftwerk wird der Eingriff der Technologie zugerechnet, bei erneuerbaren Energien gilt er häufig als unvermeidliche Begleiterscheinung eines höheren ökologischen Ziels. Darin steckt bereits eine moralische Vorentscheidung.

Der tiefere deutsche Irrtum besteht darin, Energiepolitik zunehmend als Gesinnungsfrage zu behandeln. Technologien erhalten moralische Eigenschaften. Wind ist „sauber“ – Atom „gefährlich“. Kohle ist „schmutzig“, Sonne „erneuerbar“. Aus technischen Systemen werden Charaktertypen: Gute Energie versus böse Energie. Doch ein Stromnetz kennt keine Moral. Es kennt Frequenz, Spannung, Leistung und Arbeit. Es muss in jeder Sekunde Gleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch herstellen. Ihm ist gleichgültig, welche Energiequelle ein Politiker sympathisch findet. Genau hier beginnt die Bedeutung der Systemkosten. Ein Kraftwerk ist nicht allein danach zu beurteilen, was seine Kilowattstunde am Werkstor kostet. Entscheidend ist auch, welchen Beitrag es zu einem funktionierenden Gesamtsystem leistet und welche zusätzlichen Einrichtungen erforderlich sind, um seine Eigenschaften auszugleichen.
Eine wetterabhängige Energiequelle besitzt andere Qualitäten als eine steuerbare. Das ist kein Argument gegen Windkraft. Es ist ein Argument gegen den Taschenspielertrick, beide so zu behandeln, als seien installierte Megawatt unabhängig von ihrer Verfügbarkeit identische Waren.

Die “Energiewende” als journalistischer Normalzustand

Wer 1.140 Megawatt Offshore-Wind neben rund 1.250 Megawatt harte Reaktorleistung stellt, muss deshalb erklären, dass Leistung nicht Produktion und Produktion wiederum nicht Versorgungssicherheit bedeutet. Tut er das nicht, wird aus Vereinfachung Verzerrung. Über Jahrzehnte hat sich die sogenannte deutsche “Energiewende” vom politischen Projekt zum journalistischen Normalzustand entwickelt. Ihre Zielrichtung wird häufig nicht mehr als eine politische Option unter mehreren behandelt, sondern als Bezugsrahmen, innerhalb dessen nur noch über Geschwindigkeit und Umsetzung gestritten wird. Dadurch verschiebt sich die Beweislast; Der Kernkraftbefürworter muss sich rechtfertigen,, warum er eine abgeschaffte Technologie zurückhaben will. Der Befürworter eines weitgehend erneuerbaren Systems muss dagegen nicht grundsätzlich erklären, wie dessen wetterabhängige Erzeugung jederzeit mit Verbrauch, Netzstabilität und industriellem Bedarf zusammengebracht werden soll. Er diskutiert nur noch darüber, wie schnell Speicher und Netze gebaut werden müssen.

Polen stört dieses Arrangement, weil es die Grundsatzfrage wieder öffnet: Was, wenn ein europäisches Industrieland nach Abwägung ähnlicher Probleme zu einem anderen Ergebnis kommt? Was, wenn Warschau nicht trotz Klimapolitik Kernkraftwerke baut, sondern gerade wegen Dekarbonisierung, Versorgungssicherheit und industriellem Energiebedarf? Dann müsste deutscher Journalismus nicht mehr den Polen erklären, warum Kernenergie falsch ist – sondern es müsste Deutschland erklären, warum der eigene Weg der richtige sein soll.

Wo findet hier das eigentliche Experiment statt?

Die Frage, wer hier eigentlich “experimentiert“, ist die größte Pointe der Geschichte. Im deutschen Diskurs erscheint Polen als das Land, das sich auf ein gewaltiges nukleares Experiment einläßt. Man kann die Perspektive aber ebenso gut umkehren: Ein hochindustrialisiertes Land schaltet funktionierende Kernkraftwerke ab, will zugleich aus der Kohleverstromung aussteigen, elektrifiziert Verkehr und Wärmeversorgung, erwartet zusätzlichen Strombedarf durch Digitalisierung, Rechenzentren und industrielle Transformation und möchte dieses System wesentlich auf wetterabhängige Erzeugung stützen. Welches Land führt hier das größere Experiment durch? Polen kauft Reaktoren eines existierenden Typs. Deutschland versucht dagegen ein Stromsystem aufzubauen, für das gewaltige zusätzliche Netze, Speicher und flexible Erzeugungskapazitäten erforderlich sein werden.

Das kann theoretisch funktionieren, auch wenn die bisherigen Resultate, freundlich gesagt, eher skeptisch stimmen. Intellektuelle Redlichkeit würde aber zumindest verlangen, es ebenfalls als technologisch, ökonomisch und infrastrukturell anspruchsvolles Großprojekt mit Risiken und Kosten zu betrachten. Ausgerechnet jene Skepsis, mit der deutsche Medien auf ausländische Kernkraftprojekte blicken, wäre – weitaus schlüssiger und angebrachter – auch und gerade gegenüber der eigenen “Energiewende” angebracht. So gesehen, betrifft die Programmbeschwerde von Nuklearia gegen den NDR am Ende weit mehr als nur eine fragwürdige Rechnung. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Windkraft schlecht und Kernenergie gut ist; das wäre nur die spiegelbildliche Vereinfachung desselben Denkfehlers. Die Frage lautet, ob ein öffentlich finanzierter Sender beide Technologien nach denselben Maßstäben vergleicht.

Sonderweg einer bestimmten politischen Epoche

Nochmals: Wenn Kosten verglichen werden, müssen vergleichbare Strommengen und Betriebszeiten betrachtet werden. Wenn Leistung verglichen wird, muss zwischen Nennleistung und tatsächlicher Jahresproduktion unterschieden werden. Wenn Umweltfolgen thematisiert werden, gehören sie auf beide Seiten der Bilanz. Und wenn Großprojekte wegen möglicher Kostensteigerungen kritisiert werden, dürfen die systemischen Kosten des Alternativmodells nicht einfach aus dem Bild fallen. Das wäre keine “Pro-Atom-Berichterstattung”; es wäre schlicht Journalismus. Vielleicht wird Polen in zwanzig Jahren feststellen, dass sein Kernkraftprogramm teurer wurde als geplant. Vielleicht verzögern sich die Reaktoren. Vielleicht werden heutige Annahmen widerlegt. All das ist möglich und gehört in eine kritische Berichterstattung.

Aber ebenso möglich ist etwas, das im deutschen Energiediskurs schwerer auszusprechen scheint: dass Polen eine strategische Entscheidung getroffen hat, deren Rationalität sich erst in Jahrzehnten vollständig zeigen wird – und dass der deutsche Atomausstieg eines Tages weniger als Beginn einer europäischen Zukunft denn als Sonderweg einer bestimmten politischen Epoche betrachtet werden könnte. Dann würde der NDR-Vergleich von 2026 rückblickend beinahe symbolisch wirken: Ein Land baut drei Reaktoren für Jahrzehnte, und sein deutscher Nachbar schaut hinüber und sieht vor allem einen Windpark, der schneller fertig ist. Manchmal besteht Provinzialismus nicht darin, die Welt nicht zu sehen. Sondern darin, sie nur durch die ideologische Brille der eigenen “Energiewende” zu betrachten.