Sonntag, 12. April 2026

Warum Viktor Orbán die heutigen Ungarn-Wahlen gewinnen muss

von David Berger

Muss im Interesse der Freiheit und ungarischen Selbstbehauptung siegreich bleiben: Viktor Orban 



Zuletzt, vor der heutigen richtungsweisenden Parlamentswahl in Ungarn, hatte sich die politische Lage dramatisch zugespitzt: Die Ungarn entscheiden am heutigen Sonntag über die Zusammensetzung des ihres Parlaments – und damit auch über den künftigen Kurs des Landes zwischen nationaler Souveränität und europäischer Integration. Ein umstrittenes Anti-Orbán-Konzert in Budapest und der „Weltwoche“-Kommentar von Matthias Matussek verdeutlichen, wie sehr diese Wahl über Ungarn hinaus politische Spannungen und Grundsatzfragen innerhalb Europas berührt.

Bei den Ungarn-Wahlen sind rund acht Millionen Wahlberechtigte aufgerufen, ein neues Parlament mit 199 Sitzen zu wählen. Viktor Orbán, der seit mehr als 15 Jahren mit seiner Fidesz-Partei regiert, steht dabei angeblich unter erheblichem Druck durch die Opposition um Péter Magyar, deren Tisza-Partei in Umfragen teils deutlich vorne liegen soll. Beobachter sprechen von einer richtungsweisenden Abstimmung, die nicht nur über die politische Zukunft Ungarns, sondern auch über dessen Verhältnis zur Europäischen Union entscheiden könnte.

EUdSSR-Konzert und Kriegsrufe

Daher auch das große Interesse und die schon länger einhaltende Einmischung der EU in die Wahl, die gestern ihren Höhepunkt erreichte: Auf dem Budapester Heldenplatz hatten mehrere tausend unter anderem auf Betreiben von EU-treuen NGOs aus Nachbarländern zusammengekarrte Menschen ein Anti-Orban-Konzert besucht, auf dem linke Künstler aus der Musikszene Ungarns auftraten. Wie geplant kam es dabei zu Sprechchören, die etwa „Mocskos Fidesz!“ (Dreckige Fidesz!) und wesentlich lauter noch „Ruszkik, haza!“ (Russen, geht nach Hause!) skandierten. Was vermutlich den wenigsten klar war, ist der Umstand, dass es der EU um alles andere als um Freiheit und Wohlstand geht, – sondern vielmehr um mehr Einfluss und Zerstörung ungarischer Identität und gesunder Familienstrukturen, um mehr Migration und noch mehr Geld für ihren Ukraine-Krieg. Und so weiter.

Mit einem pointierten Beitrag unter dem Titel „Lieber Viktor Orbán“ hat der Publizist Matthias Matussek dies in seine Kolumne in der „Weltwoche“ mit wenigen Worten treffend herausgearbeitet: Es geht tatsächlich um eine Grundsatzentscheidung. Matussek schrieb, direkt an Orbán gerichtet: „Ihre Bürger haben nun die Wahl, ob sie ihre Unabhängigkeit und Freiheit behalten wollen“. Er zeichnet damit ein Bild eines Europas im Spannungsfeld zwischen nationaler Selbstbestimmung und supranationalem Einfluss. Die EU bezeichnet er zugespitzt als „bankrotte EU-Nomenklatura“, die anderen Staaten ihre Agenda aufzwingen wolle.

Ungarn droht nun auch Islamisierung

Im weiteren Verlauf greift Matussek zentrale Konfliktthemen auf – und macht insbesondere keinen Hehl aus seiner Haltung in der Migrationsfrage, vor allem die Gefahr offener Grenzen. Ein mögliches EU-Diktat für Ungarn bedeute, dass sich Ungarn unter anderem auch für Islamisten “öffnen” müsse Ähnlich äußert sich auch Michael Klonovsky: „Die Ungarn müssen sich entscheiden, ob sie künftig bunt und weltoffen sein oder einen ‚Rechtspopulisten‘ wählen wollen, der ihre Töchter vor Vergewaltigung und ihre Söhne vor den Messern schützt.“ Orbán gehört auch zu den profiliertesten Gegnern der blinden Selenskyj-Unterstützung und spricht von einem „immer sinnloseren Ukraine-Krieg“. Diesbezüglich verweist Matussek auf internationale und historische Bezüge und hebt er hervor, dass US-Vizepräsident J. D. Vance bei seinem Ungarn-Besuch diese Woche die Konsequenzen eines solchen EU-Kurses überzeugend dargelegt habe. Gleichzeitig erinnert er an die Partnerschaft und Freundschaft Helmut Kohls mit Orbán .

Neben außenpolitischen Themen richtet sich der Blick auch auf die Innenpolitik Ungarns. Die Gegner Orbáns, darunter Péter Magyar, sind vor allem skandalumwitterte Kandidaten – aber eben ganz nach dem Gusto von Brüssel. Matussek schließt seinen Appell an Orbán mit dem Wunsch, der heutige Tag werde das Fortbestehen seiner Regierung erbringen, und appelliert für diesen Fall an den ungarischen Premier: “Stören Sie weiter, bitte – für uns alle!”


Brandmauer mit Selbstzündung: Wie lange braucht die CDU noch, um sich selbst zu begraben?

von Michael Münch

Bild aus besseren Tagen: Lange ist’s her, dass die SPD-Sprechpuppe Lügen-Merz noch hinter seiner Wirtschaftsministerin Reiche stand



Es ist Sonntag, der 12. April – und Zeit, sich Fragen zu stellen. Zerfällt die CDU hinter der von den Linksgrünen konzipierte und von Friedrich Merz geschickt mitgebaute Brandmauer – oder hat sich die Union längst selbst lebendig eingemauert, Ziegel auf Ziegel, mit einem Mörtel aus Feigheit und Selbstverrat? Die Antwort ist so brutal wie trivial: Bei Fortsetzung des gegenwärtigen Kurses ist diese Partei erledigt – und es geht nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wann. Die jüngste Episode um Katherina Reiche ist kein unglücklicher Ausrutscher; sie ist das blutige Symptom eines Körpers, der sich selbst zerfleischt.

Schauen wir genauer hin: Eine Wirtschaftsministerin, die noch halbwegs bei Verstand ist, gerät nicht etwa unter Beschuss des politischen Gegners – nein: Der Dolchstoß kommt aus der eigenen Koalition, flankiert von den üblichen Verdächtigen aus den eigenen Reihen. Und der Kanzler? “Fotzn-Fritz” geriert sich wie ein Schiedsrichter, der bei jedem Foul der SPD nur höflich pfeift und seiner eigenen Spielerin die rote Karte zeigt. Er tritt wie üblich auf als ein Vermittler fremder Interessen. Ein Mann, der seine eigene Partei nicht führt, sondern sie zu “verwalten”, irgendwie im Gespinst der eigenen Lügen und des politischen Selbstbetrugs auf Linie zu halten versucht. Merz wirkt wie ein Notar, der den Nachlass eines Untoten verwaltet

All das ist kein Zufall, und ist auch nicht überraschend. Es ist die Konsequenz eines in jeder Hinsicht stupiden, ja saudummen Systems. Die CDU hat sich unter Merkel in eine Partei ohne Kompass, ohne Ehre und ohne Rückgrat verwandelt. Alles, was einst Markenkern der Union war – wirtschaftlicher Sachverstand, Bekenntnis zum Leistungsprinzip, Heimatverbundenheit – ist längst wie lästiger Ballast über Bord geworfen worden. Stattdessen: Linkgrün-totalitäre Klimakommandowirtschaft, postdemokratisches Geschwafel und der stille Verrat an genau den Menschen, die diese Partei jahrzehntelang getragen haben.

Die Brandmauer ist kein moralisches Bollwerk; sie ist ein ökonomischer Selbstmordpakt. Man kappt die konstruktiven und produktiven Segmente der eigenen Wählerschaft, als wären sie faule Äste – und wundert sich dann, warum der Baum kippt.

Ein Kannibalentreffen

Und während die SPD kontinuierlich und kontrolliert die Richtung vorgibt, die Grünen die ideologischen Peitschen schwingen und Klingbeil mit seinem Noch-12-Prozent-Apparat alle Strippen zieht, spielt die CDU den willigen Vollstrecker. Nicht aus Überzeugung, sondern aus purem Mangel an Alternativen. Ein ehemaliger aktiver Gestalter ist zum passiven Erfüllungsgehilfen verkommen – damit Merz Kanzler spielen kann; ein Kanzler, der bei jeder wichtigen Entscheidung nicht nach Vernunft, Fakten, Erkenntnislage und eigener Überzeugung agiert, sondern in den Spiegel oder besser: in den Terminkalender von Lars Klingbeil.

Innerparteilich macht diese absurde Farce aus der CDU ein Kannibalentreffen; jeder keilt gegen jeden: Der Wirtschaftsflügel gegen den Arbeitnehmerflügel; die Pragmatiker gegen die Moralprediger, Restkonservative gegen die Jünger der “Anschlussfähigkeit”, die lieber farb- und konturlos bleiben sich beim linken Block und der eigenen opportunistischen Parteiführung suspekt zu machen. Die Union-Arbeitnehmerverbände, allen voran die CDA Baden-Württemberg, fordern allen Ernstes die Entlassung der eigenen Wirtschaftsministerin und macht sich damit vollends zum willigen Büttel der SPD. Dagegen springt nun die Mittelstands- und Wirtschaftsunion Brandenburg in die Bresche springen.

Es ist ein Bild für die Götter: Die eigene Partei zerfällt in westdeutsche Apparatschiks und ostdeutsche Realisten, die noch wissen, was soziale Marktwirtschaft eigentlich bedeutet. Verkehrte Welt. Und Reiche selbst? Sie steht mit dem Rücken zur Wand. Sie sieht, wie die Klimakommandowirtschaft Deutschland das Rückgrat bricht. Sie versucht, leise, über Verordnungen und Gesetze, wenigstens ein paar Schrauben zurückzudrehen. Doch der Habeck-Geist im eigenen Ministerium boykottiert jeden Millimeter Bewegung. All das hätte sie allerdings wissen müssen, bevor sie dieses zur Schizophrenie verdammte Ressort übernahm.

Selbstzerstörung mit Ansage

Die Folge: Klingbeil lädt zum Gipfel und Reiche geht erst gar nicht hin. Merz schweigt oder opfert herum. Und was kommt eigentlich von der Bundes-Mittelstandsunion, früher einmal Union-Schlüsselverbandes des wirtschaftlichen Rückgrats und Motor der Wirtschaft? Totenstille. Man könnte fast glauben, manche warten nur darauf, dass Reiche fällt – damit die nächste westdeutsche Karrieristin als SPD-Bettvorlegerin den Posten übernimmt – um die linke Reformverweigerung ungestört weiter mitzubetreiben.

Das alles ist keine Politik mehr. Das ist Selbstzerstörung mit Ansage. Nein, die CDU schrumpft nicht zufällig. Sie schrumpft, weil sie es genau so will. Sie verrät ihre Basis, löst ihre Identität auf und verbaut sich jede strategische Option. Und das alles im Namen einer Brandmauer, die längst zur Grabkammer geworden ist. Was bleibt, ist ein schleichender Prozess des kalten, unaufhaltsamen, fast schon technischen Zerfalls. Am Ende steht nicht die große Erneuerung, sondern nur der totale Zusammenbruch – und die traurige Feststellung, dass eine Volkspartei, die ihre eigene Wählerschaft so systematisch brüskiert und entsorgt, keine äußeren Feinde mehr braucht. Sie reicht sich selbst die Schaufel – damit Merz noch ein paar Jahre Kanzler spielen darf. Es ist der filmreife Niedergang einer ehemaligen großen Mitte-Rechts-Partei in Echtzeit


Herfried Münklers „Warnung” vor der AfD: Der Osten als Problemfall

von Thomas Hartung

Politikwissenschaftler Herfried Münkler: Übliche Schablone der rechten Demokratiefeinde



Wenn Herfried Münkler im Gespräch mit der “Neuen Osnabrücker Zeitung” vor der AfD warnt und zugleich das „Demokratieverständnis“ der Ostdeutschen in Zweifel zieht, ist das mehr als ein Interview. Es ist ein exemplarisches Stück jener neuen Demokratiepädagogik, die in Deutschland immer dann auftritt, wenn Wahlen nicht mehr „passen“. Münkler greift dabei tief in die historische Alarmkiste: Er hält es für möglich, die AfD könne in einem ostdeutschen Bundesland parlamentarische Macht ähnlich nutzen wie die NSDAP 1931 in Thüringen; er spricht von einer „Anfälligkeit für autoritäre Regime“ im Osten und deutet stabile Zustimmungswerte trotz Vorwürfen als Zeichen, dass ein Teil der Bevölkerung „mit der Demokratie nichts anfangen kann und will“. Die politische Aussage ist klar: Nicht nur die AfD sei riskant – der Osten selbst sei es, weil er angeblich eine defizitäre politische Kultur habe. Das ist die eigentliche Zumutung. Denn hier wird nicht eine Partei kritisiert, sondern ein Landesteil moralisch in Haftung genommen: als Verdachtsraum, als Demokratie-Nachzügler, als potenziell autoritär „anfällig“. Ausgerechnet in jenem Teil Deutschlands, in dem 1989 Hunderttausende gegen eine Diktatur auf die Straße gingen, soll nun ein strukturelles Demokratiedefizit herrschen?

Das Grundproblem liegt im Demokratiebegriff, der in solchen Interventionen mitschwingt. Demokratie wird nicht mehr als Verfahren verstanden – freie Wahlen, wechselnde Mehrheiten, legitime Opposition –, sondern als normatives Ergebnis, das schon feststeht. Demokratisch ist dann nicht mehr, was gewählt wird, sondern was im Wertekanon der „richtigen Mitte“ liegt. Wer außerhalb dieses Kanons wählt, gilt als defizitär, verführbar oder „pseudodemokratisch“. Diese Umdeutung ist nicht auf Münkler beschränkt. Sie zeigt sich auch dort, wo mediale Leitdebatten die These nahelegen, Bürger seien zwar formal demokratisch, aber in Wahrheit „Pseudodemokraten“, sobald sie Parteien wählen, die das etablierte Milieu ablehnt. Der Kern dieser Argumentation ist immer derselbe: Nicht Politik und Parteien müssten sich erklären, sonden die Bürger müssten umerzogen werden. Damit verschiebt sich das Machtzentrum: vom Souverän zum Betreuer. “Demokratie” wird zur Therapie für falsche Präferenzen.

NSDAP-Vergleiche als Diskurssperre

Der NSDAP-Vergleich ist dabei ein besonders wirksames Instrument, weil er Diskussionen nicht eröffnet, sondern sperrt. Wer 1931 sagt, meint 1933. Wer Thüringen sagt, meint Reich. Das ist rhetorisch effizient: Es zwingt jede Gegenposition in die Defensive („Relativierst du etwa Hitler?“), bevor überhaupt über konkrete Politik, Programme oder reale Institutionen gesprochen wird. Münkler selbst räumt ein, er sei nicht sicher, ob ein AfD-Verbot die Lösung sei, und skizziert dann die Alternative: Entweder man akzeptiere, dass Demokratie “untergehen” könne – oder man verteidige sie „mit Zähnen und Klauen“ und nutze auch ein Verbotsverfahren. Das ist die Logik der Angstpolitik: Man erklärt den politischen Gegner zum Risiko, das mit den normalen Mitteln der Demokratie womöglich nicht mehr zu bändigen sei. So wird das Verbot als „denkbare Notwehr“ habituell normalisiert – auch wenn man es offiziell noch nicht will.

Parallel zu Münklers Diagnose läuft eine zweite Erzählspur, die denselben Effekt erzeugt: Der Osten wird zum Objekt westdeutscher Deutung, zum Problemfall, der erklärt, bemitleidet und zugleich moralisch bewertet werden muss. Das zeigt sich etwa in Kerstin Hensels These, Ostdeutschland habe sich „von der Demokratie verabschiedet“, weil die Wahlkarte dunkelblau werde – als sei eine Oppositionserhöhung nicht Demokratie in Aktion, sondern ihr Ende. Auch hier gilt: „Demokratie“ wird stillschweigend mit einer bestimmten Parteien- und Wertearchitektur identifiziert. Wo diese Architektur nicht mehr gewählt wird, gilt das als Abweichung. Der Osten wird dann nicht als politischer Akteur ernst genommen, sondern als Patient. Man erklärt seine Wahlentscheidungen zur Pathologie und leitet daraus das Recht ab, ihn zu therapieren. Eine substanzielle Analyse, inwiefern die AfD strukturell “antidemokratisch” sei oder woran sich die These überhaupt festmachen lässt, sie lehne die Demokratie ab, bleibt völlig aus und wird schon gar nicht mehr gefordert – die Parole hat sich propagandistisch zum Axiom entwickelt, zu einem Befund, der nicht mehr hinterfragt wird. Würde dies geschehen, würde sich die völlige Haltlosigkeit dieser Unterstellung sofort offenbaren.

Die paternalistische Kränkung: Bürgerlichkeit als Besitzstand

Ein klassischer Topos dieser Paternalismus-Literatur lautet: Dem Osten fehle „Bürgerlichkeit“, daher fehle politische Reife. Schon ältere Münkler-Äußerungen in diesem Duktus („im Osten fehlen 40 Jahre Bürgerlichkeit“) wurden so rezipiert. Im Kern ist das ein Besitzstandsargument: Bürgerlichkeit wird nicht als Tugend verstanden, die man politisch neu begründen und kulturell erneuern müsste, sondern als westdeutscher Vorrat, über den man verfügt und aus dem man moralisch belehrt.
Nur: Bürgerlichkeit ist nicht „West-DNA“. Bürgerlichkeit ist die Praxis von Verantwortung, Eigentumsethos, Vereinsleben, Gemeinsinn – und eben auch die Fähigkeit, dem Staat zu misstrauen, wenn er sich anmaßt, die Gesellschaft zu erziehen. Wer den Osten „anfällig für Autoritarismus“ nennt, weil er anders wählt, verwechselt Bürgerlichkeit mit Konformität. Hier setzt die Gegenperspektive an, die im deutschen Diskurs gern unterschlagen wird: Der Osten verfügt – historisch bedingt – über ein schärferes Sensorium für sanfte Formen von Unfreiheit. Wer eine Diktatur real erlebt hat, erkennt schneller, wenn eine Demokratie in Richtung Gesinnungsverwaltung kippt: wenn Sprache reguliert wird, wenn soziale Ächtung politische Argumente ersetzt, wenn Institutionen „Haltung“ fordern, wenn Medien sich als moralische Instanzen verstehen.

Diese Einsicht lässt sich pointiert so fassen: Freiheit ist keine Exportmarke des Westens, sondern eine Ressource, die dort besonders wach ist, wo Unfreiheit erlebt und überwunden wurde. Das heißt nicht, dass der Osten automatisch klüger oder moralisch besser ist, sondern dass er hat andere Erfahrungsdaten hat – und deshalb empfindlicher reagiert, wenn „Unsere Demokratie™“ als Chiffre für eine bestimmte Elite-Konstellation verwendet wird, während reale Mitsprache abnimmt.

Die eigentliche Gefahr: Demokratie ohne Bürger

Münkler sagt, die AfD müsse „inhaltlich gestellt“ werden. Das wäre tatsächlich der demokratische Weg. Nur funktioniert „inhaltlich stellen“ nicht, wenn die gesellschaftliche Deutung und die oben beschriebene Etikettierung bereits feststeht, dass die Wähler des Gegners eigentlich „mit der Demokratie nichts anfangen können“. Denn dann wird jeder inhaltliche Konflikt sekundär: Man diskutiert nicht mehr mit Bürgern, sondern über sie. Genau dort entsteht das, was man „Demokratie ohne Bürger“ nennen kann: eine Demokratie, die formell wählt, aber mental das Ergebnis nur akzeptiert, solange es dem normativen Erwartungshorizont entspricht. In so einer Ordnung werden Wahlentscheidungen nicht als legitime Präferenz gedeutet, sondern als Störung, die erklärt, entwertet und – im Extrem – juristisch neutralisiert werden soll. Und hier wird Münklers Ost-Diagnose politisch brandgefährlich: Sie liefert eine moralische Grundlage, um die Konsequenzen demokratischer Wahlen nicht mehr auszuhalten. Wer den Wähler zum Risiko erklärt, kann jeden Ausnahmegriff rechtfertigen: Brandmauern als Dauerzustand, Verwaltungsblockaden, Diskursverbote, Verbotsszenarien. Die Brandmauer ist aber nicht nur eine Abwehr gegen „rechts“, sondern auch eine Selbstfesselung der Mitte – und damit undemokratisch, da sie vorhandene demokratische Mehrheiten verhindert.

Münkler hat recht in einem Punkt: Demokratie ist eine riskante Form. Der entscheidende Satz ist nur: Sie ist riskant, weil sie den Bürger ernst nimmt. Wer diese Risikobereitschaft verliert und stattdessen Landesteile pauschal verdächtigt, weil sie „falsch“ wählen, arbeitet nicht an der Rettung der Demokratie, sondern an ihrer Entkernung. Eine konservative Antwort besteht deshalb nicht im Jubel über jede Protestwahl, sondern in einer Rückkehr zum prozeduralen Kern: Opposition ist legitim, Mehrheiten wechseln, und die Bürger sind keine Schüler, die nachsitzen müssen, wenn sie abweichen. Wer das akzeptiert, kann dann tatsächlich „inhaltlich stellen“ – ohne NS-Vergleiche als Diskurssperre und ohne den Osten zum pädagogischen Problemfall zu erklären. Denn am Ende entscheidet sich die deutsche Demokratie nicht daran, ob der Osten brav wählt, sondern daran, ob der Westen noch aushält, was Demokratie bedeutet: dass das Volk manchmal anders entscheidet, als die Leitmilieus es wünschen.


US-Iran-Gespräche ergebnislos abgebrochen: Knallt es jetzt richtig?

von Theo-Paul Löwengrub

Vance bei seiner Ankunft gestern in Islamabad



Gegen 3 Uhr Ortszeit ging vergangene Nacht im pakistanischen Islamabad die dritte Verhandlungsrunde im Poker zwischen den USA und dem Iran ergebnislos zu Ende. J.D. Vance hat den Iranern zuvor mehrfach gedroht, den Ernst der Lage anzuerkennen und nicht mit der US-Delegation “zu spielen”. Schließlich musste der US-Vizepräsident das Scheitern der Verhandlungen eingestehen. Die Iraner selbst hatten die Gespräche für beendet erklärt. Vance teilte dazu mit, die USA hätten verdeutlicht, wo ihre roten Linien liegen und wo man bereit sei, dem Iran entgegenzukommen. “Wir konnten einfach nicht zu einer Situation gelangen, in der die Iraner bereit waren, unsere Bedingungen zu akzeptieren.” Man habe flexibel und “entgegenkommend” verhandelt, entsprechend Trumps Anweisung, der der Delegation um Vance auf den Weg mitgegeben hatte, sie solle “in gutem Glauben hierher kommen und die besten Anstrengungen unternehmen, um einen Deal zu erreichen.” Dies habe man redlich versucht, aber am Ende leider keinen Fortschritt erzielt.

Der entscheidende Knackpunkt, so Vance, sei weiter derselbe, wegen dem die USA ihre gesamte Militäroperation am 28. Februar begonnen hatten: Die Gewissheit, dass von Teheran keine nukleare Bedrohung mehr ausgehen wird. „Wir brauchen eine klare Zusage, dass sie nicht nach Atomwaffen streben und dass sie nicht nach den Mitteln suchen, die es ihnen ermöglichen würden, schnell Atomwaffen zu entwickeln… Das ist das Hauptziel des Präsidenten der Vereinigten Staaten, und das ist es, was wir durch diese Verhandlungen zu erreichen versucht haben.” Zwar seien das iranische Atomprogramm und alle bekannten Anreicherungsanlagen ausgeschaltet worden, doch es bleibe die simple Frage nach der grundlegenden und ehrlichen Bereitschaft der Iraner, auch in Zukunft keine Atomwaffen zu entwickeln …“ nicht nur jetzt, nicht nur in zwei Jahren, sondern auf lange Sicht”.

Nun noch heftigere Militärschläge?

Das habe man leider noch nicht gesehen, wobei er hoffe, so Vance, dass der Iran eine entsprechende Verpflichtung eingehen werde. Bis es soweit ist, müssten die Gespräche für gescheitert erklärt werden. Die von der iranischen Delegation geforderte Freigabe eingefrorener Gelder und Vermögenswerte des Mullah-Staates hatten die USA ebenfalls von einer Verpflichtung der völligen Einstellungen aller atomaren Ambitionen abhängig gemacht, was die Iraner ablehnen. Neben diesem Kernthema waren weitere Streitpunkte die zukünftige Kontrolle und Nutzung – inklusive Erhebung einer Maut – der Straße von Hormus sein. Außerdem fordern die Vertreter des Iran die sofortige Beendigung der Angriffe auf die Hisbollah im Libanon, worauf sich die USA nicht einließen.

Vance‘ Konsequenz wurde in den USA begrüßt. Der politische Kommentator Eric Daugherty fasste den großen Respekt vieler konservativer und pragmatischer US-Beobachter der Gespräche für J.D. Vance klare Kante mit folgenden Worten zusammen: “Es ist offiziell. Vance weigerte sich, den Iranern nachzugeben, die in Pakistan auf Konfrontationskurs gingen. Er flog nach Pakistan, verhandelte fast 20 Stunden lang und gab keinen Millimeter nach. Das ist mein Vizepräsident!” Die Frage ist nun, wie es weitergeht und ob der Waffenstillstand nun kollabieren wird. Die USA könnten nun zu massiven militärischen Schlägen zurückkehren. Strategisch ist es für die USA bereits ein Erfolg, dass im Zuge der Waffenruhe die Operation zur Minenräumung und Sicherung der Straße von Hormus bereits in vollem Gange ist – denn der Iran hat selbst dafür die Voraussetzungen geschaffen, dass das US-Militär die wichtige Meerenge kontrollieren kann, über die allein bis zur des chinesischen Rohöls transportiert wird.


Washington gegen Brüssel: Ungarn als Schauplatz transatlantischer Machtspiele

von Beatrice Gross

Starker Bund der Freiheit gegen EU-Sozialismus und Bevormundung: Orban mit Vance



Morgen finden in Ungarn Parlamentswahlen statt. Als US-Vizepräsident J.D. Vance vor wenigen Tagen in Budapest landete, war die Botschaft klarer als jede offizielle Pressemitteilung. Sein Besuch war nicht nur eine Geste der Freundschaft gegenüber Ministerpräsident Viktor Orbán, sondern ein deutliches Signal an die Adresse der Europäischen Union. Vance machte keinen Hehl daraus: Die USA sehen in der aktuellen ungarischen Regierung einen Partner für die Verteidigung der westlichen Zivilisation.

Doch während Washington seine Unterstützung für Orbán offen zur Schau stellt, wachsen die Spannungen mit Berlin und Brüssel. Die Frage, die sich nun, nur wenige Tage vor der Wahl an diesem Sonntag, stellt, ist nicht nur, wer die Wahl gewinnt, sondern wer eigentlich über die Zukunft Ungarns entscheidet.

Die amerikanische Karte

Vances Aussage, Orbán werde die Wahl gewinnen, obwohl viele Umfragen noch ein anderes Bild zeichnen, ist mehr als eine Prognose. Es ist eine politische Positionierung. Die Trump-Administration scheint entschlossen, nationale Souveränität als Kernstück ihrer Außenpolitik auch in Europa zu verteidigen. Orbán passt in dieses Bild: Ein Regierungschef, der sich gegen Brüsseler Zentralisierung wehrt und eigene Energie- sowie Sicherheitsinteressen verfolgt. Für die USA ist ein stabiles, souveränes Ungarn ein strategischer Anker in Mitteleuropas.

Vances Kritik an der EU-Bürokratie, die versucht habe, die ungarische Wirtschaft zu zerstören, um das Wahlergebnis zu beeinflussen, unterstreicht diese Haltung. Es ist eine seltene Offenheit, mit der hier von ausländischer Einmischung gesprochen wird, diesmal jedoch nicht als Vorwurf gegen Budapest, sondern als Anklage gegen Brüssel.

Die Einmischung aus Brüssel

Während die US-Unterstützung für Orbán offen im Rahmen diplomatischer Beziehungen stattfindet, wirft die Förderung der ungarischen Opposition, insbesondere von Péter Magyar und der Tisza-Partei, weit ernstere Fragen auf. J.D. Vance bezeichnete das Vorgehen der EU sogar als “eines der schlimmsten Beispiele ausländischer Wahleinmischung”, die er je gesehen habe. Die Bürokraten in Brüssel hätten alles getan, um das ungarische Volk niederzuhalten, nur weil sie den Regierungschef nicht mögen. Diese Kritik zielt auf strukturelle Eingriffe ab. Die EU-Kommission hat kurz vor der Wahl das sogenannte Rapid Response System aktiviert. Dieses Instrument erlaubt es ausgewählten, überwiegend aus EU-Mitteln finanzierten NGOs, Inhalte auf großen Plattformen priorisiert melden zu lassen. Die Folge ist eine faktische Beschneidung der Reichweite von Fidesz, während die Opposition von solchen Maßnahmen weitgehend verschont bleibt.

Hinzu kommt die personelle Verflechtung zwischen Tech-Giganten und der Opposition. So wechselte die ehemalige Meta-Prokuristin Dóra Dávid direkt ins Europäische Parlament für die Tisza-Partei und forderte Anhänger auf, Beiträge Orbáns zu melden. Solche Verbindungen schaffen Vorteile im digitalen Wahlkampf. Gleichzeitig wird durch ein Netzwerk aus EU-finanzierten Medienprojekten das Narrativ einer angeblichen russischen Einmischung verbreitet, um im Falle eines Sieges von Fidesz die Legitimität der Wahl anzuzweifeln. Wenn eine Partei so eng mit den Mechanismen der EU-Bürokratie verwoben ist, muss sich der Wähler fragen: Wer würde hier eigentlich regieren? Budapest oder Brüssel?

Offene Drohungen aus Berlin

Die Reaktion aus Deutschland ließ nicht lange auf sich warten: Noch am Mittwoch kritisierte der Berliner Regierungssprecher den amerikanischen Vizepräsidenten scharf und warf ihm Heuchelei vor. Schließlich sei Vances Besuch selbst ein Eingriff in den Wahlkampf. Auf den ersten Blick mag dieses Argument logisch erscheinen. Doch vor dem Hintergrund der letzten Wochen wirkt es wie eine Ablenkung. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte erst Mitte März im Bundestag gefordert, keine Rücksicht auf einzelne Länder zu nehmen, wenn es um die Ukraine-Hilfen geht. Damit übte er direkten Druck auf Budapest aus, genau während des Wahlkampfs.

Doch gibt es Stimmen in Berlin, die noch radikaler denken. Anton Hofreiter, Vorsitzender des Europaausschusses im Bundestag, hat öffentlich gefordert, Deutschland solle das Wahlergebnis in Ungarn nicht anerkennen, falls Viktor Orbán gewinnt. Zudem solle man Ungarn von der Teilnahme an EU-Institutionen ausschließen. Wenn ein hochrangiger deutscher Politiker damit droht, die demokratische Entscheidung eines Nachbarlandes einfach zu ignorieren, weil das Ergebnis nicht passt, dann ist das keine Kritik an Einmischung mehr. Das ist die Ansage, dass die eigene politische Agenda über dem Wählerwillen steht. Wenn Berlin also Vances Einmischung brandmarkt, aber gleichzeitig solche Szenarien diskutiert, entsteht der Eindruck von massiven Doppelstandards.

Souveränität oder Integration?

Im Kern geht es bei dieser Wahl um mehr als nur Personalien. Es ist eine Grundsatzentscheidung über den Status Ungarns in Europa. Orbán steht für ein Modell, das nationale Interessen vor supranationale Vorgaben stellt. Unter seiner Führung hat sich Ungarn als einziges EU-Mitglied die Fähigkeit bewahrt, ausgewogene und freundschaftliche Beziehungen zu den globalen Großmächten USA, Russland und China zu pflegen. Vances Unterstützung unterstreicht, dass dieses Modell auch außerhalb der EU Verbündete hat. Die Opposition unter Magyar hingegen positioniert sich als pro-europäische Alternative. Doch was bedeutet das konkret? Kritiker befürchten, dass ein Regierungswechsel bedeutet, dass Ungarn seine Vetorechte in der EU aufgibt und sich automatisch den Vorgaben aus Berlin und Brüssel unterordnet, sei es bei der Migrationspolitik, bei Energiefragen oder beim Krieg in der Ukraine.

Die Debatte um Krieg oder Frieden, die den ungarischen Wahlkampf dominiert, zeigt die Brisanz. Orbán wirbt mit Friedensverhandlungen und Zurückhaltung. Die Opposition wird von vielen Wählern als das Lager wahrgenommen, das bereit ist, sich bedingungslos der aktuellen EU-Linie unterzuordnen, die auf weitere Eskalation setzt. Wenn Berlin also Vances Einmischung kritisiert, aber gleichzeitig eine Regierung in Budapest bevorzugt, die deutsche und EU-Interessen ohne Widerstand umsetzt, dann ist das kein Einsatz für Demokratie, sondern für Einflussnahme.

Die Entscheidung liegt in Budapest

Am Ende bleibt festzustellen: Beide Seiten, Washington und Brüssel, mischen sich ein. Der Unterschied liegt in der Art und dem Ziel. Die USA unterstützen einen gewählten Amtsinhaber, der nationale Souveränität betont. Die EU-Führung und Teile der deutschen Regierung scheinen einen Wechsel zu bevorzugen, der ihre eigene Machtbasis in Brüssel stärkt. Die Drohung, ein Wahlergebnis nicht anzuerkennen, wie sie von deutschen Politikern geäußert wurde, zeigt, wie weit man bereit ist zu gehen.

Für die ungarischen Wähler ist die Lage damit klarer geworden. Es geht nicht nur darum, ob man mit der Leistung der Regierung Orbán zufrieden ist. Es geht darum, ob man bereit ist, externe Druckversuche zu akzeptieren oder ob man sich für einen Kurs entscheidet, der unabhängig von Berlin und Brüssel ist. Péter Magyars Tisza-Partei mag als Erneuerer auftreten, doch ihr Aufstieg ist eng verflochten mit den Strukturen, die Ungarn derzeit bekämpft. Die Wahl am 12. April wird zeigen, ob Ungarn seine Rolle als Bastion der Vernunft behaupten kann oder ob es sich in den Reigen der gleichgeschalteten EU-Staaten einfügt. Vance Besuch war ein Warnschuss. Berlins Kritik war eine Trotzreaktion. Die Drohung, das Ergebnis nicht anzuerkennen, ist eine Warnung. Die Antwort geben nun die Ungarn an der Urne. Und diese Antwort wird weit über die Grenzen des Landes hinaus nachhallen.


Samstag, 11. April 2026

Politisch korrekte Rassentrennung in Deutschland: Migranten sollen in Bus und Bahn nebeneinander sitzen

von Mirjam Lübke

Segregation in den USA vor der Bürgerrechtsbewegung: Was damals rassistische Diskriminierung war, wird heute von woken Irren als “Empowerment” gefordert



Im US-Bundesstaat Alabama wurde die Rassentrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln 1956 abgeschafft. Grund dafür war bekanntlich der legendäre “Sitzstreik”, den die Schneiderin und Sekretärin Rosa Parks im Dezember des Vorjahres durchgeführt hatte, als sie nach ihrem harten Arbeitstag ihren Sitzplatz im Bus für einen weißen Mann räumen sollte. Als Hobby-Schneiderin weiß ich, wie sehr diese Tätigkeit den Rücken beansprucht, daher kann ich die Weigerung der damals 42-Jährigen nur zu gut nachvollziehen – zumal die Regeln der Höflichkeit ohnehin nicht vorsehen, dass eine Frau für einen Mann den Sitz freigeben muss, es sei denn, er sei vom Alter gebeugt oder anderweitig gebrechlich. Rosa Parks wurde zur Ikone, weil sie einem bürgerlichen Umfeld entstammte, hart arbeitete, kirchlich aktiv und vorher nie unangenehm aufgefallen war. Heute suchen sich “woke” Aktivisten gern weniger untadelige Vorbilder für ihre Aktionen aus und scheinen die Uhren wieder auf Rassentrennung zurückdrehen zu wollen. Natürlich nennt man das heute anders: Man spricht von “Safe Spaces”, verbietet “kulturelle Aneignung” – selbstverständlich nur in eine Richtung – und will jegliche Unbill von seinen Schützlingen fernhalten. Weiße Antirassisten gehen dabei oft weiter, als es den Betroffenen lieb ist: Wenn sich eine “Person of Color” durch einen flapsigen Witz von einem weißen Freund partout nicht beleidigt fühlen will, dann wird der Freund dennoch zur Strecke gebracht, selbst wenn der Nicht-Beleidigte sich schützend vor ihn wirft. Individuelle Selbstbestimmung ist im modernen Antirassismus nicht inbegriffen; es zählt das Kollektiv!

Mangels eines ausreichenden schwarzen Bevölkerungsanteils in Deutschland – auch wenn die Werbung uns etwas anderes vermitteln will – tobt sich die woke Szene hierzulande an der Gesamtheit der Migranten aus. So etwa die “Migratöchter” des “Südwestrundfunks”, die jüngst einen “Empowerment-Plan” für Frauen mit Migrationshintergrund ausgearbeitet haben. Teil dieses Plans ist auch eine Anleitung für die migrantisch korrekte Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Die Wahrnehmung der Bedrohungen in selbigen weicht bei den “Migratöchtern” ein wenig von jener der Restbevölkerung ab, wobei zugegebenermaßen allerdings eher die “Migrasöhne” eine unrühmliche Rolle spielen. Zugbegleiter jedenfalls mögen bereits auf manchen Strecken keine Fahrkartenkontrollen mehr durchführen oder halten sich an jene Fahrgäste, von denen kein Ärger zu erwarten ist. Vor einigen Wochen musste mein Zug eine Zwangspause einlegen, weil im hinteren Zugteil ein Messersportwettbewerb zwischen zwei verfeindeten arabischen Gruppen ausgebrochen war, der einen Polizei- und Notarzteinsatz erforderte.


Nein, Migranten sind sich auch untereinander nicht unbedingt immer grün, so sehr sich das die Vertreter multikultureller Toleranz-NGOs auch wünschen. Das erklärt sich eigentlich von selbst, schließlich mag ich unsympathische Nachbarn oder Kollegen auch nicht lieber, weil sie Deutsche sind. Auch wenn das in der Regel nicht zu Massenraufereien führt. Auch die “biodeutschen” Mitglieder von NGOs lehnen andere Deutsche ab, vor allem wenn sie anderer Meinung sind als ihre NGO. Am liebsten möchten sie gar keine Deutschen sein, sondern Weltbürger, welche der festen Überzeugung sind, das Band der Diskriminierung müsse alle Migranten oder anders Benachteiligten einigen.

Nur so lässt sich erklären, warum Frauen mit Migrationshintergrund sich in öffentlichen Verkehrsmitteln zusammenfinden sollen, um sich gegenseitig in der “feindseligen Umgebung” zu ermutigen. Wie das genau funktionieren soll, erfahren wir nicht. Sollen sich Arbeitskolleginnen – eine deutsch, die andere nicht – im Bus voneinander wegsetzen, auch wenn sie gemeinsam über den Abteilungsleiter lästern möchten? Auch über eine genauere Unterteilung wird nichts gesagt, denn weder sprechen alle Migranten dieselbe Muttersprache noch kommen sie aus demselben Kulturkreis: Heißt es dann ”russische Migrantinnen nach hinten links, die Ukrainerinnen nach vorn hinter den Busfahrer!”? Bei anderen Gruppen müsste eventuell noch nach Clanzugehörigkeit unterschieden werden, um spontane Catfights zu vermeiden. Am besten klebt man kleine Fähnchen auf die Sitze, was im Berufsverkehr die Sitzverteilung etwas kompliziert macht. Da ist die Rosa-Parks-Situation vorprogrammiert, wenn etwa die syrische Quote übererfüllt ist und im Sitzbereich der Afghaninnen noch etwas frei ist. Wie immer darf man die “klugen” Pläne solcher NGOs nicht zu Ende denken, sonst löst sich alles in unüberschaubares Chaos auf. Computersimulationen könnten das vermeiden, aber bei NGOs geht es schließlich nicht um das Funktionieren eines Plans, sondern um die richtige Haltung.

Erklärungen in Dauerschleife

Die übrigen Empfehlungen der “Migratöchter” lesen sich ähnlich weltfremd. So soll man den Social-Media-Posts von Migrantinnen fleißig zustimmen und diese auch teilen, damit sie weite Verbreitung finden. Das klingt intelligenzbeleidigend: Warum sollte eine Iranerin, die vor den Mullahs geflohen ist, den Beitrag einer Palästinenserin teilen, welche die Unterstützung der Theokraten für die Hamas ganz großartig findet? Muss eine Ukrainerin ein Loblied auf Putin gutheißen oder umgekehrt eine Russin ein solches auf Selenski? Womit wir wieder beim vollkommenen Entindividualisieren der großen Gruppe der Migranten angekommen sind. Eine Lösung für alle, auch wenn sie sich untereinander hassen. Vor allem Ex-Muslime trifft das hart, wenn sie sich äußern, geraten sie automatisch in den Verdacht, Verräter zu sein, wie fundiert ihre Kritik auch sein mag. Wenn Seyran Ates oder Necla Kelek etwas posten, dürfen sie nicht auf Rettung durch eine deutsche NGO hoffen, wenn Islamisten ihnen Drohungen schicken. In früheren Beiträgen kritisierten die “Migratöchter” etwa, man sehe in Filmen zu häufig Musliminnen, die sich vom Kopftuch befreien – auch das ist natürlich “islamophob”.

Schauen sich Migrantinnen so etwas überhaupt an, oder besser gefragt: Schaut sich überhaupt jemand so etwas an (es sei denn, er wolle wissen, wie bizarr hierzulande Steuergelder und Rundfunkgebühren verschwendet werden, um im Elfenbeinturm sitzenden Redakteurinnen den Job zu sichern)? Irgendjemand muss uns offensichtlich immer in Dauerschleife erklären, wie schön Migration ist und wie schützenswert jeglicher Migrant. So wie der Stadt- und Migrationsforscher Sebastian Kurtenbach, der gegenüber der “Rheinischen Post” ausführt: “In den westdeutschen Großstädten hat man es eben damit zu tun, dass die armutsgeprägten Stadtteile auch die am stärksten diversifizierten Stadteile sind.” Es werde lediglich Armut kriminalisiert, erklärt der Forscher – was wohl heißen soll, dass mehr Geld dort investiert werden soll. Vielleicht muss einfach auch noch mehr Steuergeld investiert werden für Stadt- und Migrationsforscher, die uns erklären, dass es so etwas wie “No-Go-Areas” gar nicht gibt und keineswegs ein Zusammenhang zu importierten “Konfliktlösungsstrategien” besteht. Offensichtlich ist Herr Kurtenbach noch nie mit der Straßenbahn durch Duisburg-Marxloh gefahren und hat dort einen Zusammenprall verfeindeter Clan-Jugendlicher erlebt. Und dann dürfte er sich nach Anweisung der “Migratöchter” noch nicht einmal neben eine nette Migrantin setzen – denn die muss den Platz schließlich für andere Migrantinnen freihalten. Auch wenn sie eventuell gar keine Lust darauf hat.


Merz demontiert die eigene Wirtschaftsministerin: Diese Regierung hat fertig

von Wilma Fricken

Schwerwiegende Entfremdung: Reiche (CDU) und ihr Parteichef und Lügenkanzler



Kaum aus der Osterpause zurück, hat Bundeskanzler Friedrich Merz in dieser Woche endgültig bewiesen, dass er absolut unfähig ist, diese gegen den Wählerwillen zusammengestoppelte Brandmauer-Koalition noch zu führen und zusammenzuhalten. Schon das bizarre Kurzvideo, mit dem Merz am Mittwoch an die Öffentlichkeit ging, zeigte einen kraftlosen, ausgemergelten, hohle Phrasen dreschenden alten Mann und markierte geradezu das symbolische Ende dieser Regierung. Die saft- und kraftlose Gestalt, die sich hier präsentierte, ist offenkundig nicht in der Lage, noch irgendeine Art von Aufbruch zu gestalten. Sein weiteres Handeln in dieser Woche glich dann einem politischen Amoklauf. Selbst in der eigenen Partei ist man zunehmend fassungslos über seine ständigen Kurswechsel in der Iran-Politik – und am Freitag erwies Merz sich wieder einmal als treuester Helfer der SPD, für die er sogar seine eigene Wirtschaftsministerin Katherina Reiche abschoss, die noch die Einzige in diesem Gruselkabinett ist, die eine fachliche Befähigung für ihr Amt mitbringt.

Weil Reiche auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz der Forderung von SPD-Finanzminister Lars Klingbeil nach einer Übergewinnsteuer eine “klare Absage” erteilt und zudem die simple Wahrheit ausgesprochen hatte, dass Klingbeils Vorschläge, mit denen dieser sich nach den desaströsen SPD-Wahlniederlagen der letzten Wochen als Großreformer präsentieren will, „teuer, wirkungsschwach und verfassungsrechtlich fragwürdig“ seien, zu „Verwirrung“ führen und den Verbrauchern nicht helfen würden, fiel ihr Merz ihr in den Rücken und ließ prompt von seinem Umfeld verbreiten, er sei „befremdet über den öffentlichen Schlagabtausch“. Außerdem mahne er Reiche zur Zurückhaltung. Zur Energiepolitik habe es im Ministergespräch am Donnerstag eine “klare Verabredung” mit dem Ziel gegeben, Vorschläge einvernehmlich zu erarbeiten.

Gefallsucht aus Machtsicherungsgründen gegenüber der SPD

Merz habe dazu seine Vorstellungen genannt. Die zuständigen Ministerien sollten Vorbereitungen für den Fall treffen, dass die Benzinpreise weiter und dauerhaft steigen. Die Koalition stehe vor “wichtigen Reformentscheidungen”. Die öffentliche Nervosität sei verständlich, man könne jetzt aber nur zu Beschlüssen kommen, wenn man vertrauensvoll und ruhig zusammenarbeite. Es gehe jetzt „um das Land, nicht um Parteibefindlichkeiten“. Merz, für den die besondere Rücksicht auf die Sensibilität Klingbeils (von dessen Gnaden er überhaupt nur Kanzler ist) bekanntlich zu seinen obersten Prioritäten gehört, demontierte damit die eigene Ministerin.

Hintergrund des eskalierenden Streits zwischen Reiche und Klingbeil war, dass Klingbeil am Freitag einen Pseudo-Gipfel mit Arbeitgeber- und Arbeitnehmer-Vertretern veranstaltete, um über „wirtschafts- und finanzpolitische Auswirkungen des Iran-Kriegs“ zu diskutieren. Reiches Wirtschaftsministerium wurde dabei offenbar gezielt ausgebremst, weshalb sie die Pressekonferenz einberief, auf der sie Klingbeil kritisierte. Bereits am Donnerstag hatte Merz Reiche aufgefordert, am Montag vor der CDU-Spitze Fragen zur Benzin-Krise zu beantworten. Laut „Bild“ soll er zudem schon länger den Eindruck haben, dass Reiche “das Thema nicht im Griff” hat – als ob ausgerechnet dieser Wählerbetrüger und rückgratlose Opportunist irgendein Thema im Griff hätte! Die Ereignisse der letzten Tage haben endgültig den Beweis erbracht, dass diese unselige Katastrophenregierung, die es nie hätte geben dürfen, an ihrem Ende angelangt ist. Merz zerlegt seine eigene und einzig fähige Ministerin, um der SPD zu gefallen – jene inzwischen in die Einstelligkeit abgerutschte Splittergruppe mit der Attitüde der vormaligen Volkspartei, die ihn zwar bei jeder Gelegenheit vorführt, die aber auch seine einzige Chance ist, Brandmauer-Kanzler zu bleiben. Die Dauerbankrotterklärung, die der Lügenkanzler und seine Truppe abgeben, wird nunmehr bald eingelöst.


Freitag, 10. April 2026

Trotz Medien-Häme und überschäumendem Trump-Hass: War der Irankrieg wirklich ganz „umsonst“?

von Albrecht Künstle

US-Marineeinheiten in der Straße von Hormus



Die USA und Israel haben auf ganzer Linie verloren – so lautet das überwiegende Resümee der Meinungsmacher der bekannten Zeitungen und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Und die Kommentare in den alternativen Medien sehen kaum anders aus: Wir seien in einer noch schlechteren Position als schon vor dem Irankrieg, wird kolportiert. Dietmar Osterhase – sorry: Ostermann – kommentiert in der “Badischen Zeitung”, die Revolutionsgarden “demonstrieren aller Welt“, dass sie den Schlüssel für die Straße von Hormus in Händen halten. So einfach machen es sich deutsche „Qualitäts“-Kommentatoren. Ja, soll denn die Welt solchen Machtdemonstrationen einfach nur zuschauen? Der Krieg sei „umsonst“ gewesen, so das verkürzte Fazit – natürlich nicht hinsichtlich der Kosten. Bloß wird hier einiges vergessen. Denn: Wie war denn die Lage vor dem Krieg?

Das, was die Hamas am 7. Oktober 2023 im “Kleinen” erprobte – den Überfall auf Israel, den Massenmord an Juden und die Geiselnahmen – das drohte sehr wohl in Bälde im Großen zur real völkermordenden Realität zu werden. Die iran-islamischen Befehlshaber über die Hamas, Hisbollah und Huthi in Teheran arbeiteten nämlich seit Jahren fieberhaft an ihrer “Endlösung” für Israel, umso mehr seit den punktuellen Luftangriffen vom vergangenen Sommer. Sie reicherten weiter Uran in atomwaffenfähiger Konzentration an. Nur zur Verteidigung? Von wegen! Sie machten gar keinen Hehl daraus, dass sie das jüdische Israel aus dem Nahen Osten bomben wollten. Die Devise lautete “vom Jordan bis zum Mittelmeer” (entsprechend der auch auf unseren Straßen von Linken und Palästinensern dauerskandierten Parole „from the river to the sea“) und besagte, das Territorium Israels müsse ihren Glaubenskämpfern gehören. Und auch wenn niemand weiß, wie lange es noch bis zur Atomschlagfähigkeit gebraucht hätte, stellten sie permanent unter Beweis, dass sie – solange sie „die Bombe“ nicht hatten – auf ein quantitativ und qualitativ beängstigendes Raketenarsenal zurückgreifen konnten. Man stelle sich vor, all die seit Kriegsbeginn bisher auf arabische Ziele niedergegangenen Raketen wären ebenso treffsicher auf das kleine Israel abgefeuert worden!

Das Volk muss die Tyrannei beenden

Der Irrglaube von Netanjahu und Trump war es allerdings anzunehmen, dass ein Tyrannenmord – die Enthauptung des Mullah-Regimes von außen – ein Fanal auslösen würde, das die Volksmassen nicht nur auf die Straßen treiben, sondern sie die zweite Garde der schiitischen Herrschaften aus ihren Palästen holen und dort aufknüpfen lassen würde, so wie die Mullahs zuvor abertausende Menschen aufgehängt hatten. Enge Vertraute meinten wohl zu Recht, dass die Zeit dafür noch nicht reif sei; vielleicht hätte man auch wissen können, dass Tyrannenmorde in Regimes, die so lange stabil an der Macht sind (ein halbes Jahrhundert lang fast!) schnell scheitern können. Im Hitler-Deutschland schlug nicht nur der Versuch vom 20. Juli 1944 fehl, sondern davor schon eine ganze Reihe von Attentaten und Enthauptungsschlägen. Aber sollte es deshalb nicht trotzdem weiter versucht werden? Stauffenberg und seine Mitstreiteiter werden zu Recht jedes Jahr gefeiert – doch jetzt wird der Versuch, die iranische Diktatur zu stützen, von fast allen im “Wertewesten” verurteilt, mit dem Vorwand, es seien ja die bösen Amis und nicht das iranische Volk selbst. Dass Trumps und Netanjahus Ziel die Hilfe zur Selbsthilfe der Iraner war, wird ausgeblendet – wenngleich dieses Ziel eben, wie gesagt, arg naiv war, weil es wohl doch mehr als eine militärische Regimedestabilisierung von außen braucht.

Möglicherweise ist dieses doppelzüngige Verhalten ja dem Umstand geschuldet, dass Amerikaner und Briten 1953 den frei gewählten iranischen Präsidenten Mossadegh stürzten und dadurch die Macht des Schah-Regimes bewahrten, das dann wiederum in der Revolution von 1979 durch Chomeini gestürzt wurde, nachdem man ihm zuvor jahrelang die Möglichkeit der Indoktrination seiner Anhänger vom Exil in Paris aus gegeben hatte. Schon als der Schah 1968 Berlin besuchte, kam es zu blutigen Krawallen durch Studenten und linke Gruppierungen – und als er gestürzt wurde, war auch hierzulande der Jubel groß. Die Linken glaubten, hier sei eine Revolution des Volkes gegen den US-Imperialismus und seine Schergen geglückt; in Wirklichkeit war es ein islamistischer Rückfall in die islamistisch-fundamentalistische Barbarei. Doch mit der Einsicht, dass man sich damals geirrt hatte, taten sich deutsche Politiker immer schwer, vorneweg der heutige Bundespräsident Steinmeier.

NATO-Krise: Hört beim Geld die Freundschaft auf?

Haben wir es nur dem Krieg zu “verdanken”, dass die Straße von Hormus gesperrt wurde? Nein: Der Iran wollte schon lange seine Strategie realisieren, eine Mautgebühr für die immerhin über 50 Kilometer breite “Meerenge” zu den Arabischen Emiraten zu verlangen um seinen Terror und den seiner Vasallen gegen andere Staaten zu finanzieren – oder als Alternative zu sperren. Der Iran testete jetzt lediglich, wie weit sich diese Kontrolle durchsetzen lässt, ohne eine weitere Eskalation des Krieges zu provozieren. Die schrittweise Einführung von Registrierung, Begleitung und Zahlungen folgt dabei einem klaren Muster: Erst etablieren, dann normalisieren. Völkerrechtlich ist die Lage eindeutig: Internationale Meeresstraßen dürfen nicht blockiert, kontrolliert oder zur Einnahmequelle gemacht werden. Die freie Passage gilt unabhängig davon, welche politischen Spannungen bestehen. Nun stiegen die Energiepreise auch in Europa – obwohl wir aus dem persischen Golf kaum noch Energie beziehen. Das befreundete NATO-Mitglied Norwegen verlangte für sein Brent-Öl plötzlich unverschämt hohe Preise, und ebenso – nach demselben Muster – auch die USA, die (obwohl über die NATO mit uns verbandelt) für ihr LNG-Flüssiggas ein Vielfaches verlangten, was das ebenfalls mit Boykott belegte Russengas kostete. Hört beim Geld etwa die Freundschaft auf? Die Lieferländer und Ölkonzerne stoßen sich jedenfalls noch gesünder, als sie ohnehin schon sind – und machen täglich 21 Millionen Euro Zusatzprofit. Das ist allerdings anteilig gerechnet nichts gegen das, was alleine der deutsche Staat an der Krise verdient.

Denn klammheimlich freut sich der Fiskus mit seinem SPD-Finanzminister Lars Klingbeil über die explodierten Energiepreise, weil er exorbitant gestiegene Steuereinnahmen verbuchen kann. Im März soll er alleine 390 bis 490 Millionen Euro mehr an Mehrwertsteuer eingenommen haben; jetzt wissen wir endlich, woher der Name dieser Steuer kommt, das sind bis zu 16 Millionen Euro täglich. Diese dreiste Abzocke lässt Kumpanei mit den Öl-Multis vermuten – und vermutlich wird deshalb auch nichts ernsthaft gegen die steigenden Preise an den Zapfsäulen und in den Heizkellern unternommen. Stattdessen wurde die unsinnige 12-Uhr-Regelung eingeführt, damit wir uns nur noch einmal am Tag aufregen – ausgerechnet vor dem Mittagessen. Das mag zwar die Herzinfarktrate reduzieren und damit die Krankenkassen entlasten und außerdem die Freude am Autofahren mit Verbrennermotor reduzieren; es zeigt aber auch aufs Neue, wie egal und unwichtig dieser Bundesregierung das Wohl der deutschen Staatsbürger und die Situation der Wirtschaft sind.

Grausige Todesmaschine

Immerhin schweigen jetzt die Waffen am Persischen Golf – obwohl es wirkt, als sei her auf halber Strecke innegehalten worden (apropos: Warum hat sich im Deutschen eigentlich die Bezeichnung Persischer Golf und nicht Arabischer Golf durchgesetzt? Die arabische Küste ist deutlich länger). Zumal der Ableger der Mullahs im Libanon, die Hisbollah, weiter gegen Israel kämpfen will – und es auch tun lässt, solange man diese Terrorarmee gewähren lässt. Weil die libanesische Regierung leider nicht in der Lage ist, der Hisbollah das tödliche Handwerk zu legen, führt Israel seine Angriffe auf den Süden des Landes – wo nach UN-Resolutionen und somit dem vielbeschworenen “Völkerrecht” schon seit 20 Jahren überhaupt kein einziger Hisbollah-Kämpfer mehr stehen geschweige denn Israel attackieren dürfte; trotzdem wird in deutschen Medien von einem “zweiten Gaza” geschwurbelt. Zwar könnte ein militärisches Mandat der UN diese Aufgabe übernehmen – aber das wollen die isla-mischen Mitgliedsländer nicht, zumal sich UN-Mandate in der Vergangenheit noch immer als wenig bis gar nicht wirkungsvoll erwiesen haben. Ob Frankreich bereit wäre, diese Aufgabe zu übernehmen, das einst unter dem „Völkerbund“ das Mandat für den heutigen Libanon hatte? Dann müsste wenigstens nicht Israel die „Drecksarbeit“ erledigen. Doch genau das soll ja am Pranger stehen für seine angeblichen Kriegsverbrechen und dafür, dass Juden die “Frechheit” haben, sich zu wehren und sich nicht tatenlos abschlachten zu lassen.

Man darf gespannt sein, ob der Iran den Konflikt Israels mit der Hisbollah wirklich dauerhaft zum Anlass nimmt, den Waffenstillstand im eigenen Land und vor der Haustüre zu widerrufen. Ohnehin hatten die neuen Mullahs – respektive die Revolutionsgarden als eigentliche neue Machthaber – einen Waffenstillstand nicht ernsthaft gewollt, sondern ihm nur unter dem wahnsinnigen Druck Trumps zugestimmt, der ihr Land ansonsten militärisch in die Steinzeit zurückbomben wollte – obwohl sich die schiitischen Machthaber kulturell und moralisch schon längst in der Steinzeit befinden. Es schmerzt, mit ansehen zu müssen, was aus dem großen Kulturvolk der Perser nach der „islamischen Revolution“ ab 1979 geworden ist; den Einzigen, denen das nicht mehr wehtut, sind die zahllosen von den Mullahs Hingerichteten. Ohne dass dem Regime tatsächlich das Handwerk gelegt wird – auf welche Weise auch immer –, wird dieses seine grausige Todesmaschinerie weiter am Laufen halten – ganz so, wie es Robespierre und Konsorten einst mit ihren Schafotten taten. Doch auch diese wurden vom eigenen Volk gestürzt. Vielleicht erfolgt dies bald auch im Iran; dann hätte der Krieg doch noch seinen Zweck erfüllt.


Donnerstag, 9. April 2026

Ox Fanzine: Perspektiven eines Ex-Nachrichtendienstlers

 

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Üblicherweise lehne ich Kooperationen mit größeren Medien inzwischen ab: Interviews, Stellungnahmen, Podcast. In meinen Augen ist das ein Verkauf der Integrität für die geringe Chance Fame abzugreifen. Die nur den Medien nutzt.

Ich wurde aber schon Ende des vergangenen Jahres von Daniel Schubert vom Ox Fanzine angefragt. Der auch echt ehrlich interessiert war. Und nicht nur aus meiner geografischen Ecke, sondern auch aus meinem sozialem Hintergrund kommt.
Also habe ich ein Interview gegeben. Das sich über mehrere Gespräche und Mails erstreckte. Erschienen ist es in der ersten Ausgabe des Ox in diesem Jahr.

Ich habe die Erlaubnis, es nun auch zu veröffentlichen.
Viel zu meinem Werdegang, Hintergrund, Arbeit und ich glaube, meine rheinisch-lakonische Schnauze schimmert auch durch. Einige Bilder habe ich eingebaut, die Ox aus Satzgründen nicht veröffentlichen konnte.

Daniel hat auch kein Frage-Antwort-Spiel daraus gemacht, sondern erzählt. Was ich sehr passend fand und hohes Niveau im Medienzirkus ist.

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Perspektiven eines Ex-Nachrichtendienstlers - JOEY HOFFMANN

Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Gezielte Desinformation und einseitige Berichterstattung gehören zum Handwerk kriegerischer Konflikte. Mit dem Krieg in der Ukraine und in Gaza ist diese bislang als Binsenweisheit wahrgenommene Floskel für mich als Mitteleuropäer mehr in meinen alltäglichen Erfahrungsraum gehuscht, sowohl was die geografische als auch die politische Nähe angeht. Und verfolgt man die Punk-relevanten Medien, tun sich auch hier Lager, Echokammern und Grabenkämpfe auf. Waffen für die Ukraine? Auf wessen Seite stehst du im Gaza-Konflikt? Insbesondere beim Thema Israel werden auch im Punkrock die Gräben tiefer und die Einstellungen verbitterter.

Ich versuche, mich vielseitig zu informieren, den Überblick zu behalten. Mache den Spagat von Jungle World und taz bis zur FAZ und NZZ, um doch immer wieder festzustellen, dass neben Brauchbarem auf allen Seiten viel Meinungsmache statt Berichterstattung mitschwingt, Analysen sich inhaltlich ähneln, oft Schnellschüsse sind und später widerlegt werden. Über mehrere Kanäle werde ich dann aufmerksam auf Joey Hoffmann und seine Plattform „U.M.“ (Ungesunder Menschenverstand). Ein politisch links stehender Ex-Soldat, Blogger mit militärischem Sachverstand. Ein Befürworter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und gleichzeitig ein konstruktiver Kritiker desselben. Der aussieht, als ob für ihn die DROPKICK MURPHYS und MOTÖRHEAD nicht fremd sind. Seine politischen Analysen beziehen sich rein auf militärisches Fachwissen. Eine journalistische Informationsquelle, die ich vorher erstens nicht auf dem Schirm und der gegenüber ich zweitens gewisse Berührungsängste hatte. Aber eine, die einen zusätzlichen Blickwinkel und damit einen Mehrwert in meine Nachrichtenroutine bringt.

Ich sprach mit Joey unter anderem über die Emotionalisierung von Nachrichten, das Problem des Agenturjournalismus und unsere eigene Verantwortung als Nachrichtenkonsument:innen.

Der Weg zum Nachrichtendienst

Wie er zur Bundeswehr kam, will ich wissen. Es war die damals noch geltende Wehrpflicht. Joey wird schlicht eigezogen, eine Woche später kommt die Musterung, keinen Monat später steht er im Trainingsanzug in der Kaserne. Die Grundausbildung macht er in einer Einheit nahe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Dort absolviert er die Grundausbildung. Anschließend lernt Joey Richtschütze auf dem Leopard II. Die Panzer, die inzwischen an die Ukraine gegeben wurden. Die Ausbilder dort kommen noch aus dem Kalten Krieg. „Das war schon eine harte Truppe. Im Krieg wäre die Einheit eine der ersten gewesen“, erinnert er sich.
Joey fängt an, sich über Berufsausbildungen bei der Bundeswehr zu informieren. Bewirbt sich dann für den Werdegang, der mit der zivilen Ausbildung zum Fotografen verbunden ist, besteht die Auswahl und wird vom Heer zu den Marinefliegern versetzt. Da sitzt er dann, Piloten in Anzügen, startende Tornados, und „von irgendwo hörte ich ständig die Titelmusik von ‚Top Gun‘.“ Alles selbst für einen Panzermann sehr beeindruckend. Mit seinem Ausbilder und späteren Teampartner geht es nach einem Begrüßungskaffee in den ‚Bunker‘. Im Bunker tut sich eine andere Welt auf.

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Aus meinem Archiv: Ich mit meiner ersten Schultüte. 1992

Luftbildauswerteanlagen, Leuchttische, Monitore, Fotos von russischen Schiffen und Häfen. Sein Ausbilder steht vor einer meterhohen Karte der Ostsee und erklärt, dass eine seiner Aufgaben als Mannschafter sein würde, mehrmals am Tag die Schiffspositionen zu plotten. Joey fragt, ob die jetzt da wirklich auch die russischen Schiffe plotten würden. Als Antwort zeigt der Ausbilder lapidar auf ein Zeichen, das beispielsweise eine russische Fregatte wäre, die gerade zurückfährt. Und ein anderes Symbol ein polnisches Schnellboot, das Patrouille läuft. Da packt es Joey. Das ist hier nicht zur Übung. Völlig klar ist das spätestens bei der Überprüfung durch den Militärischen Abschirmdienst MAD.

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Aus meinem Archiv: Der Bereich der ersten Staffel des MFG 2, der Bunker (Mitte links) unsere LKW (Mitte rechts) und man kann erahnen, dass wir zum Rauchen oder Grillen vor der Tür standen.

Die Laufbahn

Fachlicher Teil an der Offiziersschule der Luftwaffe in Bayern, Sprachenschule in Bremerhaven, Unteroffiziersschule bei Kiel. Später auch in anderen Einheiten, bei der NATO in Belgien. Er besucht Lehrgänge, hält Unterricht, brieft Crews.
„Wenn James Bond im Bunker mit M diskutiert und im Hintergrund schlurft einer mit einem Klemmbrett und einem Kaffee durchs Bild, schreibt etwas an eine Tafel und läuft vor sich hin motzend wieder aus dem Bild – das war ich. Vermutlich am Montagmorgen.“
Er macht eine Ausbildung zum Kaufmann und hängt anschließend an die sechs Jahre Dienst noch mal vier dran. Ein Leben lang Soldat zu bleiben, war aber nie sein Plan. Es sei völlig normal, dass man einen Vertrag für mehrere Jahre unterschreibt und dann ausscheidet. Nur die wenigsten werden Berufssoldaten und blieben das bis zur Pensionierung.

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Aus meinem Archiv: Pressebild meines damaligen Gruppenleiters an einer Luftbildauswerteanlage im Bunker.

Joey ist irritiert über meine Frage, ob er je so etwas wie einen „inneren Konflikt“ verspürt habe durch die unterschiedlichen Lebenswelten im Privaten und Beruflichen. Wir beide sind ähnlich alt und ich erinnere mich daran, dass es in meinem Umfeld bei vielen geradezu verpönt war, zum Bund zu gehen. Bei ihm sei das nicht so gewesen. Wirklich politisiert war keiner, da sei er eher die Ausnahme gewesen. Joey ist heute noch passives Parteimitglied bei den Grünen. Wer von seinen Kumpels verweigert hat, habe das schlicht aus Faulheit getan, um einen lauen Job um die Ecke zu bekommen: „Ich vermute, diese Ablehnung gab es mehr in Akademikerkreisen als bei Schweißern und Malern“, resümiert er.

» POLITISCH LINKS HAT FÜR MICH IMMER BEDEUTET, AUTORITÄTEN ZU HINTERFRAGEN. «

Autoritäten

Ich hake nach, dass viele, die sich politisch links orientieren, oft einen gewissen Antiautoritarismus verinnerlicht haben, so dass ihnen zum Beispiel der nötige Gehorsam in der Armee widerstrebt. Joey entgegnet, Antiautoritarismus sei, wie endgültiger Pazifismus, eine Illusion, die vielleicht jungen Menschen sexy erscheine, die rebellieren müssen. Die Lebensrealität grätsche da aber schnell rein. Es gebe ja nicht nur dienstliche Autoritäten, wie Lehrer, Polizisten oder „den Staat“, sondern auch fachliche Autoritäten, wie Trainer im Sportverein, die Professorin oder den Vorarbeiter. Und persönliche Autoritäten wie die Oma, die einfach weise ist. Antiautoritarismus sei selektiv, weil wir bestimmte Autoritäten akzeptieren und lernen, dass es ohne irgendwie auch nicht geht. Keiner versuche zum Beispiel, die Autorität seiner Zahnärztin zu hinterfragen, wenn sie die Spritze in der Hand hat. Der Mensch sei ein Rudeltier. Und Rudeltiere organisieren sich hierarchisch.
„Ich habe vom 14. Lebensjahr an American Football gespielt. Mit Ghetto-Kindern und Gymnasiasten. Jeder hatte eine bestimmte Position, auf die er spezialisiert war. Und hast du deinen Job nicht gemacht, hat das Team verloren. Hast du Scheiße gebaut, hast du 20 Liegestütze gepumpt.“ Was solle beim Militär also anders sein?

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Aus meinem Archiv: Ja, wir hatten schon Laptops.

Politisch links hat für Joey immer bedeutet, Autoritäten zu hinterfragen. Dass Adel oder Diktatoren nicht machen können, was sie wollen, und dass Macht diversifiziert wird. Nicht sie grundsätzlich abzulehnen. „Wenn mein Football-Trainer vom Platz gegangen ist, war er Müllmann. Man hat nicht gelernt, seine Autorität auf dem Platz zu hinterfragen, sondern in Müllmännern mehr zu sehen als nur Müllmänner.“
Joey findet, es sei ein sehr linker Ansatz, den Menschen zu sehen und zu achten für das, was er ist. Nicht für das, was er darstellt. Ein Militärausbilder habe eine dienstliche Funktion. Aber er wolle die Person nicht beherrschen, sondern denjenigen, der vor ihm steht, zu einem Soldaten machen. Was dessen und andere Leben retten könne.

Die Motivation

In die Rolle als MilBlogger ist Joey reingerutscht. Das Militär war eigentlich längst abgehakt. Aufgrund eines Unfalls erlitt er zwei Schlaganfälle. Während der Genesung fängt er zuerst an, über E-Zigaretten zu bloggen, wird Fachjournalist. Nicht als Influencer, sondern im Bereich „Medien, Wissenschaft, Politik“. Er gibt auch großen Medien Interviews oder berät sie für Beiträge. Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine fängt Joey ad hoc an, Leuten auf der Facebook-Fanpage zu erklären, was sie da im Fernsehen sehen und wie Krieg funktioniert. Die Ängste der Leute sind groß, viele denken, der Dritte Weltkrieg stehe vor der Türe. „Ich konnte wohl viele beruhigen und habe bis heute ständig dieses Feedback. Krieg ist in unserer Gesellschaft ja nicht nur etwas Fremdes geworden, es ist etwas quasi Undenkbares. Militär ist etwas Unheimliches, Soldaten gelten als dumme, obrigkeitshörige Roboter“, beschreibt Joey die Situation.
Obwohl Krieg auf dem Rest des Planeten immer noch die Realität darstellt, hätten wir uns jahrzehntelang in einer friedlichen Parallelwelt eingerichtet, wofür Deutschland lieber mit Geld als mit Verpflichtungen bezahle. Das habe uns „friedensverwahrlost“ gemacht.
Es kommen immer mehr Fragen von Leuten, die Recherchen nehmen einen immer größeren Teil seiner Arbeit ein. Daher wurde er geradezu genötigt, dafür Geld zu nehmen. Das Projekt „U.M.“ entsteht, eine Facebook-Fanpage, eine Homepage, und inzwischen schreibt Joey auf Steady, wo man kostenpflichtig Mitglied werden kann. Er sieht das als eine Art Community-Projekt und versucht nach wie vor, das meiste ohne Bezahlschranke zu lassen. Eben wegen der Anfänge.

Der Preis für Sicherheit und Wohlstand

Der polarisierende Begriff „Friedensverwahrlosung“ erinnert mich an den Begriff Wohlstandverwahrlosung. Das klingt für mich nach einer Mitschuld von uns allen. Ob das der Preis der Sicherheit und des Wohlstands ist, will ich wissen.
Joey entgegnet, dass wir zwar eine Verantwortung tragen, aber keine Schuld. Schuld sei ein schwieriges Wort. Niemand sei schuld.
Es gebe seit der Antike nicht einen einzigen Tag, an dem weltweit Frieden herrschte. „Aber wir haben in Europa so lange Frieden wie nie zuvor und eine umgekehrte Söldner-Mentalität entwickelt. Krieg betrifft uns nicht. Darum kümmern sich andere. Diejenigen, die so doof waren, zum Militär zu gehen. Soldat zu sein ist zu einem Job geworden, den man sich ja selber aussucht. Als Ursula von der Leyen Verteidigungsministerin wurde, galt ihre erste Sorge Kindergärten in Kasernen, um den Job attraktiver zu machen, nicht Nachwuchs oder Gewehren. Wir hätten uns aus der Verantwortung geschlichen, uns freigekauft. Vor allem Deutschland.“

Wir seien unfähig geworden, Gefahren zu erkennen oder erkennen zu wollen. Hätten der Selbstverteidigung abgeschworen. Das bräche nun in sich zusammen. Die USA seien nicht mehr bereit, die Verantwortung für andere zu tragen. Europäische Politiker hätten es längst erkannt, wüssten aber noch nicht, wie sie es ihren Wählerinnen und Wählern schonend beibringen sollen.
„Wir waren so geil auf das zweite Auto, dass wir uns mit einem russischen Diktator ins Bett gelegt haben. Und sind dann erschrocken, dass das Öl plötzlich teuer wird, weil der das natürlich eingepreist hat, als er die Ukraine überfallen hat.“
Seit Jahren brenne der Nahe Osten lichterloh und wir seien inzwischen so in einer Massenpsychose gefangen, dass wir Islamisten als Freiheitskämpfer sehen und dem alles andere unterordnen. Weil in Israel genau deshalb gerade Rechtsradikale regieren. Und wir nicht zur Kenntnis nehmen, wie viele in Israel die Demokratie verteidigen, indem sie zu Recht auf die Straße gehen. „Ich hoffe, Europa wird früh genug wach“, schließt er dieses Thema ab.

» NIEMAND WILL JEMANDEN WIE MICH IN DER TALKSHOW ODER DER REDAKTION SITZEN HABEN. «

Warum Blogger?

Ob das einfach sein Ding ist oder Redaktionen zu viele Berührungsängste mit dem Fachgebiet Krieg haben, will ich wissen. Es habe nie den Gedanken gegeben, Journalist in einer Redaktion zu werden. Und heute würde Joey es auch nicht mehr wollen, weil er durch seine Arbeit täglich sehe, wie unsachgemäß Medien berichten würden. Dabei geht es ihm nicht um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder „böse“ Journalisten, die zu einer Seite tendieren, sondern um Agenturmedien, Nachrichtenmedien und die Mechanismen, nach denen sie funktionieren.
Joey kommuniziert viel mit Journalist:innen. Er beschreibt sie als nette, offene Menschen, die wissen, was läuft. Aber Informationen seien eine Ware. Und es werde produziert, was sich gut verkaufen lässt. Und wenn das ein israelischer Luftschlag gegen ein Krankenhaus ist, bei dem 500 Menschen sterben, dann werde das produziert. Wenn später rauskäme, dass es eine verirrte Rakete des palästinensischen Dschihad auf einem Parkplatz war, die kaum Menschen getroffen haben kann, sei der Medienzirkus längst weitergezogen. Die Chefredaktionen wollten das so, ebenso die Verlage, die Vorstände. Der einzelne Journalist habe damit, abgesehen von Kompetenzlosigkeit, weil er in Ennepetal Politologie und Sozialwissenschaften studiert hat, wenig zu tun. Einige seien tendenziös. Und die würden dann in Talkshows eingeladen oder live zugeschaltet. Weil es sich verkauft. „Niemand will jemanden wie mich in der Talkshow oder der Redaktion sitzen haben“, zieht er als Fazit.

Die Quellen der MilBlogger

Geheime Quellen seien eine Legende, James Bond und Jason Bourne Quatsch, stellt Joey klar. Was Nachrichtendienste zu weit über 90% machen, sei Informationsverarbeitung aus offenen Quellen. Der Begriff dafür ist OSINT, Open Source Intelligence. „Wir hätten in den 1990ern davon geträumt, dass es offen zugängliche Satellitenbilder von der ganzen Welt gibt. Mit Straßennamen und geografischen Daten.“
Big Brother war gestern, die Zukunft habe uns längst überholt. Über Social Media bezahlen wir ja auch noch freudestrahlend mit unseren Daten für die Illusion gesellschaftlicher Relevanz. Was er macht, könnte grundsätzlich auch jede Redaktion leisten, sagt Joey. Mehr sogar, denn die hätten auch die Kapazitäten, einfach mal aktuelle Satellitenbilder zu kaufen. Aber denen fehle die Kompetenz, das Handwerk. Und aus wirtschaftlichen Gründen der Wille.

» MILITÄR IST ETWAS UNHEIMLICHES, SOLDATEN GELTEN ALS DUMME, OBRIGKEITSHÖRIGE ROBOTER. «

Analyse von OSINT-Quellen

Nach einem Beispiel für seine Quellenarbeit gefragt, nennt Joey den Luftschlag gegen das Al-Ahli-Krankenhaus im Oktober 2023 am Anfang des Gaza-Kriegs. Da wurde von der Hamas gemeldet, Israel hätte das Krankenhaus „bombardiert“ und fast 500 Menschen getötet. Diese Meldung haben Medien weltweit übernommen. Joey erscheint das absurd:
„Selbst wenn man Israel für den Satan hält, hätte das in dieser Phase des Krieges militärisch gar keinen Sinn ergeben.“ Ganz ohne die Moral zu bemühen, die in keinem Krieg eine Rolle spielt. So eine Bombe kostet schließlich locker so viel wie ein Eigenheim in Castrop-Rauxel. Und das, um ein paar Kranke aus dem Bett zu schießen? „Es war so absurd, dass ich spontan lachen musste.“

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Aus meinem Archiv: Teil der Auswertung des angeblichen Luftschlages gegen das Al Ahli Krankenhaus.

Schon morgens seien Pressefotos auf Stock-Plattformen angeboten worden, sogenannte „Wirkungsbilder“. Die Bilder hätten aber nicht nur gezeigt, dass die „Bombe“ eine kleine Rakete war, die auf einem Parkplatz runtergekommen ist, sondern dass sie nicht einmal einen Krater hinterlassen hat und nur ein paar Fenster der Gebäude eingedrückt waren. Selbst ein Krankenwagen 30 Meter weiter sei unbeschädigt gewesen. Joey hat sich diese Satellitenbilder angeschaut und das Ganze vermessen.

Detektivgeschichte: Die Bombe auf das Ahli Krankenhaus
Am frühen Abend des 17.10.2023, in den ersten Tagen des Gazakrieges, detonierte etwas auf dem Parkplatz des Al-Ahli Krankenhauses in Gaza-Stadt. Die Hamas meldete einen…
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Die später von den Israel Defense Forces/IDF veröffentlichten Infrarotbilder hätten dann auch gezeigt, dass sich vorm Einschlag kaum jemand dort aufgehalten hat. Vermutlich weil das der Hintereingang war, ein Mitarbeiterparkplatz. Die Zahl von 500 Toten sei also absurd. Zumal das Krankenhaus zu der Zeit nur 80 Betten hatte. Später kam heraus, dass es sich um eine verirrte Rakete des Islamischen Dschihad in Palästina/PIJ gehandelt hatte. „Solches Friendly Fire hat es zu tausenden gegeben.“
Das also bedeutet OSINT: Man nimmt verfügbare Quellen und spielt Sherlock Holmes. Joey legt Wert darauf, seine Quellen immer sehr transparent zu machen. Die Ergebnisse würden jedoch nicht immer allen passen. „Von irgendwem werde ich immer angefeindet. Sowohl von links als auch von rechts.“

Und die Ukraine?

Angesprochen auf ein OSINT-Beispiel aus dem Krieg in der Ukraine, fällt Joey ein Ereignis von September 2024 ein, als zwei Raketen in ein Gebäude im ukrainischen Poltawa einschlugen. Sofort sei die entsprechende Erregung online da gewesen. Joey habe das Gebäude zunächst auf Satellitenbildern gesucht, es „einorientiert“ und „lokalisiert“. Da er dann die Adresse hatte, konnte er schlicht und einfach auf Google Street View nachschauen. Und tatsächlich gab es ein Bild des Eingangs zu dem Gelände. Mit einem großen Schild in Kyrillisch, dass es sich um das „Poltawa Militärinstitut für Kommunikation“ handelte. Ob man Russland nun möge oder nicht, aber so kam er zu dem Schluss, dass das ein legitimes militärisches Ziel gewesen sei. Und dass Russland hier auch nicht den Double-Tap verwendet habe, sondern einfach zeitnah zwei Marschflugkörper abgefeuert habe. Das würde die Bundeswehr nicht anders machen.

Analyse Luftschlag Poltawa: Krankenhaus? Schule? Universität?
Gestern Vormittag schlugen vermutlich zwei Raketen in ein Gebäude in der ukrainischen Stadt Poltawa ein. Von beiden Seiten werden Informationen verbreitet, die nicht…
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Stellenwert von MilBlogger:innen in der Medienlandschaft

Ob MilBlogger:innen in Deutschland einen geringeren Stellenwert haben als in anderen Ländern, möchte ich wissen. Joey betont, dass „MilBlogger“ ein Kunstbegriff ist und es nur sehr wenige davon gibt. Die meisten sehen sich als „Vlogger“ und Streamer. „Mir ist niemand bekannt, der das im deutschsprachigen Raum in meiner Art macht. Ich nenne mich lieber MilBlogger, um Debatten zu vermeiden.“ Per Definition sei er Journalist. Zu bloggen gebe ihm auch die Freiheit, deutlicher seine Meinung kommunizieren zu können. Und das sei der Grund, warum MilBlogger keinen hohen Stellenwert in den Medien haben.
Die Agenturmedien hätten gar nicht die Zeit und Kompetenz zu prüfen, wer von dem Thema wirklich Ahnung hat und wer nicht. Da würden dann lieber Leute wie Erich Vad eingeladen, der am Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine bei Maibritt Illner vor Millionen prognostizierte, in ein paar Tagen wäre die Sache gelaufen. „Geradlinig in den Generalstab, keine Zeit in der Truppe, bei Merkel offenbar rausgeschmissen, ein Hafensänger par excellence.“ Aber bei dem könnten die Medien dann „Ex-General und Merkel-Berater“ in die Bauchbinde schreiben.
Oder der „NATO-General“ Kujat, der seit 20 Jahren in Pension ist und mit seinen russlandfreundlichen Narrativen inzwischen bis zu kleinen YouTubern durchgereicht worden sei: „Halt irgendwo ein Mikro in die Luft und sag ‚Russland‘, und schon erscheint ein Kujat und spricht hinein.“
Die Frage nach mehr Akzeptanz von MilBlogger:innen in Nachbarländern mit einer anderen Militärtradition wie Frankreich oder Großbritannien verneint Joey. Das sei in fast allen NATO-Staaten gleich, mit Ausnahme der USA, wo die Medienlandschaft und die Nachrichtenmedien tendenziöser seien. In Russland hätten MilBlogger vor dem Hintergrund des nationalistischen Putinismus teilweise eigene Sendungen im Staatsfernsehen.

Berührungsängste mit dem Militär in Deutschland

Die Scheu diesem Themenfeld gegenüber läge in Deutschland vor allem an den politisch mehrheitlich links und grün besetzten Redaktionsstuben. Dabei verortet er sich politisch selbst da, das seien schlicht die Fakten. „Linke studieren Journalismus, Ausdruckstanz oder ‚was mit Menschen‘, Rechte studieren Wirtschaft und Jura.“ Es sei einfach das Bewusstsein für das Militär verloren gegangen. Soldaten seien akzeptiert, wenn Sandsäcke für eine Überschwemmung organisiert werden müssen. „Wie soll eine Journalistin, für die das Militär etwas Unheimliches und Fremdes ist, entscheiden, wen sie interviewen oder für einen Podcast einladen soll?“
Das sei auch sein Grund, eigentlich alle Presseanfragen abzulehnen. Weil die Fragen entweder spürbar auf ein gewünschtes Ergebnis abzielen oder schlicht strunzdämlich seien. Zu diesem Gespräch für das Ox sagt er: „Bei euch habe ich eine Ausnahme gemacht, eben weil ihr aus einer ganz anderen Ecke kommt und du mir ehrlich interessiert erschienst.“
Bei seiner Aussage „Militär ist Handwerk“ dächten die allermeisten ganz sicher ans Schießen. Handwerk bedeutet aber auch Strukturen, Taktik und Abläufe. Die Bundeswehr hat auch Ingenieur:innen, Ärzt:innen und Rechtsanwält:innen. Zur Frage des mutmaßlichen Genozids im Gazastreifen würden irgendwelche Soziolog:innen befragt, anstatt mal Jurist:innen zu befragen, die selber gedient haben. „Die können das, was dort passiert, ganz sicher besser beurteilen als ein Professor in den USA oder eine Organisation von ‚Genozid-Forschern‘, bei der jeder Mitglied werden kann.“

Militär als „Handwerk“

Ich frage nach, ob er die International Association of Genocide Scholars/IAGS meint, von der ich auch schon gelesen habe. Dort kann jede:r ohne Prüfung seiner Qualifikation online gegen eine Gebühr eintreten. Offenbar eine unwissenschaftliche, rein ideologische Veranstaltung. Sind denn seiner Erfahrung nach MilBlogger:innen weniger ideologieanfällig als zivile Kriegsberichterstatter:innen und Journalist:innen? Haben sie mehr Distanz zum Geschehen, wenn Militär „Handwerk“ ist?
Das sei seine feste Überzeugung, zumindest in unseren Gefilden, entgegnet Joey. Bei chinesischen, russischen oder nordkoreanischen Journalist:innen sei das sicher anders. Kriegsberichterstatter machten oft einen guten Job. Aber die gebe es ja so gut wie nicht mehr. Aus Redaktionsstuben geführte Agenturmedien wären so bestimmend, dass die Bundeswehr inzwischen Kurse für Journalisten anbietet, damit die wenigstens rudimentär wissen, wie man sich verhält. Er bringt ein Beispiel:
Ein ziviles Haus wird getroffen. Sofort ist die Aufregung groß. Jemand mit etwas „Handwerk“ sehe aber schnell, wie und womit das Haus beschossen wurde. Einem Panzer, einer kleinen Rakete, einer großen Rakete, einer lasergelenkten Bombe. Und daraus ergebe sich dann ein viel weiterer Horizont, weil bestimmte „Wirkmittel“ für bestimmte Zwecke verwendet werden. Man komme ja auch nicht mit einem Messer zu einer Schießerei.

„Handwerk“ entlarvt Propaganda?

Als Anfang Juli 2025 das Café am Strand von Gaza-City getroffen wurde, sei sofort wieder „Stimmung“ auf Social Media und in den sonstigen Medien gewesen. Weil durch die unsachgemäße mediale Formulierung „Café bombardiert“ und die Propaganda der Eindruck entstehen musste, dass Israel dort einfach ein Restaurant beschossen hätte. „Hätte Israel das aber gewollt, hätte es da einfach einen 4.000-Pfünder reingesetzt und das Strandcafé wäre nur noch Strand.“

Luftschlag gegen das Strand-Café: Hintergründe, Erklärungen,…
Stellen wir uns einen Krimi vor, wie Agatha Christie ihn geschrieben hätte. Ein mutmaßliches Verbrechen, ein Ermittler, ein eingeschränkter Personenkreis, ein paar Tote,…
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Also habe Joey die Informationen ausgewertet und habe zeigen können, dass dort eine lasergelenkte Bombe in einem Präzisionsschlag auf ein dezidiertes Ziel gesteuert wurde. Nämlich auf den Hamas-Kommandeur des Dschabaliya-Bataillons, Hisham Mansour, der den Job von seinem Vater, Ayman Atiya Mansour, übernommen hatte. Der wiederum wurde schon vor dem Krieg von einem Verwandten und Hamas-Mitglied Eid Muhammad Mansour zusammen mit seinem Sohn erschossen. Eine skurrile Geschichte, die aus der Netflix-Serie „Fauda“ stammen könnte.

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Aus meinem Archiv: Hisham Mansour (rechts) mit seinem Vater und vorherigem Kommandeur der Hamas Ayman Atiya Mansour.

„Ich habe erklärt, wie feinteilig eine solche Operation ist, wie viele Menschen daran mitgewirkt haben, dass Mansour wahrscheinlich in dem Café war, um Hamas-Affiliierte bar zu bezahlen, dass deshalb auch zwei ‚Journalisten‘ dort anwesend waren, und und und ...“ Außerdem sei der Treffer neben das Café gegangen. Jemand mit etwas Ahnung sehe das, sehe den Krater, das Ziel, die Tageszeit, und wüsste, was dort los gewesen sei. In der öffentlichen Wahrnehmung werde bleiben: „Café bombardiert“. Joey: „Und wenn die Israelis etwas können, dann ist das beschissene Presse zu produzieren.“

Kann eine Versachlichung vor Fake News schützen?

Joey setzt auf die faktische Versachlichung von Krieg, um diesen zu verstehen. Ich möchte wissen, ob er darin eine Möglichkeit sieht, den Faktor der emotionalen Manipulation der Leser:innen seitens anderer Medien zu minimieren und damit auch Fake News entgegenzuwirken. „Ich bemühe mich. Es ist mein Antrieb, wenigstens ein kleines Sandkorn im Getriebe zu sein. Ich bin nicht illusorisch.“
Der Mensch bevorzuge emotionalisierte Informationen. Das werde auch er nicht ändern. Auch da sei leider wieder Israel ein gutes Beispiel. Vor allem im linken Spektrum habe sich eine mindestens antiisraelische bis antisemitische Haltung längst verfestigt. Das habe bereits mit der Nähe der Studentenbewegung, der APO und der RAF zu den Palästinensern begonnen.

Grundlagen: Linksradikaler Antisemitismus – Die vergessene…
Rainer Langhans (l.) und Dieter Kunzelmann beim „Vietnam-Kongress“ in Berlin, 1968. Am 9. November habe ich mit einem kurzen Posting auf der Facebook Fanpage an den…
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Damals noch tiefrot, die Fatah sei bis heute eher sozialistisch. Und dafür würden ganz viele Dinge ausgeblendet. Zum Beispiel, dass die Hamas im Gazastreifen eindeutig radikalislamistisch ist und sogar einen gewaltsamen Bürgerkrieg gegen die Fatah geführt hat. Es treibe Blüten wie „Queers for Palestine“, die nicht nur im Gazastreifen vom Hochhaus geworfen würden. Jahrzehnte feministischer Bewegung würden auf den Haufen der Geschichte geworfen, nur weil man Israel als „kolonialistisches Projekt“ des „imperialistischen Westens“ ausgemacht haben will.
Das Gleiche gelte auch für Russland. Viele Leute aus dem linken Spektrum argumentierten bis heute pro Russland, obwohl die nationalistische, ultrarechte Partei Jedinaja Rossija, Vereintes Russland, seit 20 Jahren mit absoluter Mehrheit stramm durchregiert, die Medien gleichgeschaltet habe und gezielt Arme, Kriminelle und Angehörige von Minderheiten als Kanonenfutter ins Artilleriefeuer treibe. Der Jemen und der Sudan, wo derzeit mehr Menschen auf der Flucht sind als in Niedersachsen leben, interessierten die Menschen nicht, weil ihr Schwarzweißdenken da nicht mehr funktioniere. Sie wüssten gar nicht, wer da gegen wen kämpft. „Der Kongo ist größer als Mitteleuropa und alle halbe Stunde wird dort ein Kind vergewaltigt. Ein blinder Fleck der Orientierungslosigkeit, weil dort Rebellen und Milizen kämpfen und der IS mitmischt. Gut und Böse zu unterscheiden wird dort schwer. Da geht man doch lieber zu einer Demo, die ein Ende der Waffenlieferungen an Israel fordert.“ Obwohl es gar kein Verständnis dafür gebe, was überhaupt geliefert wird.

Joeys „Community“ auf der Facebook-Fanpage verspotte ihn dauernd als Don Quijote oder Sisyphus. Aber das sei es, was eine Demokratie fordert: inhaltliche, faktische Auseinandersetzung. Natürlich vertrete er seine Meinung, die grundsätzlich viel differenzierter sei, als Schreihälse es ihm unterstellen. „Ich habe Argumente. Aber Fakten sind die Pfeile, die ich im Köcher habe.“

Die Macht(losigkeit) der Nachrichtenkonsument:innen

Menschen lieben also emotionalisierte Nachrichten und beeinflussen dadurch die Nachrichtenauswahl der Redaktionen. Haben wir als Kund:innen es nicht eigentlich durch unsere Klicks selber in der Hand? Was müsste sich Joeys Meinung nach verändern, damit uns das als Nachrichtenkonsument:innen bewusst wird? Nach der Marktlogik müssten die Redaktionen doch darauf reagieren, oder? Dahinter stehe ein psychologischer Mechanismus, erläutert Joey. Er sei nicht resigniert, sondern Realist. Das werde man nie ändern. Ändern könne man etwas an der Kompetenz in den Redaktionen. Aber dafür gebe es keinen wirtschaftlichen Anreiz. Was er viel entscheidender findet und was viele nicht wüssten:

In Deutschland zählt das Agenturprivileg. Die Hisbollah, der Iran oder Russland zum Beispiel bringen eine Meldung. Agenturmedien greifen diese auf und verkaufen sie in die Welt. Und die veröffentlichenden Medien seien juristisch nicht mehr verpflichtet, sie zu prüfen. Sie müssten noch nicht einmal darunter schreiben, dass sie die Meldung nur gekauft haben. Die Lobby habe das so durchgedrückt. Es gebe in Deutschland Plattformen, auf denen das vollautomatisiert passiere: Übersetzung per KI, andere Überschrift, ein Bildredakteur sucht noch etwas Passendes heraus und schon geht es online. Joey: „Eine Analyse hat gezeigt, dass nur 4% der Berichte zu Gaza in großen englischsprachigen Medien israelische Zahlen wiedergaben, aber 100% die Zahlen der radikalislamistischen Hamas. Von denen auch die UN so tut, als seien es ihre vermeintlich unabhängigen Quellen. 20% der Berichte nannten die Zahlen der Hamas sogar ohne Quellenangabe. Nur 15% enthielten den Hinweis, dass bei palästinensischen Zahlen zwischen getöteten Zivilisten und Kombattanten nicht unterschieden wird.“ Und bloß bei 1% der Berichte würden die Zahlen der Hamas kritisch hinterfragt. Nachzulesen sei das bei „Questionable Counting“ von Andrew Fox, einem britischen Hochschuldozenten und Veteran. „Das soll ausgewogene Berichterstattung sein? Oder gar Berichterstattung zugunsten Israels?“

Warum „ungesund“, wenn Fakten gesund sind?

Musiker:innen soll man eigentlich nicht zu ihrem Bandnamen befragen. Bloger:innen auch nicht zu ihrem Blognamen? Ich will trotzdem wissen, warum Joey seine Plattform „Ungesunder Menschenverstand“ nennt? Fakten sind doch gesund. Joey wird philosophisch.
Bei Aristoteles sei der „gesunde Menschenverstand“ die Fähigkeit gewesen, die Wahrnehmung mit einem Gedanken zu verknüpfen. Schmecke man einen Apfel, habe man wohl in einen Apfel gebissen. Diesen Bedeutungsinhalt finden wir auch im lateinischen „sensus communis“, aus dem der englische „common sense“ wurde. Kant habe daraus aber etwas anderes gemacht: Die Fähigkeit, selber denken zu können. Durch Nachdenken zu Schlüssen zu kommen. Heute verstünden wir darunter, dass jeder Mensch eine Art inneren Mechanismus hat, der ihn automatisch zu den richtigen Ergebnissen kommen lässt. Aber die Meinung, das Fürwahrhalten, sei immer davon abhängig, welche und wie viele Informationen wir vorher haben. Psychologen und Juristen wissen, wie fehlerhaft das Hirn arbeitet. Im Bezug auf die mediale Berichterstattung hätten wir aber häufig nicht alle Informationen. Durch das Netz 2.0 würden unsere Informationen gefiltert. Das Netz sei zum Gegenteil dessen geworden, was man sich damals erhofft hatte. Deshalb sei es damals eine spontane Idee gewesen, das Projekt kurz „U.M.“ zu nennen. „Für den, ironisch, ungesunden Menschenverstand, der versucht, Informationen zu bekommen, bevor er sich eine Meinung bildet.“

Ganz ohne Musik geht es nicht

Wir sind ein Musikzine. Ohne Musik geht es daher nicht. Welche seine fünf Lieblings-Antikriegslieder sind, will ich wissen. „Ich bin auch Soldat geworden, da ich, obwohl Krieg zwar scheiße ist, Pazifismus eben nicht für die Lösung halte. Si vis pacem para bellum.“ Joey mag Antikriegslieder.
Bei „Brothers in arms“ von den DIRE STRAITS dürften auch große Männer Pippi in den Augen haben, findet er. „Gimme shelter“ von den ROLLING STONES und Jimi Hendrix’ Version von „All along the watchtower“ zählt er auch dazu. Sein absoluter Spitzenreiter ist „Fortunate son“ von CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL, weil es genau sein Gefühl der Zeit widerspiegelt. Und einen besonderen Platz hat für ihn „Born in the USA“ von Bruce Springsteen. Trumps Team habe beim ersten Wahlkampf den Song als Einlaufmusik verwendet, wobei anscheinend keiner verstanden habe, was er wirklich bedeutet.

Linke und Punks in Bundeswehrhosen

Zum Abschluss frage ich Joey noch, woher die Liebe von Punks zu Militärklamotten kommt. Das Phänomen erklärt er damit, dass einst in den USA die Rocker aus Veteranen hervorgegangen seien, die teilweise noch ihre alten Armeeklamotten trugen. Daher kämen sicher auch die „Badges“ auf den Kutten. Der Biker auf dem ikonischen Foto der Hollister Riots von 1947 trägt Klamotten, die schon sehr an die Army dieser Zeit erinnerten. An den Vietnam-Protesten hatten ebenfalls Veteranen teilgenommen, die als Zeichen, dass sie selber in der Scheiße saßen, die Jacken und bestimmte Abzeichen weiter getragen haben.
Also was wäre da näherliegend, als sich eine alte Armeeklamotte zu besorgen und ein paar Badges aufzunähen oder ein A auf den Rücken zu sprühen? „Außerdem gab es überall NATO-Shops, in denen man aus Restbeständen eine M65-Feldjacke oder eine Bundeswehrhose für zehn Mark abgreifen konnte.“

Ox ist ein Fanzine.

Bedeutet, es ist von quasi nicht-Journalisten mit Herzblut gemacht. Die als Fachjournalisten meiner Erfahrung nach professioneller und gewissenhafter arbeiten, als viele große Medien.
Das Interview mit mir war ein Double-Feature in einem Heft mit einem Interview mit Mark Beneke, vielen weiteren Interviews, Reviews und und und. Auf unfuckingfassbaren 174 Seiten.

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