Freitag, 10. April 2026

Trotz Medien-Häme und überschäumendem Trump-Hass: War der Irankrieg wirklich ganz „umsonst“?

von Albrecht Künstle

US-Marineeinheiten in der Straße von Hormus



Die USA und Israel haben auf ganzer Linie verloren – so lautet das überwiegende Resümee der Meinungsmacher der bekannten Zeitungen und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Und die Kommentare in den alternativen Medien sehen kaum anders aus: Wir seien in einer noch schlechteren Position als schon vor dem Irankrieg, wird kolportiert. Dietmar Osterhase – sorry: Ostermann – kommentiert in der “Badischen Zeitung”, die Revolutionsgarden “demonstrieren aller Welt“, dass sie den Schlüssel für die Straße von Hormus in Händen halten. So einfach machen es sich deutsche „Qualitäts“-Kommentatoren. Ja, soll denn die Welt solchen Machtdemonstrationen einfach nur zuschauen? Der Krieg sei „umsonst“ gewesen, so das verkürzte Fazit – natürlich nicht hinsichtlich der Kosten. Bloß wird hier einiges vergessen. Denn: Wie war denn die Lage vor dem Krieg?

Das, was die Hamas am 7. Oktober 2023 im “Kleinen” erprobte – den Überfall auf Israel, den Massenmord an Juden und die Geiselnahmen – das drohte sehr wohl in Bälde im Großen zur real völkermordenden Realität zu werden. Die iran-islamischen Befehlshaber über die Hamas, Hisbollah und Huthi in Teheran arbeiteten nämlich seit Jahren fieberhaft an ihrer “Endlösung” für Israel, umso mehr seit den punktuellen Luftangriffen vom vergangenen Sommer. Sie reicherten weiter Uran in atomwaffenfähiger Konzentration an. Nur zur Verteidigung? Von wegen! Sie machten gar keinen Hehl daraus, dass sie das jüdische Israel aus dem Nahen Osten bomben wollten. Die Devise lautete “vom Jordan bis zum Mittelmeer” (entsprechend der auch auf unseren Straßen von Linken und Palästinensern dauerskandierten Parole „from the river to the sea“) und besagte, das Territorium Israels müsse ihren Glaubenskämpfern gehören. Und auch wenn niemand weiß, wie lange es noch bis zur Atomschlagfähigkeit gebraucht hätte, stellten sie permanent unter Beweis, dass sie – solange sie „die Bombe“ nicht hatten – auf ein quantitativ und qualitativ beängstigendes Raketenarsenal zurückgreifen konnten. Man stelle sich vor, all die seit Kriegsbeginn bisher auf arabische Ziele niedergegangenen Raketen wären ebenso treffsicher auf das kleine Israel abgefeuert worden!

Das Volk muss die Tyrannei beenden

Der Irrglaube von Netanjahu und Trump war es allerdings anzunehmen, dass ein Tyrannenmord – die Enthauptung des Mullah-Regimes von außen – ein Fanal auslösen würde, das die Volksmassen nicht nur auf die Straßen treiben, sondern sie die zweite Garde der schiitischen Herrschaften aus ihren Palästen holen und dort aufknüpfen lassen würde, so wie die Mullahs zuvor abertausende Menschen aufgehängt hatten. Enge Vertraute meinten wohl zu Recht, dass die Zeit dafür noch nicht reif sei; vielleicht hätte man auch wissen können, dass Tyrannenmorde in Regimes, die so lange stabil an der Macht sind (ein halbes Jahrhundert lang fast!) schnell scheitern können. Im Hitler-Deutschland schlug nicht nur der Versuch vom 20. Juli 1944 fehl, sondern davor schon eine ganze Reihe von Attentaten und Enthauptungsschlägen. Aber sollte es deshalb nicht trotzdem weiter versucht werden? Stauffenberg und seine Mitstreiteiter werden zu Recht jedes Jahr gefeiert – doch jetzt wird der Versuch, die iranische Diktatur zu stützen, von fast allen im “Wertewesten” verurteilt, mit dem Vorwand, es seien ja die bösen Amis und nicht das iranische Volk selbst. Dass Trumps und Netanjahus Ziel die Hilfe zur Selbsthilfe der Iraner war, wird ausgeblendet – wenngleich dieses Ziel eben, wie gesagt, arg naiv war, weil es wohl doch mehr als eine militärische Regimedestabilisierung von außen braucht.

Möglicherweise ist dieses doppelzüngige Verhalten ja dem Umstand geschuldet, dass Amerikaner und Briten 1953 den frei gewählten iranischen Präsidenten Mossadegh stürzten und dadurch die Macht des Schah-Regimes bewahrten, das dann wiederum in der Revolution von 1979 durch Chomeini gestürzt wurde, nachdem man ihm zuvor jahrelang die Möglichkeit der Indoktrination seiner Anhänger vom Exil in Paris aus gegeben hatte. Schon als der Schah 1968 Berlin besuchte, kam es zu blutigen Krawallen durch Studenten und linke Gruppierungen – und als er gestürzt wurde, war auch hierzulande der Jubel groß. Die Linken glaubten, hier sei eine Revolution des Volkes gegen den US-Imperialismus und seine Schergen geglückt; in Wirklichkeit war es ein islamistischer Rückfall in die islamistisch-fundamentalistische Barbarei. Doch mit der Einsicht, dass man sich damals geirrt hatte, taten sich deutsche Politiker immer schwer, vorneweg der heutige Bundespräsident Steinmeier.

NATO-Krise: Hört beim Geld die Freundschaft auf?

Haben wir es nur dem Krieg zu “verdanken”, dass die Straße von Hormus gesperrt wurde? Nein: Der Iran wollte schon lange seine Strategie realisieren, eine Mautgebühr für die immerhin über 50 Kilometer breite “Meerenge” zu den Arabischen Emiraten zu verlangen um seinen Terror und den seiner Vasallen gegen andere Staaten zu finanzieren – oder als Alternative zu sperren. Der Iran testete jetzt lediglich, wie weit sich diese Kontrolle durchsetzen lässt, ohne eine weitere Eskalation des Krieges zu provozieren. Die schrittweise Einführung von Registrierung, Begleitung und Zahlungen folgt dabei einem klaren Muster: Erst etablieren, dann normalisieren. Völkerrechtlich ist die Lage eindeutig: Internationale Meeresstraßen dürfen nicht blockiert, kontrolliert oder zur Einnahmequelle gemacht werden. Die freie Passage gilt unabhängig davon, welche politischen Spannungen bestehen. Nun stiegen die Energiepreise auch in Europa – obwohl wir aus dem persischen Golf kaum noch Energie beziehen. Das befreundete NATO-Mitglied Norwegen verlangte für sein Brent-Öl plötzlich unverschämt hohe Preise, und ebenso – nach demselben Muster – auch die USA, die (obwohl über die NATO mit uns verbandelt) für ihr LNG-Flüssiggas ein Vielfaches verlangten, was das ebenfalls mit Boykott belegte Russengas kostete. Hört beim Geld etwa die Freundschaft auf? Die Lieferländer und Ölkonzerne stoßen sich jedenfalls noch gesünder, als sie ohnehin schon sind – und machen täglich 21 Millionen Euro Zusatzprofit. Das ist allerdings anteilig gerechnet nichts gegen das, was alleine der deutsche Staat an der Krise verdient.

Denn klammheimlich freut sich der Fiskus mit seinem SPD-Finanzminister Lars Klingbeil über die explodierten Energiepreise, weil er exorbitant gestiegene Steuereinnahmen verbuchen kann. Im März soll er alleine 390 bis 490 Millionen Euro mehr an Mehrwertsteuer eingenommen haben; jetzt wissen wir endlich, woher der Name dieser Steuer kommt, das sind bis zu 16 Millionen Euro täglich. Diese dreiste Abzocke lässt Kumpanei mit den Öl-Multis vermuten – und vermutlich wird deshalb auch nichts ernsthaft gegen die steigenden Preise an den Zapfsäulen und in den Heizkellern unternommen. Stattdessen wurde die unsinnige 12-Uhr-Regelung eingeführt, damit wir uns nur noch einmal am Tag aufregen – ausgerechnet vor dem Mittagessen. Das mag zwar die Herzinfarktrate reduzieren und damit die Krankenkassen entlasten und außerdem die Freude am Autofahren mit Verbrennermotor reduzieren; es zeigt aber auch aufs Neue, wie egal und unwichtig dieser Bundesregierung das Wohl der deutschen Staatsbürger und die Situation der Wirtschaft sind.

Grausige Todesmaschine

Immerhin schweigen jetzt die Waffen am Persischen Golf – obwohl es wirkt, als sei her auf halber Strecke innegehalten worden (apropos: Warum hat sich im Deutschen eigentlich die Bezeichnung Persischer Golf und nicht Arabischer Golf durchgesetzt? Die arabische Küste ist deutlich länger). Zumal der Ableger der Mullahs im Libanon, die Hisbollah, weiter gegen Israel kämpfen will – und es auch tun lässt, solange man diese Terrorarmee gewähren lässt. Weil die libanesische Regierung leider nicht in der Lage ist, der Hisbollah das tödliche Handwerk zu legen, führt Israel seine Angriffe auf den Süden des Landes – wo nach UN-Resolutionen und somit dem vielbeschworenen “Völkerrecht” schon seit 20 Jahren überhaupt kein einziger Hisbollah-Kämpfer mehr stehen geschweige denn Israel attackieren dürfte; trotzdem wird in deutschen Medien von einem “zweiten Gaza” geschwurbelt. Zwar könnte ein militärisches Mandat der UN diese Aufgabe übernehmen – aber das wollen die isla-mischen Mitgliedsländer nicht, zumal sich UN-Mandate in der Vergangenheit noch immer als wenig bis gar nicht wirkungsvoll erwiesen haben. Ob Frankreich bereit wäre, diese Aufgabe zu übernehmen, das einst unter dem „Völkerbund“ das Mandat für den heutigen Libanon hatte? Dann müsste wenigstens nicht Israel die „Drecksarbeit“ erledigen. Doch genau das soll ja am Pranger stehen für seine angeblichen Kriegsverbrechen und dafür, dass Juden die “Frechheit” haben, sich zu wehren und sich nicht tatenlos abschlachten zu lassen.

Man darf gespannt sein, ob der Iran den Konflikt Israels mit der Hisbollah wirklich dauerhaft zum Anlass nimmt, den Waffenstillstand im eigenen Land und vor der Haustüre zu widerrufen. Ohnehin hatten die neuen Mullahs – respektive die Revolutionsgarden als eigentliche neue Machthaber – einen Waffenstillstand nicht ernsthaft gewollt, sondern ihm nur unter dem wahnsinnigen Druck Trumps zugestimmt, der ihr Land ansonsten militärisch in die Steinzeit zurückbomben wollte – obwohl sich die schiitischen Machthaber kulturell und moralisch schon längst in der Steinzeit befinden. Es schmerzt, mit ansehen zu müssen, was aus dem großen Kulturvolk der Perser nach der „islamischen Revolution“ ab 1979 geworden ist; den Einzigen, denen das nicht mehr wehtut, sind die zahllosen von den Mullahs Hingerichteten. Ohne dass dem Regime tatsächlich das Handwerk gelegt wird – auf welche Weise auch immer –, wird dieses seine grausige Todesmaschinerie weiter am Laufen halten – ganz so, wie es Robespierre und Konsorten einst mit ihren Schafotten taten. Doch auch diese wurden vom eigenen Volk gestürzt. Vielleicht erfolgt dies bald auch im Iran; dann hätte der Krieg doch noch seinen Zweck erfüllt.


Donnerstag, 9. April 2026

Ox Fanzine: Perspektiven eines Ex-Nachrichtendienstlers

 

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Üblicherweise lehne ich Kooperationen mit größeren Medien inzwischen ab: Interviews, Stellungnahmen, Podcast. In meinen Augen ist das ein Verkauf der Integrität für die geringe Chance Fame abzugreifen. Die nur den Medien nutzt.

Ich wurde aber schon Ende des vergangenen Jahres von Daniel Schubert vom Ox Fanzine angefragt. Der auch echt ehrlich interessiert war. Und nicht nur aus meiner geografischen Ecke, sondern auch aus meinem sozialem Hintergrund kommt.
Also habe ich ein Interview gegeben. Das sich über mehrere Gespräche und Mails erstreckte. Erschienen ist es in der ersten Ausgabe des Ox in diesem Jahr.

Ich habe die Erlaubnis, es nun auch zu veröffentlichen.
Viel zu meinem Werdegang, Hintergrund, Arbeit und ich glaube, meine rheinisch-lakonische Schnauze schimmert auch durch. Einige Bilder habe ich eingebaut, die Ox aus Satzgründen nicht veröffentlichen konnte.

Daniel hat auch kein Frage-Antwort-Spiel daraus gemacht, sondern erzählt. Was ich sehr passend fand und hohes Niveau im Medienzirkus ist.

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Perspektiven eines Ex-Nachrichtendienstlers - JOEY HOFFMANN

Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Gezielte Desinformation und einseitige Berichterstattung gehören zum Handwerk kriegerischer Konflikte. Mit dem Krieg in der Ukraine und in Gaza ist diese bislang als Binsenweisheit wahrgenommene Floskel für mich als Mitteleuropäer mehr in meinen alltäglichen Erfahrungsraum gehuscht, sowohl was die geografische als auch die politische Nähe angeht. Und verfolgt man die Punk-relevanten Medien, tun sich auch hier Lager, Echokammern und Grabenkämpfe auf. Waffen für die Ukraine? Auf wessen Seite stehst du im Gaza-Konflikt? Insbesondere beim Thema Israel werden auch im Punkrock die Gräben tiefer und die Einstellungen verbitterter.

Ich versuche, mich vielseitig zu informieren, den Überblick zu behalten. Mache den Spagat von Jungle World und taz bis zur FAZ und NZZ, um doch immer wieder festzustellen, dass neben Brauchbarem auf allen Seiten viel Meinungsmache statt Berichterstattung mitschwingt, Analysen sich inhaltlich ähneln, oft Schnellschüsse sind und später widerlegt werden. Über mehrere Kanäle werde ich dann aufmerksam auf Joey Hoffmann und seine Plattform „U.M.“ (Ungesunder Menschenverstand). Ein politisch links stehender Ex-Soldat, Blogger mit militärischem Sachverstand. Ein Befürworter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und gleichzeitig ein konstruktiver Kritiker desselben. Der aussieht, als ob für ihn die DROPKICK MURPHYS und MOTÖRHEAD nicht fremd sind. Seine politischen Analysen beziehen sich rein auf militärisches Fachwissen. Eine journalistische Informationsquelle, die ich vorher erstens nicht auf dem Schirm und der gegenüber ich zweitens gewisse Berührungsängste hatte. Aber eine, die einen zusätzlichen Blickwinkel und damit einen Mehrwert in meine Nachrichtenroutine bringt.

Ich sprach mit Joey unter anderem über die Emotionalisierung von Nachrichten, das Problem des Agenturjournalismus und unsere eigene Verantwortung als Nachrichtenkonsument:innen.

Der Weg zum Nachrichtendienst

Wie er zur Bundeswehr kam, will ich wissen. Es war die damals noch geltende Wehrpflicht. Joey wird schlicht eigezogen, eine Woche später kommt die Musterung, keinen Monat später steht er im Trainingsanzug in der Kaserne. Die Grundausbildung macht er in einer Einheit nahe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Dort absolviert er die Grundausbildung. Anschließend lernt Joey Richtschütze auf dem Leopard II. Die Panzer, die inzwischen an die Ukraine gegeben wurden. Die Ausbilder dort kommen noch aus dem Kalten Krieg. „Das war schon eine harte Truppe. Im Krieg wäre die Einheit eine der ersten gewesen“, erinnert er sich.
Joey fängt an, sich über Berufsausbildungen bei der Bundeswehr zu informieren. Bewirbt sich dann für den Werdegang, der mit der zivilen Ausbildung zum Fotografen verbunden ist, besteht die Auswahl und wird vom Heer zu den Marinefliegern versetzt. Da sitzt er dann, Piloten in Anzügen, startende Tornados, und „von irgendwo hörte ich ständig die Titelmusik von ‚Top Gun‘.“ Alles selbst für einen Panzermann sehr beeindruckend. Mit seinem Ausbilder und späteren Teampartner geht es nach einem Begrüßungskaffee in den ‚Bunker‘. Im Bunker tut sich eine andere Welt auf.

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Aus meinem Archiv: Ich mit meiner ersten Schultüte. 1992

Luftbildauswerteanlagen, Leuchttische, Monitore, Fotos von russischen Schiffen und Häfen. Sein Ausbilder steht vor einer meterhohen Karte der Ostsee und erklärt, dass eine seiner Aufgaben als Mannschafter sein würde, mehrmals am Tag die Schiffspositionen zu plotten. Joey fragt, ob die jetzt da wirklich auch die russischen Schiffe plotten würden. Als Antwort zeigt der Ausbilder lapidar auf ein Zeichen, das beispielsweise eine russische Fregatte wäre, die gerade zurückfährt. Und ein anderes Symbol ein polnisches Schnellboot, das Patrouille läuft. Da packt es Joey. Das ist hier nicht zur Übung. Völlig klar ist das spätestens bei der Überprüfung durch den Militärischen Abschirmdienst MAD.

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Aus meinem Archiv: Der Bereich der ersten Staffel des MFG 2, der Bunker (Mitte links) unsere LKW (Mitte rechts) und man kann erahnen, dass wir zum Rauchen oder Grillen vor der Tür standen.

Die Laufbahn

Fachlicher Teil an der Offiziersschule der Luftwaffe in Bayern, Sprachenschule in Bremerhaven, Unteroffiziersschule bei Kiel. Später auch in anderen Einheiten, bei der NATO in Belgien. Er besucht Lehrgänge, hält Unterricht, brieft Crews.
„Wenn James Bond im Bunker mit M diskutiert und im Hintergrund schlurft einer mit einem Klemmbrett und einem Kaffee durchs Bild, schreibt etwas an eine Tafel und läuft vor sich hin motzend wieder aus dem Bild – das war ich. Vermutlich am Montagmorgen.“
Er macht eine Ausbildung zum Kaufmann und hängt anschließend an die sechs Jahre Dienst noch mal vier dran. Ein Leben lang Soldat zu bleiben, war aber nie sein Plan. Es sei völlig normal, dass man einen Vertrag für mehrere Jahre unterschreibt und dann ausscheidet. Nur die wenigsten werden Berufssoldaten und blieben das bis zur Pensionierung.

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Aus meinem Archiv: Pressebild meines damaligen Gruppenleiters an einer Luftbildauswerteanlage im Bunker.

Joey ist irritiert über meine Frage, ob er je so etwas wie einen „inneren Konflikt“ verspürt habe durch die unterschiedlichen Lebenswelten im Privaten und Beruflichen. Wir beide sind ähnlich alt und ich erinnere mich daran, dass es in meinem Umfeld bei vielen geradezu verpönt war, zum Bund zu gehen. Bei ihm sei das nicht so gewesen. Wirklich politisiert war keiner, da sei er eher die Ausnahme gewesen. Joey ist heute noch passives Parteimitglied bei den Grünen. Wer von seinen Kumpels verweigert hat, habe das schlicht aus Faulheit getan, um einen lauen Job um die Ecke zu bekommen: „Ich vermute, diese Ablehnung gab es mehr in Akademikerkreisen als bei Schweißern und Malern“, resümiert er.

» POLITISCH LINKS HAT FÜR MICH IMMER BEDEUTET, AUTORITÄTEN ZU HINTERFRAGEN. «

Autoritäten

Ich hake nach, dass viele, die sich politisch links orientieren, oft einen gewissen Antiautoritarismus verinnerlicht haben, so dass ihnen zum Beispiel der nötige Gehorsam in der Armee widerstrebt. Joey entgegnet, Antiautoritarismus sei, wie endgültiger Pazifismus, eine Illusion, die vielleicht jungen Menschen sexy erscheine, die rebellieren müssen. Die Lebensrealität grätsche da aber schnell rein. Es gebe ja nicht nur dienstliche Autoritäten, wie Lehrer, Polizisten oder „den Staat“, sondern auch fachliche Autoritäten, wie Trainer im Sportverein, die Professorin oder den Vorarbeiter. Und persönliche Autoritäten wie die Oma, die einfach weise ist. Antiautoritarismus sei selektiv, weil wir bestimmte Autoritäten akzeptieren und lernen, dass es ohne irgendwie auch nicht geht. Keiner versuche zum Beispiel, die Autorität seiner Zahnärztin zu hinterfragen, wenn sie die Spritze in der Hand hat. Der Mensch sei ein Rudeltier. Und Rudeltiere organisieren sich hierarchisch.
„Ich habe vom 14. Lebensjahr an American Football gespielt. Mit Ghetto-Kindern und Gymnasiasten. Jeder hatte eine bestimmte Position, auf die er spezialisiert war. Und hast du deinen Job nicht gemacht, hat das Team verloren. Hast du Scheiße gebaut, hast du 20 Liegestütze gepumpt.“ Was solle beim Militär also anders sein?

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Aus meinem Archiv: Ja, wir hatten schon Laptops.

Politisch links hat für Joey immer bedeutet, Autoritäten zu hinterfragen. Dass Adel oder Diktatoren nicht machen können, was sie wollen, und dass Macht diversifiziert wird. Nicht sie grundsätzlich abzulehnen. „Wenn mein Football-Trainer vom Platz gegangen ist, war er Müllmann. Man hat nicht gelernt, seine Autorität auf dem Platz zu hinterfragen, sondern in Müllmännern mehr zu sehen als nur Müllmänner.“
Joey findet, es sei ein sehr linker Ansatz, den Menschen zu sehen und zu achten für das, was er ist. Nicht für das, was er darstellt. Ein Militärausbilder habe eine dienstliche Funktion. Aber er wolle die Person nicht beherrschen, sondern denjenigen, der vor ihm steht, zu einem Soldaten machen. Was dessen und andere Leben retten könne.

Die Motivation

In die Rolle als MilBlogger ist Joey reingerutscht. Das Militär war eigentlich längst abgehakt. Aufgrund eines Unfalls erlitt er zwei Schlaganfälle. Während der Genesung fängt er zuerst an, über E-Zigaretten zu bloggen, wird Fachjournalist. Nicht als Influencer, sondern im Bereich „Medien, Wissenschaft, Politik“. Er gibt auch großen Medien Interviews oder berät sie für Beiträge. Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine fängt Joey ad hoc an, Leuten auf der Facebook-Fanpage zu erklären, was sie da im Fernsehen sehen und wie Krieg funktioniert. Die Ängste der Leute sind groß, viele denken, der Dritte Weltkrieg stehe vor der Türe. „Ich konnte wohl viele beruhigen und habe bis heute ständig dieses Feedback. Krieg ist in unserer Gesellschaft ja nicht nur etwas Fremdes geworden, es ist etwas quasi Undenkbares. Militär ist etwas Unheimliches, Soldaten gelten als dumme, obrigkeitshörige Roboter“, beschreibt Joey die Situation.
Obwohl Krieg auf dem Rest des Planeten immer noch die Realität darstellt, hätten wir uns jahrzehntelang in einer friedlichen Parallelwelt eingerichtet, wofür Deutschland lieber mit Geld als mit Verpflichtungen bezahle. Das habe uns „friedensverwahrlost“ gemacht.
Es kommen immer mehr Fragen von Leuten, die Recherchen nehmen einen immer größeren Teil seiner Arbeit ein. Daher wurde er geradezu genötigt, dafür Geld zu nehmen. Das Projekt „U.M.“ entsteht, eine Facebook-Fanpage, eine Homepage, und inzwischen schreibt Joey auf Steady, wo man kostenpflichtig Mitglied werden kann. Er sieht das als eine Art Community-Projekt und versucht nach wie vor, das meiste ohne Bezahlschranke zu lassen. Eben wegen der Anfänge.

Der Preis für Sicherheit und Wohlstand

Der polarisierende Begriff „Friedensverwahrlosung“ erinnert mich an den Begriff Wohlstandverwahrlosung. Das klingt für mich nach einer Mitschuld von uns allen. Ob das der Preis der Sicherheit und des Wohlstands ist, will ich wissen.
Joey entgegnet, dass wir zwar eine Verantwortung tragen, aber keine Schuld. Schuld sei ein schwieriges Wort. Niemand sei schuld.
Es gebe seit der Antike nicht einen einzigen Tag, an dem weltweit Frieden herrschte. „Aber wir haben in Europa so lange Frieden wie nie zuvor und eine umgekehrte Söldner-Mentalität entwickelt. Krieg betrifft uns nicht. Darum kümmern sich andere. Diejenigen, die so doof waren, zum Militär zu gehen. Soldat zu sein ist zu einem Job geworden, den man sich ja selber aussucht. Als Ursula von der Leyen Verteidigungsministerin wurde, galt ihre erste Sorge Kindergärten in Kasernen, um den Job attraktiver zu machen, nicht Nachwuchs oder Gewehren. Wir hätten uns aus der Verantwortung geschlichen, uns freigekauft. Vor allem Deutschland.“

Wir seien unfähig geworden, Gefahren zu erkennen oder erkennen zu wollen. Hätten der Selbstverteidigung abgeschworen. Das bräche nun in sich zusammen. Die USA seien nicht mehr bereit, die Verantwortung für andere zu tragen. Europäische Politiker hätten es längst erkannt, wüssten aber noch nicht, wie sie es ihren Wählerinnen und Wählern schonend beibringen sollen.
„Wir waren so geil auf das zweite Auto, dass wir uns mit einem russischen Diktator ins Bett gelegt haben. Und sind dann erschrocken, dass das Öl plötzlich teuer wird, weil der das natürlich eingepreist hat, als er die Ukraine überfallen hat.“
Seit Jahren brenne der Nahe Osten lichterloh und wir seien inzwischen so in einer Massenpsychose gefangen, dass wir Islamisten als Freiheitskämpfer sehen und dem alles andere unterordnen. Weil in Israel genau deshalb gerade Rechtsradikale regieren. Und wir nicht zur Kenntnis nehmen, wie viele in Israel die Demokratie verteidigen, indem sie zu Recht auf die Straße gehen. „Ich hoffe, Europa wird früh genug wach“, schließt er dieses Thema ab.

» NIEMAND WILL JEMANDEN WIE MICH IN DER TALKSHOW ODER DER REDAKTION SITZEN HABEN. «

Warum Blogger?

Ob das einfach sein Ding ist oder Redaktionen zu viele Berührungsängste mit dem Fachgebiet Krieg haben, will ich wissen. Es habe nie den Gedanken gegeben, Journalist in einer Redaktion zu werden. Und heute würde Joey es auch nicht mehr wollen, weil er durch seine Arbeit täglich sehe, wie unsachgemäß Medien berichten würden. Dabei geht es ihm nicht um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder „böse“ Journalisten, die zu einer Seite tendieren, sondern um Agenturmedien, Nachrichtenmedien und die Mechanismen, nach denen sie funktionieren.
Joey kommuniziert viel mit Journalist:innen. Er beschreibt sie als nette, offene Menschen, die wissen, was läuft. Aber Informationen seien eine Ware. Und es werde produziert, was sich gut verkaufen lässt. Und wenn das ein israelischer Luftschlag gegen ein Krankenhaus ist, bei dem 500 Menschen sterben, dann werde das produziert. Wenn später rauskäme, dass es eine verirrte Rakete des palästinensischen Dschihad auf einem Parkplatz war, die kaum Menschen getroffen haben kann, sei der Medienzirkus längst weitergezogen. Die Chefredaktionen wollten das so, ebenso die Verlage, die Vorstände. Der einzelne Journalist habe damit, abgesehen von Kompetenzlosigkeit, weil er in Ennepetal Politologie und Sozialwissenschaften studiert hat, wenig zu tun. Einige seien tendenziös. Und die würden dann in Talkshows eingeladen oder live zugeschaltet. Weil es sich verkauft. „Niemand will jemanden wie mich in der Talkshow oder der Redaktion sitzen haben“, zieht er als Fazit.

Die Quellen der MilBlogger

Geheime Quellen seien eine Legende, James Bond und Jason Bourne Quatsch, stellt Joey klar. Was Nachrichtendienste zu weit über 90% machen, sei Informationsverarbeitung aus offenen Quellen. Der Begriff dafür ist OSINT, Open Source Intelligence. „Wir hätten in den 1990ern davon geträumt, dass es offen zugängliche Satellitenbilder von der ganzen Welt gibt. Mit Straßennamen und geografischen Daten.“
Big Brother war gestern, die Zukunft habe uns längst überholt. Über Social Media bezahlen wir ja auch noch freudestrahlend mit unseren Daten für die Illusion gesellschaftlicher Relevanz. Was er macht, könnte grundsätzlich auch jede Redaktion leisten, sagt Joey. Mehr sogar, denn die hätten auch die Kapazitäten, einfach mal aktuelle Satellitenbilder zu kaufen. Aber denen fehle die Kompetenz, das Handwerk. Und aus wirtschaftlichen Gründen der Wille.

» MILITÄR IST ETWAS UNHEIMLICHES, SOLDATEN GELTEN ALS DUMME, OBRIGKEITSHÖRIGE ROBOTER. «

Analyse von OSINT-Quellen

Nach einem Beispiel für seine Quellenarbeit gefragt, nennt Joey den Luftschlag gegen das Al-Ahli-Krankenhaus im Oktober 2023 am Anfang des Gaza-Kriegs. Da wurde von der Hamas gemeldet, Israel hätte das Krankenhaus „bombardiert“ und fast 500 Menschen getötet. Diese Meldung haben Medien weltweit übernommen. Joey erscheint das absurd:
„Selbst wenn man Israel für den Satan hält, hätte das in dieser Phase des Krieges militärisch gar keinen Sinn ergeben.“ Ganz ohne die Moral zu bemühen, die in keinem Krieg eine Rolle spielt. So eine Bombe kostet schließlich locker so viel wie ein Eigenheim in Castrop-Rauxel. Und das, um ein paar Kranke aus dem Bett zu schießen? „Es war so absurd, dass ich spontan lachen musste.“

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Aus meinem Archiv: Teil der Auswertung des angeblichen Luftschlages gegen das Al Ahli Krankenhaus.

Schon morgens seien Pressefotos auf Stock-Plattformen angeboten worden, sogenannte „Wirkungsbilder“. Die Bilder hätten aber nicht nur gezeigt, dass die „Bombe“ eine kleine Rakete war, die auf einem Parkplatz runtergekommen ist, sondern dass sie nicht einmal einen Krater hinterlassen hat und nur ein paar Fenster der Gebäude eingedrückt waren. Selbst ein Krankenwagen 30 Meter weiter sei unbeschädigt gewesen. Joey hat sich diese Satellitenbilder angeschaut und das Ganze vermessen.

Detektivgeschichte: Die Bombe auf das Ahli Krankenhaus
Am frühen Abend des 17.10.2023, in den ersten Tagen des Gazakrieges, detonierte etwas auf dem Parkplatz des Al-Ahli Krankenhauses in Gaza-Stadt. Die Hamas meldete einen…
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Die später von den Israel Defense Forces/IDF veröffentlichten Infrarotbilder hätten dann auch gezeigt, dass sich vorm Einschlag kaum jemand dort aufgehalten hat. Vermutlich weil das der Hintereingang war, ein Mitarbeiterparkplatz. Die Zahl von 500 Toten sei also absurd. Zumal das Krankenhaus zu der Zeit nur 80 Betten hatte. Später kam heraus, dass es sich um eine verirrte Rakete des Islamischen Dschihad in Palästina/PIJ gehandelt hatte. „Solches Friendly Fire hat es zu tausenden gegeben.“
Das also bedeutet OSINT: Man nimmt verfügbare Quellen und spielt Sherlock Holmes. Joey legt Wert darauf, seine Quellen immer sehr transparent zu machen. Die Ergebnisse würden jedoch nicht immer allen passen. „Von irgendwem werde ich immer angefeindet. Sowohl von links als auch von rechts.“

Und die Ukraine?

Angesprochen auf ein OSINT-Beispiel aus dem Krieg in der Ukraine, fällt Joey ein Ereignis von September 2024 ein, als zwei Raketen in ein Gebäude im ukrainischen Poltawa einschlugen. Sofort sei die entsprechende Erregung online da gewesen. Joey habe das Gebäude zunächst auf Satellitenbildern gesucht, es „einorientiert“ und „lokalisiert“. Da er dann die Adresse hatte, konnte er schlicht und einfach auf Google Street View nachschauen. Und tatsächlich gab es ein Bild des Eingangs zu dem Gelände. Mit einem großen Schild in Kyrillisch, dass es sich um das „Poltawa Militärinstitut für Kommunikation“ handelte. Ob man Russland nun möge oder nicht, aber so kam er zu dem Schluss, dass das ein legitimes militärisches Ziel gewesen sei. Und dass Russland hier auch nicht den Double-Tap verwendet habe, sondern einfach zeitnah zwei Marschflugkörper abgefeuert habe. Das würde die Bundeswehr nicht anders machen.

Analyse Luftschlag Poltawa: Krankenhaus? Schule? Universität?
Gestern Vormittag schlugen vermutlich zwei Raketen in ein Gebäude in der ukrainischen Stadt Poltawa ein. Von beiden Seiten werden Informationen verbreitet, die nicht…
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Stellenwert von MilBlogger:innen in der Medienlandschaft

Ob MilBlogger:innen in Deutschland einen geringeren Stellenwert haben als in anderen Ländern, möchte ich wissen. Joey betont, dass „MilBlogger“ ein Kunstbegriff ist und es nur sehr wenige davon gibt. Die meisten sehen sich als „Vlogger“ und Streamer. „Mir ist niemand bekannt, der das im deutschsprachigen Raum in meiner Art macht. Ich nenne mich lieber MilBlogger, um Debatten zu vermeiden.“ Per Definition sei er Journalist. Zu bloggen gebe ihm auch die Freiheit, deutlicher seine Meinung kommunizieren zu können. Und das sei der Grund, warum MilBlogger keinen hohen Stellenwert in den Medien haben.
Die Agenturmedien hätten gar nicht die Zeit und Kompetenz zu prüfen, wer von dem Thema wirklich Ahnung hat und wer nicht. Da würden dann lieber Leute wie Erich Vad eingeladen, der am Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine bei Maibritt Illner vor Millionen prognostizierte, in ein paar Tagen wäre die Sache gelaufen. „Geradlinig in den Generalstab, keine Zeit in der Truppe, bei Merkel offenbar rausgeschmissen, ein Hafensänger par excellence.“ Aber bei dem könnten die Medien dann „Ex-General und Merkel-Berater“ in die Bauchbinde schreiben.
Oder der „NATO-General“ Kujat, der seit 20 Jahren in Pension ist und mit seinen russlandfreundlichen Narrativen inzwischen bis zu kleinen YouTubern durchgereicht worden sei: „Halt irgendwo ein Mikro in die Luft und sag ‚Russland‘, und schon erscheint ein Kujat und spricht hinein.“
Die Frage nach mehr Akzeptanz von MilBlogger:innen in Nachbarländern mit einer anderen Militärtradition wie Frankreich oder Großbritannien verneint Joey. Das sei in fast allen NATO-Staaten gleich, mit Ausnahme der USA, wo die Medienlandschaft und die Nachrichtenmedien tendenziöser seien. In Russland hätten MilBlogger vor dem Hintergrund des nationalistischen Putinismus teilweise eigene Sendungen im Staatsfernsehen.

Berührungsängste mit dem Militär in Deutschland

Die Scheu diesem Themenfeld gegenüber läge in Deutschland vor allem an den politisch mehrheitlich links und grün besetzten Redaktionsstuben. Dabei verortet er sich politisch selbst da, das seien schlicht die Fakten. „Linke studieren Journalismus, Ausdruckstanz oder ‚was mit Menschen‘, Rechte studieren Wirtschaft und Jura.“ Es sei einfach das Bewusstsein für das Militär verloren gegangen. Soldaten seien akzeptiert, wenn Sandsäcke für eine Überschwemmung organisiert werden müssen. „Wie soll eine Journalistin, für die das Militär etwas Unheimliches und Fremdes ist, entscheiden, wen sie interviewen oder für einen Podcast einladen soll?“
Das sei auch sein Grund, eigentlich alle Presseanfragen abzulehnen. Weil die Fragen entweder spürbar auf ein gewünschtes Ergebnis abzielen oder schlicht strunzdämlich seien. Zu diesem Gespräch für das Ox sagt er: „Bei euch habe ich eine Ausnahme gemacht, eben weil ihr aus einer ganz anderen Ecke kommt und du mir ehrlich interessiert erschienst.“
Bei seiner Aussage „Militär ist Handwerk“ dächten die allermeisten ganz sicher ans Schießen. Handwerk bedeutet aber auch Strukturen, Taktik und Abläufe. Die Bundeswehr hat auch Ingenieur:innen, Ärzt:innen und Rechtsanwält:innen. Zur Frage des mutmaßlichen Genozids im Gazastreifen würden irgendwelche Soziolog:innen befragt, anstatt mal Jurist:innen zu befragen, die selber gedient haben. „Die können das, was dort passiert, ganz sicher besser beurteilen als ein Professor in den USA oder eine Organisation von ‚Genozid-Forschern‘, bei der jeder Mitglied werden kann.“

Militär als „Handwerk“

Ich frage nach, ob er die International Association of Genocide Scholars/IAGS meint, von der ich auch schon gelesen habe. Dort kann jede:r ohne Prüfung seiner Qualifikation online gegen eine Gebühr eintreten. Offenbar eine unwissenschaftliche, rein ideologische Veranstaltung. Sind denn seiner Erfahrung nach MilBlogger:innen weniger ideologieanfällig als zivile Kriegsberichterstatter:innen und Journalist:innen? Haben sie mehr Distanz zum Geschehen, wenn Militär „Handwerk“ ist?
Das sei seine feste Überzeugung, zumindest in unseren Gefilden, entgegnet Joey. Bei chinesischen, russischen oder nordkoreanischen Journalist:innen sei das sicher anders. Kriegsberichterstatter machten oft einen guten Job. Aber die gebe es ja so gut wie nicht mehr. Aus Redaktionsstuben geführte Agenturmedien wären so bestimmend, dass die Bundeswehr inzwischen Kurse für Journalisten anbietet, damit die wenigstens rudimentär wissen, wie man sich verhält. Er bringt ein Beispiel:
Ein ziviles Haus wird getroffen. Sofort ist die Aufregung groß. Jemand mit etwas „Handwerk“ sehe aber schnell, wie und womit das Haus beschossen wurde. Einem Panzer, einer kleinen Rakete, einer großen Rakete, einer lasergelenkten Bombe. Und daraus ergebe sich dann ein viel weiterer Horizont, weil bestimmte „Wirkmittel“ für bestimmte Zwecke verwendet werden. Man komme ja auch nicht mit einem Messer zu einer Schießerei.

„Handwerk“ entlarvt Propaganda?

Als Anfang Juli 2025 das Café am Strand von Gaza-City getroffen wurde, sei sofort wieder „Stimmung“ auf Social Media und in den sonstigen Medien gewesen. Weil durch die unsachgemäße mediale Formulierung „Café bombardiert“ und die Propaganda der Eindruck entstehen musste, dass Israel dort einfach ein Restaurant beschossen hätte. „Hätte Israel das aber gewollt, hätte es da einfach einen 4.000-Pfünder reingesetzt und das Strandcafé wäre nur noch Strand.“

Luftschlag gegen das Strand-Café: Hintergründe, Erklärungen,…
Stellen wir uns einen Krimi vor, wie Agatha Christie ihn geschrieben hätte. Ein mutmaßliches Verbrechen, ein Ermittler, ein eingeschränkter Personenkreis, ein paar Tote,…
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Also habe Joey die Informationen ausgewertet und habe zeigen können, dass dort eine lasergelenkte Bombe in einem Präzisionsschlag auf ein dezidiertes Ziel gesteuert wurde. Nämlich auf den Hamas-Kommandeur des Dschabaliya-Bataillons, Hisham Mansour, der den Job von seinem Vater, Ayman Atiya Mansour, übernommen hatte. Der wiederum wurde schon vor dem Krieg von einem Verwandten und Hamas-Mitglied Eid Muhammad Mansour zusammen mit seinem Sohn erschossen. Eine skurrile Geschichte, die aus der Netflix-Serie „Fauda“ stammen könnte.

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Aus meinem Archiv: Hisham Mansour (rechts) mit seinem Vater und vorherigem Kommandeur der Hamas Ayman Atiya Mansour.

„Ich habe erklärt, wie feinteilig eine solche Operation ist, wie viele Menschen daran mitgewirkt haben, dass Mansour wahrscheinlich in dem Café war, um Hamas-Affiliierte bar zu bezahlen, dass deshalb auch zwei ‚Journalisten‘ dort anwesend waren, und und und ...“ Außerdem sei der Treffer neben das Café gegangen. Jemand mit etwas Ahnung sehe das, sehe den Krater, das Ziel, die Tageszeit, und wüsste, was dort los gewesen sei. In der öffentlichen Wahrnehmung werde bleiben: „Café bombardiert“. Joey: „Und wenn die Israelis etwas können, dann ist das beschissene Presse zu produzieren.“

Kann eine Versachlichung vor Fake News schützen?

Joey setzt auf die faktische Versachlichung von Krieg, um diesen zu verstehen. Ich möchte wissen, ob er darin eine Möglichkeit sieht, den Faktor der emotionalen Manipulation der Leser:innen seitens anderer Medien zu minimieren und damit auch Fake News entgegenzuwirken. „Ich bemühe mich. Es ist mein Antrieb, wenigstens ein kleines Sandkorn im Getriebe zu sein. Ich bin nicht illusorisch.“
Der Mensch bevorzuge emotionalisierte Informationen. Das werde auch er nicht ändern. Auch da sei leider wieder Israel ein gutes Beispiel. Vor allem im linken Spektrum habe sich eine mindestens antiisraelische bis antisemitische Haltung längst verfestigt. Das habe bereits mit der Nähe der Studentenbewegung, der APO und der RAF zu den Palästinensern begonnen.

Grundlagen: Linksradikaler Antisemitismus – Die vergessene…
Rainer Langhans (l.) und Dieter Kunzelmann beim „Vietnam-Kongress“ in Berlin, 1968. Am 9. November habe ich mit einem kurzen Posting auf der Facebook Fanpage an den…
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Damals noch tiefrot, die Fatah sei bis heute eher sozialistisch. Und dafür würden ganz viele Dinge ausgeblendet. Zum Beispiel, dass die Hamas im Gazastreifen eindeutig radikalislamistisch ist und sogar einen gewaltsamen Bürgerkrieg gegen die Fatah geführt hat. Es treibe Blüten wie „Queers for Palestine“, die nicht nur im Gazastreifen vom Hochhaus geworfen würden. Jahrzehnte feministischer Bewegung würden auf den Haufen der Geschichte geworfen, nur weil man Israel als „kolonialistisches Projekt“ des „imperialistischen Westens“ ausgemacht haben will.
Das Gleiche gelte auch für Russland. Viele Leute aus dem linken Spektrum argumentierten bis heute pro Russland, obwohl die nationalistische, ultrarechte Partei Jedinaja Rossija, Vereintes Russland, seit 20 Jahren mit absoluter Mehrheit stramm durchregiert, die Medien gleichgeschaltet habe und gezielt Arme, Kriminelle und Angehörige von Minderheiten als Kanonenfutter ins Artilleriefeuer treibe. Der Jemen und der Sudan, wo derzeit mehr Menschen auf der Flucht sind als in Niedersachsen leben, interessierten die Menschen nicht, weil ihr Schwarzweißdenken da nicht mehr funktioniere. Sie wüssten gar nicht, wer da gegen wen kämpft. „Der Kongo ist größer als Mitteleuropa und alle halbe Stunde wird dort ein Kind vergewaltigt. Ein blinder Fleck der Orientierungslosigkeit, weil dort Rebellen und Milizen kämpfen und der IS mitmischt. Gut und Böse zu unterscheiden wird dort schwer. Da geht man doch lieber zu einer Demo, die ein Ende der Waffenlieferungen an Israel fordert.“ Obwohl es gar kein Verständnis dafür gebe, was überhaupt geliefert wird.

Joeys „Community“ auf der Facebook-Fanpage verspotte ihn dauernd als Don Quijote oder Sisyphus. Aber das sei es, was eine Demokratie fordert: inhaltliche, faktische Auseinandersetzung. Natürlich vertrete er seine Meinung, die grundsätzlich viel differenzierter sei, als Schreihälse es ihm unterstellen. „Ich habe Argumente. Aber Fakten sind die Pfeile, die ich im Köcher habe.“

Die Macht(losigkeit) der Nachrichtenkonsument:innen

Menschen lieben also emotionalisierte Nachrichten und beeinflussen dadurch die Nachrichtenauswahl der Redaktionen. Haben wir als Kund:innen es nicht eigentlich durch unsere Klicks selber in der Hand? Was müsste sich Joeys Meinung nach verändern, damit uns das als Nachrichtenkonsument:innen bewusst wird? Nach der Marktlogik müssten die Redaktionen doch darauf reagieren, oder? Dahinter stehe ein psychologischer Mechanismus, erläutert Joey. Er sei nicht resigniert, sondern Realist. Das werde man nie ändern. Ändern könne man etwas an der Kompetenz in den Redaktionen. Aber dafür gebe es keinen wirtschaftlichen Anreiz. Was er viel entscheidender findet und was viele nicht wüssten:

In Deutschland zählt das Agenturprivileg. Die Hisbollah, der Iran oder Russland zum Beispiel bringen eine Meldung. Agenturmedien greifen diese auf und verkaufen sie in die Welt. Und die veröffentlichenden Medien seien juristisch nicht mehr verpflichtet, sie zu prüfen. Sie müssten noch nicht einmal darunter schreiben, dass sie die Meldung nur gekauft haben. Die Lobby habe das so durchgedrückt. Es gebe in Deutschland Plattformen, auf denen das vollautomatisiert passiere: Übersetzung per KI, andere Überschrift, ein Bildredakteur sucht noch etwas Passendes heraus und schon geht es online. Joey: „Eine Analyse hat gezeigt, dass nur 4% der Berichte zu Gaza in großen englischsprachigen Medien israelische Zahlen wiedergaben, aber 100% die Zahlen der radikalislamistischen Hamas. Von denen auch die UN so tut, als seien es ihre vermeintlich unabhängigen Quellen. 20% der Berichte nannten die Zahlen der Hamas sogar ohne Quellenangabe. Nur 15% enthielten den Hinweis, dass bei palästinensischen Zahlen zwischen getöteten Zivilisten und Kombattanten nicht unterschieden wird.“ Und bloß bei 1% der Berichte würden die Zahlen der Hamas kritisch hinterfragt. Nachzulesen sei das bei „Questionable Counting“ von Andrew Fox, einem britischen Hochschuldozenten und Veteran. „Das soll ausgewogene Berichterstattung sein? Oder gar Berichterstattung zugunsten Israels?“

Warum „ungesund“, wenn Fakten gesund sind?

Musiker:innen soll man eigentlich nicht zu ihrem Bandnamen befragen. Bloger:innen auch nicht zu ihrem Blognamen? Ich will trotzdem wissen, warum Joey seine Plattform „Ungesunder Menschenverstand“ nennt? Fakten sind doch gesund. Joey wird philosophisch.
Bei Aristoteles sei der „gesunde Menschenverstand“ die Fähigkeit gewesen, die Wahrnehmung mit einem Gedanken zu verknüpfen. Schmecke man einen Apfel, habe man wohl in einen Apfel gebissen. Diesen Bedeutungsinhalt finden wir auch im lateinischen „sensus communis“, aus dem der englische „common sense“ wurde. Kant habe daraus aber etwas anderes gemacht: Die Fähigkeit, selber denken zu können. Durch Nachdenken zu Schlüssen zu kommen. Heute verstünden wir darunter, dass jeder Mensch eine Art inneren Mechanismus hat, der ihn automatisch zu den richtigen Ergebnissen kommen lässt. Aber die Meinung, das Fürwahrhalten, sei immer davon abhängig, welche und wie viele Informationen wir vorher haben. Psychologen und Juristen wissen, wie fehlerhaft das Hirn arbeitet. Im Bezug auf die mediale Berichterstattung hätten wir aber häufig nicht alle Informationen. Durch das Netz 2.0 würden unsere Informationen gefiltert. Das Netz sei zum Gegenteil dessen geworden, was man sich damals erhofft hatte. Deshalb sei es damals eine spontane Idee gewesen, das Projekt kurz „U.M.“ zu nennen. „Für den, ironisch, ungesunden Menschenverstand, der versucht, Informationen zu bekommen, bevor er sich eine Meinung bildet.“

Ganz ohne Musik geht es nicht

Wir sind ein Musikzine. Ohne Musik geht es daher nicht. Welche seine fünf Lieblings-Antikriegslieder sind, will ich wissen. „Ich bin auch Soldat geworden, da ich, obwohl Krieg zwar scheiße ist, Pazifismus eben nicht für die Lösung halte. Si vis pacem para bellum.“ Joey mag Antikriegslieder.
Bei „Brothers in arms“ von den DIRE STRAITS dürften auch große Männer Pippi in den Augen haben, findet er. „Gimme shelter“ von den ROLLING STONES und Jimi Hendrix’ Version von „All along the watchtower“ zählt er auch dazu. Sein absoluter Spitzenreiter ist „Fortunate son“ von CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL, weil es genau sein Gefühl der Zeit widerspiegelt. Und einen besonderen Platz hat für ihn „Born in the USA“ von Bruce Springsteen. Trumps Team habe beim ersten Wahlkampf den Song als Einlaufmusik verwendet, wobei anscheinend keiner verstanden habe, was er wirklich bedeutet.

Linke und Punks in Bundeswehrhosen

Zum Abschluss frage ich Joey noch, woher die Liebe von Punks zu Militärklamotten kommt. Das Phänomen erklärt er damit, dass einst in den USA die Rocker aus Veteranen hervorgegangen seien, die teilweise noch ihre alten Armeeklamotten trugen. Daher kämen sicher auch die „Badges“ auf den Kutten. Der Biker auf dem ikonischen Foto der Hollister Riots von 1947 trägt Klamotten, die schon sehr an die Army dieser Zeit erinnerten. An den Vietnam-Protesten hatten ebenfalls Veteranen teilgenommen, die als Zeichen, dass sie selber in der Scheiße saßen, die Jacken und bestimmte Abzeichen weiter getragen haben.
Also was wäre da näherliegend, als sich eine alte Armeeklamotte zu besorgen und ein paar Badges aufzunähen oder ein A auf den Rücken zu sprühen? „Außerdem gab es überall NATO-Shops, in denen man aus Restbeständen eine M65-Feldjacke oder eine Bundeswehrhose für zehn Mark abgreifen konnte.“

Ox ist ein Fanzine.

Bedeutet, es ist von quasi nicht-Journalisten mit Herzblut gemacht. Die als Fachjournalisten meiner Erfahrung nach professioneller und gewissenhafter arbeiten, als viele große Medien.
Das Interview mit mir war ein Double-Feature in einem Heft mit einem Interview mit Mark Beneke, vielen weiteren Interviews, Reviews und und und. Auf unfuckingfassbaren 174 Seiten.

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Erschienen auf steady.page