von Lukas Mihr
Politmediale Hohlraumbefüllung durch “unabhängige“ und “vielfältige“ MedienDass die deutsche Medienlandschaft sehr einseitig ist, kann niemanden überraschen, der entweder am Kiosk zur Zeitung oder auf der Couch zur Fernbedienung greift. Journalismus ist linkslastig – und das merkt man der Berichterstattung auch schnell an.
Diese offensichtliche Wahrheit auszusprechen, ist allerdings verpönt, wie so manch andere Wahrheit auch. Wer es dennoch tut, gilt schnell als Feind „unserer Demokratie™”. Um sich vor Kritik zu schützen, hat der “Bayerische Rundfunk” (BR) nun ein Gutachten in Auftrag gegeben, das die These einer einseitigen Medienlandschaft widerlegen soll. Das Ergebnis liegt vor – und es soll uns, natürlich im Auftrag der „unabhängigen“ Medie, versichern, dass es selbstverständlich in Deutschland eine entsprechende Vielfalt in der Berichterstattung gäbe. Nach dem Motto “Rauchen ist ungefährlich – gezeichnet: Dr. Marlboro.”
Auf der Website des BR kommen die Studienautoren selbst zu Wort: „Die Debatte über Vielfalt und Ausgewogenheit wird oft pauschal und interessengeleitet geführt. Mit unserem Gutachten geben wir einen konstruktiven Impuls aus der Wissenschaft für die Medienpraxis: Denn darin zeigen wir auf, wie sich die Anforderungen an die Medien wissenschaftlich fundiert beschreiben, überprüfen und praktisch umsetzen lassen – ohne journalistische Realität und unterschiedliche Formate aus dem Blick zu verlieren.“ Katja Wildermuth, die Intendantin des BR, zeigte sich hocherfreut: „Sachliche Analysen statt subjektiver Behauptungen – gerade in Zeiten, in denen jeder auf seine eigenen Wahrheiten pocht, brauchen wir differenzierte und unvoreingenommene Diskussionsgrundlagen. Das Gutachten bietet dafür das Handwerkszeug, transparent und nachvollziehbar, zur Überprüfung öffentlicher Debatten ebenso wie im redaktionellen Alltag.“
Rauchen ist ungefährlich, gez. Dr. Marlboro
Im Artikel heißt es weiter: „Der systematische Literaturüberblick kommt zu einem klaren Ergebnis: Insgesamt weisen deutsche Nachrichtenmedien und insbesondere öffentlich-rechtliche Angebote ein hohes Maß an Themen- und Akteursvielfalt auf. Pauschale Vorwürfe einer grundsätzlich einseitigen Berichterstattung seien auf Basis der aktuellen Forschung nicht haltbar.” Nun ist es so, dass man die beteiligten Medienwissenschaftler der Universitäten Mainz und München schwerlich als „unabhängig“ einstufen kann – und das gleich im doppelten Sinne. Professoren werden eben primär vom Staat bezahlt, und in diesem Fall erhielten sie einen Auftrag durch eine externe Partei, die eben nicht einfach ein Ergebnis, sondern ein bestimmtes Ergebnis haben wollte. Ein solcher Wunsch muss übrigens gar nicht erst offen kommuniziert werden. Denn allein durch die Auswahl der jeweiligen Experten kann man steuern, wohin die Reise geht. Und der BR wird natürlich gewusst haben, dass er von den Universitäten Mainz und München nichts zu „befürchten“ hatte – denn ähnliche Erhebungen wurden dort bereits in der Vergangenheit verfasst.
Welche Erkenntnisse kann man vor diesem Hintergrund denn nun von der vorliegenden Studie erwarten? Schon der erste Blick ist ernüchternd. Dort liest man beispielsweise: „Da es sich sowohl bei Vielfalt als auch Ausgewogenheit um implizit normative Konzepte handelt, hängt ihre Auslegung auch stark davon ab, mit welchem Rahmenkonzept und mit welchen Benchmarks gearbeitet wird. Die theoretische Konzeptualisierung beeinflusst somit auch die Operationalisierung der Konzepte und die Interpretation der Ergebnisse. Im Forschungsprozess spielen Datensammlung, Messung und Analyse eine entscheidende Rolle. Zunächst muss entschieden werden, welche Medien oder Formate über welchen Zeitraum analysiert, welche Systematischer Literaturüberblick 39 Dimensionen von Vielfalt/Ausgewogenheit mit welchen Methoden gemessen und wie die Ergebnisse – auch vor dem Hintergrund normativer Benchmarks – interpretiert werden. Da Demokratietheorien normative Anforderungen an Medien festlegen, können sie als Bewertungsmaßstab für die Vermittlungsleistung herangezogen werden.“ Aha… Klartext geht definitiv anders!
Wer Fakten hat, braucht nicht zu schwafeln
Und so geht setzt sich das weiter fort; das Studien-PDF kommt am Ene auf stolze 97 Seiten. Aber das kann kaum verwundern, denn es gilt auch hier: Wer harte Fakten hat, der muss nicht schwafeln – und umgekehrt. Wenn die deutsche Medienlandschaft tatsächlich nicht einseitig wäre, dann könnte man das mit zahlreichen Fakten mühelos aufzeigen. Andererseits gäbe es dann, wenn dies wirklich der Fall wäre, die entsprechenden Vorwürfe ja nicht, und die Studie an sich wäre damit überflüssig. Es gibt ja auch keine Studien, die beweisen, dass der Himmel blau ist; nur wer beweisen will, dass der Himmel grün ist, muss sich in ein Geschwulst aus Fachbegriffen flüchten, das der Normalbürger nicht mehr versteht.
Macht man sich als kritischer Rezipient dennoch die Mühe, sich durch die diese unleserlichen Ausführungen zu kämpfen, wird rasch klar, wie genau die Studienautoren hier vorgingen: Den Vorwurf einer „Einseitigkeit“ bügeln sie damit ab, dass sie erklären, es gäbe doch eine große “Themenvielfalt”! Das aber war nie der Vorwurf: Natürlich berichtet man bei ARD und ZDF nicht nur über das Wetter, Sport und die Eskapaden der Königshäuser, sondern auch über Politik, und auch auf diesem Gebiet nicht nur über die Rentenreform oder Einschnitte im Gesundheitswesen, sondern auch über all die anderen Themen, über die sich im Bundestag gestritten wird. Entscheidend ist dabei jedoch, dass bei aller Themenvielfalt trotzdem bei jedem einzelnen Thema eine politische Schlagseite vorherrscht.
Windelweiche Formulierungen
Vorwürfe entkräften, die nie jemand hervorgebracht hat? Das ist schonmal kein gutes Zeichen. Und es wird im weiteren Verlauf nicht besser. Denn das, was hier jetzt als “neue Studie” präsentiert wird, ist eigentlich keine. Die Autoren haben im Wesentlichen eine Vielzahl älterer Studien zusammengefasst; im Fachjargon spricht man von einer Meta-Studie. Und in den Naturwissenschaften hat dieses Konzept, trotz mancher Nachteile, seine Berechtigung; doch in den Geisteswissenschaften wird eine Meta-Studie nur sehr selten echten Erkenntnisgewinn bringen. Dies umso weniger, als viele der ausgewerteten Studien selbst wiederum von NGOs und Stiftungen verfasst wurden, die eine klare Schlagseite aufweisen. Die Autoren stützen sich beispielsweise auf Erhebungen der parteinahen und gewerkschaftsnahen Stiftungen oder wirtschaftsnahen Stiftungen, die allesamt eng mit Parteien und damit der Politik verbandelt sind.
Ganz festlegen will die Studie sich nicht. So heißt es beispielsweise: „Inhaltliche und personelle Vielfalt werden in der öffentlichen Diskussion über den ÖRR dagegen häufig miteinander vermischt. Dabei wird insbesondere aus der Tatsache, dass einige Befragungen zeigen, dass politische Journalistinnen und Journalisten überwiegend Parteien links der Mitte nahestehen, auch eine inhaltliche Unausgewogenheit des Programms konstruiert. Dieser Schluss ist in dieser pauschalen Form aber unzulässig, da man davon ausgehen sollte, dass es Journalistinnen und Journalisten im Idealfall gelingen kann, ihre eigenen politischen Sichtweisen nicht in die Berichterstattung einfließen zu lassen. Andererseits tendieren Menschen aber grundsätzlich dennoch dazu, die Welt aus ihrer eigenen Perspektive zu betrachten, sodass ein Einfluss der eigenen Herkunft und Weltsicht auf die Berichterstattung auch nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann. Eine vielfältige Zusammensetzung der Redaktion kann, muss aber folglich keinen Einfluss auf die Vielfalt der Berichterstattungsinhalte haben.“ Ja, was denn jetzt? Machen linksgrüne Journalisten etwa linksgrünen Journalismus? Es ist jedenfalls „nicht gänzlich ausgeschlossen“. Mit Ach und Krach sowie einer windelweichen Formulierung blickt man dann doch der Wahrheit ins Auge.
Verklausulierte Annäherungen
Etwas später liest man dann, dass über die SPD am ausgewogensten, über die AfD aber am negativsten berichtet wird. Und was die Linkslastigkeit der “Tagesschau” angeht, heißt es mal wieder sehr klausuliert: “Die Studie von Jandura und Spatz, die sich explizit dem Vorwurf einer verzerrten Darstellung der Meinungsvielfalt in der Tagesschau widmet, zeigt, wie wichtig Vergleichsmaßstäbe zur Bewertung der Ausgewogenheit sind. Die Studie legt dar, dass sich der Vorwurf einer linksverzerrten Berichterstattung der Tagesschau nur dann bestätigen lässt, wenn die Gleichverteilung als Maßstab für Ausgewogenheit herangezogen wird.” Oder, etwas simpler ausgedrückt: Die linksverzerrte Berichterstattung, die es nicht gibt, ist gerechtfertigt, weil die Linksverzerrung angemessen ist. Oder so ähnlich.
Stöbert man in dem Elaborat noch weiter, stößt man dann noch auf den Befund, dass die deutsche Medienlandschaft beispielsweise bei den Themen Migration, Corona-Pandemie und Ukrainekrieg oft die Position der Bundesregierung übernahm. Mit ein wenig Geduld findet man eben doch die entsprechenden Puzzlestücke in der nur schwer verdaulichen Studie; die Wahrheit lässt sich eben nicht beliebig verzerren. Hätte man es auch besser machen können? Na klar! Beispielsweise ist durch die Auswertungen des Branchenportals „meedia“ gut erfasst, dass die AfD in den Talkshows der öffentlich-rechtlichen Sender stark unterrepräsentiert ist. Ebenso hätte man auch darauf verweisen können, dass viele der befragten Passanten, die ein Kamerateam „zufällig“ auf der Straße aufgegabelt hat, ein Parteibuch von SPD, Grünen oder Linken besitzen, ohne dass dies transparent gekennzeichnet wurde. Noch einfacher ausgedrückt: Man hätte einfach die Haltungsjournalisten, treffender: Aktivisten à la Anja Reschke oder Georg Restle wortwörtlich zitieren können, die ganz offen zugeben, lieber für die „gute“ Sache einzutreten, als objektiv zu berichten.
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