von Thomas Hartung

Noch ’n Haltungspreis des inzestuösen Staatsmedienkartells für tendenziöses Israel-Bashing: Grimme-Nominierte Sophie von der Tann
Das Grimme-Institut hat jetzt die Nominierungen für den Jahrgang 2026 vorgestellt – und nutzt die Gelegenheit, um das Fernsehen öffentlich zu rügen. Es fehle an „hochkarätigen Auseinandersetzungen mit dem Thema Krieg“, heißt es, und überhaupt sei die Beschäftigung mit der „Klimakrise“ und der politischen Lage in den USA unter Donald Trump unzureichend. Allein diese Setzung verrät eine Verschiebung: Der wichtigste deutsche Fernsehpreis definiert nicht mehr ex post, was gelungenes Fernsehen ist, sondern ex ante, womit sich Fernsehen bitteschön zu beschäftigen haben soll. Krieg, Klima, Trump – das sind keine zufällig genannten Felder, sondern der Dreiklang des gegenwärtigen moralischen Kanons. Es geht nicht um die Frage, wie man über diese Themen spricht, mit welcher Distanz, welcher Ambivalenz, welcher Form – sondern darum, dass man sie prominent bespielt.
Was aus konservativer Perspektive auffällt: Das reale Problem des deutschen Fernsehens besteht kaum darin, zu wenig über Klima und Trump zu reden, sondern darin, beide Gegenstände fast ausschließlich aus einem engen, moralisierenden Blickwinkel zu behandeln. „Klimakrise“ ist dabei bereits ein normativer Schlüsselbegriff. Wer ihn benutzt, hat die Deutung – irreversibles Notstandsregime, alternativlose Transformation – vorab gesetzt. Ähnliches gilt für “Trump” als Dauerprojektionsfläche, an der sich das deutsche Fernsehen seit 2016 abarbeitet. Eine Preisjury, die beklagt, es fehle an Auseinandersetzung mit diesem Stoff, stört sich in Wahrheit an etwas anderen: Es fehlt an Produktionen, die diese Themen in ihrer gewünschten Tonlage und Dramaturgie liefern. Die Forderung nach „mehr Klima, mehr Trump“ ist weniger ein Befund als eine Programmempfehlung.
“Diversität” als Voraussetzung für Nominierungsfähigkeit
Besonders aufschlussreich ist die Begründung der Unterhaltungskommission: Man habe nur zehn von 18 möglichen Nominierungen vergeben, weil es an „Mut zu innovativen Formaten und an Diversität“ fehle. Diversität erscheint hier nicht als wünschenswerter Nebeneffekt von Freiheit und Pluralität, sondern als harte Bewertungsgröße: Wer die richtigen Quoten, Identitäten und Repräsentationsmuster nicht vorweisen kann, scheitert – unabhängig davon, ob Format, Buch, Regie oder Spiel funktionieren. Damit kippt ein ästhetischer Preis ins identitätspolitische Regime ab. „Diversität“ meint im Grimme-Kontext nicht bloß Vielfalt der Formen, sondern “sichtbar” codierte Vielfalt von Hautfarben, Geschlechtern, Lebensstilen und Milieus – im besten Fall entlang der bekannten Raster: migrantisch, queer, weiblich, subkulturell. Die Frage, ob eine Sendung komisch, klug, formal riskant oder handwerklich bestechend ist, tritt hinter der Frage zurück, wer auf dem Bildschirm zu sehen ist und welche Geschichte über Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten erzählt wird.
Für eine Kunst, die ihrem Wesen nach auf Individualität und Form zielt, ist das ein Rückschritt. Wo Diversität zur nominierungsrelevanten Kennziffer wird, entsteht ein indirekter Konformitätsdruck: Produktionen richten sich nicht mehr nach innerer Notwendigkeit, sondern nach der Erwartung, bestimmte Gruppen sichtbar zu bedienen. Statt echter Vielfalt entsteht eine standardisierte „Vielfaltsdramaturgie“ – erkennbar, vorhersagbar, politisch saturiert.
Die umstrittene Preisfigur: Sophie von der Tann
In dieses Raster passt die Nominierung der ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann, die Grimme für ihre „hochpräzise und menschennahe Berichterstattung über Israel und die palästinensischen Gebiete“ auszeichnet. Dass von der Tann spätestens seit 2025 zu den fragwürdigsten Figuren des deutschen Auslandsjournalismus gehört und mit nicht von der Hand zu weisenden Antisemitismusvorwürfen konfrontiert ist, wird in der juryeigenen Kurzformel elegant weggeblendet; dabei ist die Liste der Kritiker ist lang und keineswegs auf „rechte“ Echokammern beschränkt. Der israelische Botschafter Ron Prosor warf von der Tann auf X öffentlich vor, eher als Aktivistin denn Journalistin aufzutreten. Der Verband Jüdischer Journalisten beklagte, ihre Nahostberichterstattung lasse jene Unparteilichkeit vermissen, die Hanns-Joachim Friedrichs einst definierte, und reproduziere Narrative, die Israel überwiegend als Aggressor darstellen. Mehrere jüdische und israelsolidarische Verbände kritisierten die Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises an sie als fatalen Fehlgriff. Prompt setzt nun Grimme noch eins drauf.
Hinzu kommen Fragen der journalistischen Praxis: Vorwürfe der „Zweckentfremdung von Gebührengeldern“ bei der Produktion ihres persönlichen Instagram-Auftritts durch BR-Ressourcen, die Debatte um die Nähe zwischen persönlicher Inszenierung und Senderrolle, Kritik an historischen Relativierungen im Zusammenhang mit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023. Trotzdem – oder gerade deswegen – erscheint von der Tann idealtypisch für das, was Grimme heute unter „Haltung“ versteht: als emotional zugewandte Kriegsreporterin, social-media-affine Figur, politisch klar im progressiven Spektrum verortet, angegriffen von Teilen der jüdischen Community und konservativen Medien. Kontrovers ist sie – aber in der erwünschten Richtung. Dass ausgerechnet eine derart einseitige und diskutable Nahost-Berichterstattung als „besondere journalistische Leistung“ geadelt wird, sagt weniger über handwerkliche Präzision als über die gewünschte Außenmarkierung des Preises: Wir stehen auf der „richtigen“ Seite der Debatte.
Der Kanon der “wahren” Probleme
Rechtsextremismus, Rassismus, Polizeigewalt, Antisemitismus, Faschismus – so resümiert das Grimme-Institut die „herausragenden“ Produktionen des Jahrgangs, die die Kommission besonders beeindruckt haben. Auch das ist für sich genommen nicht illegitim; selbstverständlich darf und soll Fernsehen diese Themen bearbeiten. Auffällig ist jedoch die Vollständigkeit des Kanons – und die Abwesenheit anderer Realitäten. Wo ist die künstlerisch anspruchsvolle Auseinandersetzung mit islamistischem Antisemitismus? Mit linksextremer Gewalt, die in deutschen Großstädten längst Berufsgruppen, Infrastruktur und politisch Andersdenkende trifft? Mit der Deindustrialisierung und dem wirtschaftlichen Absturz breiter Mittelschichten? Mit staatlichen Übergriffen im Namen der Rechtspolitik? Viele dieser Themen kommen durchaus im deutschen Fernsehen vor – aber sie erscheinen selten im Grimme-Pantheon der Preiswürdigkeit.
So entsteht ein thematischer Tunnelblick. Der Preis verstärkt jene programmatische Schieflage, die er gleichzeitig beklagt: Während man von „mangelnder Auseinandersetzung“ mit Krieg und Krise spricht, prämiert man vor allem Produktionen, die die bekannten Schlagworte der innenpolitischen Symbolpolitik bedienen. „Rechtsextremismus“ und „Rassismus“ werden zur ideologischen Doppelhelix, entlang derer sich fast jede Geschichte erzählen lässt – und an deren Rhetorik sich das Fernsehen moralisch rückversichern kann.
Haltung statt Form: Die Ästhetik gerät unter die Räder
Signifikant ist die Begründung der Grimme-Spitze: Nominiert worden seien Produktionen, „die Haltung zeigen und neue Perspektiven eröffnen“. Haltung – nicht Form, nicht Sprache, nicht Rhythmus, nicht Bildfindung. Der normative Kern des Preises wird offen ausgesprochen: Nicht primär die ästhetische Eigenart wird geehrt, sondern das sichtbare Bekenntnis. In der klassischen Moderne war der Anspruch umgekehrt: Große Kunst zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie sich politischen Eindeutigkeiten entzieht, Ambivalenzen aushält, Wirklichkeit nicht in pädagogische Botschaften auflöst. Der frühe Grimme-Preis stand in dieser Tradition, als er etwa formale Experimente, stille Sozialstudien oder mehrdeutige Fernsehspiele prämierte. Heute droht die Kategorie „Haltung“ zum ästhetischen Brecheisen zu werden: Was formal mittelmäßig ist, kann durch die richtige Gesinnung geadelt werden; was formal kühn, aber politisch quer liegt, bleibt unsichtbar.
Hinzu kommt: In einem öffentlich-rechtlich dominierten Mediensystem, dessen Akteure sich seit Jahren in einer Vertrauenskrise befinden, wirkt die Selbstverleihung von „Haltungs“-Orden eigentümlich selbstreferentiell. Das Grimme-Institut wird zu 80 Prozent durch Mittel des Landes Nordrhein-Westfalen finanziert, das seinerseits mit dem WDR und damit dem System der beitragsfinanzierten Rundfunkanstalten verflochten ist. Wenn diese Akteursgruppe sich gegenseitig Preise für politisch korrekte Problemadressierung verleiht, hat das weniger von unabhängigem Urteil als von einem brancheninternen Ehrenzeichen.
Ein Preis als pädagogische Insignie
So kommt der Grimme-Preis 2026 tatsächlich daher „wie ein Verdienstkreuz der Bundeszentrale für politische Bildung“, wie Dennis Klecker, der medienpolitische AfD-Fraktionssprecher im Landtag Baden-Württembergs, treffend anmerkt: Die richtige Themenwahl, die richtige Diversitätssemantik, die richtige Haltung im Krieg, die richtige Emotionalität im Nahostkonflikt, die richtige Schlagwortbatterie gegen rechts. Formale Kraft, ästhetische Innovation, auch die mutige Infragestellung des dominanten Narrativs treten in den Hintergrund. Ein konservativer Blick muss das nicht mit kulturpessimistischer Geste verdammen; aber er darf nüchtern benennen, was hier geschieht: Ein Preis, der einst den Anspruch hatte, Fernsehen in seiner ganzen Breite zu würdigen, verengt sich zunehmend zu einem Instrument von gesinnungsethischer Symbolpolitik. Nicht länger steht im Vordergrund, wie erzählt wird, sondern wofür. Damit aber verliert der Preis jene Distanz, die ihn glaubwürdig machte.
Wer Medienqualität wirklich stärken will, sollte weniger nach Klima- und Trump-Quote, nach Diversitätsscore und Haltungsgrad fragen – und wieder beginnen, über Form, Sprache, Figuren, Komplexität und Überraschung zu sprechen. Solange der wichtigste deutsche Medienpreis stattdessen als politisches Ehrenabzeichen fungiert, ist er vor allem eines: ein weiterer Baustein in der Selbstbestätigung eines Milieus, das seine eigene kulturelle Hegemonie als „unsere Demokratie“ ausgibt.
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