Der Mann, der nicht verschwinden will
Das “Zeit-Magazin” jedoch wählt den intellektualistisch-laienjuristischen – und problematischeren – Weg: Wenn Heino politisch nicht zuverlässig rechts einzuordnen ist, werden eben seine hinterlassenen Zeichen untersucht. Das beginnt durchaus brillant. Heino erscheint als „Zeitmaschine“. 1969, 1989, 2026: Die Welt dreht sich weiter, politische Systeme verschwinden, Moden kommen und gehen – aber einer steht immer noch da und singt. Die Sonnenbrille bleibt, die blonden Haare ebenso, erst recht das rollende R, und selbst die Beatles, erzählt Heino seinem Publikum, seien inzwischen Geschichte, während er immer noch da sei. Darin liegt tatsächlich etwas kulturgeschichtlich Faszinierendes. Heino ist nicht bloß ein Sänger aus der alten Bundesrepublik. Er ist ein Stück alter Bundesrepublik, das die Bundesrepublik überlebt hat, aus der es stammt. Und vielleicht beginnt genau hier das Unbehagen. Denn die bundesdeutsche Kulturgeschichte der vergangenen Jahrzehnte versteht sich gern als Geschichte erfolgreicher Überwindungen. Überwunden wurden Provinzialität und Muff, autoritäre Familienstrukturen und sexuelle Prüderie, Nationalpathos und unreflektierte Heimatgefühle. Was früher selbstverständlich war, wurde historisiert, problematisiert, dekonstruiert oder wenigstens ironisiert.
Nur hat Heino offenbar die kulturwissenschaftliche Fortbildung versäumt. Er singt weiter. Das Magazin erinnert genüsslich daran, wie lange er schon als Inbegriff des Gestrigen verspottet wird. Rainer Moritz nannte ihn einmal das „Brechmittel mehrerer Generationen“, Punkmusiker machten sich über ihn her, Otto ließ bereits 1985 einen Heino-Zombie aus dem Grab steigen. Sein Aussehen, heißt es, sei oft als „provozierend spießig“ empfunden worden: der „Look eines Ewiggestrigen“. Bemerkenswert ist daran das Wort provozierend. Früher provozierte, wer Konventionen brach. Inzwischen kann offenbar auch provozieren, wer sie nicht bricht. Heino ist kulturgeschichtlich zum Ärgernis geworden, weil er eine Entwicklung verweigert, ohne sie argumentativ zu bekämpfen. Er hält keine Vorträge gegen die Moderne. Er steht einfach noch herum.
Die Deutschlandfahne unter Beobachtung
Am deutlichsten zeigt sich die Methode des Porträts beim Konzert in Cottbus. Auf der Bühne hängt eine riesige Deutschlandfahne. Heinos Manager versichert, sie habe „nichts mit einer politischen Gesinnung oder Ausrichtung zu tun“. Am Ende bittet eine Lautsprecherdurchsage das Publikum, sich zur Nationalhymne zu erheben. Gespielt wird – wohlgemerkt – ausschließlich die dritte Strophe. Und dann beobachtet der “Zeit“-Reporter das Publikum. Viele junge Leute, viele alte, Paare, Familien, „unauffällige Menschen“. Es gebe „keine Glatzen“, niemand habe AfD-Parolen gebrüllt. Man muss diesen Absatz zweimal lesen, um seine ganze unfreiwillige Komik zu erfassen. Bei einem deutschen Konzert hängt eine deutsche Fahne, anschließend erklingt die gültige Nationalhymne – und der journalistische Kontrollblick wandert durch die Reihen, um festzustellen, ob irgendwo Rechtsextremisten oder Jünger der Pech-und-Schwefel-Partei zu entdecken sind.
Natürlich findet Willekes keine. Doch weshalb musste er überhaupt nach ihnen suchen? Genau hier offenbart sich jene kulturelle Semiotik, die das gesamte Porträt strukturiert. Die Deutschlandfahne ist nicht zuerst Deutschlandfahne; sie ist ein “Zeichen”, eine “Chiffre”, deren mögliche Kontamination geprüft werden muss. Heimat ist nicht zunächst Heimat. Volkslied nicht zunächst Volkslied. Osten nicht einfach eine Himmelsrichtung oder ein historischer Erfahrungsraum. All diese Dinge tragen einen politischen Schatten. Der Reporter schreibt diesen Schatten nicht frei erfunden in die Gegenstände hinein; es gibt durchaus politische Milieus, die nationale Symbole vereinnahmen. Gerade deshalb aber stellt sich die entscheidende Frage: Wer besitzt die Deutungshoheit über ein kulturelles Zeichen – diejenigen, die es gebrauchen, oder diejenigen, die es am radikalsten verwenden? Wenn die Anwesenheit rechter Männer mit Glatzen die politische Bedeutung einer Deutschlandfahne verändern kann, müsste ihre Abwesenheit sie eigentlich wieder normalisieren. Doch so funktioniert die Semiotik des Verdachts nicht.