Posts mit dem Label Rassismus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Rassismus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 21. Dezember 2025

Die Botschaft bleibt gleich, aber die Ausgrenzung ist subtiler

von Ron Prosor

Antiisraelische Demonstranten in Berlin tragen die drei Buchstaben „BDS“ für Boykott, Desinvestition und Sanktionen



Jüdische Künstler sollen sich immer häufiger von Israel distanzieren, werden offen boykottiert oder einfach nicht mehr eingeladen. Dadurch wird die Kunstfreiheit faktisch ausgehöhlt, doch nur selten regt sich dagegen Widerstand. Ein Gastbeitrag vom israelischen Botschafter.

Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen gedachten am Sonntag Tausende Australier der Opfer des Anschlags auf das Chanukka-Fest am Bondi Beach in Sydney. Bei dem Anschlag wurden 15 Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt. Der Anschlag war vorläufiger Höhepunkt einer Welle des Antisemitismus.

Nicht nur in Australien, sondern weltweit wirkte der Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 wie ein Brandbeschleuniger. Der Tag war nicht nur für die üblichen Verdächtigen – Islamisten und Nazis – ein Fanal. Auch in der Linken insbesondere in der Wissenschafts- und Kulturszene, war der Anstieg des israelbezogenen Antisemitismus spürbar. Das hat drastische Folgen: Die Täter in Australien waren zwar islamistisch motiviert, doch die seit 2022 regierende Labour-Regierung unter Premier Anthony Albanese hat ihrer Radikalisierung nichts Wirksames entgegengesetzt. Die Alarmzeichen wurden ignoriert. Der Kolumnist der „New York Times“, Bret Stephens, brachte es auf den Punkt, als er bemerkte, dass Bondi Beach das ist, was „Globalize the Intifada“ wirklich bedeutet. Doch noch immer dürfen Islamisten auf falsch verstandene Toleranz und in einigen krassen Fällen sogar auf klammheimliche Sympathien aus dem linken Spektrum hoffen.

„Did you ever think you killed all the funny people?“, soll der Schauspieler Robin Williams einmal auf die Frage geantwortet haben, warum es so wenige Komödianten in Deutschland gibt. Die Anspielung auf die Shoah war natürlich ungerecht: Es gibt viele witzige, nichtjüdische Deutsche, nicht alle Juden sind lustig, und Deutschland geht offen mit seiner Vergangenheit um.

In einer Sache traf Williams jedoch voll ins Schwarze: Ohne Juden gibt es keine jüdische Kunst und Kultur. Dort, wo jüdische Künstler nicht auftreten können, ist die Kunstfreiheit nicht bloß in Gefahr. Sie ist schon längst unter die Räder geraten.

Die Selbstradikalisierung erfolgte unter dem Schlachtruf „From the River to the Sea.“ Jüdische Künstler spüren das deutlich: Sie sollen sich von Israel distanzieren, werden offen boykottiert oder einfach nicht mehr eingeladen. Dadurch wird die Kunstfreiheit faktisch ausgehöhlt, doch nur selten regt sich dagegen Widerstand.

Ein besonders drastischer Fall war im Spätsommer die Ausladung der Münchner Philharmoniker von einem Musikfestival in Belgien, da ihr Dirigent Lahav Shani aus Israel stammt. Dies war ein für alle sichtbares antisemitisches Foul im Elfmeterraum. Der folgende Aufschrei und die ersatzweise Einladung der Philharmoniker nach Berlin, wo sie unter tosendem Applaus spielten, waren wichtige Zeichen, aber selten sind die Fälle so eindeutig und sichtbar wie hier.

Wolfram Weimer, Staatsminister für Kultur und Medien, legte im Kulturausschuss des Bundestages unlängst den Finger in die Wunde: „Der Antisemitismus hat in vielen Facetten Fratzen gezeigt, die wir in unserer Generation nicht erlebt haben.“ Weimer hat recht. Der Ausschuss tagte Anfang Dezember zum Stand der deutsch-israelischen Kulturbeziehungen und dem Antisemitismus im Kulturbereich. Beides hängt zusammen, denn wer heute noch „Kauft nicht bei Juden“ meint, sagt lieber „Boycott Israel“. Die Botschaft bleibt gleich, aber die Mechanismen der Ausgrenzung sind subtiler.

Juden, die sich darüber empören, gelten schnell als Störenfriede. Zusätzlich fallen ihnen vermeintliche Antisemitismus-Experten in den Rücken, deren Geschäftsmodell darauf beruht, als jüdisches und besser noch israelisches Feigenblatt zu dienen. Wenn sich Antisemitismus nicht mehr leugnen, aber immerhin noch durch „Kontextualisierung“ relativieren lässt, sind sie besonders gefragt. Dabei wird ignoriert, dass sie nur für sich selbst sprechen.

Wo Israel dämonisiert wird, wird reflexartig auf die Kunstfreiheit verwiesen

So sprach auch der in Israel geborene Meron Mendel im Kulturausschuss, dort trug er vor, dass es im Kulturbereich zwar „deutliche Stimmen“ gegen Antisemitismus gebe, diese aber schweigen würden, da die Angst vor einer Instrumentalisierung durch „Israel“ zu groß sei. Das ist auch eine Art zu sagen: Wenn zu wenig gegen Antisemitismus getan wird, sind die Juden selbst schuld. Es ist bezeichnend, dass Mendel kein Wort darüber verliert, dass das bekannte Bild der Namensgeberin seiner Bildungsstätte derzeit in Potsdam mit einem Palästinenser-Tuch ausgestellt wird – und damit das antisemitische Motiv ihrer Ermordung relativiert wird.

Folgerichtig ergriff Mendel im selben Atemzug auch für den israelischen Philosophen Omri Boehm Partei. Angesichts der Kritik an ihm warnte er sogar vor einer „neuen Form“ des Antisemitismus. Zur Erinnerung: Boehm bezeichnet die Erinnerungskultur als „goldenes Kalb“, fordert die „Kunst des Vergessens“ und nennt Yad Vashem eine „Waschmaschine“ für rassistische Politik. Insbesondere für die Idee, Israel in einen utopischen Föderalismus mit den Palästinensern zu überführen und somit die jüdische Selbstbestimmung zu beenden, erntete Böhm hierzulande viel Zuspruch.

Es scheint ohnehin kaum noch eine Äußerung zu geben, die als zu grob, zu absurd oder zu hetzerisch gilt, um nicht auf der großen Bühne zelebriert und mit Preisen überhäuft zu werden. Der Kulturbetrieb unterscheidet dabei sehr genau zwischen guten Juden, die Israel verdammen, und solchen, die das nicht tun.

Wo Israel dämonisiert wird, wird reflexartig auf die Kunstfreiheit verwiesen. Da die meisten Grobheiten gegen Juden und ihren Staat nicht justiziabel sind, sei die Kritik an ihnen unzulässig. Oder man reagiert gereizt, so wie der BR-Chefredakteur Christian Nitsche, der die Kritik an der Fernsehjournalistin Sophie von der Tann unlängst als „Vernichtungskampagne“ bezeichnete.

Künstlern, die sich nicht zu den guten Juden eingruppieren wollen, wird hingegen geraten, systematische Diffamierungen einfach in offenen Debatten zu widerlegen. So argumentiert etwa die „Initiative GG 5.3 Weltoffenheit“, die seit ihrer Gründung 2020 mit einer bemerkenswerten Blindheit für die antisemitischen Realitäten des Kulturbetriebs auf sich aufmerksam macht.

Denn genauso wenig, wie man im Krokodilgehege ergebnisoffen über die Vorzüge einer veganen Ernährung diskutieren kann, kann man dort, wo Hamas-Parolen an die Wand geschmiert wurden, sachlich über Israel sprechen. Wenn Kunst-, Meinungs- und Pressefreiheit zu einem „Supergrundrecht“ auf Israel- und Judenhass werden, ist ein freier Austausch von Ideen, Worten und Erkenntnissen unmöglich.

„Ein Appeaser ist einer, der ein Krokodil füttert – in der Hoffnung, dass es ihn zuletzt frisst“, lautet eines der bekanntesten Zitate von Winston Churchill. Um im Bild zu bleiben: Wenn sich der Kulturbetrieb in ein Krokodilgehege verwandelt, wird es nicht nur für jüdische Künstler ungemütlich. Lassen wir nicht zu, dass es dazu kommt.

Ron Prosor ist seit 2022 Botschafter von Israel in der Bundesrepublik Deutschland.



Samstag, 20. Dezember 2025

Wie ein Spiegel-Reporter ein Märchen über ein rassistisches Amerika schrieb



von Joelle Rautenberg

Eigentlich wollte Spiegel-Reporter Jonah Lemm eine mitreißende Reportage über einen Anwalt im US-Bundesstaat Louisiana schreiben, der in einem rassistischen Amerika gegen Trumps Abschiebepolitik kämpft. Der Text erschien Anfang Dezember im Spiegel. Lemm beschreibt darin, wie er den amerikanischen Anti-Abschiebeanwalt Christopher Kinnison in Louisiana begleitet und für seine Recherchen ein Highschool-Footballspiel in Winnfield besucht. Genau jener Besuch des Footbalspiels wirft aber nach Recherchen von NIUS massive Fragen hinsichtlich der Arbeit des Spiegels auf. Mehrere faktische Ungereimtheiten rufen Erinnerungen an den Spiegel-Skandal um den Autor Claas Relotius aus dem Jahr 2018 wach...

Ein zweiter Hochstapler?

Das beginnt schon bei dem Einstieg in den Text: Holzhäuser, die wirken, als wollten sie sich selbst abreißen. Die flirrende Südstaatenhitze über dem Asphalt. Ein Himmel, so blau, „als hätte ihn ein Kind mit Buntstiften ausgemalt“. Nicht nur die bildhafte, fantasievolle Sprache des Spiegel-Reporters Lemm in seinem Artikel „Wie ein Anwalt in den Südstaaten gegen Trumps Abschiebemaschine kämpft“ erinnert an den früheren Reporter Claas Relotius, der gerne seine szenischen Einstiege ausschmückte. Darauf machte zuerst der Anwalt und Professor für Medienrecht Ralf Höcker auf X aufmerksam.

Relotius arbeitete bis 2018 für den Spiegel und löste eine veritable Magazin-Krise aus, die ein weltweites Medienecho nach sich zog, als bekannt wurde, dass er über Jahre hinweg preisgekrönte Reportagen erfunden, stark verfälscht und abgeschrieben hatte.

Er erhielt von 2012 bis 2018 insgesamt 19 Auszeichnungen für seine journalistische Arbeit, die in großen Teilen erfunden war: der ehemalige Spiegel-Reporter Claas Relotius.



Minderjährige Cheerleader und besorgte Eltern

In seinem Artikel beschreibt Jonah Lemm, der Anti-Abschiebeanwalt Christopher Kinnison habe ihm geraten, ein Highschool-Footballspiel in Winnfield zu besuchen, wenn er „Kultur und Menschen“ kennenlernen wolle. Kinnison selbst geht nicht dort hin, weil er gehört hätte, dass in Winnfield ein Mann das „N-Wort“ gesagt habe und niemand widersprochen hätte. Eine nicht überprüfbare Behauptung, die nicht die einzige in Lemms Text bleibt.

Den Beginn des Spiels zwischen den Winnfield Tigers und den Jonesboro-Hodge-Tigers beschreibt Lemm ebenfalls im relotiusesken Stil. Man habe Gott um ein faires Spiel gebeten, dieser habe jedoch nicht geantwortet, „stattdessen erklang die Nationalhymne.“ Anschließend gibt Lemm an, mit dem Handy „ein paar“ Bilder und Videos vom „Spielfeld und der Tribüne“ aufgenommen zu haben. Was er nicht angibt: dass er offenbar Aufnahmen anwesender junger Mädchen gemacht hat.

Nach wenigen Minuten sei eine Frau auf ihn zugekommen, habe ihn angeschrien und ihm vorgeworfen, minderjährige Cheerleaderinnen zu filmen. Kurz darauf habe ein Mann ihm geraten, das Spiel zu verlassen. Für keine der beiden Behauptungen, weder die Konfrontation durch die Frau noch die Aufforderung durch den Mann, liegen laut Winnfield Police Department Hinweise vor.

Warum filmte der Reporter Minderjährige?

Der Spiegel-Reporter beschreibt weiter, wie er am Tag nach dem Spiel durch die Polizei kontrolliert wurde, da er am Haus einer der beim Spiel anwesenden Cheerleaderinnen vorbeigefahren war. Danach habe er beschlossen, „die Stadt doch lieber zur eigenen Sicherheit zu verlassen“.

Doch die NIUS vorliegenden Bodycam-Aufnahmen zeichnen ein anderes Bild: Der Grund für die polizeiliche Maßnahme war nicht Lemms zufälliges Vorbeifahren am Haus der Cheerleaderin, sondern die Tatsache, dass er die Minderjährige beim Football-Spiel gefilmt habe, woraufhin die Eltern die Polizei alarmierten.

Im Video erklärt ein Polizist Lemm: „Du warst beim Football-Spiel und hast Bilder von den Töchtern der Eltern gemacht. Und plötzlich sehen die Eltern dich, wie du am nächsten Tag besonders langsam an ihrem Haus vorbeifährst“. Auch die Darstellung, Lemm habe die Stadt verlassen, weil er seine Sicherheit in Gefahr sah, ist mehr als zweifelhaft. In den Aufnahmen ist deutlich zu hören, wie ein Beamter ihm versichert: „Nobody is forcing you to leave“ und „it’s not illegal what you did.“

Das Footballstadion von Winnfield. Hier soll der Spiegel-Reporter Jonah Lemm Aufnahmen minderjähriger Cheerleaderinnen angefertigt haben.



In seinem Artikel skizziert Lemm einen verschlossenen, misstrauischen Ortes eines paranoiden Amerikas, „getrieben von Angst“. Doch auch diese Behauptung lässt sich aus den NIUS vorliegenden Bodycam-Aufnahmen nicht ableiten: Im Gespräch mit Lemm äußern sich die Polizeibeamten freundlich und offen. Sie sagen: „Wir freuen uns, dass du hier bist“ und „Wir möchten, dass Menschen herkommen und sehen, wer wir sind und wofür wir stehen“.

„Einer der schlechtesten journalistischen Texte, die ich je gelesen habe“

NIUS sprach mit dem Sheriff von Winnfield, Josh McAllister, um die Behauptungen des Spiegel-Journalisten zu überprüfen. Gegenüber NIUS sagt McAllister, dass Lemm nicht etwa wegen seiner Nationalität aufgefallen sei oder weil die Menschen in Winnfield verschlossen wären, sondern weil er gezielt Fotos von den Cheerleaderinnen gemacht habe, die allesamt minderjährige Mädchen waren.

Hält Lemms Behauptungen für schlechten Journalismus: der Sheriff von Winnfield, Josh McAllister



Laut dem Sheriff müsse Lemm verstehen, dass es ein Problem darstelle, wenn jemand „Fotos von minderjährigen Mädchen ohne das Einverständnis der Eltern oder ohne, dass es jemand mitbekommt“ mache. Zudem habe Lemm „auf der Tribüne gesessen und über einen langen Zeitraum Bilder der Cheerleaderinnen gemacht“ bis einige Eltern ihn konfrontiert hätten. Dennoch, so McAllister, habe ihn niemand explizit aufgefordert, das Spiel zu verlassen.

Jonah Lemm auf seinem Instagram-Profil. Laut dem Sheriff Winnfields, Josh McAllister, soll das Verhalten des Reporters auf dem Highschool-Footballspiel „a pretty serious issue“ sein.



Lemm erwähnt in seinem Artikel lediglich die Stadt Winnfield mit rund 4.000 Einwohnern, ignoriert dabei jedoch den deutlich größeren Verwaltungsbezirk „Winn Parish“, für den Sheriff McAllister zuständig ist und der etwa 14.000 Einwohner umfasst und rund 2.480 Quadratkilometer groß ist, also knapp dreimal so groß wie Berlin. Dass Lemm zufällig innerhalb des Verwaltungsbezirks mehrfach am Haus eines der gefilmten Cheerleader-Mädchen vorbeigefahren sei, hält McAllister für bemerkenswert.

Während Lemm die Bewohner Winnfields als verschlossen und „paranoid“ darstellt, beschreibt McAllister das Gegenteil: „We want people in our Winn Parish. We want people to come and see what we’re about.”

Trotz Winnfields bunter „Police Jury“ (Anm. d. Red.: eine Police Jury ist ungefähr vergleichbar mit einem Gemeinderat in Deutschland) impliziert der Spiegel-Reporter, dass Winnfield fremdenfeindlich wäre.



Laut McAllister steht im Artikel von Lemm vieles, „das schlicht nicht den Tatsachen entspricht“. Dazu zählt laut dem Sheriff auch die Behauptung Lemms, er habe versucht, an die Bodycam-Aufnahmen der Beamten zu gelangen, doch die städtische Mitarbeiterin hätte ihm „nie wieder“ geantwortet. McAllister bezeichnet das als klare „Falschaussage“ und erklärt, es gebe eine Verwaltungsgebühr für die Herausgabe der Videos. Eine Gebühr, die Lemm nie bezahlt habe.

Gegenüber NIUS zeigt sich McAllister schockiert, auch darüber, dass er von dem Artikel erst durch NIUS erfahren habe. „Der Spiegel-Reporter hat nicht nur ein falsches Bild über Winn Parish gezeichnet, sondern auch über ganz Louisiana. Das ist einer der schlechtesten journalistischen Texte, die ich je gesehen habe.“

„Die Aufnahmen waren nie zur Veröffentlichung bestimmt“

Auf NIUS-Anfrage teilte der Spiegel mit, man könne kein Fehlverhalten von Reporter Jonah Lemm erkennen. Die „wenigen Fotos und Videos des Spielfelds“, die Lemm mit seinem Handy aufgenommen habe, seien lediglich „zu Dokumentationszwecken“ entstanden und „nie zur Veröffentlichung bestimmt“ gewesen. Zu welchen spezifischen Dokumentationszwecken Lemm die Fotos machte, bleibt dabei unklar.

Journalismus als Gesinnungsfrage

Ein Gastbeitrag des Strafverteidigers Gerhard Strate von 2018 im Cicero zum damaligen Fall Class Relotius trug den Titel: „Wenn Haltung mehr zählt als Wahrhaftigkeit“. Strate kritisierte darin die zunehmende Entfremdung vieler Journalisten von ihrem Handwerk sowie deren Neigung, zwischen „richtigen“ und „falschen“ politischen Haltungen zu unterscheiden.

Auch im Fall Jonah Lemm lässt sich ein klar politisch motivierter, ideologisch aufgeladener Journalismus erkennen. So betont Lemm, dass im ländlichen Louisiana in manchen Gegenden bis zu 90 Prozent der Menschen bei der Präsidentschaftswahl 2024 Donald Trump gewählt hätten. Gleichzeitig verschweigt der Journalist, dass im gesamten US-Bundesstaat Louisiana über 38 Prozent der Amerikaner für die demokratische Kandidatin Kamala Harris gestimmt hatten.

Im Relotius Artikel „In einer kleinen Stadt“ vom 25. März 2017 behandelt der Autor die US-Kleinstadt Fergus Falls in Minnesota. Ähnlich wie Lemm verbreitete Relotius im Artikel diverse stereotype Narrative über vermeintlich rückständige Trump-Wähler.



Doch Lemms Artikel über Winnfield ist nicht der einzige politisch gefärbte Artikel des Autors. Bereits 2018 erhielt er den Otto-Brenner-Newcomerpreis für seine Recherche über Verbindungen zwischen AfD-Akteuren und der Identitären Bewegung. Später schrieb Lemm unter anderem für das linke, selbsternannte Faktenchecker-Portal „Correctiv“, das vor allem durch die sogenannte „Geheimplan“-Recherche von 2024 bekannt wurde, eine Veröffentlichung, die gerichtlich bestätigte Falschaussagen enthielt. In einem Correctiv-Artikel warnt Lemm unter anderem davor, dass sich die „Neuen Rechten“ „nachdenklich“ und „philosophisch“ geben und Essays schreiben würden.

Im Jahr 2018 erhielt Lemm den Otto-Brenner-Newcomerpreis für eine Recherche über die AfD.



„You were super nice“

In seinem Artikel konstruiert Lemm immer wieder implizit eine Bedrohungssituation durch Polizei und Anwohner. Durch Formulierungen wie: „Das Amerika, das ich in Winnfield kennengelernt habe, zeigt, wie sehr sich die jahrelange Panikmache von Trump und rechten Aktivisten in den Köpfen der Menschen festgesetzt hat“ oder „Einem Fremden traut hier niemand“ suggeriert er, die Bewohner Winnfields seien verängstigt oder abweisend.

Doch auch diese Implikationen lassen sich durch die NIUS vorliegenden Bodycam-Aufnahmen nicht belegen. Während der gesamten Polizeikontrolle wirken die Polizisten gegenüber Lemm sehr freundlich und zuvorkommend.

Auf die direkte Frage eines Beamten „So, have I mistreated you?“ antwortet Lemm „No, you were super nice“. Auch die Frage, ob er bedroht worden sei oder jemand versucht habe, ihn zu etwas zu zwingen, verneint Lemm eindeutig.

Auf den NIUS vorliegenden Bodycam-Aufnahmen der Polizeikontrolle wirkt Lemm entspannt und erheitert.



Gerade das Ende der Bodycam-Aufnahmen widerspricht Lemms Narrativ besonders deutlich: Als er fragt, ob er sich eine Zigarette anzünden dürfe, stimmen die Polizisten locker zu. Einer bedauert, dass Lemm seine Recherche nicht offiziell angemeldet habe, da er ihm sonst hätte helfen können, Zugang zum Spielfeld zu bekommen und Bilder zu machen.

Rauchend in der Polizeikontrolle: der Journalist Jonah Lemm.



Die ganze Szene wirkt eher wie eine lockere Unterhaltung: Es wird über die USA, Reisen und Deutschland gesprochen, ein Polizist sagt: „I've always wanted to go to Germany“. Ein anderer bietet Lemm sogar an, ihn auf ein Footballspiel einzuladen und das Ticket für ihn zu kaufen.

Von „Panik“ oder Verschlossenheit kann bei den Polizisten keine Rede sein. Oder um es in Lemms Worten zu sagen: Die Polizisten im Bodycam-Video wirkten vor allem „super nice“.


Samstag, 13. Dezember 2025

ESC 2026: “Tanz die Hamas” oder das zweite Attentat auf John Lennon

von Hans S. Mundi

Eine Schande. Der Schweizer ESC-Sieger von 2024 in Malmö, „Nemo“, gibt seinen Pokal zurück – weil Israel 2026 teilnehmen darf



Dem Vorspann zu dieser skandalös-bitteren Meldung in diesen dunkelgrauen Novembertagen folgt sogleich die unbedingt zu erzählende Geschichte aus dem Bestiarium einer durchgeknallten Welt. „Mehrere Länder boykottieren ESC wegen Teilnahme Israels“. Auf solch eine Scheißagenturmeldung folgt nicht etwa in sämtlichen Redaktionen der noch halbwegs freien Hemisphäre ein Beben der Entrüstung und Empörung samt krachendem „Rumble in the Box“; ach was: Die kleinen, braven Mainstream-Häschen und –Dackel berichten sanft und vollkommen unaufgeregt über einen unfassbaren Akt antizivilisatorischer linksgestrickter Gesinnungserbärmlichkeit auf Regierungsebenen, ganz so, als ginge es um irgendeine Wettbewerbsmeldung, bei der irgendwas nicht stattfindet, weil Akteure Grippe, Tripper oder einen Scheidungsprozess erleiden. Doch In der längst moralisch mausetoten Medienwelt der Anpasser und Mitschleimer gibt es kein klares Bild von Schurken und Schuldigen mehr – es sei denn, es handelt sich um die offiziell erklärten und von ganz oben verordneten: Systemfeinde oder besser -feindbilder wie Putin, Trump der die AfD.

Wenn es aber um Israel geht, wird wenig bis gar keine Kritik geäußert am akuten und höchst virulenten neuen Judenhass, der sich hinter Tarnbezeichnungen wie “Antizionismus” oder “Israelkritik” verbirgt; die Zustimmung der Journaille schwingt mit, was dann in “Meldungen” wie dieser durchkommt: “Israel darf im kommenden Jahr am Eurovision Song Contest (ESC 2026) in Wien teilnehmen, wie die Europäische Rundfunkunion mitteilte. Als Reaktion sagten mehrere Länder prompt ihre Teilnahme ab – darunter Spanien und die Niederlande. Nach der Zustimmung der Mitgliedssender der Europäischen Rundfunkunion (EBU) zu einer Regeländerung dürfen alle Länder an dem Musikwettbewerb teilnehmen, die das wünschen, wie die EBU mitteilte.“ Hier wird also nicht etwas die Ungeheuerlichkeit der Boykottforderung problematisiert, sondern fast bedauernd wiedergegeben, warum dieser leider kein Erfolg beschieden war.

Zivilisatorische Abgründe

Und, schlimmer noch: Die Reaktionen auf den Nichtausschluss Israels werden ebenfalls mit der allergrößten Selbstverständlichkeit rapportiert.„Nach der Entscheidung kündigten die Sender mehrerer anderer Länder allerdings einen Boykott des Musikwettbewerbs an: Spanien, Irland, die Niederlande und Slowenien erklärten ihren Verzicht bereits offiziell.“ Der spanische Sender RTVE ist einer der fünf relevantesten Geldgeber der Veranstaltung. Irland ist mit immerhin bereits sieben Siegen beim ESC sowie dessen Vorgänger-Veranstaltungen eines der erfolgreichsten Länder des traditionsreichen Musikwettbewerbs; somit steigen also verantwortungslos ausgerechnet größere Länder aus – was wiederum gleichzeitig ein Fanal bedeutet: Die Europäische Union stirbt – und zwar am korrupten Haupt, am Augiasstalll des Monsters Brüssel und an Zerfall und Desorientierung der europäischen Länder, die offenkundig nicht mehr wissen oder sehen wollen, was Abendland und Okzident sind und welche zivilisatorischen Abgründe beide trennen. Das inzwischen sozialistisch verblendete und in die Irre taumelnde Spanien sieht sich allen Ernstes als „Land an der Seite der Palästinenser”, denn: ”Sowohl die spanische Regierung als auch die Bevölkerung ist auf Distanz zu Israel gegangen“.

Weitere geistig und mental völlig ins Abseits geratene Länder wie Belgien, Schweden und Finnland erwägen ebenfalls einen skandalösen israelfeindlichen Boykott. Die Sender dieser Staaten begründen ihre inhaltlich total absurde Haltung mit der hohen Zahl palästinensischer Opfer im Gaza-Krieg durch das Vorgehen der israelischen Armee – ganz so, als hätte es das vorangegangene, kausal dafür ursächliche größte Massaker an Juden seit der Shoa durch Hamas-Gaza-Bestien und den jahrelangen Dauerterror des judenhassenden Kunstvolkes „Palästinenser“ nie gegeben. Der einst noble gute, völkerverbindende Ursprungsgedanke es ESC ist damit offiziell gekillt und der Terror-Logik der blutrünstigen Hamas und ihrer geistigen Brüder vom IS oder den iranischen Mullahs als Opfer gebracht worden. Ach ja, und auch die armselige Wurst Nemo, der Schweizer Vorjahressieger, fühlte sich bemüßigt, sich als Haltungstunte zu profilieren – und gab seinen ESC-Siegerpokal 2024 zurück. “Es geht um die Tatsache, dass der Wettbewerb wiederholt dazu genutzt wurde, um das Image eines Staates auf zu bessern, dem schweres Fehlverhalten vorgeworfen wird”, schwurbelte er – ohne zu hinterfragen, wer diese Vorwürfe erhebt und ohne offensichtliche Ahnung der Konfliktgeschichte des Nahen Ostens. Bei diesem Vollopfer eines kaputten Zeitgeistes mag man derartige Aussagen wenigstens noch mit den Folgen von Bildungsnotstand und psychischen Deformationen entschuldigen.

“Den Konflikt entschärfen”

Immerhin: Die sonst alles andere als israel-affine ARD stellt sich hinter die Entscheidung, Israel gnädigerweise doch teilnehmen zu lassen, und begrüßt die EBU-Entscheidung – offiziell zumindest – ausdrücklich. “Wir sind sehr froh, dass am Ende die Regeln, die Werte und die Unparteilichkeit der öffentlich-rechtlichen Medien stärker waren als die emotionalen öffentlichen Debatten des Tages”, sagte die Intendantin des “Bayrischen Rundfunks”, Katja Wildermuth, die als Vertreterin von ARD und ZDF im Executive Board der Europäischen Rundfunkunion sitzt. Um den Konflikt zu “entschärfen”, hatte die EBU im November neue Regeln für den Wettbewerb angekündigt: So sollen unter anderem schon in den Halbfinals professionelle Jurys mit abstimmen und die Regeln für Werbekampagnen verschärft werden.

Das alles muss jedoch eher als hochnotpeinliches Ablenkungsmanöver gedeutet werden – denn die in der EBU zusammengeschlossenen Rundfunkanstalten stimmten bei ihrer Versammlung hinter verschlossenen Türen offenbar mehrheitlich dafür, das Maßnahmenpaket als ausreichend einzustufen und nicht konkret (!) über eine Teilnahme Israels abzustimmen, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet; dies offenkundig, damit die Judenhasser – vor allem Spanien – nicht zu arg angerempelt werden mussten. Die EBU-Mitglieder hätten ihre “klare Unterstützung für Reformen zur Stärkung des Vertrauens und Schutz der Neutralität” ausgedrückt, erklärte die EBU. Dies ermögliche somit allen Mitgliedern die Teilnahme. Der Streit um Israel, schreibt “Euronews”, sei “die wohl größte Zerreißprobe in der Geschichte des im kommenden Jahr zum 70. Mal stattfindenden und weltweit am meisten beachteten Musikwettbewerbs” Die EBU und auch der ORF als gastgebender Sender hätten in den vergangenen Wochen zahlreiche Gespräche geführt, um einen Boykott zu verhindern, wobei eine der Kernbotschaften gewesen sei, dieses “größte Musikspektakel der Welt” als Veranstaltung von öffentlich-rechtlichen Sendern verstanden zu wissen, das “nichts mit Politik zu tun haben” solle. Dies ist natürlich eine dreiste Lüge, denn der ESC war nie unpolitisch, wie das Abstimmungsverhalten von Balkan-Ländern in der Vergangenheit und auch politische Punktevergaben zur Zeit des Kosovokrieges bewiesen.

Boykottaufrufe, wo eigentlich Gedenkminuten für den 7. Oktober fällig wären

Die moralische Degeniertheit der latent palästinenserfreundlichen Organisatoren und der teilnehmenden Einzelstaaten hat zu einer völligen Verschiebung der Wertmaßstäbe geführt. Statt in empörender Täter-Opfer-Umkehr Israel anzuklagen und zum Außenseiter stempeln, hätte es zum 70. Jubiläum des ESC eigentlich Trauer- und Gedenkminuten für die Opfer des 7. Oktober 2023 geben müssen. Denn nicht nur Israel und das Judentum, sondern auch die Popkultur und Musik als Ausdruck von Lebensfreude und Freiheit waren damals einem bestialischen Terrorangriff ausgesetzt. Denn das Massaker der Hamas fand nicht von ungefähr während eines populären Musikfestivals statt und war ein gezielter kulturbarbarischer Terrorakt der radikalislamischen Gaza-Schlächter im Rahmen ihres Dauerkriegs gegen Israel, bei dem schwerbewaffnete Terroristen nach Durchbrechen der Grenzanlagen das laufende Psytrance-Festival Supernova Sukkot Gathering in der Nähe des Kibbuz Reʿim im Gebiet der Regionalverwaltung Eschkol angriffen und über 1100 Menschen abschlachteten sowie hunderte in ein jahrelanges Geiselmartyrium verschleppten.

An diesem Tag starb nicht nur der Friede, sondern auch ein zeitgenössisches Woodstock und ein Teil der friedlichen, alle und alles verbindenden Popkultur. Am 7. Oktober wurde John Lennon quasi ein zweites Mal ermordet und auch die Botschaften Willy Brandts oder Martin Luther Kings wurden hier postum geschändet. Hingegen dürften Adolf Hitler, Eichmann und das gesamte Aufsichtspersonal sämtlicher Konzentrationslager begeistert in der Hölle gefeiert und gejubelt haben, zusammen mit den Palästinensern in Gaza, Berlin-Neukölln und Paris – so wie auch die vereinigten linken Antisemiten des Westens. Insofern steht der Boykott Israels für die Verhöhnung und erneute Hinrichtung dieser Opfer; er richtet sich gegen den Geist der Freiheit und solidarisiert sich mit Islamterror, blutiger Gewalt, Kopftuchzwang und Intoleranz; mit der die Steinigung von Frauen und dem von Taliban oder der iranischen Religionspolizei durchgesetzten Musikverbot. Europa ist am Arsch – Donald Trump, bitte übernehmen Sie!


Dienstag, 2. Dezember 2025

Warum Sophie von der Tanns Beiträge zu Nahost nicht preiswürdig sind

von Esther Schapira


Die ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann erhält den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis. Dabei steht sie stellvertretend für die verzerrte Berichterstattung über den Nahostkonflikt, die uns ARD und ZDF bieten. Die Sender bilden sich darauf sogar etwas ein.

Zwei Storys pro Woche musste allein BBC Arabic im Schnitt innerhalb der vergangenen zwei Jahre korrigieren wegen Falschmeldungen und eklatanten journalistischen Fehlern. Israelisches Leid wurde vorsätzlich minimiert, um Israel als Aggressor darzustellen. Insgesamt ist die Berichterstattung der BBC beim Thema Nahost geprägt durch Voreingenommenheit, tendenziöse Verzerrung, Aktivismus und wissentliche Verbreitung von Hamas-Propaganda. Zu diesem verheerenden Ergebnis kommt der interne Bericht des leitenden Journalisten Michael Prescott, der zu Rücktritten führte und den Sender in die vielleicht größte Krise seiner Existenz stürzte (F.A.Z. vom 26. November).

Die Folgen für jüdisches Leben in Deutschland

Es gibt keine vergleichbare Untersuchung der öffentlich-rechtlichen Medien bei uns. Sie wäre allerdings dringend nötig. Die BBC sollte ein mahnendes Beispiel sein, nun ebenfalls freiwillig die eigene journalistische Arbeit schonungslos zu prüfen. Die Beispiele tendenziöser Verzerrungen, Halbwahrheiten und Fehler der Nahostberichterstattung bei uns sind ebenfalls eklatant, bislang aber völlig folgenlos. Jedenfalls für die Verantwort­lichen. Die Folgen für jüdisches Leben in Deutschland lassen sich unter anderem in der Statistik nachlesen, die einen neuen Rekord an antisemitischen Gewalttaten verzeichnet. Wer sich nur über ARD, ZDF und Deutschlandfunk informiert, wird kein differenziertes Bild dieses komplexen Konflikts bekommen können.

Die Menschen in Gaza leiden, die Bilder der Zerstörung sind erschütternd. Das ist die Seite, die wir täglich gezeigt bekommen. Die andere Seite sehen wir nicht: weder die erbarmungslose Terrorherrschaft der Hamas noch das Leid der traumatisierten israelischen Gesellschaft. Diese Verkürzung führt zu einer Verzerrung. Es wirkt, als ob es in Gaza nur Opfer gäbe, und stempelt alle Israelis zu Tätern. Es gibt etliche Medienschaffende im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die sich mit diesem schlichten Weltbild unwohl fühlen, aber es braucht Mut, gegen den vorherrschenden Meinungskanon zu verstoßen. Im vertraulichen Gespräch berichten Mitarbeitende von einem be­drückenden Klima der Ausgrenzung der­jenigen, die sich nicht einreihen in die „Palästina-Solidarität“. Dabei müsste der Prescott-Bericht der BBC auch hiesigen Programmverantwortlichen die Augen ge­öffnet haben, wie leicht es der Terrorbande gelungen ist, Bildfälschungen und Propagandalügen unterzubringen. Die Ha­mas wusste, dass die unausweichlich fol­genden Bilder der Zerstörung in Gaza, der leidenden Zivilbevölkerung und toter Kinder ihre stärkste politische Waffe sein würden. Wie schnell die Täter-Opfer Umkehr aber gelungen ist und wie tatkräftig sich westliche seriöse Medien daran beteiligt haben, muss selbst die Hamas überrascht haben.

Eine „von der EU als Terrororganisation eingestufte Gruppe“

Als am 17. Oktober 2023 eine Rakete beim Al-Ahli-Krankenhaus einschlug, wurde sofort Israel für den Tod von angeblich bis zu 500 Menschen verantwortlich gemacht. Eine gezielte Falschmeldung, die auf fruchtbaren Boden fiel: Israel wird seit Jahren an Universitäten, im Kulturbetrieb und eben auch in Redaktionen als „kolonialistisches Projekt“ delegitimiert, gegen das jede Form des „Widerstands“ zulässig sei. Das erklärt, warum die ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann glaubte, den bayerischen Antisemitismus-Beauftragten Ludwig Spaenle darauf hinweisen zu müssen, dass der 7. Oktober 2023 eine „historische Vor­geschichte“ habe. Das klingt nach „aber“ und meint genau das: die Relativierung des Hamas-Pogroms. Übertrieben? Dann stellen wir uns kurz die berechtigte Empörung vor, wenn eine Journalistin auf die „historische Vorgeschichte“ des Holocaust hinweisen würde.

Die Hamas als Terroristen zu benennen, schien die Korrespondentin jedenfalls vermeiden zu wollen. Nachdem es anfänglich „militante Kämpfer“ waren, wurde die Hamas zögerlich zu einer „von der EU als Terrororganisation eingestuften Gruppe“. Auf CNN rang der Korrespondent Richard Quest sichtlich mit den Worten („we’re running out of adjectives here“), um das Grauen zu beschreiben. Seine ARD-Kollegin aber sorgte sich am 8. Oktober, als nicht nur die jüdische Welt noch schockstarr war angesichts der unvorstellbaren Grausamkeit des Massakers, das in Gaza bejubelt wurde, vor allem um „die Menschen in Gaza“.

Die Echokammer ist entzückt

Ihre sofortige Warnung vor den Fol­gen der israelischen Selbstverteidigung begeisterte die „Pro-Palästinensische“- Echo­­kammer und sorgte rasch für Reichweite auf ihrem privaten Instagram-Account. Vereinfachung komplexer Vorgänge durch einseitige Parteinahme, Emotionalisierung statt Analyse – die Logik der sozialen Medien bestimmt inzwischen auch die Nachrichten: Tiktok und Instagram für junge User, ARD und ZDF für ihre Eltern und Großeltern. Im verzweifelten Kampf um die ersehnte junge Zielgruppe haben unzählige Projektgruppen für eine Verjüngung und mehr Diversität gesorgt. Auch dadurch sind die Grenzen zwischen Aktivismus und Journalismus verschwommen.

Eine Person Frau hält ein Plakat und eine israelische Flagge während der Trauerfeier für Dror Or, eine ermordete israelische Geisel, im Kibbuz Reim nahe der Grenze zum Gazastreifen, am 30. November. Or wurde bei dem Angriff der Hamas am 7. Oktober getötet, seine Leiche wurde nach Gaza gebracht und von der Hamas im Rahmen des Waffenstillstandsabkommens zurückgegeben.



Gegen Klicks und Follower wirkt Einspruch unter Verweis auf den Programmauftrag hoffnungslos gestrig. Wer im Mainstream der eigenen Blase schwimmt, hat Oberwasser. Diese Form des „Em­bedded Journalism“ wird klaglos akzeptiert. Wenn etwa der ARD-Korrespondent in Kairo, Ramin Sina, am historischen Tag der Geiselfreilassung und der Unterzeichnung des Friedensplans in Scharm el-Scheich live in den „Tagesthemen“ erklärt, dass der israelische Ministerpräsident Ne­thanjahu von vielen Teilnehmern des Gipfels als „Kriegstreiber“ wahrgenommen werde, und hinzufügt: „Ich persönlich kann dieser Lesart folgen“, dann ist dies schlicht unerträglich. Es zeigt schamlose Voreingenommenheit und das Fehlen jeglicher Empathie für Israel. Es zeigt aber auch, wie weit sich die ARD von ihren ei­genen Grundsätzen entfernt hat. Waren früher Meinung und Bericht strikt zu trennen, so wird deren Vermischung heute als mutige Haltung mit Preisen ausgezeichnet.

„Mutmaßliche Hamas-Tunnel“

Dass jeder Krieg auch ein Krieg um die Deutungshoheit ist, dass also jede Seite ein massives Interesse an Einflussnahme hat, ist eine banale Erkenntnis. Das Misstrauen gegenüber Israel ist aber offenkundig deutlich größer als gegenüber den Angaben der Terrororganisation. Im Februar 2024 nehmen die israelischen Streitkräfte, nimmt die IDF ausländische Journalisten mit in einen Tunnel der Hamas. Er verläuft unter einer Schule. Direkt unter dem Hauptquartier des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) liegt die Kommandozentrale der Hamas. Überprüfen könne sie die Angaben nicht, sagt Sophie von der Tann, obwohl sie selbst im Tunnel steht. Passend titelt „tagesschau.de“, das israelische Militär zeige „mutmaßliche Hamas-Tunnel“. Mutmaßlich? Den Angaben des Hamas-Gesundheitsministeriums zu mutmaßlichen Hungertoten traut sie dagegen erkennbar mehr als israelischen Wissenschaftlern.

Ein Hamas-Terrorist steht Wache, während ägyptische Arbeiter in Begleitung von Mitgliedern des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) nach den letzten beiden Leichen der Geiseln – einem israelischen Soldaten und einem thailändischen Staatsangehörigen – unter den Trümmern des Flüchtlingslagers Jabalia im Norden des Gazastreifens suchen, 1. Dezember 2025.



Am 28. Juli 2025 wurde in Israel eine wissenschaftliche empirische Studie veröffentlicht, die zum Ergebnis kommt, dass es weder für eine Hungersnot in Gaza Belege gebe noch für systematische Angriffe auf Zivilisten. Darüber informiert uns die Korrespondentin nicht. Sie interviewt stattdessen zwei Experten, die nichts mit der Studie zu tun haben und von „Genozid“ sprechen. „Die Diskussion über die rechtlichen und ethischen Implikationen des Krieges ist zwar wichtig“, aber sie müsse „auf einer soliden Faktengrundlage be­ruhen, um sinnvoll und relevant zu sein“, heißt es in eben dieser Studie. Auch die gerade veröffentlichten und journalistisch sofort verbreiteten Zahlen des Max-Planck-Instituts Rostock von geschätzt mindestens 100.000 Kriegstoten in Gaza bezweifelt der Militärhistoriker und Mitautor der Studie, Professor Danny Orbach von der Hebräischen Universität Jeru­salem, wie er am vergangenen Mittwoch persönlich im Bundestag ausführte. Leider ohne jegliche Resonanz bei ARD und ZDF.

In der ARD heißt es: Jetzt erst recht

Solche Beispiele tendenziöser Berichterstattung führen zu Protesten auch von offizieller israelischer Seite, was verständlich und völlig legitim ist. Innerhalb der ARD aber lösen sie vor allem ein trotziges Jetzt-erst-recht aus, wie die Jurybegründung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises für Sophie von der Tann zeigt. Die Journalistin habe, heißt es, „Haltung“ bewahrt gegenüber dem „wirkmächtigen“ israelischen Botschafter, der den „Kontext der deutschen Geschichte“ benutze, „um professionelle, fakten-basierte Berichterstattung auszuschalten“. Sophie von der Tann ist das junge ARD-Gesicht der Parole „Free Palestine from German Guilt“.

Vielleicht ist diese Verschiebung der folgenschwerste Sieg der Hamas. Antisemi­tische Narrative, zumal im Gewand der Israelkritik, werden nicht mehr analysiert. Kritik wird als unbilliger politischer Versuch der Einflussnahme abgewehrt. Der Antisemitismusvorwurf, argumentierte jüngst auch das ARD-Politikmagazin „Panorama“, werde benutzt, um Kritiker zu diffamieren, die Israel Genozid vorwerfen. Das mag vereinzelt stimmen, aber politische Motive sagen noch lange nichts aus über den inhaltlichen Gehalt des Vorwurfs. Die Verhältnismäßigkeit der israelischen Kriegsführung muss selbstverständlich diskutiert werden. Statt aber nach den Belegen für den Vorwurf des Völkermords zu fragen, wird nur präsentiert, was zur vorab feststehenden Antwort passt. Abweichende Beurteilungen, wie die von Professor Orbach, werden nicht einmal erwähnt. Stattdessen beklagt „Panorama“, dass Studenten der FU Berlin aus Angst vor dem Antisemitismus-Vorwurf, der „Karrieren vernichten“ könne, „Selbstzensur“ übten.

Eine Drohnenaufnahme aus Gaza-Stadt, aufgenommen Mitte Oktober.



Gibt es Beispiele für vernichtete Karrieren durch unbegründete Antisemitismus-Vorwürfe? Oder handelt es sich um eine gefühlte Wahrheit, um die gefährliche Verbreitung des antisemitischen Gerüchts von der „jüdischen Lobby“? Was es nachweislich gibt, ist „Panorama“ keiner Erwähnung wert: das einschüchternde univer­sitäre Klima, in dem sich manche jüdische Studierende nur gemeinsam in die Mensa wagen, israelische Wissenschaftler bedroht werden und ihre Vorlesung aus Sicherheitsgründen teils nur online halten können.

Die Terrorherrschaft der Hamas ist ein blinder Fleck

Die Instrumentalisierung des Genozidvorwurfs, die islamistische Infiltration in Wissenschaft, Kunst und Kultur, die Verflechtung der Hamas mit der UNRWA – all das wären lohnende Themen für die glorreichen Investigativteams von ARD und ZDF. Auch Hintergrundinformationen zur Terrorherrschaft der Hamas sind blinde Flecken der Berichterstattung, dabei haben diese unmittelbare Auswirkungen auf unseren Blick auf Gaza. Wer in Ungnade fällt, riskiert sein Leben. Wer Propaganda macht, wird belohnt. Eine Presseweste allein macht noch keinen Journalisten. Ein Mikrofon im Bild mit dem Logo der ARD oder des ZDF suggeriert, dass die Korrespondenten selbst vor Ort seien, tatsächlich aber sind es ausschließlich der Hamas genehme Bilder und Aussagen, die so zu uns gelangen. Entsprechend stehen alle Bilder, die uns aus Gaza zugeliefert werden, unter einem Glaubwürdigkeitsvorbehalt.

Die Niederlassung der „Palestine Media Production“, mit der das ZDF zusammenarbeitete, nach dem israelischen Angriff, bei dem ein Hamas-Kommandeur, der für PMP arbeitete, und ein achtjähriger Junge ums Leben kamen.



Daher ist die Überraschung des ZDF, dass sich ein Mitarbeiter einer palästinensischen Medienfirma, mit welcher der Sender eng kooperierte, als Hamas-Kommandeur erwies, entweder naiv oder unglaubwürdig. Über Ahmed Abu Mutair, dessen Tod der ZDF-Korrespondent Thomas Reichart sofort eingeordnet hatte in „das Muster“ israelischer Angriffe auf Journalisten, heißt es jetzt beruhigend, dass er nur ein unbedeutender technischer Mitarbeiter der Firma gewesen sei, der nie Einfluss auf die Berichterstattung des ZDF gehabt habe. Wer sich so rausredet, verschleiert die tatsächlichen Bedingungen der Berichterstattung in einer Diktatur. Wer traut sich, offen journalistisch zu ar­beiten in Gegenwart eines Hamas-Kommandeurs? Die Naivität hat System. Das war schon vor der Hamas so.

Als der damalige ZDF-Korrespondent Stefan Merseburger vor 25 Jahren mit seinem Team Bilder des Lynchmords an israelischen Reservisten in Ramallah drehte – die Geburtsstunde der blutigen Handflächen, mit denen heute Hamas-Fans im Westen posieren – wurde er massiv bedroht und sein Material vernichtet. Das alles geschah unter der als gemäßigt geltenden PLO. Schon damals setzte die palästinensische Seite auf die Macht der Bilder. Diese Strategie darf nicht länger aufgehen. Der Programmauftrag ist nicht weniger als eine Verpflichtung, das ganze Bild zu zeigen. Es wird Zeit, sich daran zu erinnern. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird langfristig nur überleben, wenn er bereit ist zu radikaler Selbstkritik und wenn er sich nicht ideologisch vereinnahmen lässt. Um es mit den Worten Hanns Joachim Friedrichs zu sagen: Guter Journalismus macht sich mit keiner Seite gemein.

Esther Schapira ist Journalistin, Buchautorin und lebt in Frankfurt. Von 1995 an arbeitete sie als Redakteurin beim Hessischen Rundfunk zuletzt leitete sie die Abteilung Fernsehen Politik. Gemeinsam mit Georg M. Hafner erhielt sie die Buber-Rosenzweig-Medaille.


Dienstag, 11. November 2025

Grundlagen: Linksradikaler Antisemitismus – Die vergessene Verknüpfung

Bild
Rainer Langhans (l.) und Dieter Kunzelmann beim „Vietnam-Kongress“ in Berlin, 1968.

Am 9. November habe ich mit einem kurzen Posting auf der Facebook Fanpage an den Brandanschlag von 1969 auf das Jüdische Gemeindehaus Berlin durch Linksradikale erinnert.
Die Reaktionen haben gezeigt, dass das wohl vielen nicht bewusst war, oder sie nicht einmal davon gehört hatten.
Wir sollten reden.

Hinweis: Vor 50 Jahren wurde noch nicht so genau zwischen Linksradikal und Linksextremistisch unterschieden, ebenso wenig wie es die Feinheit der Definition von israelbezogenem Antisemitismus gab. Ich gehe hier ausnahmsweise bewusst schludrig mit den Begriffen um.

Im Januar 1967 gründete sich in West-Berlin die Kommune I.
Will man dies als Starpunkt für annehmen, sollte man jedoch nicht vergessen, dass auch das eine Vorgeschichte hatte. Doch wir wollen es ja kurzhalten.

Das West-Berlin der ausgehenden 1960er war ein Epizentrum des Linken, heute würde man sagen Linksradikalen bis Linksextremen. Die Bewegung kam vor allem aus dem Umfeld der Hochschulen, aus gutbürgerlichem Hause. Die Studentenbewegung bestand vor allem aus bewegten Studenten.
Und wie es auch heute Subkulturen gibt, war es ein kleines Universum, in dem alles zumindest über Ecken miteinander Verknüpft war.

Der Sozialistische Deutsche Studentenbund SDS hatte sich bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. Es war eigentlich der Hochschulverband der SPD, radikalisierte sich aber zunehmend. Wodurch sich im Mai 1960 der Sozialdemokratische Hochschulbund von ihm abspaltete.
Das Spektrum von Links wurde breiter.

Eine von vielen Antrieben der Bewegung war, dass mit Kurt Georg Kiesinger ein ehemaliges NSDAP-Mitglied und Mitarbeiter des Auswertigen Amtes Bundeskanzler wurde.

Imperialistische Baby-Killer

Die Radikalisierung kann man nicht verstehen, ohne auch die Weltpolitik zu betrachten.
Zuvor hatte es bereits den Koreakrieg bzw. Indochinakrieg gegeben. Vietnam war geteilt worden, der Norden wurde kommunistisch. Der Anführer Hồ Chí Minh war zwar Kommunist, aber auch Nationalist. Im Süden hatte Ngô Đình Diệm ein westlich orientiertes Regime gefestigt. Und so begann der Norden den Süden anzugreifen.

Nach und nach griffen die USA ein, sie waren von Süd-Vietnam um Hilfe gebeten worden. Zunächst wurde es nur als Polizeieinsatz deklariert, ab 1965 bombardierten die USA erstmals Nordvietnam.
Für die USA war es eigentlich eher ein Tagesordnungspunkt. Ihnen war wichtig, einen Fuß in der Türe des ostasiatischen Festlandes zu behalten. Mit der Guerilla-Kriegsführung hatten die Kommandeure, die noch durch den Zweiten Weltkrieg geprägt waren, nicht gerechnet.
Viele, die in den 1980ern aufgewachsen sind, sind mit Filmen und Serien über den Vietnamkrieg groß geworden: Platoon, Full Metal Jacket, Die durch die Hölle gehen, Apocalypse Now, Rambo.

Natürlich wurde dies in den linksradikalen Kreisen West-Berlins „imperialistisch“ gelesen. Und somit setzte auch die Propaganda ein, zurückkehrende US-amerikanische Soldaten wurden als „Baby-Killer“ verunglimpft. Wer hier Parallelen zum Gazakrieg sieht, sieht sicher nicht ganz falsch.

Ein Schild zeigt "Baby Killer" neben dem Bild von Netanjahu.
Schild auf einem pro-palästinensischen Protest, London, 22.03.2025

Wie erfolgreich die Simplifizierung und die Propaganda war, kann man auch heute noch daran ablesen, dass viele Menschen denken, die USA hätten den Vietnamkrieg angefangen.
Es waren Stellvertreterkriege: Auf der einen Seite die USA, auf der anderen Seite wurde von China und der Sowjetunion unterstützt.

Der König der Könige

Ein weiterer Punkt muss zumindest erwähnt werden.
Während des Zweiten Weltkriegs hatte Mohammad Reza Pahlavi den Thron bestiegen, er war der Schah des Irans.
Ausgerechnet im Oktober 1967 krönte er sich zum Schahanschah, zum Kaiser („König der Könige“).

Bild
Mohammad Reza Pahlavi, der letzte Schah des Iran. 1973

Wenige Monate zuvor hatte er Berlin besucht. Dabei kam es zu grotesken Szenen.
In Deutschland lebende Iraner jubelten ihm zu, Studenten demonstrierten. Die Iraner, viele in dunkle Anzüge gekleidet, überwanden Absperrungen und begannen, mit Latten und Fahnenstangen auf die Studenten einzuprügeln. Die Polizei schaute zu.
Später gab es viele Hinweise, dass diese Iraner vom Geheimdienst organisiert worden und teilweise eingeflogen worden waren. Das waren die „Jubelperser“, mit denen viele sicher aufgewachsen sind, ohne zu wissen, woher das Wort eigentlich stammt.

Bild
2. Juni 1967: Der Schah besucht Berlin, Iraner schlagen auf Demonstranten ein, die Polizei steht daneben oder greift selber Demonstranten an.

1979 wurde der Schah in der Islamischen Revolution gestürzt. Doch damit kamen die Iraner von der Traufe in den Regen. Es entstand das iranische Regime, wie es bis heute noch existiert. Und gegen Israel kämpft.

Bild
Ruhollah Musawi Chomeini (Ayatollah Khomeini) kehrt aus seinem Exil in Frankreich in den Iran zurück. Sein Nachfolger Ali Chamenei ist bis heute oberster Anführer des Iran.

Auch diese Vorkommnisse muss man mit den Augen der damaligen Zeit sehen.
Dieses anhaltende Gefühl des Klassenkampfes führte dazu, dass viele die Welt mehr und mehr in Links und Rechts einteilten. Obwohl diese Begriffe, die für ein demokratisches Spektrum gelten, ungeeignet sind.
Da war schon richtig was los, wenn man abends die Tagesschau guckte. Doch das dicke Ende sollte zumindest in West-Deutschland erst noch kommen.

Der Arabische Aufstand

In der Region Palästina hatte es spätestens seit den 1920ern Massaker an Juden gegeben. (Massaker von Hebron, etc.) Die Muslime beanspruchten das Land für sich. Sozialisiert in einem 400-jährigen, muslimischen Osmanischen Reich. Das auf viele Kalifate und Dynastien gefolgt war.
Wie Europa sich als christliche Hemisphäre sieht, so sieht sich die muslimische Welt als ein geschlossenes Konstrukt. Trotz Jahrhundert der Kriege untereinander, die es ja in Europa ebenso gegeben hatte. Gerade für einen Europäer ist es naiv, ungebildet oder schlicht selbstvergessen, Muslime als homogene Masse zu sehen.

Von 1936 bis 1939 kam es im von den Briten verwalteten Palästina zum Arabischen Aufstand.
Der wird gerne vergessen, verschwiegen, die wenigsten nehmen ihn zur Kenntnis. Vor allem, um israel-feindliche Narrative erzählen zu können. Doch er ist ungemein wichtig. Damals war bereits abzulesen, was später mit Israel passieren würde.
Es kam auch in dieser Zeit zu Massakern an Juden.

Bild
Britische Soldaten treiben eine arabische Menschenmenge während der Aufstände auseinander. Jaffa, 19. – 21. April 1936

Einer der wichtigsten muslimischen Anführer gegen die Briten und die Juden war Mohammed al-Husseini, der Großmufti von Jerusalem.
Er hatte gute Kontakte zu den Nazis, die seinen Truppen auch Waffen lieferten. Später lebte er einige Jahre in Berlin, wurde zum SS-Gruppenführer (General) ernannt, besichtigte Konzentrationslager und gründete auf dem Balkan muslimische SS-Truppen, die am Holocaust mitwirkten.

Der SS-Gruppenführer, der Palästina erfand
Dieses Posting habe ich bereits am 25. Juni 2024 auf der Facebook Fanpage und X veröffentlicht. Da es bis heute noch häufig geteilt wird, habe ich es editiert und stelle…
Steady icon Steady

Als der Teilungsplan der UN Gestalt annahm - man darf nicht vergessen, dass die umliegenden arabischen Staaten gerade im Entstehen waren - begann ein Bürgerkrieg in Palästina. Denn den dort lebenden Arabern schwante, dass sie zwischen dem syrischen, jordanischen, irakischen und ägyptischen Staat die Zurückgebliebenen sein würden. Mit einem jüdischen Staat als Nachbarn. Oder, schlimmer noch, in einem jüdischen Staat.

Als am Abend des 14. Mai 1948 das britische Verwaltungsmandat endete und Ben-Gurion die Unabhängigkeit Israels ausrief, griffen in derselben Nacht alle umliegenden arabischen Staaten Israel an. Und verloren.

Sechs Tage bis zum Antisemitismus

Der Gazastreifen wurde von Ägypten besetzt, das Westjordanland von Jordanien.
Zwei Jahrzehnte lang störte sich niemand so recht daran. Außer einige arabische Nationalisten.
1964 wurde die PLO gegründet und definierte „Palästinenser“ nur noch als diejenigen Araber bzw. Muslime, die nicht in Israel lebten.

Im Juni 1967 versammelte Ägypten über 100.000 Soldaten an der Grenze zu Israel, in einer eigentlich entmilitarisierten Zone. Jordanien zog Streitkräfte zusammen. Doch diesmal wusste Israel sich zu wehren. Schnell und radikal.
In einem Präventivschlag flog es Angriffe auf die ägyptischen Truppen. Am nächsten Tag war die ägyptische Luftwaffe am Boden zerstört. Daraufhin griffen auch Jordanien und Syrien Israel an. Unterstützt wurden sie unter anderem durch Saudi-Arabien und der Sowjetunion.

Zwei israelische Panzer in der Wüste, im Hintergrund fünf Rauchsäulen brennender Panzer.
Sechstagekrieg: Israelische Truppen stoßen so schnell in den Sinai vor, dass den ägyptischen nur noch die Flucht bleibt.

Erneut gewann Israel, diesmal nach nur sechs Tagen.
Doch diesmal zog es sich nicht einfach wieder zurück. Vor allem zur eigenen Sicherheit besetzte es das Westjordanland und Ost-Jerusalem (von Jordanien), den Gazastreifen (von Ägypten) und die Golanhöhen (von Syrien), von wo aus es beschossen worden war.

Und nun müssen wir uns vorstellen, welchen Eindruck das zwischen Vietnamkrieg, Kaltem Krieg, Jubelpersern und einem ehemaligen NSDAP-Mitglied als Kanzler in der Studentenbewegung West-Berlins und auf dem platten Land hinterlassen haben muss.

Der Kultur- und Klassenkampf hatte nun auch die Juden vereinnahmt. Der linksradikale Antisemitismus erlebte seine Grundsteinlegung.

Viele Narrative, die anlässlich des Gazakrieges ausgepackt wurden, sind nicht neu. Sie sind über 50 Jahre alt. Israel als „kolonialistisches Projekt“, obwohl „Kolonie“ lediglich eine Empfindung ist und jeder Definition widerspricht. Die Kindermörder, die Imperialisten, die Zionisten. Alles alte Kamellen in neuem Gewand. Heute nicht in Flugblättern, sondern auf dem Handy.
Zionismus ist lediglich die politische Bewegung und Einstellung, den Juden ein eigenes Land einzugestehen. Hier wird es umgedeutet zu einem imperialistischen Projekt.

Der nun folgende Antisemitismus von Linksaußen wurde vergessen.
Frischen wir es auf. Zumindest ein wenig.

Gute Beziehungen nach Palästina

Bekannt aus der West-Berliner Kommune sind vor allem Fritz Teufel und Rainer Langhans. Sie wurden durch die Fernsehprogramme gereicht.
Gegründet wurde sie jedoch maßgeblich durch Dieter Kunzelmann. Der damals bereits ein klarer Antisemit war. (Titelbild, mit Rainer Langhans)

Ab Ende September 1969, nachdem die Kommune I auseinandergegangen war, ging er für einige Wochen nach Jordanien. Wo er sich von der Fatah an Schusswaffen und Brandbomben ausbilden ließ. Die Fatah war quasi der militärische Arm der PLO, der palästinensischen Befreiungsorganisation. Diese war nach dem Sechstagekrieg 1967 nach Jordanien ausgewichen.

Bild
Dieter Kunzelmann, Ina Siepmann (1969); Stiftung Haus der Geschichte | CC BY-SA 2.0

Nach seiner Rückkehr gründete er die Tupamaros West-Berlin. Tupamaros war eine kommunistische Untergrundorganisation in Uruguay. Und ihr Berliner Ableger legte am 9. November 1969 eine Brandbombe im Jüdische Gemeindehaus Berlin. Mit Grüßen aus Palästina, so zu sagen.
Die Bombe ging aufgrund einer veralteten Zündkapsel nicht hoch. Sie hätte leicht die 500 Teilnehmer der Gedenkveranstaltung töten können. Denn der Anschlag war bewusst auf den Jahrestag der Novemberpogrome gelegt.
Im darauffolgenden Jahr wurde Kunzelmann verhaftet, weil er mit einem Molotow-Cocktail einen Anschlag auf die Villa des B.Z.-Chefredakteurs Malte-Till Kogge durchgeführt hatte.

Doch das ist nur ein Bildausschnitt der Verbindung zwischen Antisemitismus, Palästinensern und deutschen Linksradikalen.
Die kurzlebigen Tupamaros aus Berlin waren mit dem eigentlich aus Mittelamerika stammenden Konzept Stadtguerilla das Rollenmodell für die Terrororganisationen Bewegung 2. Juni und RAF.

Die Bewegung 2. Juni benannte sich nach der erwähnten Demonstration mit den Jubelpersern.
Nach dieser Demonstration war der Student Benno Ohnesorg von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen worden, aus kurzer Distanz in den Hinterkopf. Er wurde freigesprochen.
Erst im Mai 2009 kam heraus, dass Kurras nicht nur Mitglied der SPD, sondern auch der Sozialistischen Einheitspartei der DDR war. Und Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi.

Gerade erst war Georg von Rauch, ein Mitbegründer der Tupamaros, nach langer Flucht von der Polizei erschossen worden. Und so trafen sich im Januar 1972 verschiedene gewaltbereite Linksextremisten in Berlin.
Die Gruppe verübte mehrere Anschläge und ermordete sogar ein eigenes Mitglied.

Mit dieser Gruppe und ehemaligen der Kommune I verbunden waren auch die Gründungsmitglieder der RAF, der Roten Armee Fraktion. Sie ließen sich ebenfalls von Palästinensern in Jordanien ausbilden. Jedoch von der PFLP, der Volksfront zur Befreiung Palästinas. Diese ist, wie auch die Fatah, sozialistisch orientiert, zum Teil leninistisch-marxistisch.

Bild
Das erste Fahndungsplakat der RAF.

Einige Attentate einer langen Liste

Eine kleine Erweiterung darf hier zum Abschluss nicht fehlen.

Nach dem Sechstagekrieg akzeptierten Jordanien und Ägypten, dass Israel das von ihnen besetzte Territorium Gazastreifen und Westjordanland abgenommen hatte.
Das führte zum Jordanischen Bürgerkrieg, bei dem die Palästinenser nun gegen die jordanischen Sicherheitskräfte vorgingen. Er wird auch „Schwarzer September“ genannt.
Viele kampfbereite Palästinenser wichen daraufhin in den Libanon aus. Vom Staat allerdings auch dort nicht gerne gesehen, sie erhalten dort keine Bürgerrechte. Spätestens ab da wurde der palästinensische Terror international.

1972 verübte eine Gruppe Palästinenser während der Olympia in München ein Attentat, die sich Schwarzer September nannte. Sie gehörte eigentlich zur Fatah.
Sie nahmen Teile der israelischen Mannschaft als Geiseln. Es war nicht ihr erster Anschlag. Beispielsweise ermordeten sie im gleichen Jahr zuvor fünf in Deutschland lebende Jordanier.

Bei dem Olympia-Attentat wurde ein deutscher Polizist getötet… und elf Mitglieder der israelischen Mannschaft. Man kann nur schwer wiedergeben, welchen Eindruck dies in Israel hinterlassen haben muss. An dem Abend des gescheiterten Befreiungsversuchs stand Israel still, jeder saß vorm Radio.
Der jüdische Zwergstaat schickt erstmals nach dem Holocaust seine Sportler nach Deutschland. Als Gesandte des Friedens. Und elf von ihnen kehren in Säcken zurück. Ein Trauma.

1976 entführten deutsche Terroristen der „Revolutionäre Zellen“ gemeinsam mit Angehörigen der PFLP ein Flugzeug nach Entebbe in Uganda. Die israelische Spezialeinheit Sajeret Matkal befreite die über 100 Geiseln.
Der Einzige, der bei den heftigen Gefechten getötet wurde, war der Kommandeur: Jonathan „Joni“ Netanjahu. Der Bruder des heutigen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.
Auch das kann man sich nur schwer vorstellen: 30 Jahre nach dem Holocaust laufen Deutsche durch eine Passagiermaschine und trennen Juden von Nicht-Juden.

1977 wurde die Passagiermaschine Landshut entführt. Dieses Mal nur durch Terroristen der PFLP.
Die RAF hatte zeitgleich den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer entführt. Ziel für beide war es, die festgenommenen RAF-Terroristen der so genannten ersten Generation freizupressen.
Die Maschine wurde durch die GSG9, die nach dem Olympia-Debakel gegründet worden war, in Mogadischu erfolgreich gestürmt. Hanns Martin Schleyer würde später mit drei Kopfschüssen hingerichtet in einem Kofferraum im französischen Elsass gefunden.
Der Bundeskanzler der SPD Helmut Schmidt hatte abgelehnt, mit Terroristen zu verhandeln.

Der Deutsche Herbst.

Bild
Übergabe der Leichen der entführten Bibas Familie am 20.02.2025. Die Farbcodes der Stirnbänder: Grün: Hamas, islamistisch; Schwarz: dschihadistisch, vmtl. Palästinensischer Dschihad, Verbindungen zum IS; Rot: PFLP, marxistisch-leninistisch; Gelb: Fatah, heute gemäßigt sozialistisch

Es wird Herbst

Der rechtsradikale und nazistische Judenhass ist ein ethnischer. Er hasst Juden, weil es Juden sind.
Der aus den Linksradikalen, den Alt-68ern geborene Judenhass ist ein antizionistischer, ein anti-israelischer. Für sie sind Juden die Verkörperung des kapitalistischen Imperialismus.

Dieser Antisemitismus versteckt sich, verkleidet sich. Er findet harmlos klingende Worte in politischen Reden. Man fordert nicht die Vertreibung von Juden, sondern Freiheit für Palästina. Nicht die Vernichtung Israels, sondern das Recht auf Selbstbestimmung der Palästinenser. Juden sollen nicht aus deutschen Universitäten gejagt werden, weil sie Juden sind, sondern weil sie einen angeblichen Völkermord begehen.
Weshalb dieser Antisemitismus von vielen Juden und Israelis als der weit gefährlichere empfunden wird. Was dann wiederum viele Deutsche nicht verstehen können, da sie die Gefahr eher von rechts sehen. Doch vermutlich ist es für einen Juden gleich, von welcher Seite der Hass kommt. Er schlägt einem eh von vorn ins Gesicht.

Ob man Juden hasst oder nicht, hat wenig mit der Verortung in einem demokratischen Spektrum zu tun. Nur die Gründe unterscheiden sich.
Die Vorstellung, dass nur Rechte etwas gegen Juden hätten, ist naiv. Sie wurde uns anerzogen. Wer lange genug nachts Dokus guckt, weiß alles über Nazis und Haie, aber wenig über den tief verwurzelten Antisemitismus im Linksaußen. Und diejenigen, die damals Kommunen gründeten, an Studentenprotesten teilnahmen und sich politisch links engagierten, haben Geisteswissenschaften studiert und wurden für Jahrzehnte die Lehrer und Journalisten dieser Republik.
Und viele derer, die 1990 angeschlossen wurden, fehlen eh viele Hintergründe. Und zumeist der im Westen tradierte Kompass.

Immer wieder liest man das Argument, Rechts und Links spiele keine Rolle mehr. Das ist falsch. Denn es sind Ankerpunkte auf einer Skala in einer Demokratie. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Sie haben in jeder Demokratie Bestand, sie werden höchstens vom Zeitgeist anders erzählt.
Viele Dinge wurden diesen Verortungen von Links erst später aufgesetzt. Wie beispielsweise Anti-Atom oder Pazifismus. Die linken Straßenkämpfer der Weimarer Republik waren sicher vieles, von Demokraten bis Kommunisten. Aber nicht pazifistisch. Oder vegan.

Nicht das Spektrum hat sich verschoben. Sondern das, was in unserer öffentlichen Lesart hineininterpretiert wird.
Den linksradikalen Antisemitismus gibt es, ebenso wie die Verknüpfung zu den Palästinensern, seit fast sechs Jahrzehnten. Wir sollten langsam anerkennen, dass es ihn gibt. Uns trauen. Es wieder merken. Das er im Linksradikalen so fundamental ist, wie der Nationalismus im Rechtsradikalen.

Wer sich etwas damit beschäftigt, kann nicht anders, als heute viele Parallelen zu sehen.
Man könnte meinen, dass es wieder Herbst wird in Deutschland.


Erschienen auf steady.page