von Michael Münch

Trump in Grönland: Der Privatjet des Präsidenten im Januar auf dem Airport Nuuk
Als Ökonom lohnt es sich, den aktuellen transatlantischen Lärm einmal beiseitezuschieben, die Emotionen auszublenden und nüchtern zu analysieren, wohin sich das Verhältnis zwischen Europa, den USA, der Ukraine und Grönland mit hoher Wahrscheinlichkeit entwickeln wird, denn wirtschaftliche Logik folgt Mustern, die sich oft erstaunlich präzise vorhersagen lassen. Man muss kein Trump-Fan sein, um zu erkennen, dass diese neue Phase transatlantischen Pingpongs weniger mit Moral als mit Kalkül zu tun hat, und dass hinter der lauten Drohkulisse aus Zöllen, Gegenzöllen, symbolischen Truppenentsendungen und empörten Erklärungen eine nüchterne ökonomische Logik arbeitet, die erstaunlich viele in Europa entweder nicht verstehen wollen oder bewusst ignorieren.
Donald Trump ist kein Ideologe im klassischen Sinne, sondern ein Geschäftsmann mit politischem Werkzeugkasten, und wer das ernst nimmt, erkennt schnell, dass Zölle auf Champagner oder Bordeaux Wein nicht das eigentliche Thema sind, sondern bloß Reizmarken, deren Effekte sich mit Preisabsatzfunktionen, Substitutionselastizitäten und Einkommenswirkungen ziemlich präzise vorhersagen lassen. Wer glaubt, hier werde blind experimentiert, verkennt, dass genau diese Effekte längst in Szenarien durchgerechnet sind, nicht nur in amerikanischen Thinktanks, sondern auch an den Finanzmärkten, die in den letzten 48 Stunden bereits gezeigt haben, was Trump wirklich fürchtet, nämlich fallende Kurse, nervöse Investoren und das Gefühl, die Kontrolle über den ökonomischen Resonanzraum zu verlieren.
Strategische Dummheit Deutschlands
Deshalb ist dieses öffentliche Pingpong zwar laut, aber nicht grenzenlos, denn dort, wo reale Vermögenswerte reagieren, endet Trumps Spieltrieb abrupt, was man in seiner ersten Amtszeit mehrfach beobachten konnte, wenn Börsenkorrekturen schneller wirkten als jede diplomatische Note. Gleichzeitig ist Trump hochgradig empfindlich gegenüber Provokationen, insbesondere dann, wenn sie symbolisch daherkommen und ihm keinen ökonomischen Nutzen bieten, weshalb die Entsendung von dreizehn Bundeswehrsoldaten nach Grönland politisch vielleicht wohlfeil, strategisch aber dumm war, weil sie zwangsläufig eine Reaktion provozieren musste. Trump hat in anderen Fällen gezeigt, etwa gegenüber Venezuela, dass er sich nimmt, was er nehmen kann, solange die Kosten gering bleiben, und genau hier liegt der Kern der kommenden Auseinandersetzung, die nicht über Zölle, sondern über Tauschgeschäfte entschieden wird.
Am Ende läuft alles auf eine brutale, aber schlüssige Gleichung hinaus: Grönland gegen Ukraine. Denn sollte Europa ernsthaft versuchen, sich amerikanischen Interessen im arktischen Raum entgegenzustellen, wird der Preis dafür nicht in Strafzöllen gezahlt, sondern in Washingtons Rückzug aus der Ukraine-Unterstützung. Fallen amerikanische Waffenlieferungen, Zieldaten, Satelliteninformationen und die Möglichkeit, europäisches Geld in amerikanische Rüstungsgüter zu verwandeln, bricht das gesamte Konstrukt der europäischen Ukraine-Politik in sich zusammen, nicht militärisch, sondern politökonomisch. Mit dem Wegfall dieser Unterstützung geraten nämlich auch jene Netzwerke unter Druck, die vom Krieg nicht nur moralisch, sondern handfest ökonomisch profitiert haben, über Rüstungsaufträge, Lobbyismus und jene Grauzonen, die man höflich Interessenverflechtungen nennt und weniger höflich Kickback-Geschäfte.
Schöne Verpackung
Genau deshalb ist die Angst vieler europäischer Spitzenpolitiker so groß, weil sie wissen, dass dieser Krieg ohne amerikanische Rückendeckung nicht nur militärisch, sondern auch finanziell und politisch unhaltbar wird. Trump weiß das, und er weiß ebenso, dass die globalen Finanzmärkte am Ende als Regulativ wirken werden, weshalb er das Spiel nicht bis zum Äußersten treiben wird, aber er wird es weit genug treiben, um seinen Preis zu erzielen. Meine Vorhersage ist deshalb relativ klar: Wenn Europa politisch an der Ukraine festhält und diese Unterstützung als unverzichtbar betrachtet, dann wird man sich in den kommenden Tagen, Wochen und vielleicht auch Monaten, mit großer Kreativität und erheblichem diplomatischem Aufwand bemühen, Trump in der Grönland-Frage faktisch alles zu geben, was er will, ohne dass es am Ende so aussieht, als hätte er sich Grönland einfach genommen und Europa tatenlos zugesehen.
Die eigentliche Kunst wird also nicht die Entscheidung selbst sein, sondern ihre schöne und geräuschlose Verpackung, also ein Arrangement aus Sicherheitszusagen, wirtschaftlichen Kooperationen, internationalen Formeln und wohlklingenden Erklärungen, die es erlauben, Grönland preiszugeben, ohne das Wort Opfer in den Mund nehmen zu müssen. Europa wird versuchen, Grönland zu liefern, ohne es so aussehen zu lassen, als hätte man es geliefert, denn nur so lässt sich die Ukraine halten, die eigene politische Erzählung retten und zugleich verhindern, dass Trumps Sieg allzu offen sichtbar wird.
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