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Mittwoch, 6. Mai 2026

Irans historischer Fehler: Warum Trump Lob statt Schelte verdient

von Peter Pilz

Als Folge der iranischen Blockade und Erpressung künftiges Absinken in die Bedeutungslosigkeit aufgrund alternativer Handelsrouten: Straße von Hormus



Carl von Clausewitz schrieb, dass Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei. Präsident Trump verstand das von Anfang an: Die Operation “Epic Fury” dient dazu, Irans nuklearen Vormarsch zu stoppen und die Abschreckung wiederherzustellen – nicht um der vertrauten neokonservativen Phantasie von Besatzung und Nationenbildung nachzujagen. Epic Fury ist Frieden durch Stärke in Aktion: Eine glaubwürdige Kraft, die entschieden eingesetzt wird, wenn Gegner Zurückhaltung für Schwäche halten.

Indem Iran die Straße von Hormus zur Waffe machte, beging es einen strategischen Fehlschlag von historischen Ausmaßen. Teheran wollte Amerika bestrafen. Stattdessen legte es jede Macht offen, die auf importierter Energie, verwundbaren Seewegen und der Illusion aufgebaut ist, dass die Globalisierung die Geografie aufgehoben habe. China ist exponiert. Europa ist exponiert. Großbritannien ist exponiert. Iran hat eine Welt geschaffen, in der harte Ressourcenmacht die Ergebnisse bestimmt. Beginnen wir mit China. Beijings industrielle Maschinerie hängt von importiertem Öl und Gas ab, das durch verwundbare maritime Engpässe transportiert wird, das alte Malakka-Dilemma in moderner Form. Eine Großmacht, die auf langen, exponierten Seewegen angewiesen ist, kann nicht sicher sein, unabhängig von ihrer wirtschaftlichen Größe. Der Hormus-Schock zwang China, nach Alternativen zu suchen, und bewies, dass Größe keine Widerstandsfähigkeit ist.

Handeln statt dozieren

Europa und Großbritannien stehen vor demselben Problem. Nachdem sie die Abhängigkeit von Russland abgeschüttelt hatten, tauschten sie eine Verwundbarkeit gegen eine andere ein, indem sie sich auf importiertes LNG und maritime Ströme stützten, die Erpressung ausgesetzt sind. Wenn Engpässe sich verengen, absorbieren sie Schocks, anstatt Stärke zu projizieren. Europäische Kritik sagt weniger über amerikanisches Versagen aus als über das Unbehagen mit einer Welt, in der harte Macht noch zählt.

Irans Fehler war es zu verkennen, dass eine Blockade der Straße von Hormus zu einer Neuordnung der globalen Handelswege führte; sobald dieses Nadelöhr strukturell unzuverlässig wird, baut sich die Welt sich um sie herum unweigerlich neu auf. Das bedeutet Umgehungs-Korridore, wiederbelebte Pipeline-Politik und dringende Planung für Routen, die Aqaba mit mediterranen Ausläufern nahe Gaza verbinden, wie auch die lange blockierte Pipeline von Basra nach Aqaba. Die alte Energieordnung bröckelt. Der OPEC-Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate signalisiert, dass Kartell-Disziplin unter Druck nationalem Vorteil weicht. Trump verdient daher Anerkennung – nicht europäische Schelte! Die Operation Epic Fury traf Tausende von Zielen, schwächte Irans offensive Fähigkeiten und zerschlug die Annahme, dass der Westen Eskalationen hinnehmen würde, ohne zu reagieren. Die Administration handelte, während andere dozierten. Sie stellte die Abschreckung in der einzigen Sprache wieder her, die Teheran versteht.


Die größere Lektion ist noch wichtiger. Sichere, natürliche Ressourcen als harte Macht – das ist es, was die westliche Hemisphäre im Überfluss besitzt. Die Vereinigten Staaten, Kanada und die Amerikas beherrschen Kohlenwasserstoffe, LNG, Ackerland, Süßwasser, kritische Mineralien und strategische Tiefe in einem Maßstab, den importabhängiges Europa und Asien nicht erreichen können. Diese Krise hat die strukturelle Position der Amerikas nicht geschwächt, sondern klargestellt.

Die finanzielle Dimension unterstreicht den Punkt: Die Nachfrage nach Swap-Linien der Federal Reserve in Krisen beweist, dass der Dollar-König weiterhin herrscht. Wenn Stress eintritt, laufen Regierungen auf Dollar-Liquidität zu – nicht weg davon! Harte Ressourcenmacht und monetäre Macht verstärken einander, und die Vereinigten Staaten sitzen im Zentrum beider. Das ist die wahre Bedeutung von Epic Fury. Clausewitz schrieb auch, dass „der politische Blick das Ziel ist, Krieg das Mittel“. Trump hat das verstanden. Iran versuchte, die Geografie zur Waffe zu machen, Trump verwandelte die Konfrontation in eine Demonstration, wer exponiert ist und wer nicht. Die Trump-Administration verdient daher weit mehr Lob, als sie erhalten hat. Und die Geschichte wird wahrscheinlich urteilen, dass Irans größte Fehlkalkulation nicht nur darin bestand, Hormus zu schließen, sondern darin, offen zu legen, welche Mächte noch immer über die wahren Quellen der Stärke gebieten.


Dienstag, 5. Mai 2026

Truppenabzug der USA und die große Gefahr

 


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Die USA ziehen Soldaten aus Deutschland ab. Zudem soll eine „Raketen-Einheit“ nicht nach Deutschland verlegt werden.
Dies wird bei einigen nun so erklärt, dass Deutschland „mit runtergelassenen Hosen“ dastünde oder wehrlos sei.

Es tut mir wirklich und ehrlich leid, aber ich muss dies vorrausschicken, sonst platze ich.
Ich merke, wenn Journalisten oder MilBlogger (MilVlogger) sich schnell Informationen draufgeschafft haben. Daran ist nichts grundsätzlich Verkehrtes, das tue ich auch. Die Gefahr ist dann aber, das Gesichtspunkte fehlen. Und dadurch Dinge im breiteren Kontext falsch eingeordnet werden.
Und es macht mich sauer, wenn das bei Menschen passiert, die ich eigentlich als gut und zuverlässig eingeordnet habe.
Bei Angst-Szenarien ist der Schritt zum Clickbait ein kleiner.

Gehen wir es durch.

Der Abzug von Truppen

Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich undiplomatisch gegenüber den USA, Trump und die Kriegsführung im Iran geäußert. Grundsätzlich haben mehrere deutsche und europäische Politiker gesagt, das sei nicht unser Krieg.
Das ist Trump aufgestoßen, nicht nur bezüglich Deutschlands.

Nun wurde bekannt, dass die USA 5000 Soldaten aus Deutschland abziehen werden. Das ist ein übliches, politisches Spielchen.
Der Hintergedanke dabei ist der, dass diese Truppen Geld in die Region bringen. Sie bestellen Pizza, die Kantine wird mit Lebensmitteln versorgt, zivile Wäschereien werden bemüht, und so weiter.
In einem ärmlichen Land ist es also schon ein gewisser Druck, Kontingente abzuziehen. Denn dort spielt das importierte Geld eine viel größere Rolle.

In Deutschland versorgen die Kasernen sich aber zu einem großen Anteil selbst.
In größeren Standorten gibt es beispielsweise PX Stores. Das steht für „Post Exchange“. Dort können Produkte aus den USA eingekauft werden. Wir haben die Möglichkeit damals immer ausgenutzt, um Doritos und Fliegerjacken zu bekommen. Steuerfrei noch dazu, Jeans waren spottpreiswert.
Das wirtschaftliche Druckmittel ist also bereits stark verwässert.

Der wahrscheinlichste Kandidat für den Abzug ist die Stryker-Brigade des 2nd Cavalry Regiment in den Rose Barracks in Vilseck in Bayern.
Das ist eine Infanterie-Einheit, die mit Stryker Schützenpanzern in den Einsatz geht. Im Deutschen wären das also Panzergrenadiere.
(Das Titelbild zeigt genau diese Einheit bei einer Übung in Bayern 2023.)

Dieses ganze Regiment ist aber ein „Stryker Brigade Combat Team“ (SBCT, deutsch etwa „Stryker Brigade Gefechtsteam“). Und die agieren autonom und sind innerhalb von 96 Stunden weltweit einsetzbar.
Und das bedeutet wiederum: Sollte Russland Anstalten machen Europa anzugreifen, kommen die eh wieder her.

Es geht bei der Verlegung eher um eine strategische Positionierung. Und da die Trump-Regierung den Fokus auf den Pazifischen Raum verlegt, war davon auszugehen, dass Truppen abgezogen werden.

Das Strategiepapier und die neue Weltordnung
Das Weiße Haus hat die National Security Strategy 2025 herausgegeben. Diese Nationale Sicherheitsstrategie ist eine Veröffentlichung, die seit 1987 regelmäßig…
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Der Umbau

Der zweite Punkt ist etwas abstrakter. Denn nun wurde bekannt, dass geplante Raketen nicht in Deutschland stationiert werden sollen.
Dabei geht es um die „Multi-Domain Task Force“ (MDTF). Und „Task Force“ heißt übersetzt soviel wie „Arbeitsgruppe“.

Die US-Streitkräfte werden nämlich strategisch umgebaut, völlig unabhängig von Trump oder Iran oder sonst was.
Ich vereinfache: Bisher gab es eine große Einheit Kampfpanzer, eine große Einheit Infanterie und eine große Einheit Artillerie. Kam es zum Einsatz, wurden die zusammengezogen.
Die neue Organisation soll modular funktionieren. Dafür wird eine Task Force gebildet, der Kontingente zugeteilt werden. Auf dem Papier, in der Kommandostruktur. Dazu gehört dann nicht mehr die große Einheit Kampfpanzer, sondern nur noch ein Teil. Also beispielsweise die erste Kompanie des Bataillons gehört zur MDTF1, die zweite Kompanie zur MDTF2, und so weiter. Kommt es zu einem Einsatz, wird eine MDTF eingesetzt und die Truppen aus den ganzen Einheiten werden zusammengezogen.
Das gleicht ein wenig den „mechanisierten Brigaden“ aus östlichen Streitkräften. Nur dass sie eher organisatorisch und auf dem Papier und flexibel existieren. Nochmal: Es geht um Planung, nicht um Kasernen oder einzelne Soldaten.

Die 1. MDTF ist in der Nähe von Washington stationiert, die 2. in Mainz-Kastel und die 3. Auf den Philippinen. Nicht die Truppen, nur die Kommandos. Und das sollen sie wohl auch bleiben.

Die Raketen

Zu diesen MDTF gehören auch „Raketen-Einheiten“. Dabei geht es vor allem um SM-6, Tomahawk und Dark Eagle.

Die SM-6 sind Raketen, die Luftziele bekämpfen können. Also Flugzeuge und Marschflugkörper. Sie war ursprünglich nur für die Navy konzipiert, wurde inzwischen aber auch von der Army übernommen.
Die Tomahawks sind Marschflugkörper, die tausende Kilometer weit fliegen. Sie werden u.a. auch von U-Booten abgefeuert.
Diese beiden Raketen-Typen wurden für die Army in einem System zusammengefasst, dem Typhon. Das ist im Grunde nur ein Container, der beide Raketen feuern kann.

Die dritte ist die Dark Eagle. Eigentlich „Long-Range Hypersonic Weapon“ (LRHW).
Das ist eine hyperschall-Rakete, die mindestens 3500 Kilometer weit fliegen kann. Russland hat derzeit kein Waffensystem, dass diese Raketen abfangen könnte.

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Eines der wenigen Fotos des sehr neuen Systems Dark Eagle.

Es geht nicht um Deutschland

Und jetzt sage ich etwas leicht Provozierendes, um zu verdeutlichen, worum es im Kern geht:

Bei diesen Waffensystemen geht es nicht um die Verteidigung Deutschlands.

Mit dieser Reichweite sind diese Waffensysteme darauf ausgelegt, Ziele zu bekämpfen, die weit entfernt sind. Und das wäre der Fall, wenn Russland beispielsweise seine Truppen vor den baltischen Staaten zusammenzieht. Dann könnte die NATO da schon früh dazwischenhauen.
Es ist völlig gleich, ob sie in Deutschland, Polen oder Lettland stationiert sind oder dort hingebracht werden.

(Ich veröffentliche derzeit Artikel, die in drei Teilen für Laien erklären, womit zu rechnen wäre, würde Russland angreifen.)

Wenn Russland angreift – Teil 1: Kalter Krieg, das neue Russland und…
Es ist längst Zeit für einen weiteren Grundlagen-Artikel. Am Tresen sitzend, bei einem Bierchen, so unter uns. Denn alle reden wirr durcheinander und drücken irgendwo…
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Es ist vollkommen richtig, dass Deutschland bzw. Europa derzeit keine solche Waffensysteme hat. Das ist damit gemeint, wenn Sicherheitsexperten und Strategen von „Abschreckungslücke“ sprechen.
Das bedeutet aber auch, diese Systeme wären nur zum Einsatz gekommen, wenn zwei Faktoren eintreffen:

  • Der NATO-Bündnisfall tritt ein und niemand legt sein Veto ein.
    (Der Bündnisfall muss einstimmig beschlossen werden)

  • Die USA beteiligen sich auch mit diesen Waffensystemen.
    (Jedem Staat steht frei, wie er sich beteiligt.)

Wir haben in den letzten Monaten sehr viel darüber gelesen und gemutmaßt, ob Trump, seine Regierung bzw. die USA überhaupt ein zuverlässiger Partner in einem solchen Fall wären. Und die nüchterne Antwort darauf muss lauten „Nein“.
Auf dieser Basis nun davon auszugehen, dass genau dieser beschriebene Fall eintritt - Russland greift Europa irgendwo an und die USA beteiligen sich durch Angriffe auf russisches Territorium – ist doch eher unwahrscheinlich.

Und ein letzter Punkt wird schlicht ignoriert.
Im Fall des Irans haben wir gerade gesehen, dass die USA in der Lage sind, so schnell Truppen und Schiffe zusammenzuziehen, dass sie einem Staat durchaus beträchtlichen Schaden zufügen können. Und sie haben noch lange nicht alles vor den Golf von Oman verlegt, sondern nur einen geringen Bruchteil.

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Die USS Thomas Hudner (Arleigh Burke Klasse) feuert eine Tomahawk auf den Iran. 01.03.2026

Tomahawk und SM-6 sind exakt die Raketen, die auch von der Navy genutzt werden. Einige Schiffe der U-Boote der Ohio-Klasse können 154 Tomahawks aufnehmen und diese feuern, ohne aufzutauchen. Und bis 2028 sollen die Dark Eagle auch auf U-Booten der Virginia-Klasse einsatzbereit sein.
Was nun nicht in Europa stationiert wird, ist damit nicht aus der Welt.

Persönliche Einschätzung

Ja, Europa hat da eine Lücke in der Abschreckung. Das ist nicht schön. Daran wird gearbeitet.
Alarmistische Überschriften und Unkenrufe sind deshalb aber trotzdem unangebracht. Weil sie dem Laien implizieren, dass Putin sofort lange Zähne bekommt. Das ist aber vor allem von ganz anderen Faktoren abhängig. Auch davon, wie gut Europa zusammenhält und wie leicht es sich in Panik versetzen lässt.

Angst ist ein Bestandteil russischer Kriegsführung, der von vielen Protagonisten und Bedenkenträgern überhaupt nicht verstanden zu werden scheint. Deutschland steht nicht einmal auf der Menükarte Russlands. Dafür müsste es erst durch Polen durch. Und durch Belarus.

Für mich sind die meisten Medienberichte Ausdruck eines nach wie vor nicht vollzogenen Umdenkens. Dass Europa sich zunächst einmal um sich selber kümmern muss. Und dass man alles unter diesem Gesichtspunkt verstehen sollte. Die militärische, strategische Planung ist längst dabei.

Und weil viele sich nach wie vor an der Weltsicht des großen Bruders aus Übersee abarbeiten, sind sie genau auf das reingefallen, was Trumps Gepolter eigentlich bewirken sollte. Der große Bruder wollte den kleinen Bruder zurechtweisen.
Das ist etwa so, als würde man androhen bis drei zu zählen, damit das verzogene Balg endlich sein Zimmer aufräumt. Sobald die merken, dass nach „drei“ auch nichts weiter passiert, sind die meisten Eltern im Arsch.

Die Maßnahmen bleiben in der Realität wirkungslos. Sie könnten – Konjunktiv – sich nur dann entfalten, wenn eine ganze Kette von Ereignissen eintrifft.
Nur weil Raketen in Deutschland stationiert werden, heißt das nicht, dass sie 1500km weiter in einem derzeit eher unwahrscheinlichen Fall eingesetzt würden. Denn ich rechne derzeit nicht damit, dass die jetzige Regierung der USA den Blick von China abwendet und die Baltischen Staaten auf russischem Boden verteidigen würde.


Erschienen auf Ansage


Dienstag, 21. April 2026

Erdoğans Drohungen: Der Pitbull der Muslimbrüder bellt und pöbelt mal wieder

von Hans S. Mundi

Türken-Diktatur Erdogan



Die meiste Zeit wurde Recep Tayyip Erdoğan, der seit 23 Jahren regiert – zunächst als Ministerpräsident, seit dem 28. August 2014 als Präsident der einst durch Kemal Atatürk „verwestlichten“, säkularisierten Republik Türkei –, in unseren einstmals aufgeklärten Breitengraden von naiven Politikern hoffnungslos unterschätzt, schöngeredet und verharmlost – was dem europäischen Zustand fortwährender Entpolitisierung breiter Bevölkerungsschichten einschließlich eben der politischen Eliten geschuldet ist. Hinzu kommt eine submissive Neigung inmitten billiger Dekadenz, durch „gutmenschliche“ Romantisierung fremder und vor allem orientalischer Kulturen (“edler Wilder“, „Märchen aus 1001 Nacht“) reale Bedrohungen und tieferliegende Feindschaften im reflexartigen Kniefall und ehrfürchtiger Sitzhaltung auszublenden. Mörderische Gefahren werden weggelächelt und als populistisch-rassistische Übertreibung negiert – so lange, bis sie nicht nur unverleugbar Alltag geworden sind, sondern ein irreversibles Ausmaß erreicht haben. Und schon ist der Untergang des Abendlandes eine ganz reale Option. Und einer, der über diese Selbstaufgabe und suizidale Unterwerfungslust der Westens seit jeher diebisch grinst, ist der neoosmanische Sultan vom Bosporus.

Erdoğans islamistisch angehauchtes Parteienkonstrukt AKP ist ein Erbe der transnationalen muslimisch-religionsfaschistischen Bewegung Millî Görüş. Daran muss immer wieder erinnert werden, wenn der türkische Präsident gerade dieser Tage wieder mal mit typisch radikal-islamischem Wutschaum vorm Maul gegen Israel und die Juden pöbelt, geifert und droht und in den Reihen der ewigen Antisemiten und blutrünstigsten Judenhasser besonders verhaltensauffällig hervorsticht und für globale Medienresonanz sorgt. Da auf jeden bösen Rülpser dieses bellenden Pitbulls vom Bosporus gleich schon wieder reflexhafte vielstimmige Beschwichtigung erfolgt, sei an dieser Stelle ein wenig aufklärende Erhellung in den geistig- historisch inzwischen stockfinsteren EU-Dummdistrikt Germanistan gebracht.

“Die Minarette sind unsere Bajonette”

Der frühere Istanbuler Bürgermeister Erdoğan hatte anfangs nicht das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen können, da er wegen öffentlichen Zitierens eines eindeutig verschwörerischen islamistischen Verses aus dem Jahr 1998 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde und ihm ursprünglich auf Lebenszeit die Kandidatur für das Parlament untersagt worden war; bei dem aus heutiger Sicht programmatischen Gedicht handelte es sich um einen berühmt-berüchtigten Islamo-Eroberer-Spruch aus Kreisen der mafiösen, terroristischen, kriminellen und zu allem bereiten, weltweit agierenden Muslimbruderschaft, mit dem Erdoğan schon früh und absolut offen vor aller Welt erklärte, worum es ihm ging und gehen würde (und warum es übrigens ein blühender Unsinn ist, zwischen „Islam“ und „Islamismus“ zu unterscheiden, wie Erdoğan später ebenso deutlich erklären sollte): „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Minarette sind unsere Bajonette … die Moscheen sind unsere Kasernen“, hieß es darin. 1998 stand dieses islamistische Bekenntnis noch unter Strafe, weshalb Erdoğan hätte gar nicht ins Amt gelangen dürfen; doch seine AKP-Bewegung ließ die Gesetze ändern.

Nachdem diese Widerstände zu Beginn seines Aufstiegs beiseite geräumt waren und nach und nach der gesamte kemalistische Staat von ihm durch Gefolgsleute unterwandert und reislamisiert worden war (spätestens mit dem mutmaßlich inszenierten “Putsch” 2015, im Zuge von dessen “Niederschlagung” er er seinen einstigen Kumpanen Fetullah Gülen ausschaltete und Armee und Justiz säuberte), begann Erdoğan seinen Aufstieg zum Despoten mit Großmachtsattitüde – bestärkt durch eine kriecherische Duldungsstarre des gesamten Westen, der das oben bereits geschilderte Appeasement im Rahmen unterbelichteter Vollidiotie und naiver Verharmlosung des offensichtlich Bitterbösen auf die Spitze trieb, spätestens als die EU und Merkeldeutschland ihn 2016 mit Milliardenbestechungen zum Zerberus der Flüchtlingsströme machte.

Groß-Faschist theokratischer Manier

Bevor wir uns nun den jüngsten, wie eh und je unzivilisiert-primitiven Pöbeleien dieses muslimischen Judenhassers zuwenden, ein klarer Blick auf den höchst aktuellen Schauplatz Syrien, der verdeutlicht, wie weit der gefährliche, weil taktisch kluge Stratege Erdoğan, der nach Weltkalifat, Osmanischem Reich und damit einhergehender Unterjochung oder gleich Vernichtung aller nichtislamischen Kulturen, Ethnien und Völkern strebende Groß-Faschist theokratischer Manier, in seinem Kampf bereits vorangekommen ist: Erinnern wir uns an den Islamischen Staat (IS), einer Ansammlung sadistischer Djihad-Psychos übelster Sorte, welche auf dem Boden Iraks und Syriens vor 12-13 Jahren die wohl schlimmste Hölle installierte, die auf dem Blauen Planeten wohl jemals existiert hat. Wer in der Türkei Erdoğans zu Recht auf Erdoğans Verstrickung in dieses Terrorregime hinwies und öffentlich kritisierte, dass der türkische Präsident im Zuge seiner aggressiven islamischen Außenpolitik den IS logistisch und mit Waffen unterstützte, vor allem im bis heute anhaltenden Vernichtungskrieg gegen die Kurden (der in übelster Türkentradition steht, man erinnere sich hier auch den barbarischen Deportationsvölkermord an den Armeniern!) unterstützte: Der wurde massiv bedroht, vor Gericht gestellt oder verschwand, so wie zahlreiche türkische Oppositionspolitiker und Medienvertreter . Hinweis an alle einfältigen Appeaser und fröhlichen Türkei-Pauschalurlauber: In Erdoğan Reich sitzen noch immer mindestens 100 Journalisten – meist ohne rechtliche Grundlage – in türkischen Höllengefängnissen, neben Politikern laizistischer Parteien und Rechtsanwälten wie auch hunderten kurdischer Politiker und Freiheitskämpfer).

Was der Religionskrieger, Weltunruhestifter, Christen-, -Juden. -Kurden und Armenier-Hasser Erdoğan derzeit im Gefolge des Sturzes der Assad-Regierung mit seinen zahllosen Djihad-Kumpeln aus aller Welt so treibt, derweil Deutschland gerade wieder Hunderte Fördermillionen zwecks sinnloser Verpulverung für das islamistische Post-Assad-Regime mit echtem Kopf-ab-Hintergrund versprochen hat, lesen wir hier. Zitiert wird Dr. Kamal Sido, Nahostreferent bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), mit den Worten: „Was Erdoğan vorhat, hat er schon gezeigt, als er im Norden von Aleppo und Tel Rifat die letzten kurdischen Dörfer angegriffen hat. Dort haben mit ihm verbündete Milizen Menschen enthauptet. Vielen Menschen wurden erschossen und rund 200.000 Menschen wurden in die Flucht getrieben. Familien wurden dabei auseinander gerissen, Männer haben ihre Frauen verloren und Frauen ihre Männer.”

Drohungen gegen Israel und angestrebte Islamistenführerschaft

Nur notorischen Deppen und pathologischen Islam-Verstehern dürften die Gründe verschlossen bleiben, warum sich der satanische Anti-Atatürk vom Bosporus in Syrien als Eroberer, Besatzer und Völkermörder austobt, obwohl die Motive völlig klar sind. Selbst auf der unverdächtigen Quelle Wikipedia ist zu lesen, dass es darum geht, “syrische Jesiden und syrische Kurden aus der Grenzregion zur Türkei zu vertreiben, um dort Araber anzusiedeln… Wenige Jahre nachdem in Syrien ein Bürgerkrieg ausbrach, ließ Erdoğan im Jahr 2016 Nordsyrien besetzen. Infolgedessen wurde gegen die Türkei und insbesondere Erdoğan der Vorwurf erhoben, syrische Jesiden und syrische Kurden aus der Grenzregion zur Türkei zu vertreiben, um dort Araber anzusiedeln.“

Auch die jüngsten Eskapaden des großtürkischen Musel-Wüterichs, der seinem mutmaßlichen Bruder im Geiste Adolf Hitler in dessen Wutreden-Physiognomie, in Gestik und Gesichtsmimik allzu oft frappierend ähnelt, enthalten wieder vollkommen offen klare Drohungen und zeugen von seiner eindeutigen mörderischen Bereitschaft, offenem Hass und klaren Anspielungen auf jüngste Untaten, die für ihn (wie immer) folgenlos blieben, alsbald Taten folgen zu lassen. Der britische “Telegraph” berichtet: „Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan droht Israel mit einer Invasion, wenn das Land seine Angriffe auf Libanon und Iran weiter fortsetzt.” Dem israelischen Ministerpräsidenten Netanyahu macht Erdoğan “harte Vorwürfe”: Er sei “von Blut und Hass geblendet” zu sein. Das äußert ausgerechnet der schlimmste Kriegstreiber und Kurdenschlächter der Levante! Erdoğan wörtlich: ”Hätte Pakistan nicht im Krieg zwischen den USA und dem Iran vermittelt, hätten wir Israel seinen Platz gezeigt… Genauso wie wir in Libyen und Karabach einmarschiert sind, können wir auch in Israel einmarschieren. Es gibt keinen Grund, dies nicht zu tun.” Diese Drohgebärde hat eine klare Vorgeschichte: Erdoğan muss wohl seit vielen Wochen mit Gastritis und Wutanfällen in seinem sprenggläubigen „Führerbunker“ gesessen haben, heulend vor Wut beim Anblick einer in Grund und Boden von den Israelis gebombten islamofaschistischen Pali-Hamas, gefolgt von nicht minder erschütternden und teils sehr erfolgreichen israelischen Bombardements gegen die Terrorbande Hisbollah im Südlibanon – und dann auch noch der Krieg gegen das Herz des Bösen, die blutige Mullahkratie und deren Waffenlager im Iran.

Wie ein Räuber im Gebüsch

Eigentlich gehen die Geschehnisse im Iran, im Libanon und generell rund um Israels Anrainerstaaten und dessen Existenzrechtsverteidigung den türkischen Präsidenten weder mittelbar noch nicht unmittelbar etwas an. Wenn er sich nun aber doch einmischt, dann natürlich als militanter selbsternannter Sprecher aller Muslime mit großhegemonialer Attitüde und überregionalen Machtanspruch, als selbstangemaßter imaginärer Führer aller islamistischen Kämpfer gegen Freiheit, Zivilisation und Individualität der Völker und deren religiöse Präferenzen. Kurzum: Hier reißt wieder mal ein strategisch operierender, bis an die Zähne bewaffneter Religionsfaschist die Klappe auf, der den Vormarsch westlicher, christlich-jüdischer Politkultur und ihren militärischen Vormarsch der „funky western US-civilization“ stoppen will. Das ist seine Agenda, im militärischen Feld ebenso wie auf Massenkundgebungen, selbst im Ausland; in der Köln Arena und anderen Stadien sprach Erdoğan schon vor fast 20 Jahren vor einem Fahnenmeer türkischer Halbmonde und zehntausenden begeisterten “Deutschtürken”, denen er zurief, Assimilation und Integration seien kulturelle Verbrechen. Seine Anhänger verstanden die Botschaft wohl – wie sich beim Blick in heutige Stadtbilder und der vor allem von Türken zelebrierten muslimischen Parallelgesellschaft hierzulande zeigt.

Doch während die Islamisierung Europas dank Ditib-Moscheen und trotteldeutschen Vielfaltsjüngern unblutig verläuft, ist der durchgeknallte Möchtegern-Sultan in seinem Nahbereich jederzeit bereit, zum Schwert des Islam zu greifen; Libyen, Syrien, Iran, Irak, Aserbaidschan und eben gerne auch Israel sind auf seinem Radar. So sehr man ihn auch als Maulheld und sein Getöse als Ablenkungsmanöver von innenpolitischen Krisen abtun mag: Erdoğan hat in seiner Beharrlichkeit bewiesen, dass er weder harmlos noch zweitrangig oder gar irrelevant ist. Er hat bei der Zerstörung der kemalistischen Türkei jede Menge Geduld und einen langen Atem bewiesen, wie auch bei seinen terroristischen Aktivitäten in Aleppo, Karabach oder anderswo. Und: Er ist dank NATO-Mitgliedschaft hochgerüstet und lauert wie ein Räuber im Gebüsch auf den richtigen Moment zum Zuschlagen. Nach den Kurden müssen ihn nun ebenso Israelis fürchten – denn das scheint mittlerweile seine maßgebliche Obsession zu sein: Israel und die Juden vernichten. Die Christen braucht er nicht zu vernichten, das erledigen sie selbst, und Europa samt seiner Politiker ist für ihn nur noch so relevant wie ein ausgeleierter Esel für die Landbevölkerung in Anatolien. Über Merz lacht er sich schlapp.


Freitag, 17. April 2026

"Stahl allein schafft keine Kampfkraft": Heereschef Freuding setzt auf Daten als Munition

von Johanna Urbancik

"Stahl allein schafft keine Kampfkraft": Heereschef Freuding setzt auf Daten als Munition


Das Gefechtsfeld wird transparent: Drohnen und Sensoren liefern permanent Daten – und wer sie schneller verarbeitet, gewinnt.

Seit Oktober vergangenen Jahres steht Generalleutnant Dr. Christian Freuding an der Spitze des Heeres – mit dem Auftrag, die Truppe möglichst schnell "kriegstüchtig" zu machen: Brigaden ausstatten, Personal aufstocken und die Einsatzfähigkeit für die NATO sicherstellen. Gleichzeitig will er neue Fähigkeiten wie Flug- und Drohnenabwehr stärken, die Digitalisierung vorantreiben – und die Arbeitsweise grundlegend verändern: weniger Bürokratie, mehr Tempo, mehr Risiko.

Im Interview mit Euronews erklärt der Inspekteur des Heeres, dass es in modernen Konflikten längst nicht mehr nur um Waffen geht, sondern vor allem um Tempo und die Fähigkeit, schneller Entscheidungen zu treffen als der Gegner.

Euronews: Sie wollen das Heer auf "data-centric warfare” und ein überlegenes Lagebild als Kern moderner Kriegsführung ausrichten. Welche Daten-Fähigkeit fehlt dem Heer heute am meisten?

Generalleutnant Freuding: Wir erleben ein mehr und mehr transparentes, teilweise nahezu "gläsernes Gefechtsfeld". Sensorik, Drohnen und andere moderne Aufklärungsmittel erzeugen enorme Datenmengen. "Data-centric warfare" (Anmerkung der Redaktion: "datenbasierte Kriegführung") bedeutet: Daten werden zur zentralen Ressource, quasi zur "Munition". Wer mehr sieht und vor allem Informationen schneller und strukturierter verarbeiten und damit ein präziseres Lagebild erarbeiten kann, der kann schneller entscheiden und handeln. Kurz: Der gewinnt. Daher muss es uns gelingen, durchgängig digitalisierte Aufklärungs- und Wirkungsverbünde zu schaffen – vom Korps bis zur Kompanie. Das zeigt auch, dass Digitalisierung für uns keine Komfortfrage ist, sondern zwingende Voraussetzung für Erfolg im Gefecht. Hier müssen wir schnell Fortschritte erzielen.

Euronews: Sie sagen, der Weg von Aufklärung zur Wirkung müsse schneller werden. Wo geht dem Heer heute am meisten Zeit verloren – und was muss sich innerhalb eines Jahres konkret ändern?

Generalleutnant Freuding: Künftige Operationen werden vernetzter, automatisierter, mit höherem Tempo und größerer Tiefe geführt – unter permanenter Aufklärung des Gegners, unter permanenter Bedrohung durch seine Wirkmittel – vom Sturmgewehr, über direkten Beschuss, Steilfeuer bis hin zu Gleitbomben und ballistischen Raketen. Wir müssen hier schneller sein als der Gegner. Das schaffen wir nur mit einer Verbesserung unserer Führungsinformationssysteme, die hohe Datenmengen auch mithilfe künstlicher Intelligenz verarbeiten können. Es bedarf, zweitens, der vollen Digitalisierung unserer Kommunikationsmittel. Und drittens, überlegener Wirkmittel wie unter anderem Loitering Munitions (Anmerkung der Redaktion: "Kamikaze-Drohnen) oder Präzisionsraketen mit einer Reichweite von 300 Kilometer und darüber hinaus.

Freuding hält am 9. Dezember 2025 im Camp Bondsteel im Kosovo eine Ansprache vor den Soldaten des deutschen KFOR-Kontingents 



Euronews: Welche militärischen Mittel fehlen dem Heer, damit es nicht nur plant, sondern auch wirksam kämpfen kann?

Generalleutnant Freuding: Stahl allein schafft keine Kampfkraft. Ein Kampfpanzer entfaltet nur dann Gefechtswert, wenn ausgebildetes Personal, funktionierende Führungssysteme und eine robuste Logistikkette vorhanden sind. Nach mehr als drei Jahrzehnten De-Investition sind natürlich auch in den Landstreitkräften Lücken entstanden. Besser werden müssen wir vor allem bei Luftverteidigung beziehungsweise Flugabwehr, bei indirektem Feuer, in der Integration und bei der Abwehr unbemannter Systeme sowie beim elektromagnetischen Kampf. Und diese Mittel müssen durch moderne, KI-befähigte Informationssysteme verbunden werden.

Gleichzeitig müssen wir bei unseren Großverbänden, das heißt unseren Brigaden, Divisionen und Korps das erreichen, was ich Funktionalität in der Breite nenne: leistungsfähige Flugabwehr, belastbare Logistik, weitreichendes Steilfeuer, umfangreiche Pionierunterstützung. Insgesamt ist es Anspruch des Heeres, nicht nur die materielle Vollausstattung zu erreichen – das heißt: wirklich jede Kampfpanzerbesatzung hat ihren Kampfpanzer -, sondern auch auf eine materielle Umlaufreserve zurückgreifen zu können. Instandsetzungszeiten im Frieden und Verluste im Krieg müssen bei der Rüstung mitgedacht werden – nur dann werden wir kriegstauglich.

Euronews: Sie planen erste Einheiten mit Loitering Munition ab 2027. Welche Lücke soll das schließen und ist dieser Zeitplan angesichts der Bedrohungslage und der schnellen Weiterentwicklung der Drohnen nicht zu langsam?

Generalleutnant Freuding: Mit der Beschaffung von Loitering Munitions beginnt für die Bundeswehr eine neue Ära. Nicht nur, weil Loitering Munitions vergleichsweise kostengünstig eine präzise Bekämpfung einzelner gegnerischer Ziele über eine große Entfernung ermöglicht. Sondern, weil wir die Einführung von Loitering Munitions gerade in Rekordgeschwindigkeit umsetzen.

Ein ukrainischer Offizier zeigt am 14. November 2020 neben einer von Russland abgefeuerten und abgeschossenen Shahed-Drohne



Nach ersten organisatorischen Überlegungen im September 2024 ist bereits im März 2025 die Entscheidung durch den Generalinspekteur der Bundeswehr erfolgt. Damit wurden innerhalb von nur sechs Monaten die planerischen Voraussetzungen geschaffen. Parallel dazu begannen ab Juli 2025 Industrieausbildungen bei den Herstellern sowie die Testung der angebotenen Systeme im Heer im Oktober 2025. Somit konnten bereits im Jahr 2025 erste Systeme in dreistelliger Anzahl beschafft werden. Mit der Billigung einer 25-Millionen-Euro-Vorlage im Februar 2026 wurden schließlich die Weichen für den geplanten Zulauf der Serienbeschaffung ab Oktober 2026 gestellt. Als erster Verband wird dann die Panzerbrigade 45 in Litauen mit diesen neuen Waffen ausgestattet.

Euronews: Was bringt die Litauen-Brigade im Ernstfall konkret an Zeit – und wo entstehen dadurch Lücken in Deutschland?

Generalleutnant Freuding: Die Panzerbrigade 45 "Litauen" ist das sichtbare Zeichen deutscher Führungsverantwortung an der NATO-Ostflanke. Abschreckung wirkt durch glaubwürdige, permanente Präsenz vor Ort. Natürlich erfordert der schnelle Aufbau der Panzerbrigade 45 Litauen gewissermaßen eine "Vorfinanzierung" aus den aktuellen Strukturen des Heeres. Denn wir können natürlich nicht zehn oder zwanzig Jahre warten, bis wir neu eingestellte Zugführer oder Kompaniefeldwebel ausgebildet haben. Diese Vorfinanzierung bedeutet, dass wir eben Zugführer und Kompaniefeldwebel aus den bestehenden Strukturen herausnehmen und nach Litauen bringen müssen.

Das wird ebenso schmerzhaft sein, wie das erforderliche Zusammenführen von Gerät und Ausrüstung aus den bestehenden Verbänden. Aber nur so können wir den Aufbau einer einsatzbereiten Brigade bis Ende 2027 hinbekommen – und wir werden alles dafür tun, die entstandenen Lücken bei Personal und Material wieder rasch zu schließen.

Übergabe des Kommandos über die multinationale Kampfgruppe Litauen an die 45. Panzerbrigade



Euronews: Wie stellen Sie sicher, dass Erfahrung und Schlüsselpersonal nicht verlorengehen, wenn eine Rotation stattfindet?

Generalleutnant Freuding: Rotationen sind in der Bundeswehr bewährte Verfahren. Daher wissen wir, wie ein geregelter Wissenstransfer gelingen kann. Wir brauchen Rotationen, damit unsere Männer und Frauen kontinuierlich Erfahrung gewinnen und Perspektiven erweitern können. Strukturierte Übergabeprozesse, gezieltes Mentoring und bewährte Organisationsstrukturen sorgen dafür, dass Organisationswissen und -erfahrungen erhalten bleiben und somit die Einsatzbereitschaft dauerhaft gewahrt ist.

Euronews: Welche Lehre aus dem Ukraine-Krieg hat den Aufbau der Brigade am stärksten verändert?

Generalleutnant Freuding: Wir analysieren den Krieg Russlands gegen die Ukraine sehr genau und ziehen daraus unsere Schlussfolgerungen. Wesentliche Erkenntnisse wie die Transparenz des Gefechtsfeldes, die Bedeutung von unbemannten Systemen und der Möglichkeit von Wirkung auch auf große Entfernung haben wir bereits angesprochen.

Gleichzeitig gilt: Dieser Krieg kann keine Blaupause sein. Wenn gefordert, dann wollen wir anders kämpfen als die ukrainischen Streitkräfte derzeit kämpfen müssen. Dennoch liefert dieser Krieg einen Referenzrahmen, um Erkenntnisse klug zu adaptieren, in die Zukunft zu projizieren und technische Innovation in neue taktische Fähigkeiten zu übersetzen.

Diese Erkenntnisse fließen in Struktur, Ausbildung und Ausstattung der Brigade ein. Und sie spielen natürlich für die Weiterentwicklung des Heeres insgesamt eine große Rolle.

Euronews: Kann das Heer gleichzeitig die Ostflanke sichern und gegebenenfalls Aufgaben in der Arktis übernehmen, oder wird es dafür zu dünn?

Generalleutnant Freuding: Wenn das Heer gebraucht wird, sind wir da und erfüllen unseren Auftrag! Das NATO Force Model ist eine bestimmende Größe, wie und mit welchen Kräften das Heer seine Kriegstauglichkeit herstellt und wo deren Einsatz in den Verteidigungsplanungen vorgesehen ist. Hinzu kommen natürlich noch nationale Aufgaben, vor allem, aber nicht ausschließlich mit Blick auf den Operationsplan Deutschland.

Bundeswehr-Soldaten in Grönland, Januar 2026



Wir müssen zudem immer in der Lage sein, auch neue und zusätzliche Aufträge zu übernehmen, das gilt auch für mögliche Aufgaben etwa im Rahmen der Enhanced Vigilance Activity Arctic Sentry (Anmerkung der Redaktion: "Verstärkte Überwachungsmaßnahme "Arktis-Wächter")

Der Beitrag unserer Gebirgsjägerbrigade und der Divisionstruppen der Division Schnelle Kräfte, unter anderem des gemischter Hubschraubereinsatzverband und der Fernspähkompanie, im März erfolgte ja im Rahmen dieser Aktivität.

Euronews: In Ihrer Agenda taucht immer wieder der Gedanke auf, dass Abschreckung nur funktioniert, wenn Einsatzbereitschaft, Aufwuchs und Innovation zusammenkommen. Wenn Sie eine einzige Sache nennen müssten, die 2026 politisch entschieden werden muss, damit die Abschreckung gegenüber Russland messbar stärker wird: welche wäre das?

Generalleutnant Freuding: Wenn wir über Abschreckung sprechen, reden wir nicht über einen einzelnen Hebel, den man umlegt – etwa nur mehr Personal, mehr Material oder schnellere Beschaffung. Abschreckung entsteht aus dem Zusammenwirken mehrerer Faktoren: kurzfristige Einsatzbereitschaft im Sinne von "Fight Tonight" (Anmerkung der Redaktion: "sofort kampfbereit") , strukturierter personeller und materieller Aufwuchs sowie konsequente Innovation als Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit unserer Streitkräfte. Das gehört alles zusammen. Einsatzbereitschaft ohne personellen Aufwuchs ist nicht durchhaltefähig. Personeller Aufwuchs ohne materielle Vollausstattung bleibt wirkungslos. Innovation ohne tragfähige Strukturen läuft ins Leere. Abschreckung wird messbar stärker, wenn unsere Großverbände modern ausgestattet, professionell ausgebildet, in der Breite funktional aufgebaut, logistisch durchhaltefähig und digital führungsfähig sind.

Das Deutsche Heer sieht sich der größten sicherheitspolitischen Herausforderung seit dem Ende des Kalten Krieges gegenüber. Die Bedrohung ist real. Der Feind wartet nicht auf unsere Fertigmeldung. Wir müssen jetzt jeden Tag besser werden, denn wir brauchen ein Heer, das sich durchsetzen, das gewinnen kann. Ich weiß: eine hohe Ambition. Mehr geht nicht, aber weniger eben auch nicht.

Sonntag, 12. April 2026

US-Iran-Gespräche ergebnislos abgebrochen: Knallt es jetzt richtig?

von Theo-Paul Löwengrub

Vance bei seiner Ankunft gestern in Islamabad



Gegen 3 Uhr Ortszeit ging vergangene Nacht im pakistanischen Islamabad die dritte Verhandlungsrunde im Poker zwischen den USA und dem Iran ergebnislos zu Ende. J.D. Vance hat den Iranern zuvor mehrfach gedroht, den Ernst der Lage anzuerkennen und nicht mit der US-Delegation “zu spielen”. Schließlich musste der US-Vizepräsident das Scheitern der Verhandlungen eingestehen. Die Iraner selbst hatten die Gespräche für beendet erklärt. Vance teilte dazu mit, die USA hätten verdeutlicht, wo ihre roten Linien liegen und wo man bereit sei, dem Iran entgegenzukommen. “Wir konnten einfach nicht zu einer Situation gelangen, in der die Iraner bereit waren, unsere Bedingungen zu akzeptieren.” Man habe flexibel und “entgegenkommend” verhandelt, entsprechend Trumps Anweisung, der der Delegation um Vance auf den Weg mitgegeben hatte, sie solle “in gutem Glauben hierher kommen und die besten Anstrengungen unternehmen, um einen Deal zu erreichen.” Dies habe man redlich versucht, aber am Ende leider keinen Fortschritt erzielt.

Der entscheidende Knackpunkt, so Vance, sei weiter derselbe, wegen dem die USA ihre gesamte Militäroperation am 28. Februar begonnen hatten: Die Gewissheit, dass von Teheran keine nukleare Bedrohung mehr ausgehen wird. „Wir brauchen eine klare Zusage, dass sie nicht nach Atomwaffen streben und dass sie nicht nach den Mitteln suchen, die es ihnen ermöglichen würden, schnell Atomwaffen zu entwickeln… Das ist das Hauptziel des Präsidenten der Vereinigten Staaten, und das ist es, was wir durch diese Verhandlungen zu erreichen versucht haben.” Zwar seien das iranische Atomprogramm und alle bekannten Anreicherungsanlagen ausgeschaltet worden, doch es bleibe die simple Frage nach der grundlegenden und ehrlichen Bereitschaft der Iraner, auch in Zukunft keine Atomwaffen zu entwickeln …“ nicht nur jetzt, nicht nur in zwei Jahren, sondern auf lange Sicht”.

Nun noch heftigere Militärschläge?

Das habe man leider noch nicht gesehen, wobei er hoffe, so Vance, dass der Iran eine entsprechende Verpflichtung eingehen werde. Bis es soweit ist, müssten die Gespräche für gescheitert erklärt werden. Die von der iranischen Delegation geforderte Freigabe eingefrorener Gelder und Vermögenswerte des Mullah-Staates hatten die USA ebenfalls von einer Verpflichtung der völligen Einstellungen aller atomaren Ambitionen abhängig gemacht, was die Iraner ablehnen. Neben diesem Kernthema waren weitere Streitpunkte die zukünftige Kontrolle und Nutzung – inklusive Erhebung einer Maut – der Straße von Hormus sein. Außerdem fordern die Vertreter des Iran die sofortige Beendigung der Angriffe auf die Hisbollah im Libanon, worauf sich die USA nicht einließen.

Vance‘ Konsequenz wurde in den USA begrüßt. Der politische Kommentator Eric Daugherty fasste den großen Respekt vieler konservativer und pragmatischer US-Beobachter der Gespräche für J.D. Vance klare Kante mit folgenden Worten zusammen: “Es ist offiziell. Vance weigerte sich, den Iranern nachzugeben, die in Pakistan auf Konfrontationskurs gingen. Er flog nach Pakistan, verhandelte fast 20 Stunden lang und gab keinen Millimeter nach. Das ist mein Vizepräsident!” Die Frage ist nun, wie es weitergeht und ob der Waffenstillstand nun kollabieren wird. Die USA könnten nun zu massiven militärischen Schlägen zurückkehren. Strategisch ist es für die USA bereits ein Erfolg, dass im Zuge der Waffenruhe die Operation zur Minenräumung und Sicherung der Straße von Hormus bereits in vollem Gange ist – denn der Iran hat selbst dafür die Voraussetzungen geschaffen, dass das US-Militär die wichtige Meerenge kontrollieren kann, über die allein bis zur des chinesischen Rohöls transportiert wird.


Freitag, 10. April 2026

Trotz Medien-Häme und überschäumendem Trump-Hass: War der Irankrieg wirklich ganz „umsonst“?

von Albrecht Künstle

US-Marineeinheiten in der Straße von Hormus



Die USA und Israel haben auf ganzer Linie verloren – so lautet das überwiegende Resümee der Meinungsmacher der bekannten Zeitungen und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Und die Kommentare in den alternativen Medien sehen kaum anders aus: Wir seien in einer noch schlechteren Position als schon vor dem Irankrieg, wird kolportiert. Dietmar Osterhase – sorry: Ostermann – kommentiert in der “Badischen Zeitung”, die Revolutionsgarden “demonstrieren aller Welt“, dass sie den Schlüssel für die Straße von Hormus in Händen halten. So einfach machen es sich deutsche „Qualitäts“-Kommentatoren. Ja, soll denn die Welt solchen Machtdemonstrationen einfach nur zuschauen? Der Krieg sei „umsonst“ gewesen, so das verkürzte Fazit – natürlich nicht hinsichtlich der Kosten. Bloß wird hier einiges vergessen. Denn: Wie war denn die Lage vor dem Krieg?

Das, was die Hamas am 7. Oktober 2023 im “Kleinen” erprobte – den Überfall auf Israel, den Massenmord an Juden und die Geiselnahmen – das drohte sehr wohl in Bälde im Großen zur real völkermordenden Realität zu werden. Die iran-islamischen Befehlshaber über die Hamas, Hisbollah und Huthi in Teheran arbeiteten nämlich seit Jahren fieberhaft an ihrer “Endlösung” für Israel, umso mehr seit den punktuellen Luftangriffen vom vergangenen Sommer. Sie reicherten weiter Uran in atomwaffenfähiger Konzentration an. Nur zur Verteidigung? Von wegen! Sie machten gar keinen Hehl daraus, dass sie das jüdische Israel aus dem Nahen Osten bomben wollten. Die Devise lautete “vom Jordan bis zum Mittelmeer” (entsprechend der auch auf unseren Straßen von Linken und Palästinensern dauerskandierten Parole „from the river to the sea“) und besagte, das Territorium Israels müsse ihren Glaubenskämpfern gehören. Und auch wenn niemand weiß, wie lange es noch bis zur Atomschlagfähigkeit gebraucht hätte, stellten sie permanent unter Beweis, dass sie – solange sie „die Bombe“ nicht hatten – auf ein quantitativ und qualitativ beängstigendes Raketenarsenal zurückgreifen konnten. Man stelle sich vor, all die seit Kriegsbeginn bisher auf arabische Ziele niedergegangenen Raketen wären ebenso treffsicher auf das kleine Israel abgefeuert worden!

Das Volk muss die Tyrannei beenden

Der Irrglaube von Netanjahu und Trump war es allerdings anzunehmen, dass ein Tyrannenmord – die Enthauptung des Mullah-Regimes von außen – ein Fanal auslösen würde, das die Volksmassen nicht nur auf die Straßen treiben, sondern sie die zweite Garde der schiitischen Herrschaften aus ihren Palästen holen und dort aufknüpfen lassen würde, so wie die Mullahs zuvor abertausende Menschen aufgehängt hatten. Enge Vertraute meinten wohl zu Recht, dass die Zeit dafür noch nicht reif sei; vielleicht hätte man auch wissen können, dass Tyrannenmorde in Regimes, die so lange stabil an der Macht sind (ein halbes Jahrhundert lang fast!) schnell scheitern können. Im Hitler-Deutschland schlug nicht nur der Versuch vom 20. Juli 1944 fehl, sondern davor schon eine ganze Reihe von Attentaten und Enthauptungsschlägen. Aber sollte es deshalb nicht trotzdem weiter versucht werden? Stauffenberg und seine Mitstreiteiter werden zu Recht jedes Jahr gefeiert – doch jetzt wird der Versuch, die iranische Diktatur zu stützen, von fast allen im “Wertewesten” verurteilt, mit dem Vorwand, es seien ja die bösen Amis und nicht das iranische Volk selbst. Dass Trumps und Netanjahus Ziel die Hilfe zur Selbsthilfe der Iraner war, wird ausgeblendet – wenngleich dieses Ziel eben, wie gesagt, arg naiv war, weil es wohl doch mehr als eine militärische Regimedestabilisierung von außen braucht.

Möglicherweise ist dieses doppelzüngige Verhalten ja dem Umstand geschuldet, dass Amerikaner und Briten 1953 den frei gewählten iranischen Präsidenten Mossadegh stürzten und dadurch die Macht des Schah-Regimes bewahrten, das dann wiederum in der Revolution von 1979 durch Chomeini gestürzt wurde, nachdem man ihm zuvor jahrelang die Möglichkeit der Indoktrination seiner Anhänger vom Exil in Paris aus gegeben hatte. Schon als der Schah 1968 Berlin besuchte, kam es zu blutigen Krawallen durch Studenten und linke Gruppierungen – und als er gestürzt wurde, war auch hierzulande der Jubel groß. Die Linken glaubten, hier sei eine Revolution des Volkes gegen den US-Imperialismus und seine Schergen geglückt; in Wirklichkeit war es ein islamistischer Rückfall in die islamistisch-fundamentalistische Barbarei. Doch mit der Einsicht, dass man sich damals geirrt hatte, taten sich deutsche Politiker immer schwer, vorneweg der heutige Bundespräsident Steinmeier.

NATO-Krise: Hört beim Geld die Freundschaft auf?

Haben wir es nur dem Krieg zu “verdanken”, dass die Straße von Hormus gesperrt wurde? Nein: Der Iran wollte schon lange seine Strategie realisieren, eine Mautgebühr für die immerhin über 50 Kilometer breite “Meerenge” zu den Arabischen Emiraten zu verlangen um seinen Terror und den seiner Vasallen gegen andere Staaten zu finanzieren – oder als Alternative zu sperren. Der Iran testete jetzt lediglich, wie weit sich diese Kontrolle durchsetzen lässt, ohne eine weitere Eskalation des Krieges zu provozieren. Die schrittweise Einführung von Registrierung, Begleitung und Zahlungen folgt dabei einem klaren Muster: Erst etablieren, dann normalisieren. Völkerrechtlich ist die Lage eindeutig: Internationale Meeresstraßen dürfen nicht blockiert, kontrolliert oder zur Einnahmequelle gemacht werden. Die freie Passage gilt unabhängig davon, welche politischen Spannungen bestehen. Nun stiegen die Energiepreise auch in Europa – obwohl wir aus dem persischen Golf kaum noch Energie beziehen. Das befreundete NATO-Mitglied Norwegen verlangte für sein Brent-Öl plötzlich unverschämt hohe Preise, und ebenso – nach demselben Muster – auch die USA, die (obwohl über die NATO mit uns verbandelt) für ihr LNG-Flüssiggas ein Vielfaches verlangten, was das ebenfalls mit Boykott belegte Russengas kostete. Hört beim Geld etwa die Freundschaft auf? Die Lieferländer und Ölkonzerne stoßen sich jedenfalls noch gesünder, als sie ohnehin schon sind – und machen täglich 21 Millionen Euro Zusatzprofit. Das ist allerdings anteilig gerechnet nichts gegen das, was alleine der deutsche Staat an der Krise verdient.

Denn klammheimlich freut sich der Fiskus mit seinem SPD-Finanzminister Lars Klingbeil über die explodierten Energiepreise, weil er exorbitant gestiegene Steuereinnahmen verbuchen kann. Im März soll er alleine 390 bis 490 Millionen Euro mehr an Mehrwertsteuer eingenommen haben; jetzt wissen wir endlich, woher der Name dieser Steuer kommt, das sind bis zu 16 Millionen Euro täglich. Diese dreiste Abzocke lässt Kumpanei mit den Öl-Multis vermuten – und vermutlich wird deshalb auch nichts ernsthaft gegen die steigenden Preise an den Zapfsäulen und in den Heizkellern unternommen. Stattdessen wurde die unsinnige 12-Uhr-Regelung eingeführt, damit wir uns nur noch einmal am Tag aufregen – ausgerechnet vor dem Mittagessen. Das mag zwar die Herzinfarktrate reduzieren und damit die Krankenkassen entlasten und außerdem die Freude am Autofahren mit Verbrennermotor reduzieren; es zeigt aber auch aufs Neue, wie egal und unwichtig dieser Bundesregierung das Wohl der deutschen Staatsbürger und die Situation der Wirtschaft sind.

Grausige Todesmaschine

Immerhin schweigen jetzt die Waffen am Persischen Golf – obwohl es wirkt, als sei her auf halber Strecke innegehalten worden (apropos: Warum hat sich im Deutschen eigentlich die Bezeichnung Persischer Golf und nicht Arabischer Golf durchgesetzt? Die arabische Küste ist deutlich länger). Zumal der Ableger der Mullahs im Libanon, die Hisbollah, weiter gegen Israel kämpfen will – und es auch tun lässt, solange man diese Terrorarmee gewähren lässt. Weil die libanesische Regierung leider nicht in der Lage ist, der Hisbollah das tödliche Handwerk zu legen, führt Israel seine Angriffe auf den Süden des Landes – wo nach UN-Resolutionen und somit dem vielbeschworenen “Völkerrecht” schon seit 20 Jahren überhaupt kein einziger Hisbollah-Kämpfer mehr stehen geschweige denn Israel attackieren dürfte; trotzdem wird in deutschen Medien von einem “zweiten Gaza” geschwurbelt. Zwar könnte ein militärisches Mandat der UN diese Aufgabe übernehmen – aber das wollen die isla-mischen Mitgliedsländer nicht, zumal sich UN-Mandate in der Vergangenheit noch immer als wenig bis gar nicht wirkungsvoll erwiesen haben. Ob Frankreich bereit wäre, diese Aufgabe zu übernehmen, das einst unter dem „Völkerbund“ das Mandat für den heutigen Libanon hatte? Dann müsste wenigstens nicht Israel die „Drecksarbeit“ erledigen. Doch genau das soll ja am Pranger stehen für seine angeblichen Kriegsverbrechen und dafür, dass Juden die “Frechheit” haben, sich zu wehren und sich nicht tatenlos abschlachten zu lassen.

Man darf gespannt sein, ob der Iran den Konflikt Israels mit der Hisbollah wirklich dauerhaft zum Anlass nimmt, den Waffenstillstand im eigenen Land und vor der Haustüre zu widerrufen. Ohnehin hatten die neuen Mullahs – respektive die Revolutionsgarden als eigentliche neue Machthaber – einen Waffenstillstand nicht ernsthaft gewollt, sondern ihm nur unter dem wahnsinnigen Druck Trumps zugestimmt, der ihr Land ansonsten militärisch in die Steinzeit zurückbomben wollte – obwohl sich die schiitischen Machthaber kulturell und moralisch schon längst in der Steinzeit befinden. Es schmerzt, mit ansehen zu müssen, was aus dem großen Kulturvolk der Perser nach der „islamischen Revolution“ ab 1979 geworden ist; den Einzigen, denen das nicht mehr wehtut, sind die zahllosen von den Mullahs Hingerichteten. Ohne dass dem Regime tatsächlich das Handwerk gelegt wird – auf welche Weise auch immer –, wird dieses seine grausige Todesmaschinerie weiter am Laufen halten – ganz so, wie es Robespierre und Konsorten einst mit ihren Schafotten taten. Doch auch diese wurden vom eigenen Volk gestürzt. Vielleicht erfolgt dies bald auch im Iran; dann hätte der Krieg doch noch seinen Zweck erfüllt.


Donnerstag, 9. April 2026

Ox Fanzine: Perspektiven eines Ex-Nachrichtendienstlers

 

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Üblicherweise lehne ich Kooperationen mit größeren Medien inzwischen ab: Interviews, Stellungnahmen, Podcast. In meinen Augen ist das ein Verkauf der Integrität für die geringe Chance Fame abzugreifen. Die nur den Medien nutzt.

Ich wurde aber schon Ende des vergangenen Jahres von Daniel Schubert vom Ox Fanzine angefragt. Der auch echt ehrlich interessiert war. Und nicht nur aus meiner geografischen Ecke, sondern auch aus meinem sozialem Hintergrund kommt.
Also habe ich ein Interview gegeben. Das sich über mehrere Gespräche und Mails erstreckte. Erschienen ist es in der ersten Ausgabe des Ox in diesem Jahr.

Ich habe die Erlaubnis, es nun auch zu veröffentlichen.
Viel zu meinem Werdegang, Hintergrund, Arbeit und ich glaube, meine rheinisch-lakonische Schnauze schimmert auch durch. Einige Bilder habe ich eingebaut, die Ox aus Satzgründen nicht veröffentlichen konnte.

Daniel hat auch kein Frage-Antwort-Spiel daraus gemacht, sondern erzählt. Was ich sehr passend fand und hohes Niveau im Medienzirkus ist.

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Perspektiven eines Ex-Nachrichtendienstlers - JOEY HOFFMANN

Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Gezielte Desinformation und einseitige Berichterstattung gehören zum Handwerk kriegerischer Konflikte. Mit dem Krieg in der Ukraine und in Gaza ist diese bislang als Binsenweisheit wahrgenommene Floskel für mich als Mitteleuropäer mehr in meinen alltäglichen Erfahrungsraum gehuscht, sowohl was die geografische als auch die politische Nähe angeht. Und verfolgt man die Punk-relevanten Medien, tun sich auch hier Lager, Echokammern und Grabenkämpfe auf. Waffen für die Ukraine? Auf wessen Seite stehst du im Gaza-Konflikt? Insbesondere beim Thema Israel werden auch im Punkrock die Gräben tiefer und die Einstellungen verbitterter.

Ich versuche, mich vielseitig zu informieren, den Überblick zu behalten. Mache den Spagat von Jungle World und taz bis zur FAZ und NZZ, um doch immer wieder festzustellen, dass neben Brauchbarem auf allen Seiten viel Meinungsmache statt Berichterstattung mitschwingt, Analysen sich inhaltlich ähneln, oft Schnellschüsse sind und später widerlegt werden. Über mehrere Kanäle werde ich dann aufmerksam auf Joey Hoffmann und seine Plattform „U.M.“ (Ungesunder Menschenverstand). Ein politisch links stehender Ex-Soldat, Blogger mit militärischem Sachverstand. Ein Befürworter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und gleichzeitig ein konstruktiver Kritiker desselben. Der aussieht, als ob für ihn die DROPKICK MURPHYS und MOTÖRHEAD nicht fremd sind. Seine politischen Analysen beziehen sich rein auf militärisches Fachwissen. Eine journalistische Informationsquelle, die ich vorher erstens nicht auf dem Schirm und der gegenüber ich zweitens gewisse Berührungsängste hatte. Aber eine, die einen zusätzlichen Blickwinkel und damit einen Mehrwert in meine Nachrichtenroutine bringt.

Ich sprach mit Joey unter anderem über die Emotionalisierung von Nachrichten, das Problem des Agenturjournalismus und unsere eigene Verantwortung als Nachrichtenkonsument:innen.

Der Weg zum Nachrichtendienst

Wie er zur Bundeswehr kam, will ich wissen. Es war die damals noch geltende Wehrpflicht. Joey wird schlicht eigezogen, eine Woche später kommt die Musterung, keinen Monat später steht er im Trainingsanzug in der Kaserne. Die Grundausbildung macht er in einer Einheit nahe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Dort absolviert er die Grundausbildung. Anschließend lernt Joey Richtschütze auf dem Leopard II. Die Panzer, die inzwischen an die Ukraine gegeben wurden. Die Ausbilder dort kommen noch aus dem Kalten Krieg. „Das war schon eine harte Truppe. Im Krieg wäre die Einheit eine der ersten gewesen“, erinnert er sich.
Joey fängt an, sich über Berufsausbildungen bei der Bundeswehr zu informieren. Bewirbt sich dann für den Werdegang, der mit der zivilen Ausbildung zum Fotografen verbunden ist, besteht die Auswahl und wird vom Heer zu den Marinefliegern versetzt. Da sitzt er dann, Piloten in Anzügen, startende Tornados, und „von irgendwo hörte ich ständig die Titelmusik von ‚Top Gun‘.“ Alles selbst für einen Panzermann sehr beeindruckend. Mit seinem Ausbilder und späteren Teampartner geht es nach einem Begrüßungskaffee in den ‚Bunker‘. Im Bunker tut sich eine andere Welt auf.

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Aus meinem Archiv: Ich mit meiner ersten Schultüte. 1992

Luftbildauswerteanlagen, Leuchttische, Monitore, Fotos von russischen Schiffen und Häfen. Sein Ausbilder steht vor einer meterhohen Karte der Ostsee und erklärt, dass eine seiner Aufgaben als Mannschafter sein würde, mehrmals am Tag die Schiffspositionen zu plotten. Joey fragt, ob die jetzt da wirklich auch die russischen Schiffe plotten würden. Als Antwort zeigt der Ausbilder lapidar auf ein Zeichen, das beispielsweise eine russische Fregatte wäre, die gerade zurückfährt. Und ein anderes Symbol ein polnisches Schnellboot, das Patrouille läuft. Da packt es Joey. Das ist hier nicht zur Übung. Völlig klar ist das spätestens bei der Überprüfung durch den Militärischen Abschirmdienst MAD.

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Aus meinem Archiv: Der Bereich der ersten Staffel des MFG 2, der Bunker (Mitte links) unsere LKW (Mitte rechts) und man kann erahnen, dass wir zum Rauchen oder Grillen vor der Tür standen.

Die Laufbahn

Fachlicher Teil an der Offiziersschule der Luftwaffe in Bayern, Sprachenschule in Bremerhaven, Unteroffiziersschule bei Kiel. Später auch in anderen Einheiten, bei der NATO in Belgien. Er besucht Lehrgänge, hält Unterricht, brieft Crews.
„Wenn James Bond im Bunker mit M diskutiert und im Hintergrund schlurft einer mit einem Klemmbrett und einem Kaffee durchs Bild, schreibt etwas an eine Tafel und läuft vor sich hin motzend wieder aus dem Bild – das war ich. Vermutlich am Montagmorgen.“
Er macht eine Ausbildung zum Kaufmann und hängt anschließend an die sechs Jahre Dienst noch mal vier dran. Ein Leben lang Soldat zu bleiben, war aber nie sein Plan. Es sei völlig normal, dass man einen Vertrag für mehrere Jahre unterschreibt und dann ausscheidet. Nur die wenigsten werden Berufssoldaten und blieben das bis zur Pensionierung.

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Aus meinem Archiv: Pressebild meines damaligen Gruppenleiters an einer Luftbildauswerteanlage im Bunker.

Joey ist irritiert über meine Frage, ob er je so etwas wie einen „inneren Konflikt“ verspürt habe durch die unterschiedlichen Lebenswelten im Privaten und Beruflichen. Wir beide sind ähnlich alt und ich erinnere mich daran, dass es in meinem Umfeld bei vielen geradezu verpönt war, zum Bund zu gehen. Bei ihm sei das nicht so gewesen. Wirklich politisiert war keiner, da sei er eher die Ausnahme gewesen. Joey ist heute noch passives Parteimitglied bei den Grünen. Wer von seinen Kumpels verweigert hat, habe das schlicht aus Faulheit getan, um einen lauen Job um die Ecke zu bekommen: „Ich vermute, diese Ablehnung gab es mehr in Akademikerkreisen als bei Schweißern und Malern“, resümiert er.

» POLITISCH LINKS HAT FÜR MICH IMMER BEDEUTET, AUTORITÄTEN ZU HINTERFRAGEN. «

Autoritäten

Ich hake nach, dass viele, die sich politisch links orientieren, oft einen gewissen Antiautoritarismus verinnerlicht haben, so dass ihnen zum Beispiel der nötige Gehorsam in der Armee widerstrebt. Joey entgegnet, Antiautoritarismus sei, wie endgültiger Pazifismus, eine Illusion, die vielleicht jungen Menschen sexy erscheine, die rebellieren müssen. Die Lebensrealität grätsche da aber schnell rein. Es gebe ja nicht nur dienstliche Autoritäten, wie Lehrer, Polizisten oder „den Staat“, sondern auch fachliche Autoritäten, wie Trainer im Sportverein, die Professorin oder den Vorarbeiter. Und persönliche Autoritäten wie die Oma, die einfach weise ist. Antiautoritarismus sei selektiv, weil wir bestimmte Autoritäten akzeptieren und lernen, dass es ohne irgendwie auch nicht geht. Keiner versuche zum Beispiel, die Autorität seiner Zahnärztin zu hinterfragen, wenn sie die Spritze in der Hand hat. Der Mensch sei ein Rudeltier. Und Rudeltiere organisieren sich hierarchisch.
„Ich habe vom 14. Lebensjahr an American Football gespielt. Mit Ghetto-Kindern und Gymnasiasten. Jeder hatte eine bestimmte Position, auf die er spezialisiert war. Und hast du deinen Job nicht gemacht, hat das Team verloren. Hast du Scheiße gebaut, hast du 20 Liegestütze gepumpt.“ Was solle beim Militär also anders sein?

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Aus meinem Archiv: Ja, wir hatten schon Laptops.

Politisch links hat für Joey immer bedeutet, Autoritäten zu hinterfragen. Dass Adel oder Diktatoren nicht machen können, was sie wollen, und dass Macht diversifiziert wird. Nicht sie grundsätzlich abzulehnen. „Wenn mein Football-Trainer vom Platz gegangen ist, war er Müllmann. Man hat nicht gelernt, seine Autorität auf dem Platz zu hinterfragen, sondern in Müllmännern mehr zu sehen als nur Müllmänner.“
Joey findet, es sei ein sehr linker Ansatz, den Menschen zu sehen und zu achten für das, was er ist. Nicht für das, was er darstellt. Ein Militärausbilder habe eine dienstliche Funktion. Aber er wolle die Person nicht beherrschen, sondern denjenigen, der vor ihm steht, zu einem Soldaten machen. Was dessen und andere Leben retten könne.

Die Motivation

In die Rolle als MilBlogger ist Joey reingerutscht. Das Militär war eigentlich längst abgehakt. Aufgrund eines Unfalls erlitt er zwei Schlaganfälle. Während der Genesung fängt er zuerst an, über E-Zigaretten zu bloggen, wird Fachjournalist. Nicht als Influencer, sondern im Bereich „Medien, Wissenschaft, Politik“. Er gibt auch großen Medien Interviews oder berät sie für Beiträge. Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine fängt Joey ad hoc an, Leuten auf der Facebook-Fanpage zu erklären, was sie da im Fernsehen sehen und wie Krieg funktioniert. Die Ängste der Leute sind groß, viele denken, der Dritte Weltkrieg stehe vor der Türe. „Ich konnte wohl viele beruhigen und habe bis heute ständig dieses Feedback. Krieg ist in unserer Gesellschaft ja nicht nur etwas Fremdes geworden, es ist etwas quasi Undenkbares. Militär ist etwas Unheimliches, Soldaten gelten als dumme, obrigkeitshörige Roboter“, beschreibt Joey die Situation.
Obwohl Krieg auf dem Rest des Planeten immer noch die Realität darstellt, hätten wir uns jahrzehntelang in einer friedlichen Parallelwelt eingerichtet, wofür Deutschland lieber mit Geld als mit Verpflichtungen bezahle. Das habe uns „friedensverwahrlost“ gemacht.
Es kommen immer mehr Fragen von Leuten, die Recherchen nehmen einen immer größeren Teil seiner Arbeit ein. Daher wurde er geradezu genötigt, dafür Geld zu nehmen. Das Projekt „U.M.“ entsteht, eine Facebook-Fanpage, eine Homepage, und inzwischen schreibt Joey auf Steady, wo man kostenpflichtig Mitglied werden kann. Er sieht das als eine Art Community-Projekt und versucht nach wie vor, das meiste ohne Bezahlschranke zu lassen. Eben wegen der Anfänge.

Der Preis für Sicherheit und Wohlstand

Der polarisierende Begriff „Friedensverwahrlosung“ erinnert mich an den Begriff Wohlstandverwahrlosung. Das klingt für mich nach einer Mitschuld von uns allen. Ob das der Preis der Sicherheit und des Wohlstands ist, will ich wissen.
Joey entgegnet, dass wir zwar eine Verantwortung tragen, aber keine Schuld. Schuld sei ein schwieriges Wort. Niemand sei schuld.
Es gebe seit der Antike nicht einen einzigen Tag, an dem weltweit Frieden herrschte. „Aber wir haben in Europa so lange Frieden wie nie zuvor und eine umgekehrte Söldner-Mentalität entwickelt. Krieg betrifft uns nicht. Darum kümmern sich andere. Diejenigen, die so doof waren, zum Militär zu gehen. Soldat zu sein ist zu einem Job geworden, den man sich ja selber aussucht. Als Ursula von der Leyen Verteidigungsministerin wurde, galt ihre erste Sorge Kindergärten in Kasernen, um den Job attraktiver zu machen, nicht Nachwuchs oder Gewehren. Wir hätten uns aus der Verantwortung geschlichen, uns freigekauft. Vor allem Deutschland.“

Wir seien unfähig geworden, Gefahren zu erkennen oder erkennen zu wollen. Hätten der Selbstverteidigung abgeschworen. Das bräche nun in sich zusammen. Die USA seien nicht mehr bereit, die Verantwortung für andere zu tragen. Europäische Politiker hätten es längst erkannt, wüssten aber noch nicht, wie sie es ihren Wählerinnen und Wählern schonend beibringen sollen.
„Wir waren so geil auf das zweite Auto, dass wir uns mit einem russischen Diktator ins Bett gelegt haben. Und sind dann erschrocken, dass das Öl plötzlich teuer wird, weil der das natürlich eingepreist hat, als er die Ukraine überfallen hat.“
Seit Jahren brenne der Nahe Osten lichterloh und wir seien inzwischen so in einer Massenpsychose gefangen, dass wir Islamisten als Freiheitskämpfer sehen und dem alles andere unterordnen. Weil in Israel genau deshalb gerade Rechtsradikale regieren. Und wir nicht zur Kenntnis nehmen, wie viele in Israel die Demokratie verteidigen, indem sie zu Recht auf die Straße gehen. „Ich hoffe, Europa wird früh genug wach“, schließt er dieses Thema ab.

» NIEMAND WILL JEMANDEN WIE MICH IN DER TALKSHOW ODER DER REDAKTION SITZEN HABEN. «

Warum Blogger?

Ob das einfach sein Ding ist oder Redaktionen zu viele Berührungsängste mit dem Fachgebiet Krieg haben, will ich wissen. Es habe nie den Gedanken gegeben, Journalist in einer Redaktion zu werden. Und heute würde Joey es auch nicht mehr wollen, weil er durch seine Arbeit täglich sehe, wie unsachgemäß Medien berichten würden. Dabei geht es ihm nicht um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder „böse“ Journalisten, die zu einer Seite tendieren, sondern um Agenturmedien, Nachrichtenmedien und die Mechanismen, nach denen sie funktionieren.
Joey kommuniziert viel mit Journalist:innen. Er beschreibt sie als nette, offene Menschen, die wissen, was läuft. Aber Informationen seien eine Ware. Und es werde produziert, was sich gut verkaufen lässt. Und wenn das ein israelischer Luftschlag gegen ein Krankenhaus ist, bei dem 500 Menschen sterben, dann werde das produziert. Wenn später rauskäme, dass es eine verirrte Rakete des palästinensischen Dschihad auf einem Parkplatz war, die kaum Menschen getroffen haben kann, sei der Medienzirkus längst weitergezogen. Die Chefredaktionen wollten das so, ebenso die Verlage, die Vorstände. Der einzelne Journalist habe damit, abgesehen von Kompetenzlosigkeit, weil er in Ennepetal Politologie und Sozialwissenschaften studiert hat, wenig zu tun. Einige seien tendenziös. Und die würden dann in Talkshows eingeladen oder live zugeschaltet. Weil es sich verkauft. „Niemand will jemanden wie mich in der Talkshow oder der Redaktion sitzen haben“, zieht er als Fazit.

Die Quellen der MilBlogger

Geheime Quellen seien eine Legende, James Bond und Jason Bourne Quatsch, stellt Joey klar. Was Nachrichtendienste zu weit über 90% machen, sei Informationsverarbeitung aus offenen Quellen. Der Begriff dafür ist OSINT, Open Source Intelligence. „Wir hätten in den 1990ern davon geträumt, dass es offen zugängliche Satellitenbilder von der ganzen Welt gibt. Mit Straßennamen und geografischen Daten.“
Big Brother war gestern, die Zukunft habe uns längst überholt. Über Social Media bezahlen wir ja auch noch freudestrahlend mit unseren Daten für die Illusion gesellschaftlicher Relevanz. Was er macht, könnte grundsätzlich auch jede Redaktion leisten, sagt Joey. Mehr sogar, denn die hätten auch die Kapazitäten, einfach mal aktuelle Satellitenbilder zu kaufen. Aber denen fehle die Kompetenz, das Handwerk. Und aus wirtschaftlichen Gründen der Wille.

» MILITÄR IST ETWAS UNHEIMLICHES, SOLDATEN GELTEN ALS DUMME, OBRIGKEITSHÖRIGE ROBOTER. «

Analyse von OSINT-Quellen

Nach einem Beispiel für seine Quellenarbeit gefragt, nennt Joey den Luftschlag gegen das Al-Ahli-Krankenhaus im Oktober 2023 am Anfang des Gaza-Kriegs. Da wurde von der Hamas gemeldet, Israel hätte das Krankenhaus „bombardiert“ und fast 500 Menschen getötet. Diese Meldung haben Medien weltweit übernommen. Joey erscheint das absurd:
„Selbst wenn man Israel für den Satan hält, hätte das in dieser Phase des Krieges militärisch gar keinen Sinn ergeben.“ Ganz ohne die Moral zu bemühen, die in keinem Krieg eine Rolle spielt. So eine Bombe kostet schließlich locker so viel wie ein Eigenheim in Castrop-Rauxel. Und das, um ein paar Kranke aus dem Bett zu schießen? „Es war so absurd, dass ich spontan lachen musste.“

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Aus meinem Archiv: Teil der Auswertung des angeblichen Luftschlages gegen das Al Ahli Krankenhaus.

Schon morgens seien Pressefotos auf Stock-Plattformen angeboten worden, sogenannte „Wirkungsbilder“. Die Bilder hätten aber nicht nur gezeigt, dass die „Bombe“ eine kleine Rakete war, die auf einem Parkplatz runtergekommen ist, sondern dass sie nicht einmal einen Krater hinterlassen hat und nur ein paar Fenster der Gebäude eingedrückt waren. Selbst ein Krankenwagen 30 Meter weiter sei unbeschädigt gewesen. Joey hat sich diese Satellitenbilder angeschaut und das Ganze vermessen.

Detektivgeschichte: Die Bombe auf das Ahli Krankenhaus
Am frühen Abend des 17.10.2023, in den ersten Tagen des Gazakrieges, detonierte etwas auf dem Parkplatz des Al-Ahli Krankenhauses in Gaza-Stadt. Die Hamas meldete einen…
Steady icon Steady

Die später von den Israel Defense Forces/IDF veröffentlichten Infrarotbilder hätten dann auch gezeigt, dass sich vorm Einschlag kaum jemand dort aufgehalten hat. Vermutlich weil das der Hintereingang war, ein Mitarbeiterparkplatz. Die Zahl von 500 Toten sei also absurd. Zumal das Krankenhaus zu der Zeit nur 80 Betten hatte. Später kam heraus, dass es sich um eine verirrte Rakete des Islamischen Dschihad in Palästina/PIJ gehandelt hatte. „Solches Friendly Fire hat es zu tausenden gegeben.“
Das also bedeutet OSINT: Man nimmt verfügbare Quellen und spielt Sherlock Holmes. Joey legt Wert darauf, seine Quellen immer sehr transparent zu machen. Die Ergebnisse würden jedoch nicht immer allen passen. „Von irgendwem werde ich immer angefeindet. Sowohl von links als auch von rechts.“

Und die Ukraine?

Angesprochen auf ein OSINT-Beispiel aus dem Krieg in der Ukraine, fällt Joey ein Ereignis von September 2024 ein, als zwei Raketen in ein Gebäude im ukrainischen Poltawa einschlugen. Sofort sei die entsprechende Erregung online da gewesen. Joey habe das Gebäude zunächst auf Satellitenbildern gesucht, es „einorientiert“ und „lokalisiert“. Da er dann die Adresse hatte, konnte er schlicht und einfach auf Google Street View nachschauen. Und tatsächlich gab es ein Bild des Eingangs zu dem Gelände. Mit einem großen Schild in Kyrillisch, dass es sich um das „Poltawa Militärinstitut für Kommunikation“ handelte. Ob man Russland nun möge oder nicht, aber so kam er zu dem Schluss, dass das ein legitimes militärisches Ziel gewesen sei. Und dass Russland hier auch nicht den Double-Tap verwendet habe, sondern einfach zeitnah zwei Marschflugkörper abgefeuert habe. Das würde die Bundeswehr nicht anders machen.

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Gestern Vormittag schlugen vermutlich zwei Raketen in ein Gebäude in der ukrainischen Stadt Poltawa ein. Von beiden Seiten werden Informationen verbreitet, die nicht…
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Stellenwert von MilBlogger:innen in der Medienlandschaft

Ob MilBlogger:innen in Deutschland einen geringeren Stellenwert haben als in anderen Ländern, möchte ich wissen. Joey betont, dass „MilBlogger“ ein Kunstbegriff ist und es nur sehr wenige davon gibt. Die meisten sehen sich als „Vlogger“ und Streamer. „Mir ist niemand bekannt, der das im deutschsprachigen Raum in meiner Art macht. Ich nenne mich lieber MilBlogger, um Debatten zu vermeiden.“ Per Definition sei er Journalist. Zu bloggen gebe ihm auch die Freiheit, deutlicher seine Meinung kommunizieren zu können. Und das sei der Grund, warum MilBlogger keinen hohen Stellenwert in den Medien haben.
Die Agenturmedien hätten gar nicht die Zeit und Kompetenz zu prüfen, wer von dem Thema wirklich Ahnung hat und wer nicht. Da würden dann lieber Leute wie Erich Vad eingeladen, der am Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine bei Maibritt Illner vor Millionen prognostizierte, in ein paar Tagen wäre die Sache gelaufen. „Geradlinig in den Generalstab, keine Zeit in der Truppe, bei Merkel offenbar rausgeschmissen, ein Hafensänger par excellence.“ Aber bei dem könnten die Medien dann „Ex-General und Merkel-Berater“ in die Bauchbinde schreiben.
Oder der „NATO-General“ Kujat, der seit 20 Jahren in Pension ist und mit seinen russlandfreundlichen Narrativen inzwischen bis zu kleinen YouTubern durchgereicht worden sei: „Halt irgendwo ein Mikro in die Luft und sag ‚Russland‘, und schon erscheint ein Kujat und spricht hinein.“
Die Frage nach mehr Akzeptanz von MilBlogger:innen in Nachbarländern mit einer anderen Militärtradition wie Frankreich oder Großbritannien verneint Joey. Das sei in fast allen NATO-Staaten gleich, mit Ausnahme der USA, wo die Medienlandschaft und die Nachrichtenmedien tendenziöser seien. In Russland hätten MilBlogger vor dem Hintergrund des nationalistischen Putinismus teilweise eigene Sendungen im Staatsfernsehen.

Berührungsängste mit dem Militär in Deutschland

Die Scheu diesem Themenfeld gegenüber läge in Deutschland vor allem an den politisch mehrheitlich links und grün besetzten Redaktionsstuben. Dabei verortet er sich politisch selbst da, das seien schlicht die Fakten. „Linke studieren Journalismus, Ausdruckstanz oder ‚was mit Menschen‘, Rechte studieren Wirtschaft und Jura.“ Es sei einfach das Bewusstsein für das Militär verloren gegangen. Soldaten seien akzeptiert, wenn Sandsäcke für eine Überschwemmung organisiert werden müssen. „Wie soll eine Journalistin, für die das Militär etwas Unheimliches und Fremdes ist, entscheiden, wen sie interviewen oder für einen Podcast einladen soll?“
Das sei auch sein Grund, eigentlich alle Presseanfragen abzulehnen. Weil die Fragen entweder spürbar auf ein gewünschtes Ergebnis abzielen oder schlicht strunzdämlich seien. Zu diesem Gespräch für das Ox sagt er: „Bei euch habe ich eine Ausnahme gemacht, eben weil ihr aus einer ganz anderen Ecke kommt und du mir ehrlich interessiert erschienst.“
Bei seiner Aussage „Militär ist Handwerk“ dächten die allermeisten ganz sicher ans Schießen. Handwerk bedeutet aber auch Strukturen, Taktik und Abläufe. Die Bundeswehr hat auch Ingenieur:innen, Ärzt:innen und Rechtsanwält:innen. Zur Frage des mutmaßlichen Genozids im Gazastreifen würden irgendwelche Soziolog:innen befragt, anstatt mal Jurist:innen zu befragen, die selber gedient haben. „Die können das, was dort passiert, ganz sicher besser beurteilen als ein Professor in den USA oder eine Organisation von ‚Genozid-Forschern‘, bei der jeder Mitglied werden kann.“

Militär als „Handwerk“

Ich frage nach, ob er die International Association of Genocide Scholars/IAGS meint, von der ich auch schon gelesen habe. Dort kann jede:r ohne Prüfung seiner Qualifikation online gegen eine Gebühr eintreten. Offenbar eine unwissenschaftliche, rein ideologische Veranstaltung. Sind denn seiner Erfahrung nach MilBlogger:innen weniger ideologieanfällig als zivile Kriegsberichterstatter:innen und Journalist:innen? Haben sie mehr Distanz zum Geschehen, wenn Militär „Handwerk“ ist?
Das sei seine feste Überzeugung, zumindest in unseren Gefilden, entgegnet Joey. Bei chinesischen, russischen oder nordkoreanischen Journalist:innen sei das sicher anders. Kriegsberichterstatter machten oft einen guten Job. Aber die gebe es ja so gut wie nicht mehr. Aus Redaktionsstuben geführte Agenturmedien wären so bestimmend, dass die Bundeswehr inzwischen Kurse für Journalisten anbietet, damit die wenigstens rudimentär wissen, wie man sich verhält. Er bringt ein Beispiel:
Ein ziviles Haus wird getroffen. Sofort ist die Aufregung groß. Jemand mit etwas „Handwerk“ sehe aber schnell, wie und womit das Haus beschossen wurde. Einem Panzer, einer kleinen Rakete, einer großen Rakete, einer lasergelenkten Bombe. Und daraus ergebe sich dann ein viel weiterer Horizont, weil bestimmte „Wirkmittel“ für bestimmte Zwecke verwendet werden. Man komme ja auch nicht mit einem Messer zu einer Schießerei.

„Handwerk“ entlarvt Propaganda?

Als Anfang Juli 2025 das Café am Strand von Gaza-City getroffen wurde, sei sofort wieder „Stimmung“ auf Social Media und in den sonstigen Medien gewesen. Weil durch die unsachgemäße mediale Formulierung „Café bombardiert“ und die Propaganda der Eindruck entstehen musste, dass Israel dort einfach ein Restaurant beschossen hätte. „Hätte Israel das aber gewollt, hätte es da einfach einen 4.000-Pfünder reingesetzt und das Strandcafé wäre nur noch Strand.“

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Also habe Joey die Informationen ausgewertet und habe zeigen können, dass dort eine lasergelenkte Bombe in einem Präzisionsschlag auf ein dezidiertes Ziel gesteuert wurde. Nämlich auf den Hamas-Kommandeur des Dschabaliya-Bataillons, Hisham Mansour, der den Job von seinem Vater, Ayman Atiya Mansour, übernommen hatte. Der wiederum wurde schon vor dem Krieg von einem Verwandten und Hamas-Mitglied Eid Muhammad Mansour zusammen mit seinem Sohn erschossen. Eine skurrile Geschichte, die aus der Netflix-Serie „Fauda“ stammen könnte.

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Aus meinem Archiv: Hisham Mansour (rechts) mit seinem Vater und vorherigem Kommandeur der Hamas Ayman Atiya Mansour.

„Ich habe erklärt, wie feinteilig eine solche Operation ist, wie viele Menschen daran mitgewirkt haben, dass Mansour wahrscheinlich in dem Café war, um Hamas-Affiliierte bar zu bezahlen, dass deshalb auch zwei ‚Journalisten‘ dort anwesend waren, und und und ...“ Außerdem sei der Treffer neben das Café gegangen. Jemand mit etwas Ahnung sehe das, sehe den Krater, das Ziel, die Tageszeit, und wüsste, was dort los gewesen sei. In der öffentlichen Wahrnehmung werde bleiben: „Café bombardiert“. Joey: „Und wenn die Israelis etwas können, dann ist das beschissene Presse zu produzieren.“

Kann eine Versachlichung vor Fake News schützen?

Joey setzt auf die faktische Versachlichung von Krieg, um diesen zu verstehen. Ich möchte wissen, ob er darin eine Möglichkeit sieht, den Faktor der emotionalen Manipulation der Leser:innen seitens anderer Medien zu minimieren und damit auch Fake News entgegenzuwirken. „Ich bemühe mich. Es ist mein Antrieb, wenigstens ein kleines Sandkorn im Getriebe zu sein. Ich bin nicht illusorisch.“
Der Mensch bevorzuge emotionalisierte Informationen. Das werde auch er nicht ändern. Auch da sei leider wieder Israel ein gutes Beispiel. Vor allem im linken Spektrum habe sich eine mindestens antiisraelische bis antisemitische Haltung längst verfestigt. Das habe bereits mit der Nähe der Studentenbewegung, der APO und der RAF zu den Palästinensern begonnen.

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Rainer Langhans (l.) und Dieter Kunzelmann beim „Vietnam-Kongress“ in Berlin, 1968. Am 9. November habe ich mit einem kurzen Posting auf der Facebook Fanpage an den…
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Damals noch tiefrot, die Fatah sei bis heute eher sozialistisch. Und dafür würden ganz viele Dinge ausgeblendet. Zum Beispiel, dass die Hamas im Gazastreifen eindeutig radikalislamistisch ist und sogar einen gewaltsamen Bürgerkrieg gegen die Fatah geführt hat. Es treibe Blüten wie „Queers for Palestine“, die nicht nur im Gazastreifen vom Hochhaus geworfen würden. Jahrzehnte feministischer Bewegung würden auf den Haufen der Geschichte geworfen, nur weil man Israel als „kolonialistisches Projekt“ des „imperialistischen Westens“ ausgemacht haben will.
Das Gleiche gelte auch für Russland. Viele Leute aus dem linken Spektrum argumentierten bis heute pro Russland, obwohl die nationalistische, ultrarechte Partei Jedinaja Rossija, Vereintes Russland, seit 20 Jahren mit absoluter Mehrheit stramm durchregiert, die Medien gleichgeschaltet habe und gezielt Arme, Kriminelle und Angehörige von Minderheiten als Kanonenfutter ins Artilleriefeuer treibe. Der Jemen und der Sudan, wo derzeit mehr Menschen auf der Flucht sind als in Niedersachsen leben, interessierten die Menschen nicht, weil ihr Schwarzweißdenken da nicht mehr funktioniere. Sie wüssten gar nicht, wer da gegen wen kämpft. „Der Kongo ist größer als Mitteleuropa und alle halbe Stunde wird dort ein Kind vergewaltigt. Ein blinder Fleck der Orientierungslosigkeit, weil dort Rebellen und Milizen kämpfen und der IS mitmischt. Gut und Böse zu unterscheiden wird dort schwer. Da geht man doch lieber zu einer Demo, die ein Ende der Waffenlieferungen an Israel fordert.“ Obwohl es gar kein Verständnis dafür gebe, was überhaupt geliefert wird.

Joeys „Community“ auf der Facebook-Fanpage verspotte ihn dauernd als Don Quijote oder Sisyphus. Aber das sei es, was eine Demokratie fordert: inhaltliche, faktische Auseinandersetzung. Natürlich vertrete er seine Meinung, die grundsätzlich viel differenzierter sei, als Schreihälse es ihm unterstellen. „Ich habe Argumente. Aber Fakten sind die Pfeile, die ich im Köcher habe.“

Die Macht(losigkeit) der Nachrichtenkonsument:innen

Menschen lieben also emotionalisierte Nachrichten und beeinflussen dadurch die Nachrichtenauswahl der Redaktionen. Haben wir als Kund:innen es nicht eigentlich durch unsere Klicks selber in der Hand? Was müsste sich Joeys Meinung nach verändern, damit uns das als Nachrichtenkonsument:innen bewusst wird? Nach der Marktlogik müssten die Redaktionen doch darauf reagieren, oder? Dahinter stehe ein psychologischer Mechanismus, erläutert Joey. Er sei nicht resigniert, sondern Realist. Das werde man nie ändern. Ändern könne man etwas an der Kompetenz in den Redaktionen. Aber dafür gebe es keinen wirtschaftlichen Anreiz. Was er viel entscheidender findet und was viele nicht wüssten:

In Deutschland zählt das Agenturprivileg. Die Hisbollah, der Iran oder Russland zum Beispiel bringen eine Meldung. Agenturmedien greifen diese auf und verkaufen sie in die Welt. Und die veröffentlichenden Medien seien juristisch nicht mehr verpflichtet, sie zu prüfen. Sie müssten noch nicht einmal darunter schreiben, dass sie die Meldung nur gekauft haben. Die Lobby habe das so durchgedrückt. Es gebe in Deutschland Plattformen, auf denen das vollautomatisiert passiere: Übersetzung per KI, andere Überschrift, ein Bildredakteur sucht noch etwas Passendes heraus und schon geht es online. Joey: „Eine Analyse hat gezeigt, dass nur 4% der Berichte zu Gaza in großen englischsprachigen Medien israelische Zahlen wiedergaben, aber 100% die Zahlen der radikalislamistischen Hamas. Von denen auch die UN so tut, als seien es ihre vermeintlich unabhängigen Quellen. 20% der Berichte nannten die Zahlen der Hamas sogar ohne Quellenangabe. Nur 15% enthielten den Hinweis, dass bei palästinensischen Zahlen zwischen getöteten Zivilisten und Kombattanten nicht unterschieden wird.“ Und bloß bei 1% der Berichte würden die Zahlen der Hamas kritisch hinterfragt. Nachzulesen sei das bei „Questionable Counting“ von Andrew Fox, einem britischen Hochschuldozenten und Veteran. „Das soll ausgewogene Berichterstattung sein? Oder gar Berichterstattung zugunsten Israels?“

Warum „ungesund“, wenn Fakten gesund sind?

Musiker:innen soll man eigentlich nicht zu ihrem Bandnamen befragen. Bloger:innen auch nicht zu ihrem Blognamen? Ich will trotzdem wissen, warum Joey seine Plattform „Ungesunder Menschenverstand“ nennt? Fakten sind doch gesund. Joey wird philosophisch.
Bei Aristoteles sei der „gesunde Menschenverstand“ die Fähigkeit gewesen, die Wahrnehmung mit einem Gedanken zu verknüpfen. Schmecke man einen Apfel, habe man wohl in einen Apfel gebissen. Diesen Bedeutungsinhalt finden wir auch im lateinischen „sensus communis“, aus dem der englische „common sense“ wurde. Kant habe daraus aber etwas anderes gemacht: Die Fähigkeit, selber denken zu können. Durch Nachdenken zu Schlüssen zu kommen. Heute verstünden wir darunter, dass jeder Mensch eine Art inneren Mechanismus hat, der ihn automatisch zu den richtigen Ergebnissen kommen lässt. Aber die Meinung, das Fürwahrhalten, sei immer davon abhängig, welche und wie viele Informationen wir vorher haben. Psychologen und Juristen wissen, wie fehlerhaft das Hirn arbeitet. Im Bezug auf die mediale Berichterstattung hätten wir aber häufig nicht alle Informationen. Durch das Netz 2.0 würden unsere Informationen gefiltert. Das Netz sei zum Gegenteil dessen geworden, was man sich damals erhofft hatte. Deshalb sei es damals eine spontane Idee gewesen, das Projekt kurz „U.M.“ zu nennen. „Für den, ironisch, ungesunden Menschenverstand, der versucht, Informationen zu bekommen, bevor er sich eine Meinung bildet.“

Ganz ohne Musik geht es nicht

Wir sind ein Musikzine. Ohne Musik geht es daher nicht. Welche seine fünf Lieblings-Antikriegslieder sind, will ich wissen. „Ich bin auch Soldat geworden, da ich, obwohl Krieg zwar scheiße ist, Pazifismus eben nicht für die Lösung halte. Si vis pacem para bellum.“ Joey mag Antikriegslieder.
Bei „Brothers in arms“ von den DIRE STRAITS dürften auch große Männer Pippi in den Augen haben, findet er. „Gimme shelter“ von den ROLLING STONES und Jimi Hendrix’ Version von „All along the watchtower“ zählt er auch dazu. Sein absoluter Spitzenreiter ist „Fortunate son“ von CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL, weil es genau sein Gefühl der Zeit widerspiegelt. Und einen besonderen Platz hat für ihn „Born in the USA“ von Bruce Springsteen. Trumps Team habe beim ersten Wahlkampf den Song als Einlaufmusik verwendet, wobei anscheinend keiner verstanden habe, was er wirklich bedeutet.

Linke und Punks in Bundeswehrhosen

Zum Abschluss frage ich Joey noch, woher die Liebe von Punks zu Militärklamotten kommt. Das Phänomen erklärt er damit, dass einst in den USA die Rocker aus Veteranen hervorgegangen seien, die teilweise noch ihre alten Armeeklamotten trugen. Daher kämen sicher auch die „Badges“ auf den Kutten. Der Biker auf dem ikonischen Foto der Hollister Riots von 1947 trägt Klamotten, die schon sehr an die Army dieser Zeit erinnerten. An den Vietnam-Protesten hatten ebenfalls Veteranen teilgenommen, die als Zeichen, dass sie selber in der Scheiße saßen, die Jacken und bestimmte Abzeichen weiter getragen haben.
Also was wäre da näherliegend, als sich eine alte Armeeklamotte zu besorgen und ein paar Badges aufzunähen oder ein A auf den Rücken zu sprühen? „Außerdem gab es überall NATO-Shops, in denen man aus Restbeständen eine M65-Feldjacke oder eine Bundeswehrhose für zehn Mark abgreifen konnte.“

Ox ist ein Fanzine.

Bedeutet, es ist von quasi nicht-Journalisten mit Herzblut gemacht. Die als Fachjournalisten meiner Erfahrung nach professioneller und gewissenhafter arbeiten, als viele große Medien.
Das Interview mit mir war ein Double-Feature in einem Heft mit einem Interview mit Mark Beneke, vielen weiteren Interviews, Reviews und und und. Auf unfuckingfassbaren 174 Seiten.

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