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Sonntag, 27. September 2026

Heino: Der verdächtige Sänger

von Thomas Hartung

Heino (bei einem Auftritt im Juli dieses Jahres)



In der Medienwelt finden sich Porträts, die einen Menschen beschreiben, und es andere, die ihn dechiffrieren. Stefan Willekes soeben im ”Zeit-Magazin erschienenes Heino-Porträt gehört entschieden zur zweiten Gattung. Schon der Vorspann stellt nicht einfach einen 87-jährigen Künstler vor, der seit nunmehr fast sieben Jahrzehnten auf deutschen Bühnen steht. Er eröffnet ein Ermittlungsverfahren: Heino sei eine „Institution der alten Bundesrepublik“, habe besonders im Osten viele Fans, singe von Heimat und Deutschland und „behauptet“, das sei nicht politisch gemeint. Dann die Frage: „Wo steht Heino wirklich?“ Das unscheinbare Verb „behauptet“ ist dabei wichtiger als manches spätere Argument. Wer etwas behauptet, kann recht haben; im journalistischen Sprachgebrauch schwingt jedoch bereits mit, dass die Behauptung der Überprüfung bedarf. Heino singt also nicht einfach unpolitisch von Heimat, er behauptet sein Unpolitischsein. Das Magazin übernimmt damit von Beginn an die Rolle des Hermeneutikers, der hinter dem Gesagten nach dem eigentlich Gemeinten sucht; ja nach dem, was eigentlich sein müsse.

Das kennen wir inzwischen zur Genüge von Gesinnungsprozessen von Beleidigung bis Volksverhetzung, wo Juristen sich anmaßen dürfen, Angeklagten zu erklären, was sie denn mit ihren Äußerungen tatsächlich geäußert haben. Dass all dies sozial arrogant, politisch einseitig, ja – Stichwort Gesinnungsjustiz – instrumentalisierend und linguistisch schlicht dumm ist, muss hier nur in Erinnerung gerufen werden, um den Text einzuordnen. Nur ergibt die Recherche ein Problem: Der verborgene “rechte Heino” lässt sich gar nicht so recht finden und überführen. Er lehnt ein lukratives Angebot der FPÖ für einen Parteiauftritt ab. Er hat sich gegen die AfD ausgesprochen und sogar einmal ein AfD-Verbot befürwortet. Vor der Bundestagswahl unterstützte er Friedrich Merz. Gregor Gysi, gewiss kein Kronzeuge einer rechten Heino-Apologetik, berichtet von Ansichten zu Mindestlohn und Steuergerechtigkeit, die er “eher sozialdemokratisch” findet, und bekundet ausdrücklich, sein anfänglicher Verdacht, Heino stehe „rechts außen“, habe sich nach persönlicher Bekanntschaft erledigt. Ein klassisches Porträt könnte an diesem Punkt eine überraschende Erkenntnis verbuchen: Das kulturelle Bild und die tatsächlichen politischen Positionen dieses Mannes passen nicht besonders gut zusammen.

Der Mann, der nicht verschwinden will

Das “Zeit-Magazin” jedoch wählt den intellektualistisch-laienjuristischen – und problematischeren – Weg: Wenn Heino politisch nicht zuverlässig rechts einzuordnen ist, werden eben seine hinterlassenen Zeichen untersucht. Das beginnt durchaus brillant. Heino erscheint als „Zeitmaschine“. 1969, 1989, 2026: Die Welt dreht sich weiter, politische Systeme verschwinden, Moden kommen und gehen – aber einer steht immer noch da und singt. Die Sonnenbrille bleibt, die blonden Haare ebenso, erst recht das rollende R, und selbst die Beatles, erzählt Heino seinem Publikum, seien inzwischen Geschichte, während er immer noch da sei. Darin liegt tatsächlich etwas kulturgeschichtlich Faszinierendes. Heino ist nicht bloß ein Sänger aus der alten Bundesrepublik. Er ist ein Stück alter Bundesrepublik, das die Bundesrepublik überlebt hat, aus der es stammt. Und vielleicht beginnt genau hier das Unbehagen. Denn die bundesdeutsche Kulturgeschichte der vergangenen Jahrzehnte versteht sich gern als Geschichte erfolgreicher Überwindungen. Überwunden wurden Provinzialität und Muff, autoritäre Familienstrukturen und sexuelle Prüderie, Nationalpathos und unreflektierte Heimatgefühle. Was früher selbstverständlich war, wurde historisiert, problematisiert, dekonstruiert oder wenigstens ironisiert.

Nur hat Heino offenbar die kulturwissenschaftliche Fortbildung versäumt. Er singt weiter. Das Magazin erinnert genüsslich daran, wie lange er schon als Inbegriff des Gestrigen verspottet wird. Rainer Moritz nannte ihn einmal das „Brechmittel mehrerer Generationen“, Punkmusiker machten sich über ihn her, Otto ließ bereits 1985 einen Heino-Zombie aus dem Grab steigen. Sein Aussehen, heißt es, sei oft als „provozierend spießig“ empfunden worden: der „Look eines Ewiggestrigen“. Bemerkenswert ist daran das Wort provozierend. Früher provozierte, wer Konventionen brach. Inzwischen kann offenbar auch provozieren, wer sie nicht bricht. Heino ist kulturgeschichtlich zum Ärgernis geworden, weil er eine Entwicklung verweigert, ohne sie argumentativ zu bekämpfen. Er hält keine Vorträge gegen die Moderne. Er steht einfach noch herum.

Die Deutschlandfahne unter Beobachtung

Am deutlichsten zeigt sich die Methode des Porträts beim Konzert in Cottbus. Auf der Bühne hängt eine riesige Deutschlandfahne. Heinos Manager versichert, sie habe „nichts mit einer politischen Gesinnung oder Ausrichtung zu tun“. Am Ende bittet eine Lautsprecherdurchsage das Publikum, sich zur Nationalhymne zu erheben. Gespielt wird – wohlgemerkt – ausschließlich die dritte Strophe. Und dann beobachtet der “Zeit“-Reporter das Publikum. Viele junge Leute, viele alte, Paare, Familien, „unauffällige Menschen“. Es gebe „keine Glatzen“, niemand habe AfD-Parolen gebrüllt. Man muss diesen Absatz zweimal lesen, um seine ganze unfreiwillige Komik zu erfassen. Bei einem deutschen Konzert hängt eine deutsche Fahne, anschließend erklingt die gültige Nationalhymne – und der journalistische Kontrollblick wandert durch die Reihen, um festzustellen, ob irgendwo Rechtsextremisten oder Jünger der Pech-und-Schwefel-Partei zu entdecken sind.

Natürlich findet Willekes keine. Doch weshalb musste er überhaupt nach ihnen suchen? Genau hier offenbart sich jene kulturelle Semiotik, die das gesamte Porträt strukturiert. Die Deutschlandfahne ist nicht zuerst Deutschlandfahne; sie ist ein “Zeichen”, eine “Chiffre”, deren mögliche Kontamination geprüft werden muss. Heimat ist nicht zunächst Heimat. Volkslied nicht zunächst Volkslied. Osten nicht einfach eine Himmelsrichtung oder ein historischer Erfahrungsraum. All diese Dinge tragen einen politischen Schatten. Der Reporter schreibt diesen Schatten nicht frei erfunden in die Gegenstände hinein; es gibt durchaus politische Milieus, die nationale Symbole vereinnahmen. Gerade deshalb aber stellt sich die entscheidende Frage: Wer besitzt die Deutungshoheit über ein kulturelles Zeichen – diejenigen, die es gebrauchen, oder diejenigen, die es am radikalsten verwenden? Wenn die Anwesenheit rechter Männer mit Glatzen die politische Bedeutung einer Deutschlandfahne verändern kann, müsste ihre Abwesenheit sie eigentlich wieder normalisieren. Doch so funktioniert die Semiotik des Verdachts nicht.

Heimat als ostdeutsche Devianz

Besonders aufschlussreich wird das beim Blick nach Ostdeutschland. Dort war Heino zu DDR-Zeiten populär, obwohl seine Musik öffentlich nicht gespielt werden durfte. Karl-Eduard von Schnitzler formulierte 1973 im “Schwarzen Kanal” einen Satz, der erstaunlich gut auch in das heutige Porträt passen würde: „Das Vergangene steht semmelblond vor uns und singt die alten Lieder.“ Das ist eine wunderbare historische Pointe. Der sozialistische Chefpropagandist und das westdeutsche Kulturmilieu begegnen Heino aus völlig unterschiedlichen politischen Ausgangspunkten – und stoßen sich doch am selben Phänomen: Da singt einer von etwas, das eigentlich überwunden sein sollte. Der Heino-Sammler Eberhard Kulla beschreibt, was der Sänger für manche DDR-Bürger bedeutete: „Heino hat uns etwas gegeben, das die Staatsregierung der DDR nicht wollte: Heimat. Er hat uns die deutsche Einheit in Liedern geschenkt.“ Kulla war wegen seines Heino-Fankreises sogar ins Visier der Staatssicherheit geraten. Hier liegt eine große Geschichte bereit. Man könnte untersuchen, warum ausgerechnet sentimentale westdeutsche Volksmusik in der DDR eine oppositionelle oder zumindest nonkonforme Bedeutung gewinnen konnte. Warum Heimat gerade dort kostbar wurde, wo der Staat festlegen wollte, was Heimat politisch zu bedeuten habe.

Das ”Zeit“-Magazin nimmt jedoch eine charakteristische Abzweigung. Kulla beklagt, eine linke Elite wolle Heino in die rechte Ecke stellen. Prompt diagnostiziert ihm Willekes daraufhin ein „diffuses Ressentiment“, ein „Leiden an der deutschen Wirklichkeit“, vorgetragen im „Grummel-grummel-Bariton“. Und bald ist man bei den „Unverstandenen“, deren “Gefühl” sich inzwischen über ganze Landstriche gelegt habe und Wahlen entscheiden könne. Heino, so die Pointe, sei seiner Zeit voraus gewesen. Aus einem konkreten DDR-Erlebnis wird so eine Vorgeschichte des heutigen politischen Ressentiments. Das müsste per se vielleicht gar nicht falsch sein – aber es ist bemerkenswert, wie schnell der Text jene Erfahrung psychologisiert, deren politischen Gehalt er zuvor selbst beschrieben hat. Wer sich von einer kulturellen Elite verkannt fühlt, könnte tatsächlich verkannt worden sein. Er könnte aber auch bloß unter einem „Gefühl des Unverstandenseins“ leiden. Zwischen beiden Möglichkeiten liegt ein beträchtlicher Unterschied.

Die Hermeneutik des Verdachts

Damit gelangt man zum eigentlichen Verfahren des Artikels. Es handelt sich um eine Hermeneutik des Verdachts. Heinos Aussagen werden nicht primär danach beurteilt, was sie besagen, sondern danach, welche verborgenen kulturellen Bedeutungen sie transportieren könnten. Seine politische Selbstbeschreibung besitzt dabei erstaunlich wenig Beweiskraft. Sagt Heino, die Deutschlandfahne sei nicht politisch gemeint, wird gerade dieses Dementi interessant. Singt er ein altes Lied, wird dessen Rezeptionsgeschichte untersucht. Sagt er, er habe sich über bestimmte politische Implikationen nie Gedanken gemacht, erscheint genau diese Gedankenlosigkeit als Problem.

So entsteht eine argumentativ nahezu perfekte Falle: Wäre Heino erklärter Nationalist, wäre die Sache klar. Bestreitet er, Nationalist zu sein, könnte gerade das Teil seiner Strategie der Vieldeutigkeit sein. Der Artikel formuliert diesen Verdacht ganz ausdrücklich. Heino bewege sich „auf einem Grat zwischen krassem Nationalismus und dem Dementi desselben“. Dadurch könne er sich einer Festlegung entziehen und immer behaupten, alles Suspekte sei nicht so gemeint gewesen, so Willekes. Das ist eine bemerkenswert schwere kulturpolitische Anklage. Denn „krasser Nationalismus“ wäre normalerweise anhand politischer Aussagen zu belegen. Hier entsteht er vor allem aus einem Ensemble von Liedern, Fahnen, Auftritten, Publikumsreaktionen und der Weigerung des Sängers, die daraus gezogenen Interpretationen zu übernehmen.

Wenn „Schwarzbraun“ nach Auschwitz führt

Am schärfsten wird diese Methode bei „Schwarzbraun ist die Haselnuss“. Heinos Manager weist darauf hin, das Lied sei älter als der Nationalsozialismus und finde sich sogar in einem Lagerliederbuch von Häftlingen des KZ Sachsenhausen. Man kann diese Verteidigung historisch diskutieren; die Verwendung eines Liedes durch unterschiedliche Gruppen beantwortet tatsächlich nicht automatisch die Frage nach seiner späteren Konnotation. Doch dann zieht Willeke einen Vergleich, der die gesamte Methode des Textes entblößt: Auch „Arbeit macht frei“, schreibt er sinngemäß, sei schließlich nicht von den Nationalsozialisten erfunden worden; trotzdem würde sich kein vernünftiger Mensch den Satz heute über seine Bürotür hängen. Rhetorisch sitzt das vielleicht; historisch jedoch hinkt es gewaltig. „Arbeit macht frei“ ist durch seine Anbringung an den Toren nationalsozialistischer Konzentrations- und Vernichtungslager zu einer der international bekanntesten Chiffren des NS-Terrors geworden. Ein Volkslied hingegen, das vor dem Nationalsozialismus existierte, von Nationalsozialisten gesungen wurde, aber zugleich auch in einem Liederbuch von KZ-Häftlingen auftauchte, besitzt offenkundig eine andere semantische Geschichte.

Ausgerechnet ein Artikel über gefährliche Vieldeutigkeit produziert hier selbst eine mächtige Assoziation. Er sagt nicht: Heino singt ein NS-Lied. Nein, er stellt „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ neben „Arbeit macht frei“. Den Rest erledigt das kulturelle Gedächtnis des Lesers. Und damit praktiziert der Text genau jene Methode, die er Heino indirekt vorwirft: Er arbeitet mit Zeichen, deren Wirkung über das ausdrücklich Gesagte hinausgeht.

Heino ist nicht rechts genug für den Artikel

Das Verrückteste an diesem Porträt bleibt deshalb, wie viele seiner eigenen Rechercheergebnisse gegen die implizite These sprechen. Gregor Gysi mag Heino. Seine politischen Ansichten erscheinen ihm teilweise sozialdemokratisch. Heino hält die AfD nicht für die Lösung. Er lehnte den FPÖ-Auftritt ab. Als ein AfD-Politiker mit dem Satz „Am Sonntag würde Heino Felix wählen“ warb, ging Heinos Management juristisch dagegen vor. Man stelle sich die umgekehrte Konstellation vor: Ein Sänger äußerte sozialdemokratische Positionen, spräche sich gegen eine linke Partei aus, verweigerte einen gut bezahlten Auftritt bei deren Parteifest und klagte dagegen, von einem ihrer Kandidaten für Wahlwerbung vereinnahmt zu werden. Würde man anschließend acht Seiten lang fragen, ob er vielleicht doch irgendwie links sei? Bei Heino wird genau diese Differenz zwischen politischer Position und kultureller Codierung zum Gegenstand.

Das mag legitim sein, verrät aber mehr über den gegenwärtigen Kulturkampf als über Heino. Denn offenbar existiert inzwischen ein Begriff des kulturell Rechten, der weit über konkrete politische Überzeugungen hinausreicht. Heimat, Volkslied, nationale Symbolik, Skepsis gegenüber kulturellen Eliten, Widerstand gegen sprachliche Aktualisierung und das Beharren darauf, alte Dinge weiterhin in ihrem alten Sinne verwenden zu dürfen – all das bildet ein Milieu von Zeichen, aus dem sich ein politischer Verdacht zusammensetzen lässt. Der politische Heino kann sozialdemokratischer sein, als das Klischee erlaubt. Der semiotische Heino bleibt verdächtig.

„Ich mach doch nix“

Deshalb ist der Titel des Porträts hervorragend gewählt: „Ich mach doch nix!“ Im Text fällt der Satz völlig banal. Heino versucht, einen Pappaufsteller auseinanderzuklappen, sein Manager sagt: „Heino, lass das“, und der alte Mann antwortet: „Ich mach doch nix.“ Doch der Satz wird zum Motto einer ganzen Existenz: Heino macht doch nix. Er singt nur. Er trägt nur seine Sonnenbrille. Er lässt eine Deutschlandfahne aufhängen. Er singt alte Lieder. Er tritt für einen Feuerwehrmann auf, den er ungerecht behandelt findet. Er weigert sich, sein Repertoire nach den jeweils neuesten Sensibilitäten zu kuratieren. Und gerade dieses „Ich mach doch nix“ hält das Porträt offenbar für unglaubwürdig. Denn in der spätmodernen Kultur gibt es offenbar keine unschuldigen Worte, Taten und Ereignisse mehr, wie trivial sie auch sind. Alles wird zum Verdachtsmoment, zum Indiz, zum entlarvenden Zeichen. Wer singt, “reproduziert Diskurse”.

Wer eine Fahne zeigt, “positioniert sich”. Wer ein Wort benutzt, aktiviert seine “Verwendungsgeschichte. Wer behauptet, etwas sei unpolitisch, kann damit eine “politische Normalität” verteidigen. Das alles ist als kulturwissenschaftliche Einsicht nicht unsinnig. Aber eine Gesellschaft, die jedes Zeichen ausschließlich über seine problematischste Verwendung liest, verliert irgendwann die Fähigkeit zur kulturellen Mehrdeutigkeit.

Wem gehört ein Volkslied?

Hier liegt die entscheidende Frage, die das Porträt nicht stellt: Wem gehören kulturelle Zeichen? Gehört „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ den Nationalsozialisten, weil sie es sangen? Den KZ-Häftlingen, weil es auch in ihrem Liederbuch stand? Den Generationen davor? Heino? Seinem Publikum? Oder jeweils dem Interpreten, der die politisch folgenreichste Verwendungsgeschichte auswählt? Und weiter: Gehört die Deutschlandfahne den demokratischen Institutionen der Bundesrepublik oder dem radikalsten Demonstranten, der sie ebenfalls schwenkt? Gehört Heimat demjenigen, der darin Kindheit, Landschaft und Zugehörigkeit erkennt – oder demjenigen, der daraus ein ethnisches Ausschlusskonzept macht?

Eine liberale Kultur müsste auf solche Fragen eigentlich mit einem entschiedenen Sowohl-als-auch reagieren. Zeichen sind nicht herrenlos, aber sie sind auch nicht auf ihre schlimmste historische Verwendung festgelegt. Sonst könnte jede extremistische Bewegung Symbole gerade dadurch dauerhaft enteignen, dass sie sie sich aneignet. Die paradoxe Folge wäre eine kulturelle Vetomacht der Radikalen: Je erfolgreicher Rechtsextreme ein Symbol benutzen, desto weniger dürften Demokraten es benutzen. Das wäre eine bemerkenswerte Form antifaschistischer Kapitulation.

Der falsche Heino als moralisch wahrer Heino

Am Ende des Porträts vollzieht Willeke noch eine zweite, beinahe literarische Operation: Er besucht einen Heino-Imitator, der in Altenheimen singt. Dieser falsche Heino setzt sich zu Kranken ans Bett, hört ihre Geschichten und verbirgt hinter seiner Sonnenbrille Tränen der Rührung. Der echte und der falsche Heino sind einander nie begegnet. Dann kommt der Schlusssatz: Der echte Heino müsse für die Verwechslung eigentlich dankbar sein, weil er in Gestalt seines Imitators ein Mensch sei, „der Nähe zulässt und dem es nichts ausmacht, Mitgefühl zu zeigen“. Das ist elegant geschrieben und zugleich erstaunlich brutal. Nach der politischen Hermeneutik folgt die psychologische.

Der echte Heino erscheint als emotional gepanzerte Marke: immer dasselbe Lächeln, immer dieselbe Brille, „Jaja“, „So, so“, Bühne, Erfolg, weitermachen. Selbst nach dem Tod seiner Tochter und später seiner Frau steht er rasch wieder im Rampenlicht. Der Imitator dagegen weint. Der falsche Heino wird dadurch zum moralisch wahreren Heino. Auch hier stellt sich allerdings eine Frage, die ein Porträt über einen 87-jährigen Mann vielleicht wenigstens zulassen müsste: Ist öffentlich sichtbare Emotionalität tatsächlich der zuverlässigere Beweis von Mitgefühl? Oder begegnet hier eine Kultur, die Authentizität durch demonstrierte Innerlichkeit misst, einem Menschen aus einer Generation, die gelernt hat, Schmerz gerade nicht öffentlich auszustellen? Vielleicht ist auch das eine Form kultureller Übersetzung, die das Porträt nicht leistet.

Das Vergangene steht semmelblond vor uns

Am Ende bleibt deshalb Karl-Eduard von Schnitzlers Satz hängen: „Das Vergangene steht semmelblond vor uns und singt die alten Lieder.“ Er war als sozialistische Polemik gemeint. Heute könnte er fast als kulturjournalistische Diagnose durchgehen. Gerade darin besteht Heinos eigentümliche Bedeutung. Er ist kein großer politischer Denker, vermutlich nicht einmal ein besonders politischer Mensch. Das “Zeit-Magazin” liefert selbst genügend Material dafür, dass die Suche nach einer konsistenten rechten Ideologie bei ihm wenig ergiebig wäre. Aber Heino begeht etwas, das für eine reflexive Kultur womöglich schwerer zu ertragen ist: Er problematisiert sich nicht. Er singt Heimat, ohne vorher Heimat zu definieren. Er zeigt Deutschland, ohne die Fahne mit einer Gebrauchsanweisung zu versehen. Er singt Lieder, deren Rezeptionsgeschichte Kulturredakteure auf mehrere Seiten beschäftigen kann, und antwortet auf die Frage nach ihrer Bedeutung womöglich bloß: Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht.

Das kann naiv sein. Es kann stur sein. Manches kann geschmacklos oder historisch unsensibel sein. Nur ist Naivität noch keine Ideologie und Sturheit noch kein Nationalismus. Vielleicht ist Heino deshalb weniger ein politisches Rätsel als ein hermeneutischer Störfall. An ihm zeigt sich, wie schwer es einer Gegenwart fällt, kulturelle Phänomene stehenzulassen, deren Produzenten die Bedeutung ihrer eigenen Zeichen nicht nach den Kategorien des gegenwärtigen Diskurses erklären. Das “Zeit-Magazin” fragt: Wo steht Heino wirklich? Nach acht Seiten lautet die interessantere Gegenfrage: Warum reicht es uns nicht, dort nachzusehen, wo er tatsächlich steht? Politisch findet man einen alten Unterhaltungskünstler mit widersprüchlichen, teilweise konservativen, teilweise sozialdemokratischen Ansichten, mit Sympathie für Merz, Distanz zur AfD und einem tiefen Trotz gegen jene, von denen er sich sein Leben lang verspottet fühlte.

Kulturell aber steht dort etwas Größeres. Ein Restbestand jener Bundesrepublik, in der Heimat noch kein Diskurs, das Volkslied noch kein Bekenntnis und die Deutschlandfahne noch nicht notwendig ein Fragebogen zur politischen Gesinnung war. Man muss nicht darauf bestehen, diese Bundesrepublik unbedingt zurückzuhaben. Man könnte aber einfach akzeptieren, dass einige ihrer Bewohner noch leben. Und manchmal sogar noch singen.


Donnerstag, 24. September 2026

Der Staat ist pleite – aber für die linke Filmförderung ist genug Geld da

von Alexander Schwarz

Prächtige Stimmung: Kulturstaatsminister Weimer (l.) mit Profiteuren seiner Filmrörderexzesse beim Deutschen Produzententag 2026



Ein Grund dafür, warum die deutschen „Kulturschaffenden“ immer eilfertig das Lied des Linkstaates singen und ihr Publikum bevormunden, auch wenn dieses sich das verbittet, liegt nicht allein in der ideologischen Verbohrtheit, sondern auch und gerade in schlichtem Opportunismus und finanzieller Abhängigkeit. Der Staat oder der durch Zwangsgebühren finanzierte ÖRR stecken schließlich nicht von ungefähr Unsummen des Geldes, das den Bürgern abgepresst wird, allein in die Filmförderung, die längst eine in der üblen Tradition der einstigen Reichsfilmkammer fungierendes ideologisches Erziehungsinstrument ist, das zum einen systemisch erwünschte Narrative und Paradigmen in Film und Fernsehen transportieren helfen soll, und zum anderen den gesamten Filmsektor – wie zu anderen unseligen Zeiten der deutschen Geschichte – finanziell in noch größere Abhängigkeit von Politik und Linksstaat bringen will, so dass eine marktwirtschaftliche und/oder an den Interessen des Publikums oder Maßstäben künstlerischer Freiheiten ausgerichtete Filmbranche hierzulande kaum eine Überlebenschance hat.

Die Bundesregierung macht daraus auch gar kein Hehl: „In den Jahren 2025 und 2026 stellt der Bund für die kulturelle und wirtschaftliche Filmförderung insgesamt mehr als 530 Millionen Euro bereit. Damit erreicht die Bundesfilmförderung einen historischen Höchststand“, verkündet Kulturstaatsminister Wolfram Weimer voller Stolz. Aufschlussreich ist, dass die ständig beklagte Finanznot des Staates hier offensichtlich überhaupt keine Rolle spielt. Wenn in nur zwei Jahren mehr als eine halbe Milliarde Euro in die Förderung von Filmen gesteckt wird, von denen die meisten aber kein oder allenfalls ein winziges Nischenpublikum finden, mit dem man die Produktionskosten nie und nimmer refinanzieren könnte, ist klar, dass hier Gesinnung Vorrang vor Nachfrage oder Unterhaltungsinteressen hat – und worum es eigentlich geht: Um Propaganda. Und diese wird zynisch – ausgerechnet von der linksten Bundesregierung aller Zeiten – auch noch als patriotischer selbstloser Einsatz für einen heimischen Kulturzweig bemäntelt.

Kassengift – oder Spätverwertung bei “Arte“

„Die Filmförderung des Bundes wirkt. Wir investieren in die Zukunft des Filmstandorts Deutschland und schaffen die Voraussetzungen dafür, dass es wieder mehr Filme und Serien made in Germany gibt. Das wird auch international für Aufmerksamkeit sorgen. Die Rekordnachfrage nach Fördermitteln ist zudem ein starkes Signal für die Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft“, protzt Weimer ganz im rhetorischen Stil seines Duzfreundes Friedrich Merz. Und er Tat: Für Aufmerksamkeit – und Kopfschütteln – sorgt der kreative und qualitative Absturz des deutschen Films im Ausland seit langem, das auch hier den Niedergang einer einstigen Spitzennation, die mit UFA und selbst noch der DDR-DEFA international lange mithalten konnte und innovative Maßstäbe setzte. Heute gibt es woke, langweilige und selbstreferenzielle Aufgüsse mit Schrottdrehbüchern, Miogranten- und Vielfaltsquoten vor und hinter der Kamera und Dialoge, die nur noch für Taubstumme zu ertragen sind.

Dass die von Weimer gepriesene „Rekordnachfrage nach Fördermitteln“ eventuell darauf zurückzuführen sein könnte, dass Filmemacher und Produktionsfirmen vor allem die üppigen Subventionen abgreifen wollen und am freien Markt für ihre Elaborate kaum das Budget zusammenbekämen – vielfach nicht einmal per Crowdfunding –, um ihre oft völlig am Publikum vorbeigedrehten Erzeugnisse finanzieren zu können, kommt Weimer offenbar nicht in den Sinn. Er hält es für einen Erfolgsnachweis, dass viele das Geld mitnehmen wollen, das der Staat ihnen schenken will – ein Denkfehler, dem deutsche Politiker auch bei der “Energiewende” notorisch unterliegen. Deutsche Produktionen, tönt Weimer, seien auf den großen internationalen Festivals „so erfolgreich wie lange nicht“, was „ein Beleg für die hohe Qualität des deutschen Film- und Produktionsstandorts“ sei. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: “Erfolge” auf Festivals, wo Filme von ein paar hundert Kritikern aus der größtenteils linken Medienblase gesehen und abgefeiert werden, bedeuten nicht, dass diese auch an der Kinokasse oder auf andere Weise ihre Kosten wiedereinspielen; allzu oft finden sie entweder gar keinen Verleih – oder landen in gnadenvollen spendenfinanzierten Programmkinos der Provinz, wo ein paarmal laufen, bevor sie abgesetzt und dann irgendwann später einmal nachts auf “Arte“ abgenudelt werden.

Nicht nur steuer-, sondern auch zwangsgebührenfinanzierte Förderung

Und um die planwirtschaftliche Kultursteuerung des Film- und Fernsehbetriebs noch weiter zu zementieren, plant die Bundesregierung nun sogar ernsthaft ein „Mediendienste-Investitionsverpflichtungs-Gesetz“ (!), das Streamingdienste und TV-Sender dazu zwingen soll, mindestens acht Prozent ihres Jahresumsatzes hierzulande in den Filmstandort Deutschland zu investieren, ansonsten soll ihnen der Zugang zum deutschen Markt verwehrt werden. Dies ist dann gleich die nächste sozialistische Zwangsmaßnahme zur Förderung des deutschen Haltungs- und “Autorenfilms mit Botschaft”, die auch dem Letzten klarmacht, dass eine Branche, die solche Riesensummen zur Förderung benötigt, von selbst nicht überlebensfähig ist, weil sie einfach kein ausreichend großes nationales und internationales Publikum findet.

Als besonderes Ärgernis kommt zu der steuerfinanzierten Filmförderung auch noch ihr zwangsgebührenfinanziertes Pendant hinzu: Allein das ZDF produziert pro Jahr 110 bis 140 – nach eigenen Angabennatürlich “hochwertige” – Filme“ aus Rundfunkbeiträgen; ob und wann diese letztlich ausgestrahlt werden, ist dabei irrelevant. So laufen etwa die Filme der „renommierten“ Reihe „Das kleine Fernsehspiel“ in der tiefsten Nacht, wenn das Rentnerpublikum des ZDF, das sich für diese oft ideologietriefenden Machwerke von Nachwuchsregisseuren mit woker Agenda ganz sicher nicht interessiert, längst vor der Glotze weggenickt ist oder im Bett liegt. Wo die Gesetze des freien Marktes und die Regeln von Angebot und Nachfrage ausgehebelt sind, ist es völlig irrelevant, ob all diese Filme wirklich gesehen werden; das den Bürgern abgeknöpfte Geld ist reichlich da und wird mit dem Füllhorn über “Kreativen“ ausgeschüttet, die sich vor allem als ideologisch kompatible Mitläufer auszeichnen. Vor diesem Hintergrund ist es wahrlich kein Wunder, dass die Filmschaffenden dieses System, das sie ernährt, mit allen Kräften stützen. Die nächsten Steuererhöhungspläne liegen inzwischen längst in der Schublade, weil der Staat ja angeblich zu wenig Geld hat. Bestimmt wird irgendwie aktuell gerade ein Film auch darüber oder zum Thema “den Gürtel enger schnallen“ gefördert und gedreht…


Sonntag, 16. August 2026

Geistige Notdurft und Rassismus: Streicht diesem degenerierten Kulturbetrieb alle Mittel!

von Wilma Fricken

Volksbühne-Chef Lilienthal, Reaktion auf die Absage des rassistischen Badetags vor dem Theater



Volksbühne-Intendant Matthias Lilienthal, verhaltensauffällige und offensichtlich hochneurotische Ausgeburt eines in Spätdekadenz verwahrlosten, staatsgemästeten linken “Kultur“-Betriebs, symbolisiert als fleischgewordene Zumutung den ästhetikfreien, abstoßenden und vulgären Zustand des Theaters in Berlin, wenn nicht gar der ganzen Republik. Die komplette Aktion der Errichtung eines “Volksbades“ (in diesem Kontext ist die Verwendung des Volksbegriffs übrigens natürlich kein Problem) vor der von Lilienthal in eine geistig-intellektuelle Notdurftanstalt transformierten, einst ehrwürdigen Volksbühne wäre auch schon ein Skandal gewesen ohne die geplanten Badetage nur für Schwarze. 300.000 Euro Steuergeld kostete das gefeierte Spektakel, von denen zwei Drittel für Sicherheitsmaßnahmen draufgingen (also für seit Merkel in allen öffentlichen Bereichen notwendig gewordene Aufwendungen zur Eindämmung von Gewaltrisiken, die statistisch vor allem von jener Klientel ausgehen, die Lilienthal als edle Wilde und Dauerdiskriminierte im Gegensatz zu den verhassten Deutschen hofiert und deren Einlass nach der Hautfarbe wohl anhand von Farbkärtchen hätte bestimmt werden sollen). Fun fact am Rande: Dasselbe Milieu, das diese gestörte Inszenierung am lautesten feierte, berauscht sich seit Wochen an der Hitzepanikmache und beschwört den angeblichen “Trinkwassermangel”. Fürs rassistische Migrantenbaden hätte es offenbar dann aber noch gereicht.

Nachdem der öffentliche Aufschrei über das anti-weiße Projekt zu laut wurde, sagten Volksbühne und mit ihr diesbezüglich kooperierende Person-of-Color-NGOs die lupenrein rassistische Badeveranstaltung ab – freilich bar jeder Reue oder Einsicht und dann natürlich gleich für alle. Heißt: Es darf also jetzt überhaupt niemand mehr ins “Volksbad“. Natürlich machten die Veranstalter “rechte Medien” und – lustiger wird es nicht mehr – “rassistische” (!) Hetze für das Scheitern ihres geisteskranken Unterfangens verantwortlich. Genug Spenden- oder Fördergeld war offenbar auch noch übrig für ein riesiges Plakatbanner, auf dem den ausgesperrten Badegästen und Passanten ein Kondensat von Lilienthals niveauvollem Schaffen entboten wurde – in zwei Worten: “Fickt euch”.

Zahlen darf der ausgesperrte weiße Steueresel

Dirk Schmitz schreibt dazu: “Werft das Pack raus! Schließt deren Parasitenhäuser! Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz wird ganz überwiegend aus Steuermitteln des Landes Berlin finanziert. Im aktuellen Berliner Doppelhaushalt sind vorgesehen: Dessen Gehalt plus Altersvorsorge plus weitere Zahlungen für dessen eigene Produktionen ist geheim. Berliner Ensemble, Claus Peymann, gab gegen Ende seiner Intendanz nahezu 350.000 Euro zu. Das war 2017. 2026 flossen rund 25,6 Millionen Euro aus dem Berliner Haushalt, also rechnerisch etwa 70.250 Euro pro Tag.” Interessant ist übrigens das Verhältnis zu den eigenen Einnahmen: Der Jahresbericht weist für die Volksbühne eine sehr hohe Zuschussintensität aus. Für 2025 wurden rund 83,9 Prozent angegeben ausgewiesen; der öffentliche Zuschuss je Besucher lag damit bei absurden 170,30 Euro, wohingegen der durchschnittliche Kartenerlös je zahlendem Besucher bei nur etwa 20,40 Euro (!) lag.

Da die Volksbühne keinem privaten Eigentümer gehört, sondern als Trägerin des Theaterbetriebs die “Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz” als nichtrechtsfähige Anstalt des Landes Berlin firmiert, ist sie somit unmittelbar dem Land Berlin zugeordnet und wird über die Berliner Kulturverwaltung finanziert. Auch das denkmalgeschützte Theatergebäude am Rosa-Luxemburg-Platz befindet sich im Eigentum des Landes. Für Lilienthal und seine “künstlerischen” Verirrungen , rassistische Badetage und den ganzen Rotz dürfen Berlin und, da dieses chronisch pleite ist, im Wege des Finanzausgleichs alle Deutschen mit ihren Steuern bezahlen.


Freitag, 26. Juni 2026

Radebeuler Kunstpreis: Die Provinz der Gesinnung

von Thomas Hartung

Radebeuler Rathaus: Wirbel im Stadtrat wegen AfD-Personalie



Manchmal verrät ein kommunalpolitisches Scharmützelchen mehr über den Zustand des Landes als eine Bundestagsdebatte. Die Auseinandersetzung um die Neubesetzung der Stadtrats-Jurymitglieder für den Radebeuler Kunstpreis gehört in diese Kategorie. Gewählt wurden im zuständigen Ausschuss Dr. Katja Schröter von der CDU und Dr. Bettina Gruber-Scheller von der AfD, so der offizielle Beschluss der Stadt Radebeul. Und doch machte die “Sächsische Zeitung” prompt ein politisches Lehrstück daraus. Schon Überschrift und Vorspann geben die Richtung vor: Nicht die Besetzung einer Jury wird beschrieben, sondern eine „umstrittene Personalie“, die „Couragepreisträger und Grüne“ empöre; konkret wird die Kritik der bei der Wahl durchgefallenen Grünen-Stadtratsfraktionschefin Eva Oehmichen hervorgehoben, die die Wahl von Bettina Gruber-Scheller moniert. Das ist in seiner Mechanik inzwischen ein vertrautes Genre: Sobald irgendwo nachweisbare Fachlichkeit aus dem falschen politischen Lager auftaucht, wird aus einem normalen Gremienvorgang ein moralischer Alarmfall. Gerade das macht den Fall so aufschlussreich. Denn Bettina Gruber-Scheller ist ja keine kulturfremde Zufallsbesetzung. Sie ist promovierte Literaturwissenschaftlerin, außerplanmäßige Professorin, mit akademischen Stationen in Bochum, Dresden, Innsbruck und Atlanta; auf der Seite der TU Dresden ist ihr akademischer Werdegang ausführlich dokumentiert. Dass ausgerechnet ihr die Eignung für die Jury eines Kunstpreises abgesprochen wird, ist nur auf den ersten Blick kurios.

Tatsächlich ist es typisch.

In der heutigen deutschen Kulturpolitik zählt Kompetenz nur noch unter politischem Vorbehalt. Wer das falsche Parteibuch trägt, verliert selbst mit nachweisbarer Qualifikation augenblicklich den Status des Legitimen. Es entzündet sich, wie so oft im heutigen Deutschland, kein Streit über Kunst, Urteilskraft oder lokale Kulturpflege, sondern ein Kampf um moralische Besitzstände. Damit wären wir bei Eva Oehmichen. Es ist fast schon eine soziologische Fingerübung: Wenn eine von ihrer Nichtwahl frustrierte Augenoptikerin einer promovierten Literaturwissenschaftlerin die Eignung für die Jury eines Kunstpreises abspricht, weiß man, noch bevor der Name fällt, aus welchem politischen Biotop der Impuls stammt. Nicht, weil Augenoptikerinnen kein Urteil über Kunst haben dürften. Sondern weil hier der Tonfall alles verrät: nicht argumentativ, sondern moralisch; nicht sachlich, sondern ausgrenzend; nicht an Kunst interessiert, sondern an kultureller Grenzsicherung. Man erkennt daran jenen Parteitypus, der von Diversität spricht, aber weltanschauliche Abweichung nicht erträgt.

Preise als Besitzstände des richtigen Lagers

Dass die “Sächsische Zeitung” diesen Reflex sofort aufgreift, ist seinerseits bezeichnend. Selbst nach den jüngsten Wahlergebnissen der AfD genügt in Sachsen offenbar weiter die bloße Nähe zur falschen Partei, um aus einer kommunalen Jurybesetzung einen Skandal zu machen. Das Blatt berichtet nicht primär über Satzung, Qualifikation oder kulturellen Auftrag, sondern rahmt die Angelegenheit von vornherein als Glaubwürdigkeitsproblem des Preises. Das heißt im Klartext: Die demokratische Realität wird zwar widerwillig akzeptiert, aber redaktionell sofort wieder moralisch neutralisiert. Die Wähler entscheiden anders? Dann muss wenigstens das Feuilleton klarstellen, dass diese Entscheidung kulturell eigentlich unzulässig sei.

Der tiefere Skandal liegt freilich nicht in der Kränkung einzelner Personen, sondern in der Umfunktionierung von Kultur. Eine Kunstpreisjury ist ihrer Idee nach ein Ort begründeter Auswahl. Sie soll Kunst erkennen, würdigen, einordnen; sie soll Qualität, lokale Wirkung, ästhetische Eigenart, Förderungswürdigkeit beurteilen. Dafür braucht es Menschen mit Urteilskraft und möglichst auch mit Sachverstand. Die Satzung der Stadt beschreibt den Kunstpreis als Instrument zur Pflege und Förderung zeitgenössischer Kunst in einer Stadt, die sich selbst als Wohn- und Schaffensort vieler Künstler versteht. Doch genau das wird unterlaufen, wenn die Jurybesetzung nicht als Frage der Eignung, sondern als Frage der Lagerzugehörigkeit behandelt wird. Dann wird Kunst zur Beute. Nicht mehr das Werk, sondern die Gesinnung wird kuratiert; nicht mehr die Qualität, sondern die politische Verlässlichkeit entscheidet darüber, wer mitreden darf. Der Preis wird nicht offen zerstört, sondern sanft kolonisiert.

Die Angst vor dem freien Urteil

Was die Gegner solcher Personalien im Kern fürchten, ist nicht Unkenntnis, sondern Freiheit des Urteils. Eine Jury mit Personen, die nicht in denselben Selbstverständlichkeiten gefangen sind wie das übliche lokale Kulturmilieu, könnte tatsächlich anders entscheiden, andere Maßstäbe anlegen, vielleicht vergessene oder verdrängte Positionen ernster nehmen. Genau das ist ja der Sinn einer plural zusammengesetzten Jury. Aber der heutige Kulturbetrieb will gerade das nicht. Er will Vielfalt als Dekor, nicht als Denkform. Er liebt Unterschiede in Biographie, Lebensstil und Oberfläche, aber er scheut Unterschiede in ästhetischer oder weltanschaulicher Wahrnehmung.

Wo diese Unterschiede dennoch auftauchen, wird sofort Alarm ausgelöst: Das Falsche könnte prämiert, das Unbotmäßige legitimiert, der symbolische Besitzstand beschädigt werden. Darin ähnelt die Kunstdebatte längst der Personalpolitik in Universitäten, Medien und Stiftungen. Überall derselbe Reflex: Fachliche Qualifikation zählt, aber nur unter Vorbehalt. Die eigentliche Währung ist politische Anschlussfähigkeit. Wer sie nicht mitbringt, bleibt draußen oder wird nachträglich zum Problem erklärt.

Preise als Besitzstände des richtigen Lagers

Radebeul hat dafür ein institutionelles Gedächtnis. Jörg Bernig, 2013 selbst Träger des Radebeuler Kunstpreises, wurde 2020 vom Stadtrat zunächst zum Kulturamtsleiter gewählt. Später wurde er nach öffentlichem Druck, politischer Kampagne und dem Widerspruch des Oberbürgermeisters faktisch doch nicht ins Rathaus gelassen. Der Vorgang ist in seiner Struktur identisch: Erst wird jemand kulturell gewürdigt, dann wird derselbe Name politisch untragbar gemacht. Nicht, weil die literarische oder fachliche Qualität plötzlich verschwunden wäre, sondern weil das Milieu umgeschaltet hat. Was damals an Bernig exemplarisch vorgeführt wurde, setzt sich heute in kleinerem Maßstab an der Juryfrage fort. Die Botschaft lautet: Kulturinstitutionen dürfen plural sein, aber nur innerhalb eines moralisch vorab markierten Korridors. Jenseits davon wird selbst fachliche Exzellenz zum Verdachtsmoment. Kunstjurys, Kulturämter, Preise und Gremien werden nicht mehr als Orte freien Urteils verstanden, sondern als Besitzstände des richtigen Lagers; nicht mehr als Sphäre der Urteilskraft begriffen, sondern als Vorfeld politischer Hygiene.

Genau darin liegt das Muster. Die moderne Bundesrepublik kennt im Kulturbetrieb immer weni-ger echte Kritik und immer mehr Etikettierung. Früher stritt man darüber, ob jemand einen Text verstanden, eine Schule geprägt, eine künstlerische Entwicklung erkannt oder ein Werk überzeugend eingeordnet hat. Heute reicht die falsche Parteizugehörigkeit, und schon soll jede fachliche Qualifikation unter moralischem Vorbehalt stehen. Das ist nicht nur befremdend, sondern geistig unerquicklich in einem sehr deutschen Sinn. Denn die Verachtung richtet sich nicht gegen Unkenntnis, sondern gerade gegen Kenntnis, sobald sie aus der falschen Ecke kommt. Eine promovierte Literaturwissenschaftlerin wird dann nicht als Gewinn für eine Kunstpreisjury betrachtet, sondern als politischer Störfall. Die Kompetenz wird nicht geprüft, sondern exkommuniziert.

Reinigung statt Kunst

Man könnte das eine Provinz der Gesinnung nennen. Und man erkennt sie zuverlässig an ihrem Tonfall: nicht argumentierend, sondern empört; nicht unterscheidend, sondern ausgrenzend; nicht an Kunst interessiert, sondern an der Reinhaltung des symbolischen Raumes. Genau darin liegt der eigentliche Skandal. Eine Kunstpreisjury soll Kunst beurteilen, nicht Gesinnungszeugnisse sortieren. Die Satzung des Radebeuler Kunstpreises spricht von der Pflege und Förderung zeitgenössischer Kunst. Wer aber schon die Mitwirkung einer ausgewiesenen Literaturwissenschaftlerin für unzumutbar erklärt, weil sie der AfD angehört, zeigt unfreiwillig, dass es ihm nicht um Kunst geht, sondern um politische Reinigung. Der Fall Radebeul ist deshalb kein Randthema. Er ist eine Miniatur der Republik.

Überall dieselbe Szene: Demokratische Entscheidungen werden getroffen, aber medial und moralisch sofort unter Vorbehalt gestellt. Fachlichkeit ist vorhanden, zählt aber nicht. Was zählt, ist die richtige Haltung. Und genau dort, wo Kultur eigentlich ein Raum des freien, auch widerständigen Urteils sein müsste, herrscht inzwischen die größte Nervosität gegenüber echter Pluralität. Die Causa zeigt im Maßstab der Kommune, was die Republik insgesamt umtreibt: die Angst vor nichtlinker Normalität in kulturellen Räumen. Wer einmal erlebt hat, wie in Deutschland ein ausgewiesen kompetenter Bürger nachträglich aus dem Kreis des Legitimen hinausmoralisiert wird, versteht sofort, warum selbst die Besetzung einer Kunstpreisjury inzwischen als weltanschaulicher Ernstfall behandelt wird. Die Lehre lautete: Kultur gilt nur dann als autonom, wenn sie politisch gehorcht. Vielleicht ist das die schlichteste Wahrheit hinter dem ganzen Vorgang: Nicht Bettina Gruber-Scheller beschädigt das Vertrauen in den Kunstpreis. Beschädigt wird es von jenen, die dem Publikum und den Gremien nicht einmal mehr zutrauen, zwischen Parteibuch und Urteilskraft zu unterscheiden.


Samstag, 20. Juni 2026

Leitfaden gegen “rechte Verlage“: Der Kompass der Gesinnung

von Thomas Hartung

Akademisch verklärte Boykottaufrufe: Unliebsame Bücher werden heute nicht gleich verbrannt, sondern gebrandmarkt von linken NGOs 



Der Literaturbetrieb war einmal der Ort, an dem gefährliche Gedanken, unbequeme Bücher und streitbare Autoren nicht nur geduldet, sondern gebraucht wurden. Literatur lebt davon, dass sie Grenzen überschreitet, Selbstverständlichkeiten angreift, Gewissheiten irritiert und Leser mit Weltbildern konfrontiert, die sie nicht ohnehin schon teilen. Ein Buchmarkt, der nur noch das moralisch Erwünschte sichtbar macht, ist kein freier Buchmarkt mehr, sondern eine pädagogisch beaufsichtigte Landschaft des Zulässigen. Genau vor diesem Hintergrund ist der Leitfaden „Rechtes Verlegen aufdecken“ des Bündnisses „Verlage gegen Rechts“ bemerkenswert. Er tritt nicht als Einladung zur Debatte auf, sondern als Instrument der Markierung. Er will Orientierung geben, Grenzen ziehen, Verdachtsräume schaffen. Der Leitfaden beschreibt nicht einfach extremistische Positionen, sondern arbeitet mit einem politisch dehnbaren Begriff des „Rechten“, der konservative, rechte und rechtsextreme Positionen in eine Kontinuität stellt.

So wird aus Differenzierung wird Verdachtslogik, aus Kritik Kategorisierung – und damit aus dem Literaturbetrieb letztlich Milieukontrolle. Der kulturpolitische Sprecher der AfD-Landtagsfraktion in Baden-Württemberg, Uwe von Wangenheim, bringt diesen Vorgang auf den Punkt: „Mit einem neuen Leitfaden versucht jetzt ein politisch motiviertes Netzwerk aus Verlagen, Buchhandlungen und Kulturinstitutionen auch aus dem Ländle festzulegen, welche Autoren und Verlage als akzeptabel gelten und welche unter Verdacht gestellt werden sollen.“ Genau darin liegt die eigentliche kulturpolitische Brisanz. Es geht nicht mehr nur darum, sich von Extremismus abzugrenzen. Es geht darum, den Raum des Sagbaren im Literaturbetrieb politisch vorzustrukturieren.

Links als Normalität, Rechts als Verdacht

Die entscheidende Verschiebung besteht darin, dass „links“ in diesem Milieu kaum noch als politische Position erscheint, sondern als selbstverständliche moralische Grundtemperatur. Links ist dann Humanität, Demokratie, Offenheit, Vielfalt. Rechts hingegen wird zur Gefahrenzone, zum Vorfeld des Unzulässigen, zum Verdachtsraum, den man überwachen muss. Damit wird politische Asymmetrie zur kulturellen Normalität erklärt. Wangenheim formuliert es entsprechend scharf: „Das ist kein Beitrag zur Meinungsfreiheit, sondern ein Versuch der politischen Sortierung des Literaturbetriebs, der ‚Links‘ als ‚normal‘ und ‚Rechts‘ als gefährlich framed.“ Dieser Befund trifft den Kern der Entwicklung. Denn ein freier Literaturbetrieb muss gerade dort offenbleiben, wo Weltanschauungen aufeinanderprallen. Wer aber bereits vor der Lektüre festlegt, welche Richtung als demokratisch und welche als potenziell gefährlich gilt, ersetzt Urteilskraft durch Milieudisziplin.

Besonders problematisch wird diese Entwicklung, wenn sie in Strukturen hineinwirkt, die direkt oder indirekt aus öffentlichen Mitteln getragen werden.

Denn öffentlich geförderte Kulturinstitutionen gehören nicht einem politischen Lager. Sie gehören der Öffentlichkeit. Sie sind dem Pluralismus verpflichtet, nicht der Selbstvergewisserung eines bestimmten kulturellen Milieus. Besonders aufschlussreich sind dabei nicht die erklärten Ziele des Leitfadens, sondern die Beispiele, mit denen er arbeitet. Denn dort zeigt sich, wie rasch politische Analyse in kulturwissenschaftliche Karikatur umschlagen kann. So könnte, heißt es, ein “progressiver feministischer Roman essentialistisch als weibliche Perspektive gefeiert” werden; auch sähe man nicht jeder Rezension sofort an, “wes Geistes Kind sie ist”. Beispielsweise wird auch bei der „Analyse“ von Götz Kubitscheks Antaios-Verlag die antike Figur des Riesen Antaios problematisiert, weil dieser seine Kraft aus der Verbindung mit dem Boden bezog. Besiegt wurde er bekanntlich erst, als Herakles ihn von der Erde losriss. Dass daraus heute „Blut-und-Boden-Anklänge“ konstruiert werden können, zeigt allerdings weniger die Gefährlichkeit antiker Mythen als die obsessive Suchbewegung ihrer Interpreten. Wer lange genug nach ideologischen Spuren sucht, findet sie irgendwann sogar in der antiken Mythologie. In dem Leitfaden heißt es allen Ernstes zu Kubitscheks Verlagsname, dahinter stecke “die Strategie des ‘Dogwhistling’ (Hundepfeifen-Politik): Wer die Codes kennt, versteht. Wer sie nicht kennt, hält die Verlage eventuell für harmlos.” Das ist kein Witz.

Baden-Württemberg als literarischer Resonanzraum

Das Problem liegt nicht in der Kritik an einzelnen Symbolen. Das Problem liegt in der Methode. Sie erinnert an jene hermeneutischen Praktiken, bei denen das Urteil bereits vor der Analyse feststeht. Der Text dient dann nicht mehr dazu, etwas zu verstehen, sondern dazu, etwas nachzuweisen. Der Verdacht wird zur Erkenntnismethode. Am Ende entsteht eine politische Literaturwissenschaft, die überall Hinweise auf das Falsche entdeckt, weil sie gar nicht mehr nach etwas anderem sucht. Gerade Baden-Württemberg ist hier kein Nebenkriegsschauplatz: Das Land verfügt über eine traditionsreiche Verlags- und Literaturlandschaft, über Literaturhäuser, Buchhandlungen, Verlage, Autoren, Festivals und öffentlich geförderte Kulturinstitutionen, die zusammen einen dichten literarischen Resonanzraum bilden. Wer hier politische Leitfäden zur Sortierung unerwünschter Verlage etabliert, greift nicht irgendeinen Randbereich an, sondern ein zentrales Feld geistiger Öffentlichkeit.

Wangenheim verweist deshalb zu Recht auf Akteure und Milieus im Südwesten, die das Bündnis „Verlage gegen Rechts“ unterstützen: auf die Literaturhäuser Stuttgart und Freiburg beziehungsweise das Literatur Forum Südwest, auf Verlage wie 8 Grad in Freiburg, Schmetterling in Stuttgart oder den Neuen ISP Verlag in Karlsruhe.

Entscheidend ist dabei nicht, jeden einzelnen Akteur über einen Kamm zu scheren, sondern die Struktur: Ein kulturelles Milieu, das inflationär von “Offenheit” spricht, beginnt Leitfäden zu produzieren, mit denen jede wirkliche geistige Offenheit politisch eingehegt und begrenzt wird. Das ist die eigentliche Ironie. Ausgerechnet jene, die den Pluralismus rhetorisch am lautesten verteidigen, arbeiten an Instrumenten der Vorfeldsortierung. Ausgerechnet der Buchmarkt, der von geistiger Neugier leben müsste, wird nach politischen Risikokategorien geordnet. Und just Literatur, die immer auch Zumutung ist, soll offenbar in den Korridor des Unbedenklichen zurückgeführt werden.

Die Verwechslung von Kritik und Kontrolle

Natürlich darf jeder Verlag, jede Buchhandlung und jedes Literaturhaus politische Haltung zeigen. Niemand muss jedes Buch ausstellen, jeden Autor einladen oder jede Position unterstützen. Freiheit bedeutet auch Auswahlfreiheit. Problematisch wird es jedoch dort, wo aus privater oder institutioneller Positionierung eine quasi-normative Handreichung für den gesamten Betrieb entsteht. Dann wird nicht mehr gestritten, sondern gewarnt; nicht mehr gelesen, sondern etikettiert; nicht mehr argumentiert, sondern aussortiert. Der Leitfaden verschiebt damit die Funktion des Literaturbetriebs. Buchhandlungen sollen nicht mehr nur Orte der Entdeckung sein, sondern Filterinstanzen; Literaturhäuser nicht mehr nur Debattenräume, sondern Wächter über politische Hygiene. Und Verlage sollen nicht mehr primär Texte, Autoren und Ideen vermitteln, sondern sich in eine antifaschistisch codierte Selbstverpflichtung einordnen.

Doch Literaturgeschichte ist ohne das Unbequeme nicht denkbar. Viele große Texte waren zu ihrer Zeit anstößig, gefährlich, skandalös oder politisch unerwünscht. Gustave Flauberts Madame Bovary brachte ihren Autor vor Gericht, James Joyces Ulysses wurde wegen angeblicher Obszönität verboten, und Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues landete auf den Scheiterhaufen der Nationalsozialisten. Was heute als Kanon gilt, erschien den Zeitgenossen oft als gefährlich, skandalös oder gesellschaftsschädlich. Gerade deshalb sollte ein freier Literaturbetrieb vorsichtig sein, wenn er beginnt, politische Warnsysteme für missliebige Bücher zu entwickeln. Der Versuch, Literatur im Namen des Guten zu sortieren, ist daher nicht progressiv, sondern zutiefst kulturfeindlich. Er verkennt, dass geistige Freiheit gerade nicht darin besteht, nur das „Richtige“ zuzulassen.

Der neue Index ohne Staatssiegel

Niemand spricht heute offen von Zensur. Das wäre zu grob, zu altmodisch, zu leicht angreifbar. Die Gegenwart arbeitet subtiler. Sie erstellt Kompasse, Leitfäden, Empfehlungen, Warnhinweise und Sensibilisierungsmaterial. Sie ruft nicht nach Verboten, sondern nach Verantwortung. Sie verlangt nicht staatliche Bücherlisten, sondern freiwillige Selbstreinigung des Betriebs. Gerade darin liegt die neue Machttechnik: Was früher ein Index war, erscheint heute als zivilgesellschaftlicher Leitfaden; was früher Ausschluss hieß, nennt sich heute Haltung; und was früher Gesinnungsprüfung gewesen wäre, tritt heute gar als Demokratieschutz auf – „unserer Demokratie™“ natürlich. Drunter macht man es nicht mehr. Wangenheim warnt deshalb zu Recht: „Der Leitfaden verwischt dabei bewusst die Unterschiede zwischen konservativ, rechts und rechtsextrem. Wer solche Kategorien politisch definiert, schafft die Grundlage für Ausgrenzung statt für Debatte.“

Genau diese Verwischung ist der gefährliche Punkt. Denn je unschärfer die Kategorien werden, desto größer wird die Macht derjenigen, die sie anwenden. Wer entscheidet am Ende, ob ein Autor konservativ, rechts, neurechts oder rechtsextrem ist? Ein Bündnis? Eine Buchhandlung? Ein Literaturhaus? Ein Aktivistenkreis? Oder gar Experten wie der Stuttgarter Literaturwissenschaftler Torsten Hoffmann, der in seinem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt namens „Neurechte Literaturpolitik“ keinen neutralen Blick auf Texte wirft, sondern einen ideologischer Angriff praktiziert, der unter dem Deckmantel der Wissenschaft konservative Stimmen diffamiert und marginalisiert (wie etwa sein Aufsatz „Bücher mit Rechtsdrall“ zeigt, publiziert in Ausgabe 9/2025 der “Frankfurter Hefte”). Eine demokratische Kultur kann und darf solche Fragen aber nicht an selbsternannte Wächter delegieren.

Vom Warnhinweis zum Etikett

Hinzu kommt noch ein zweiter, weit folgenreicherer Aspekt. Der moderne Kulturbetrieb arbeitet immer seltener mit Verboten und immer häufiger mit Etiketten. Niemand fordert offiziell die Entfernung eines Buches. Stattdessen werden Warnhinweise formuliert, Einordnungen vorgenommen, Näheverhältnisse markiert und Netzwerke kartiert. Das Ergebnis ist oft dasselbe: Nicht der Leser soll urteilen, sondern der Leser soll bereits vor der Lektüre wissen, welches Urteil angemessen erscheint. Genau diese Entwicklung beschrieb jüngst auch die Debatte um politisch unerwünschte Literatur im Kontext der alternativen Buchmesse „SeitenWechsel“. Bücher werden nicht mehr primär nach ihrem Inhalt beurteilt, sondern nach dem Umfeld ihrer Autoren, nach Kontakten, Verlagen oder vermuteten ideologischen Verbindungen. Die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Text tritt in den Hintergrund. Entscheidend wird die Markierung. Der Autor wird zum Fall, das Buch zum Beweismittel und die Literaturkritik zur politischen Hygieneübung.

Besonders heikel wird es, sobald öffentlich geförderte Institutionen direkt oder indirekt Teil solcher Milieus werden. Staatliche Kulturförderung darf nicht bedeuten, dass mit Steuergeld politische Vorlieben eines bestimmten Milieus stabilisiert werden. Wenn Literaturhäuser, Festivals oder andere Einrichtungen öffentliche Mittel erhalten, müssen sie den Bürgern in ihrer Breite verpflichtet sein. Nicht jeder Bürger muss dort seine Meinung bestätigt finden. Aber jeder Bürger muss darauf vertrauen können, dass nicht schon seine politische Grundhaltung als kulturelles Sicherheitsrisiko behandelt wird. Der Literaturbetrieb darf nicht zur ausgelagerten Gesinnungsaufsicht werden. Wer Bücher bekämpfen will, sollte sie widerlegen. Wer Autoren kritisieren will, sollte ihnen argumentativ entgegentreten. Wer Verlage problematisch findet, soll ihre Programme analysieren. Aber politische Warnsysteme ersetzen keine geistige Auseinandersetzung – sie erzeugen nur ein Klima, in dem immer weniger gelesen und immer mehr etikettiert wird.

Weimer, Buchhandlungspreis und die neue Kulturorthodoxie

Die Debatte reicht dabei weit über diesen Leitfaden hinaus. Sie verweist auf einen grundlegenden Wandel im Verhältnis von Kultur und Politik. Als Kulturstaatsminister Wolfram Weimer den Deutschen Buchhandlungspreis neu ausrichtete und die Frage stellte, ob staatliche Kulturförderung tatsächlich immer nur denselben ideologischen Milieus zugutekommen müsse, löste dies erhebliche Unruhe im Literaturbetrieb aus. Die Empörung zeigte unfreiwillig, wie selbstverständlich viele Akteure inzwischen davon ausgehen, dass öffentliche Kulturförderung auch die politische Grundausrichtung der geförderten Einrichtungen bestätigen müsse. Dabei wäre das Gegenteil die eigentliche Aufgabe eines freiheitlichen Staates. Öffentliche Förderung soll kulturelle Vielfalt ermöglichen, nicht weltanschauliche Homogenität absichern.

Wer Steuergeld erhält, muss nicht neutral sein. Aber er sollte akzeptieren, dass auch andere Stimmen existieren dürfen. Gerade hierin zeigt sich die paradoxe Entwicklung vieler Kulturinstitutionen. Sie sprechen unablässig von Diversität, meinen damit aber häufig nur die Vielfalt innerhalb eines relativ engen politischen Meinungsspektrums. Die eigentliche Gefahr besteht daher nicht darin, dass einzelne Verlage kritisiert werden: Kritik gehört zum geistigen Leben. Gefährlich wird es erst, wenn sich ein ganzes Netzwerk aus Literaturhäusern, Förderstrukturen, Verlagen, Stiftungen und Feuilletons darauf verständigt, welche Positionen noch als legitimer Teil der Debatte gelten und welche nur noch unter Beobachtung stattfinden dürfen. Dann verwandelt sich kulturelle Vielfalt langsam in kulturelle Orthodoxie.

Die Verengung des geistigen Raums

Am Ende geht es um mehr als um einen Leitfaden. Es geht um die Frage, ob der Kulturbetrieb noch ein Raum des offenen Streits sein will oder ob er sich selbst zur moralischen Kontrollinstanz umbaut. Eine Literatur, die sich vor falschen Gedanken schützt, verliert ihre eigene Kraft. Eine Buchbranche, die politische Kompasse braucht, misstraut der Urteilskraft ihrer Leser. Eine Kultur, die nur noch das politisch Richtige sichtbar machen möchte, wird ärmer, enger und langweiliger. Wangenheims Schlussformel benennt deshalb die eigentliche Linie: „Baden-Württemberg braucht kulturelle Vielfalt statt ideologischer Gleichschaltung. Wo politische Kompasse die freie Debatte ersetzen, beginnt die Verengung des geistigen Raums.“ Genau darum geht es – nicht darum, jede Position zu teilen, oder darum, Extremismus zu verharmlosen.

Es gilt vielmehr, die Freiheit des geistigen Raums gegen jene zu verteidigen, die ihn im Namen des “richtigen Handelns” vorsortieren wollen. Der Literaturbetrieb sollte Bücher öffnen, nicht Korridore schließen. Er sollte Streit ermöglichen, nicht Verdachtslisten pflegen. Und er sollte den Lesern mehr zutrauen als die politische Beaufsichtigung ihrer Lektüre.


Samstag, 6. Juni 2026

Judenhass ist keine Kunst

von Julian Marius Plutz

Banksys Gaza-Propaganda “Flying Ballon Girl“: Aufhänger für die üblichen stereotypen Anfeindungen



Die Wege des Judenhasses sind unergründlich und mitunter sehr kreativ. Und so wie viele Wege nach Rom führen, führen noch mehr Wege zum “moralisch legitimierten” Antisemitismus. Ob ein Hotel, das aufgrund von angeblichen Fake-Buchungen „Jews are not allowed“ verkünden ließ, oder die Kunst: Die Ventile der Judenhasser treiben die Protagonisten zu unfassbaren semantischen Verrenkungen und einer apologetischen Akrobatik, sodass es nur noch eine Frage der Zeit scheint, bis Judenhass endlich olympisch wird. Vielleicht ja, wenn wieder mal eine entsprechende Veranstaltung in München stattfindet? Das hätte wenigstens eine hübsche historische Tiefe.

Persönlich konnte ich diesen intellektfreien Spagat wieder einmal vor wenigen Tagen erleben, in einer Diskussion. Es ging dabei um Kunst und mir wurde – völlig zu Recht – vorgeworfen, dass ich keine Ahnung davon habe. Das weiß ich, aber ist mir auch egal. Denn keine Frage ist subjektiver als die nach der Bewertung von Ästhetik und Schönheit. Manche finden zum Beispiel dicke Frauen attraktiv; ich nicht. Andere mögen die Serie „Ein Fall für zwei“ nicht; ich schon. Apropos: In einer Episode unterhalten sich die beiden Protagonisten da über einen Film, den sie soeben gesehen haben; Dr. Lessing – das ist der Anwalt – rechtfertigt den Streifen damit, dieser sei ja “Kunst”. Josef Matula antwortet darauf: „Kunst! Kunst mir mal fünf Mark leihen?“ Der Detektiv und ich haben ja so viel gemeinsam.

Ein Arschloch namens Banksy

Zurück zu meiner Diskussion. Nachdem ich mehrfach betont hatte, wie schrecklich ich Keith Haring finde (was soll an bunt lackierten Kühen schön sein?) und mir, wiederum völlig zu Recht, gesagt wurde, wie wenig Ahnung ich doch habe, meldete sich ein Anwesender zu Wort und sprach mich ganz persönlich an: Ob ich denn zufällig irgendeinen Künstler kenne, der in einem Werk ein Kind dargestellt hat, das in Bethlehem mit einem Luftballon über die Mauer fliegt? Die Anspielung sollte natürlich die wahnsinnig tiefe Botschaft transportieren, dass die Israelis die bösen Besatzer sind und die besetzten Araber die Guten.

Da ich keine Ahnung von Kunst habe, kenne ich den Künstler – vermutlich ein Arschloch, der Banksy heißt – natürlich nicht. An der Diskussion nahmen noch vier oder fünf weitere Leute teil, doch der Diskutant sprach ganz gezielt mich auf dieses Werk an. Nur mich. Warum? Natürlich, um sogleich eine grundsätzliche Diskussion um den jüdischen Staat zu beginnen, sprich: strenggenommen über mich, ich elendiges Zionistenschwein. Soviel zum Thema “Israelkritik hat nichts mit Antisemitismus zu tun”. Hätte es auch nicht, wenn dieses Argument nicht genau von solchen Leuten käme, die unbewusst das Gegenteil an den Tag beweisen.

Eiskalte Judenhasser

Verstehen Sie mich richtig: Kritik muss nicht notwendigerweise sachlich sein. Sie kann meinetwegen auch unfair und einseitig daherkommen, wie Sie an diesen Zeilen erkennen. Anders gesagt: Ich bin selbst gerne unsachlich. Meine Kritik ist oft polemisch, einseitig und nicht selten pauschal. Ich bin zu laut und zu oft drüber und drauf. Aber eines wird man bei mir nicht finden: Menschen in ihrem Argument oder gar in ihrer Person zu diskreditieren, weil sie so sind, wie sie sind und wofür sie nichts können. Und hier beginnt der Unterschied: Nicht der Allgäuer Kuhbauer wird auf die problematische Scheißhauskunst zu Israel angesprochen – sondern ich. Weil ich Jude bin. Dabei habe ich mit Israel persönlich nichts zu tun. Ich bin ich weder Botschafter des Landes, noch war mein Vater Konsul, und meine Oma hieß auch nicht – trotz einer veritablen physiognomischen Ähnlichkeit – Golda Meir.

Und so sucht sich jeder, der es mag, sein Ventil zum privaten Judenhass. Und genau dadurch wird der Antisemitismus fetischisiert und praktischerweise auch gleich konserviert. Das macht müde und wütend, also “mütend”. Doch wenn ich wütend bin, kaschiere ich damit nur, wie enttäuscht ich eigentlich bin. Enttäuscht darüber, wie eiskalt Antisemiten sind, wie seelenbefreit und empathielos. Das Böse segelt lächelnd vor sich hin. Man kann froh sein, dass es immerhin noch ein paar wache Geister gibt, die das erkennen.


Dienstag, 26. Mai 2026

Alles noch normal in Deutschland? Ein verzweifelter Wochenrückblick

von Mirjam Lübke

Woke Deformationen einer einstigen Kulturnation



Leben wir eigentlich in einer Mediensimulation? Schaut man sich in den hauptsächlich politisch orientierten Online-Magazinen um, packt einen das pure Grausen. Bei einer Bierzelt-Party in Erlangen durften auf Veranlassung der Stadt hin keine “zotigen” Lieder gespielt werden, weder Micky Krauses Klassiker von den “Zehn nackten Frisösen” noch der Spider-Murphy-Gang-Oldie “Skandal im Speerbezirk”. Den haben wir schon in den Achtzigern in der Schule mitgegrölt, vor allem natürlich die Zeile “…und draußen vor der großen Stadt steh’n die Nutten sich die Füße platt” – was keinem von uns nachhaltig geschadet hat. Die Lehrer grinsten sich eins, da sie um die Ventilfunktion dieses Grölens wussten. Auf dem Pausenhof geworfene Frisbee-Scheiben stellten aus damaliger Sicht eine weitaus größere Bedrohung der inneren Sicherheit dar – man fürchtete um Köpfungsszenen wie bei “Goldfinger”. Apropos Schule: Heute gehört es – wie ebenfalls die Medien berichteten – zum Schulalltag, Achtklässler den “Puff für alle” planen zu lassen, inklusive Personalmanagement, damit jedes Tierchen sein Pläsierchen erhält.

Eltern und Schüler haben anlässlich solcher pädagogischen Experimente nur wenig Wahl- und Protestmöglichkeiten; die Erziehungsberechtigten erfahren in der Regel erst davon, wenn der Nachwuchs vollkommen irritiert nach Hause kommt und nachfragt, ob Peitschen und Ledermasken zu einem normalen Liebesleben dazugehören, oder warum es manche Menschen als angenehm empfinden, sich in einen luftdichten Latexanzug zu quetschen. Ob man eine solche Gruppenaufgabe wohl auch in einer mehrheitlich von muslimischen Schülern besuchten Klasse gestellt hätte? Eher nicht, wenn der Schulleitung ihr Leben und ihre Gesundheit lieb ist. Was sind schon Schamgefühle gegen kulturelle Gepflogenheiten? Denn Zwang kann nur dort ausgeübt werden, wo wenig Widerstand geübt wird.

Rücksichtnahme auf allerlei Empfindsamkeiten

Ein Bierzelt hingegen betritt man in der Regel freiwillig und weiß dann eigentlich, dass hier werden keine Sonaten von Mozart gespielt oder gepflegte Konversationen über Hegel und Heidegger geführt werden. Schließlich schaut sich auch niemand einen Film mit Vin Diesel und Gerard Butler an, wenn er auf intellektuelle Dialoge Wert legt. Das hätte man schließlich nicht gedacht, dass dort fortwährend Dinge explodieren und niemand dabei auf die CO2-Bilanz Rücksicht genommen hat; wer sich hingegen über das Schulexperiment empört, das vorher nicht mit den Eltern abgesprochen wurde, gilt als rückschrittlich und homophob. Schulzwang zu queeren Zumutungen wird als das Normalste der Welt hingestellt, wohingegen Veranstaltungen, deren Besuch freiwillig erfolgt, nach dem Willen der Verantwortlichen auf allerlei Empfindsamkeiten Rücksicht nehmen müssen. Der ungeschickte Flirtversuch eines angetrunkenen Mannes wiegt zehnfach schwerer als Schülern Erkenntnisse über allerlei sexuelle Spielarten aufzudrängen, für welche sie sich als junge Teenager in der Regel noch gar nicht interessieren.

In Köln, so eine weitere skurrile Meldung, sollen für die nächste Karnevalssaison “Awareness-Regeln” aufgestellt werden. Wahrscheinlich gestaltet sich der Besuch einer Trauerfeier dort demnächst amüsanter als der “Zoch”? Meine Kölner Großtante ließ zumindest bei ihrer Beerdigung eine Blaskapelle antreten, welche Karnevalslieder spielte. In der Familie sprach man noch nach Jahren von diesem Skandal. Man wundert sich, warum angesichts dieser sexuellen und geschmacklichen Stolperfallen Männer und Frauen im Alltag dennoch einigermaßen miteinander zurechtkommen. Vielleicht, weil normale Menschen, die nicht von der Uni direkt auf einen Beauftragten- oder Bundestagsposten wechseln, lernen, mit der Realität zurechtzukommen. Da fliegen zwischen Kollegen und Freunden Sprüche hin und her, die bei Wokeness-Sensibilisierten unverzüglich eine mittlere Lebenskrise auslösen würden.

Andere Sorgen als der Gang zur Toilette

Heidi Reichninnek sah sich bekanntlich schon von der Arbeitswelt traumatisiert, weil sie sich den Gang zur Toilette kurz vor Feierabend nicht auf ihre Arbeitszeit anrechnen lassen durfte. Deshalb wollte die Linke, die immer ein wenig wie eine Kombinatskönigin gekleidet ist, sofort den Sozialismus ausrufen. Ob ihr einmal jemand mitgeteilt hat, dass im maoistischen China oder während der stalinistischen Landreformen die Menschen ganz andere Sorgen hatten als den Gang zur Toilette? Wir hatten sicherlich alle schon einmal einen merkwürdigen Chef – mein erster wollte seinen Angestellten verbieten, sich untereinander auch privat zu treffen, wozu man wegen der ständigen Überstunden ohnehin kaum Zeit hatte… aber ob der Sozialismus dazu eine echte Alternative geboten hätte?

Die Dinge aus einer ausgewogenen Perspektive zu betrachten, scheint arg aus der Mode gekommen zu sein: Weibliche Selbstbestimmung heißt heute, auf der Bühne vor Kindern zu strippen, um “Self-Empowerment” zu betreiben. Am besten steckt man dazu noch einen jungen Mann in einen Käfig, um vor ihm mit dem Po zu wackeln – glücklicherweise besaß Emmeline Pankhurst keine Zeitmaschine, sonst hätte sie bei diesem Anblick jegliche feministischen Ideen wohl sofort eingestampft. Die Alternative: Man sperrt sich selbst in einen muslimischen Stoffkäfig, was heutige Feministinnen ebenfalls als Selbstbestimmung werten. Wo in dieser Welt soll eine Frau ihren Platz haben, die einem normalen Beruf nachgeht und einfach nur Jeans und T-Shirt trägt?

Das “braue“ Deutschland

Bärbel Bas ist das alles ohnehin nicht bunt genug: Sie findet Deutschland zu “braun”, womit sie bekanntlich nicht die “People of Color” meint, welche unsere Grenzen mit ihren Sitten und Gebräuchen im Gepäck so zahlreich überqueren. Bas greift dazu auf den Begriff der “kulturellen Bereicherung” zurück, der ein wenig aus der Mode gekommen ist, seitdem er vom “Fachkräftemangel“ abgelöst wurde, welcher wiederum durch all die millionenfache Bereicherung nicht behoben werden konnte. Also muss nun rasch dem Bürger das Gefühl verliehen werden, er sei einfach nur zu dämlich und rückständig, um die Vorteile dieser Bereicherung zu erkennen. Nun wohnt Frau Bas auch nicht in Duisburg-Marxloh oder Berlin-Neukölln, was ihr vielleicht (zumindest mal für ein paar Wochen) dringend anzuraten wäre, denn dann würde sie eventuell erkennen, dass es den meisten Deutschen – die öffentlich-rechtlichen Umerziehungsfernsehen neuerdings als “Nichtmigranten” bezeichnet werden – nicht um dubiose nationalsozialistische Rassentheorien oder um eine Reinszenierung der Kreuzzüge geht, sondern ganz einfach darum, in Ruhe gelassen zu werden (und sich vielleicht in ihrer Nachbarschaft in ihrer Muttersprache unterhalten zu können, auch wenn der Nachbar eingewandert ist).

Wäre da noch die sexuelle Selbstbestimmung, da es gewisse junge Männer nicht dabei belassen, Micky-Krause-Klassiker zu grölen. Unsere “aufgeklärte” politische Szene erweist sich in dieser Hinsicht als erstaunlich rückständig. Weltweit sind derlei woke Szenarien längst auf dem Rückzug, spätestens, nachdem sie sich auch finanziell als Rohrkrepierer erwiesen haben. Man erinnere sich nur an diese an die Wand gefahrene “Bud”-Kampagne mit einer Transfrau, die, nebenbei gesagt, sogar noch besser aussah als Tessa Ganserer oder Georgine Kellermann; fast echt – aber eben nur fast. Sogar die Klimahysterie ist weltweit auf dem Rückzug, nur in Deutschland nicht. Vielleicht, weil in anderen Teilen des Westens die Wokeness als das angesehen wurde, was sie ist: Als Möglichkeit, neue Märkte zu erschließen und Arbeitsplätze im “Awareness”-Bereich zu schaffen? Das hat nur bedingt geklappt,;also wird es wieder eingestampft. Nur Deutschland hängt mit vollem Herzen an der Ideologie. Zumindest ein Teil der Deutschen, aber die sitzen leider in Schlüsselpositionen und haben sich gut abgesichert. Ganz ohne Geld kommen eben auch Ideologen nicht zurecht. Vielleicht sollte ihnen einfach niemand mehr zuhören – sie vor allem aber nicht mehr auf verantwortungsvolle Posten wählen.


Montag, 11. Mai 2026

Inszenierte Weidel-Verhaftungen: Wenn Schule zur Kampfzone wird

von Thomas Hartung

Linke Phantasien an Schulen



Es gibt Settings, die mehr über den Zustand eines Gemeinwesens verraten als hundert “Tagesschau”-Ausgaben. Vor zwei Gesamtschulen in Niedersachsen parkte jüngst tagelang der zum Gefangenentransporter umgebaute Bus „Adenauer SRP+“: mit Blaulicht und Lautsprecher in Gefängnisästhetik. In dem Fahrzeug: Alice Weidel als Puppe hinter Gittern. Eingeladen vom „Runden Tisch gegen Rechts – für Integration“ der Gemeinde Weyhe, wurde das Ganze inszeniert vom sattsam bekannten „Zentrum für Politische Schönheit“ (ZPS). Schüler liefen daran vorbei wie an einem Wanderzirkus der politischen Einschüchterung. Niemand sprach von Indoktrination. Niemand warnte vor Radikalisierung. Keine hysterischen Pressekonferenzen der Grünen. Kein ARD-Brennpunkt über die Gefährdung der Demokratie durch politische Agitation vor Schulen. Gleichzeitig werden „FCKAFD“- und „AfD Verbot“-Sticker in großen Mengen an Schüler verschenkt und in den Schulen und im Umkreis angeklebt. Bundesweit interessieren sich laut ZPS bereits rund 800 Schulen für einen Besuch des Busses.

Fast zeitgleich sorgt in Sachsen die Ankündigung einer „Schultour“ der AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ für Empörung. Die Grünen schlagen Alarm. Dresdens Stadträtin Katharina Ringler warnt vor „rechtsextremer Einflussnahme”, Schulen dürften keine „Bühne“ für die AfD werden. Es klingt plötzlich so, als müsse die Jugend vor gefährlichen Ideen geschützt werden – nicht etwa vor Gewalt, Drogen oder Bildungszerfall, sondern vor Opposition. Dieses doppelte Maß ist kein Zufall. Es ist Ausdruck einer tieferen Transformation des demokratischen Systems: Die Schule soll kein Ort politischer Bildung mehr sein, sondern ein Schutzraum gegen falsche Politik. Und „falsch“ ist inzwischen alles, was rechts der Grünen liegt.

Der vergessene Beutelsbacher Konsens

Besonders bemerkenswert ist dabei, dass gerade jene Kräfte, die sich ständig auf „Demokratiebildung“ berufen, systematisch gegen den wichtigsten Grundsatz politischer Bildung in Deutschland verstoßen: den Beutelsbacher Konsens. 1976 formulierten Politikdidaktiker drei elementare Prinzipien, die nach den Erfahrungen ideologischer Überwältigung im 20. Jahrhundert verhindern sollten, dass Schulen zu Instrumenten parteipolitischer Erziehung werden. Erstens das Überwältigungsverbot: Schüler dürfen nicht im Sinne erwünschter Meinungen indoktriniert werden. Zweitens das Kontroversitätsgebot: Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers dargestellt werden. Drittens die Schülerorientierung: Junge Menschen sollen befähigt werden, ihre eigenen Interessen politisch zu analysieren.

Gemessen an diesen Grundsätzen erscheint der heutige Schulbetrieb in vielen Bereichen wie ihre offene Negation. Denn was bedeutet ein Gefangenentransporter mit Alice Weidel vor Schulen anderes als eine Form symbolischer Überwältigung? Welcher Schüler soll sich unter solchen Bedingungen noch frei und unbeeinflusst ein Urteil bilden? Die Botschaft ist schließlich nicht subtil, sondern maximal eindeutig: Diese Politikerin gehört eingesperrt. Der politische Gegner wird nicht argumentativ kritisiert, sondern moralisch kriminalisiert. Genau hier zeigt sich der fundamentale Unterschied zwischen politischer Bildung und politischer Aktivierung: Bildung eröffnet Urteilsräume, Aktivismus verengt sie. Der Beutelsbacher Konsens entstand einst gerade aus der Einsicht, dass Demokratien keine ideologisch gelenkten Untertanen benötigen, sondern Bürger mit eigener Urteilskraft. Heute wird derselbe Konsens häufig nur noch taktisch zitiert – meist dann, wenn konservative oder rechte Akteure auftreten. Die eigentliche Ironie liegt darin, dass die lautesten Verteidiger „unserer Demokratie™“ häufig jene sind, die ihre zentralen Bildungsprinzipien selbst am konsequentesten unterlaufen.

Die neue Staatsreligion

Nüchtern betrachtet, verstand sich die Bundesrepublik einst als pluralistische Demokratie. Parteien konkurrierten um Mehrheiten; Schüler sollten lernen, unterschiedliche Positionen zu prüfen, Argumente abzuwägen und sich ein eigenes Urteil zu bilden. Heute gilt dieser Anspruch offenbar nur noch asymmetrisch. Wenn linke Aktivisten einen Gefangenentransporter vor Schulen aufstellen, auf dem die Oppositionsführerin und Kanzlerkandidatin symbolisch inhaftiert wird, gilt das als „Kunstaktion“. Wenn konservative Jugendliche mit Schülern sprechen wollen, gilt das als Gefahr für die Demokratie. Die Botschaft dahinter ist eindeutig: Linke Agitation ist Aufklärung, rechte Agitation Extremismus. Damit verändert sich der Charakter des Staates. Der liberale Staat lebt davon, dass er zwischen legitimer Opposition und tatsächlicher Verfassungsfeindschaft unterscheiden kann. Der ideologische Staat hingegen erklärt politische Gegner moralisch zu Feinden. Genau das geschieht zunehmend mit der AfD.

Man erkennt dies bereits an der Sprache. Wer früher konservativ hieß, ist heute „umstritten“. Wer migrationskritisch argumentiert, verbreitet „Narrative“. Wer nationale Interessen betont, steht angeblich „nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“. Das politische Vokabular wird therapeutisch und kriminalistisch zugleich. Nicht mehr die Auseinandersetzung zählt, sondern die Stigmatisierung. Die Schule wird dabei zum zentralen Operationsgebiet.

Die Pädagogisierung der Politik

Der moderne linksliberale Staat begreift Politik nicht mehr primär als Ausgleich von Interessenkonflikten, sondern als Erziehungsproblem. Wenn Bürger “falsch” wählen, waren sie „desinformiert“. Wenn Jugendliche patriotische Positionen vertreten, seien sie „anfällig“. Der politische Gegner erscheint nicht mehr als legitimer Konkurrent, sondern als sozialpädagogischer Fall. Daher die panische Reaktion auf jede konservative Präsenz an Schulen. Nicht weil dort Gewalt drohte, sondern weil junge Menschen möglicherweise eigenständig denken könnten. Die eigentliche Ironie liegt darin, dass gerade jene Kräfte, die ständig von „Demokratiebildung“ sprechen, die freie politische Meinungsbildung zunehmend verhindern wollen. Demokratie wird nicht mehr als offener Prozess verstanden, sondern als ideologischer Korridor. Erlaubt ist nur, was innerhalb der moralischen Leitplanken des progressiven Milieus liegt.

Außerhalb beginnt umgehend der Bereich des Verdachts. Der Gefangenentransporter in Niedersachsen macht das sichtbar. Die symbolische Botschaft war nicht bloß satirisch. Sie lautete im Kern: Diese Frau gehört ins Gefängnis. Eine demokratisch legitimierte Oppositionspolitikerin wird ästhetisch bereits kriminalisiert. Genau darin liegt die eigentliche Verrohung. Und bemerkenswert ist nicht nur die Aktion selbst, sondern ihre öffentliche Duldung. Wäre vor einer Schule ein Bus aufgetaucht, der Robert Habeck oder Annalena Baerbock hinter Gittern zeigte, hätte man binnen Stunden von Hasspropaganda, Delegitimierung des Staates und Einschüchterung gesprochen. Der Verfassungsschutz hätte vermutlich eine Prüfnotiz angelegt. So aber gilt die Aktion als mutige „Zivilgesellschaft“. Das Wort Zivilgesellschaft ist überhaupt zu einem Tarnbegriff geworden. Gemeint ist meist ein staatlich alimentiertes Netzwerk linker Vorfeldorganisationen, das sich selbst als moralische Instanz aufführt. „Gegen Rechts“ fungiert dabei wie ein sakrales Gütesiegel, das nahezu jede Form politischer Grenzüberschreitung legitimiert.

Die Schule als ideologischer Schutzraum

Besonders deutlich wird dies im Bildungsbereich. Schulen sollen heute nicht mehr nur Wissen vermitteln, sondern Haltung. Vielfaltstage, Antirassismuswochen, Queer-Projekte, Klimaaktivismus, Demokratieworkshops – der politische Aktivismus ist längst Teil des pädagogischen Alltags geworden. Die ideologische Schlagseite ist dabei offensichtlich. Konservative oder patriotische Perspektiven erscheinen höchstens als Problemfall. Der Schüler soll lernen, dass offene Grenzen humanitär sind, nationale Identität potenziell gefährlich, Geschlecht fluide und Klimapolitik alternativlos. Wer widerspricht, steht umgehend unter Extremismusverdacht. Die moralische Architektur des Unterrichts ist asymmetrisch. Gerade hier wäre der Beutelsbacher Konsens eigentlich von zentraler Bedeutung. Denn sein Kontroversitätsgebot verlangt ausdrücklich, dass politische Streitfragen auch als Streitfragen behandelt werden.

Migration, Genderpolitik, Klimapolitik oder nationale Souveränität sind offensichtlich keine wissenschaftlich abgeschlossenen Wahrheiten, sondern Gegenstände demokratischer Debatte. Doch im Schulalltag werden sie häufig wie moralische Endurteile vermittelt. Genau deshalb wirkt die Empörung über die „Generation Deutschland“-Tour so entlarvend. Nicht die Politisierung der Schule stört die Grünen – sondern die Möglichkeit, dass dort einmal andere politische Positionen auftauchen könnten als die eigenen. Die Schule wird damit zur ideologischen Einbahnstraße. Das eigentliche Problem ist jedoch tiefer. Eine Demokratie lebt davon, dass junge Menschen lernen, Dissens auszuhalten. Wenn aber bereits die bloße Anwesenheit oppositioneller Positionen als Gefahr gilt, dann erzieht man keine Demokraten mehr, sondern Gesinnungskonformisten. Der Begriff „Schutzraum“ wird dabei politisch missbraucht. Geschützt werden sollen nicht Schüler vor Manipulation, sondern progressive Milieus vor Widerspruch.

Die Angst vor der Jugend

Warum reagiert das Establishment so empfindlich auf eine konservative Jugendorganisation? Weil die politische Linke ihre kulturelle Hegemonie bei jungen Menschen schwinden sieht. Lange galt Jugend automatisch als progressiv. Doch die Realität beginnt zu kippen. Gerade junge Männer wenden sich zunehmend gegen Genderpolitik, Migrationschaos und moralische Dauerbelehrung. Sie erleben die Diskrepanz zwischen offizieller Erzählung und sozialer Wirklichkeit unmittelbarer als viele ältere Funktionäre. Gewalt an Schulen, ethnische Konflikte, Wohnungsnot, Zukunftsangst – all das steht in scharfem Kontrast zu den Diversity-Parolen der politischen Klasse. Die Reaktion darauf ist nicht Selbstkritik, sondern Repression. Deshalb versucht man, rechte Jugendmilieus möglichst früh zu delegitimieren. Wer mit 16 patriotisch denkt, soll nicht als politischer Jugendlicher gelten, sondern als potenzieller Extremist. Der demokratische Diskurs wird psychologisiert und kriminalisiert.

Bemerkenswert ist dabei die völlige Blindheit gegenüber linkem Radikalismus. Gruppen wie die „Letzte Generation“ blockierten Straßen, beschädigten Kunstwerke und nötigten Bürger – viele Medien behandelten sie dennoch wie idealistische Aktivisten. Linke Gewalt erscheint häufig als moralisch motivierte Überreaktion. Rechte Opposition dagegen bereits als Verdachtsmoment. Die doppelte Norm ist offensichtlich.

Der autoritäre Liberalismus

Die gegenwärtige Ordnung bezeichnet sich ständig als „offen“. Tatsächlich entwickelt sie zunehmend autoritäre Züge. Allerdings nicht in klassisch diktatorischer Form, sondern moralisch-administrativ. Der Gegner wird nicht verboten, sondern delegitimiert. Nicht eingesperrt, sondern sozial markiert. Nicht argumentativ widerlegt, sondern institutionell isoliert. Der Gefangenentransporter vor Schulen war insofern unfreiwillig ehrlich. Er visualisierte den inneren Wunsch eines Milieus, das Opposition nicht mehr als Bestandteil von Demokratie akzeptiert. Es geht längst nicht mehr nur um die AfD. Es geht um die Frage, ob politische Abweichung überhaupt noch legitim sein darf. Eine Demokratie, die Opposition nur toleriert, solange sie folgenlos bleibt, verwandelt sich schrittweise in ein betreutes Meinungssystem. Der Bürger darf wählen – aber bitte das Richtige. Die Schule soll dabei die passende mentale Infrastruktur liefern.

Genau deshalb ist die Debatte um die Schultour so bedeutsam. Sie zeigt exemplarisch, wie selektiv politische Freiheit inzwischen verstanden wird. Linke Aktivisten dürfen Schüler emotional schockieren, kriminalisierende Bilder verbreiten und parteipolitische Botschaften transportieren. Rechte Jugendliche hingegen gelten bereits als Gefahr durch ihre bloße Präsenz. Das ist keine Neutralität mehr, das ist ideologische Staatsdidaktik.

Die Rückkehr des politischen Verbotsdenkens

Die Bundesrepublik war einmal stolz darauf, aus den ideologischen Verhärtungen des 20. Jahrhunderts gelernt zu haben. Heute kehrt jedoch ein neues Verbotsdenken zurück – diesmal im Namen der Demokratie selbst. Man erkennt dies an der ständigen Verschiebung der Grenzen des Sagbaren. Immer neue Begriffe werden moralisch tabuisiert. Immer neue Positionen gelten als „menschenfeindlich“. Immer neue Institutionen verstehen sich als Bollwerk gegen unerwünschte Meinungen. Gerade deshalb ist die Schule zum Symbolraum geworden. Wer die Jugend kontrolliert, kontrolliert die kulturelle Zukunft. Die hysterische Reaktion auf die “Generation Deutschland” verrät daher vor allem eines: Angst. Angst vor Kontrollverlust. Angst davor, dass junge Menschen beginnen könnten, den moralischen Absolutheitsanspruch des progressiven Milieus infrage zu stellen.

Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Krise der Gegenwart. Nicht darin, dass Jugendliche politisch werden. Sondern darin, dass ein Teil des Establishments politische Mündigkeit nur noch akzeptiert, solange sie links bleibt.