Mittwoch, 28. Januar 2026

Holocaustgedenktag: Die größte Grabpflege der Welt

von Julian Marius Plutz

Holocaust-Gedenken – mit der klaren Handlungsempfehlung, der staubigen Erinnerungskultur endlich Konsequenzen für die bedrohliche Gegenwart folgen zu lassen



Gestern war es wieder soweit: Jedes Jahr am 27. Januar gedenken sich deutsche Politiker zu Tode. Kränze werden mit der KZ-Gedächtnis-Miene, die letzten Holocaustüberlebenden – inzwischen teilweise im Supercentenarian-Alter – vor die Kameras gezerrt und Stolpersteine werden auf Hochglanz poliert, damit auch jeder sieht, über welchen toten Juden man grade drüberlatscht. In diesem ritualisierten, durch inflationäre jahrelange Nazi-Vergleiche und damit einhergehende Verharmlosung des Dritten Reichs längst zur hohlen Farce verkommenen buchstäblichen Schaulaufen der Selbstgerechten darf natürlich auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht fehlen. Zwar war diesmal Auschwitz der “Tagesschau” nicht die Eingansmeldung wert, dafür aber Meldung zwei und drei. Gezeigt wurden Jugendliche nach dem Besuch des Lagers, die berichteten, wie beeindruckt sie vom Konzentrationslager vor Ort waren. Anschließend zeigte die ARD dann eine – zumindest dem Titel nach – in die Gegenwart gewandte Extrasendung namens „Antisemitismus in Deutschland“. Zutreffend und auf bedrückende Weise beschreiben darin Juden, wie jüdisches Leben in Deutschland den letzten Jahrzehnten Schritt für Schritt zunehmend verunmöglicht wurde.

Ob in München, Frankfurt oder in Chemnitz: Überall werden Juden bedroht, und das Erste Deutsche Fernsehen zeigt das auch. Was hingegen ein aufgezeichnetes Interview mit Frank-Walter Steinmeier in einer Livesendung zu tun hat, der seine seelenlosen Allgemeinplätze verteilt, bleibt ein Rätsel. Weniger rätselhaft hingegen – weil es nunmal nicht in die Agenda passt – ist die Tatsache, dass innerhalb dieser 15-Minuten-Sondersendung mit keiner Silbe über die Tätergruppen gesprochen wird. Und dafür gibt es einen Grund – auch wenn ihn das linke Staatsfernsehen nicht wahrhaben will: Denn neben rechtem Judenhass, den es vereinzelt auch noch gibt, ist es vor allem linker und muslimischer Antisemitismus, der jüdisches Leben in Deutschland immer weiter gefährdet und erschwert. Geistig nachzuvollziehen, dass in Deutschland die größte Bedrohung von Menschen aus islamischen Ländern herrührt, muss wohl für das Juste Milieu und damit auch linke Medienschaffende der ARD eine schier unüberwindliche Hürde sein. Und auch für Steinmeier; der müsste dann nämlich seine Allgemeinplätze ablegen und sich endlich darüber “ehrlich machen”, dass die Politik, die er selbst spätestens ab 2015 mitgetragen hat, maßgeblich für die aktuelle Gefahrenlage für Juden in unserem Land verantwortlich ist.

Lerneffekt gleich Null

Doch ein Umdenken ist hier nicht zu erwarten. Juden kann und darf in diesem Land nur Ungemach von völkischen Nazis drohen (und allem, was man zu deren Wiedergängern erklärt); nur dann, wenn die Täter passen, sind sie “opferfähig”. Rührt der Judenhass indes von Muslimen her, dann sinkt der Nachrichtenwert gegen Null. Das ist kein Wunder in einem Land, wo man “Islamophobie” und “antimuslimischen Rassismus” permanent beschwört und viele Journalisten den Mythos verinnerlicht haben, Muslime seien heute in Deutschland quasi das, was damals die Juden waren. In diesem kaputten Mindset hat muslimischer Antisemitismus natürlich kein Platz, ebenso wenig wie im Denken israelfeindlicher Linken. Also verlagert man den Blickwinkel – von der Bedrohung der heute lebenden Juden hin zu den Toten der Vergangenheit, wo die Täter feststehen und deren Benennung niemanden in Verlegenheit bringt (mustergültig zu sehen in der Berichterstattung über die gestrige Synagogenschändung von Kiel). Der Herausgeber der “Jüdischen Rundschau”, Rafael Korenzecher, hat völlig recht, wenn er mit dem Satz „Nur tote Juden sind gute Juden“ die geistig entkernte Erinnerungskultur in Deutschland beschreibt.

Wie unangenehm muss es den Berufsbedächtigen und professionellen Stolperstein-Reinigungskräften aufstoßen, wann immer sie merken, dass sich die Juden von heute auch noch wehren, widersprechen und einen eigenen Willen jenseits der postnationalsozialistischen Moralkeule aufweisen können! Auch das ist ein Grund, warum sie tote Juden den lebenden vorziehen: Die wehren sich nicht und wirken wie ein Katalysator für die hauseigene Larmoyanz. „Es ist schon Wahnsinn, was damals passiert ist“, hört man in diesen Tagen öfter. Ja, ist es. Aber es ist nun mal geschehen und nicht mehr rückgängig zu machen. Was man hingegen sehr wohl ändern und beeinflussen kann, sind die heutigen Verhältnisse, die Juden abermals existenziellen Bedrohungen Gefahren aussetzen und die Zukunft jüdischen Lebens in Europa in Frage stellen. Dies würde allerdings bedeuten, die Floskel “nie wieder” endlich ernst zu nehmen – und daran scheint die Mehrheit kein Interesse zu haben. Dem deutschen Betroffenheitsmilieu ist die größte Grabpflege der Welt wichtiger, als zukünftige Gräber zu verhindern. So verkommt die Erinnerungskultur zunehmend zum Kult und zu einem musealen Akt, der an die „Körperwelten“ erinnert: Das Gedenken an den Horror wird gewissermaßen hinter Sichtglas in Auschwitz und anderswo plastiniert. Doch während man bei Gunther von Hagens makabren Wanderausstellungen noch etwas mitnehmen konnte, hält sich der Lerneffekt rund um den 27. Januar anscheinend arg in Grenzen.


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