Mittwoch, 25. Februar 2026

Energiepolitik zwischen Moral, Realität und Abhängigkeit

von David Cohnen

Moral oder Sicherheit: Dunkle Wolken am deutschen Energiehorizont



Die Diskussion um russisches Gas ist in Deutschland stark moralisch aufgeladen. Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine steht nicht mehr allein die energiepolitische Frage im Raum, sondern eine moralische: Darf man von einem Staat Energie beziehen, dessen Präsident international als Kriegsverantwortlicher gilt? In Umfragen – etwa von Civey – sprachen sich zeitweise rund drei Viertel der Befragten dafür aus, kein Gas mehr aus Russland zu beziehen.

Diese Haltung ist emotional nachvollziehbar. Doch Energiepolitik ist kein moralphilosophisches Seminar, sondern Teil staatlicher Daseinsvorsorge. Sie muss Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und geopolitische Realitäten zugleich berücksichtigen. Deutschland bezieht heute sein Gas offiziell überwiegend aus Norwegen sowie über LNG-Terminals aus Übersee.

Die tatsächliche Herkunft des in Deutschland verbrauchten Gases

Rechnet man jedoch nicht nur die direkten Lieferwege, sondern die originären Förderländer, ergibt sich ein differenzierteres Bild. Auf Basis plausibler Mittelwerte lässt sich die gegenwärtige Struktur wie folgt darstellen (Hinweis: Die Niederlande und Belgien erscheinen in der nachfolgenden Auflistung deshalb bewusst nicht, weil sie überwiegend Transit- und Handelsdrehscheiben sind, nicht primäre Förderländer):


Was sagt uns diese Verteilung? Erstens, dass Norwegen mit rund 42,5 Prozent der mit Abstand wichtigste Gaslieferant Deutschlands ist. Allerdings operiert Norwegen bereits nahe an der Grenze seiner Förderkapazitäten. Eine massive zusätzliche Ausweitung ist technisch wie geologisch begrenzt. Zweitens: Die USA liefern rund 9 Prozent des deutschen Gasverbrauchs in Form von Flüssiggas (LNG). Diese Mengen sind Teil eines globalen Marktes, in dem Europa mit Asien konkurriert. LNG ist flexibel, aber teuer – und zudem abhängig von weltweiten Nachfrageverschiebungen.

Drittens stammt stammt ein erheblicher Teil des Gases aus Staaten außerhalb Europas – darunter Katar, Algerien, Nigeria oder den Vereinigten Arabischen Emirate. Diese Länder sind energiepolitisch bedeutend, aber keineswegs durchweg liberale Demokratien. Und viertens: Auch wenn direkte Pipeline-Lieferungen aus Russland eingestellt wurden, ist russisches Gas über den globalen LNG-Markt nicht vollständig verschwunden; Schätzungen gehen davon aus, dass indirekt weiterhin etwa 10 Prozent des in Deutschland verbrauchten Gases russischen Ursprungs sein könnten – etwa über Umwege oder Spotmärkte.

Die moralische Inkonsistenz

Hier beginnt die eigentliche politische Bruchlinie. Wer argumentiert, man dürfe aus moralischen Gründen kein russisches Gas beziehen, muss sich die Frage gefallen lassen: Warum gelten diese Maßstäbe nicht gleichermaßen für andere Lieferanten? Ist das politische System in Saudi-Arabien liberaler? Ist Katar eine westliche Demokratie? Sind Menschenrechtsstandards in Algerien oder Nigeria mit denen Europas vergleichbar? Energiepolitik war historisch selten eine Partnerschaft unter lupenreinen Demokratien. Auch während des Kalten Krieges bezog die Bundesrepublik Gas aus der Sowjetunion. Moralische Bewertungen standen damals in einem Spannungsverhältnis zu strategischen Interessen.

Die politische Debatte reduziert komplexe Abhängigkeiten häufig auf personalisierte Zuschreibungen: „Putin ist ein Verbrecher.“ Selbst wenn man dieser Einschätzung folgt, beantwortet sie nicht die strukturelle Frage globaler Energieabhängigkeiten. In einer Welt mit nahezu 200 Staaten sind nur wenige voll entwickelte Demokratien. Wer konsequent nur mit makellosen Partnern handeln wollte, stünde wirtschaftlich schnell isoliert da. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob man russisches Gas moralisch ablehnt – sondern ob alternative Kapazitäten dauerhaft ausreichen.

Ideologie versus Pragmatismus

Norwegens Liefermöglichkeiten sind weitgehend ausgeschöpft. LNG aus den USA oder Katar ist mengenmäßig begrenzt und preislich volatil. Außereuropäische Produzenten operieren ebenfalls nahe technischer Fördergrenzen. Der globale Gasmarkt bleibt ein Wettbewerbssystem. Sollte russisches Gas – direkt oder indirekt – vollständig wegfallen, müsste Europa entweder dauerhaft höhere Preise akzeptieren oder den Verbrauch drastisch senken. Beides hat wirtschaftliche Folgen.

Im Ergebnis zeigt die obige Tabelle keine einfache Wahrheit, sondern eine strukturelle Abhängigkeit; genauer: Deutschland hat seine Abhängigkeit von einem dominanten Lieferanten reduziert, sie jedoch durch eine zwar breitere, aber weiterhin geopolitisch hochsensible – Streuung ersetzt. Die politische Debatte neigt dazu, dort moralische Eindeutigkeiten zu formulieren, wo in Wahrheit Zielkonflikte bestehen. Wer sich ausschließlich von moralischer Empörung leiten lässt, läuft Gefahr, ökonomische Realitäten auszublenden – und wer ausschließlich ökonomisch denkt, blendet wiederum ethische Verantwortung aus. Eine reife, verantwortungsvolle Energiepolitik müsste beides verbinden: Moralische Maßstäbe und nüchterne Versorgungssicherheit. Die eigentliche Frage ist daher nicht, ob ein einzelner Lieferant moralisch akzeptabel ist, sondern wie eine Volkswirtschaft in einer Welt begrenzter Demokratien strategisch klug und resilient handelt.


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