von Julian Marius Plutz

Die Autorin und Aktivisten Malca Goldstein-Wolf (l.) war Ziel antijüdischer Anfeindungen durch das „freundliche Gesicht des Würselener Antisemitismus“, CDU-Kommunalpolitiker Achim Lürken (r.)
Wer an Würselen in Nordrhein-Westfalen denkt, der kommt an zumindest einer großen Lichtgestalt dortiger Provenienz nicht vorbei: Bekanntlich wollte vor einigen Jahren ein trinkfester Buchhändler und ehemaliger Bürgermeister für die Sozialdemokratie Bundeskanzler werden; der sogenannte “Schulz-Zug” wurde aufgegleist, nur um kurze Zeit später zu entgleisen. Martin Schulz, der dann noch nicht einmal einen Ministerposten bekam, wurde in den hinteren Reihen des Parlaments endgelagert.
Bleiben wir bei Würselen und beim Entgleisen: Eine weitere Lichtgestalt von dort ist Achim Lürken, seines Zeichens CDU-Politiker und “Ehrenkönig” (wohl eher Erlkönig?) der örtlichen Schützenbruderschaft “St. Hubertus”. Dieser ist kürzlich mit judenfeindlichen Äußerungen ausgefallen – und das übrigens nicht zum ersten Mal. Was war geschehen? Innerhalb einer Diskussion um Israel postete Lürken: “Ich glaube der Nachname Goldstein sagt schon alles oder?” Die Rede war von der jüdischen Aktivistin Malca Goldstein-Wolf, deren Nachname wohl die tiefsitzenden und allzeit schlummernden Vorurteile und stets auf Abruf stehenden antisemitischen Beißreflexe des Lürkener Stadtrats aktiviert hat.
Wiederholungstäter aus der westdeutschen Provinz
Nach einer standardisierten Distanzierung seines Vorsitzenden hat sich nun auch Achim Lürken selbst zu dem Fall geäußert: Er habe “durch den Bezug auf den Nachnamen einer Person” – er hätte dabei ruhig betonen können, dass es sich um Malca Goldstein-Wolf handelt! – „im Zusammenhang mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt… ein antisemitisches Denkmuster bedient. Auch wenn mir das in diesem Moment nicht bewusst war, trage ich für die Äußerung die volle Verantwortung“, so der CDU-Lokalpolitiker. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Lürken war in dem Moment, da er antisemitisch redet, also nicht bewusst, dass er gerade antisemitisch redet? Er hat quasi nicht mitbekommen, dass er in einer Diskussion um Israel eine Lady mit einem jüdisch anmutenden Nachnamen degradierte?
Gnädigerweise übernimmt Lürken trotzdem die “volle Verantwortung” und erklärt: „Dafür entschuldige ich mich ausdrücklich – insbesondere bei der betroffenen Person sowie bei allen, die sich durch meinen Kommentar verletzt oder ausgeschlossen gefühlt haben“! Erneut stellt man sich die Frage, warum er weiterhin nur von “der betroffenen Person” redet und Goldstein-Wolfs Namen zu nennen scheut? Klingt dieser ihm zu jüdisch? Kriegt er dann womöglich eine Watschn von seiner Frau?
Katharsis-Mimikry auf Facebook
Immerhin folgte nun doch doch eine Konsequenz: Lürken wird seinen Posten im Stadtrat räumen. Damit zeigt er zumindest mehr Verantwortung als fast jeder andere Politiker seiner Partei, der nach noch so eklatantem Fehlverhalten zwar ankündigt, “Verantwortung zu übernehmen”, aber diesen Worten keinerlei Konsequenz folgen lässt. Spahn und Voigt und Lügenkanzler lassen grüßen.
Trotzdem kann man Lürkens so einfach nicht davonkommen lassen – denn seine Katharsis-Mimikry auf seinem Lieblingsmedium Facebook geht noch weiter: “Dieser Vorfall ist für mich Anlass zu ernster Selbstkritik”, schreibt er pathetisch. ”Ich nehme ihn als Verpflichtung, mein eigenes Sprach- und Denkverhalten kritisch zu hinterfragen und sensibler mit antisemitischen Narrativen umzugehen – gerade dort, wo sie subtil wirken.” Davon abgesehen, dass seine Skandaläußerung zu Goldstein-Wolf ungefähr so subtil war wie der Einfluss des Main Towers auf das Stadtbild Frankfurts, muss Lürken sich die Frage gefallen lassen, warum er sich nicht schon vor Jahren kritisch hinterfragt hat. Denn sein seine antijüdischen Ressentiments blitzen schon früher durch; so schrieb er 2017: „Nur weil wir Deutschen 6 Mio. Juden umgebracht haben, sollen wir es nun den Juden erlauben das gleiche an anderen zu tun? Israel ist kein Opfer sondern ein Täter. Diese Landdiebe.“
Lürken ist leider einer von vielen
Es war eben kein beiläufiger und – wie belegt – eben auch kein einmaliger Ausrutscher, was Lürken über Goldstein-Wolf vom Stapel ließ. Einmal mag Zufall sein, doch zweimal ist Absicht. Wenn jemand solche Worte dezidiert an eine Volksgruppe richtet, um sie zu verleumden, oder gar um sie zu richten, ist der Fall klar. „Du Arschloch!“ mag einem im Affekt schonmal rausrutschen. Aber „der Name Goldstein sagt doch schon alles“ nicht. Das ist kein Ausrutscher, sondern so spricht ein Antisemit, der ganz genau weiß, was er da äußert und wie – und vor allem, bei welchen Gleichgesinnten seine Worte auf offene Ohren stoßen. Ob Achim Lürken ein Arschloch ist, ist unklar; ich habe da zwar eine starke Vermutung… aber was weiß ich schon! Was ich aber weiß: Achim Lürken ist ein unschlauer, dafür umso ungenierter und unbescheidener Judenfeind. Er hat mehr mit Horst als mit Gustav Mahler gemeinsam und für ihn ist die Judenfrage vermutlich erst dann gelöst, wenn Israel vernichtet ist.
Was der Fall aber erneut deutlich zeigt: Judenhass kennt keine politische Grenzen. Er ist keine Frage des Parteibuchs, geographischer Richtungen oder politischer Ebenen; so was geht auch in der CDU und eben auch in Würselen. Und das Schlimmste ist: Achim Lürken, dessen Name ich ab jetzt vergessen will, steht nicht allein da. Er steht stellvertretend für eine in zunehmendem Maß nicht mehr schweigende Masse, die sich die Verunmöglichung jüdischen Lebens – auf deutschem ebenso wie auf israelischem Boden – als Lebensaufgabe auserkoren hat. Eine Mehrheitsgesellschaft, die das nicht erkennt, hat aus “nie wieder Auschwitz!“ nichts, aber auch gar nichts gelernt und kann sich ihre Trauerrituale und Gedenkfeiern sonst wohin stecken.
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