von Mirjam Lübke
Regenbogenbunt und sprenggläubig: Linke Vielfalts-SchizophrenieAlice Schwarzer muss eine unerschütterliche Optimistin sein. Selbst als bei ihrem Vortrag in Hamburg letzten Freitag “Transaktivisten“ die Bühne stürmen wollten, glaubte immer noch, mit ihnen ins Gespräch kommen zu können. Nun lassen sich derlei Aktivisten selten zum Reden blicken, sondern eher für Unruhestiftung aller Art – und selbst wenn es gelänge, einen von ihnen aus der wütenden Menge zu lösen und mit etwas Charme zum Dialog zu bewegen, würde der Rest des aufgebrachten Mobs diesen durch wildes Trillerpfeifen und Gebrüll alsbald im Keim ersticken. “Massenbildung” nennt man das in der Soziologie: Auch ohne zentrale Steuerung weiß der einzelne Teilnehmer des Demonstrationszuges genau, was in solchen Momenten von ihm erwartet wird, schließlich hat man sich schon im Vorfeld gegenseitig in Kampfesstimmung gebracht. Ähnlich wie die Dorfbewohner, die im alten Frankenstein-Klassiker von 1931 dem Geschöpf in der brennenden Mühle mit Fackeln und Mistgabeln nach dem Leben trachten – nur diesmal in Multikulti-Technicolor. Da der moderne Aktivist allerdings nicht mehr weiß, wozu eine Mistgabel ursprünglich nützlich ist, greift er zum selbstgeschriebenen Transparent. Der “gerechte Zorn” bleibt allerdings derselbe.
Feminismus-Urgestein Alice Schwarzer steht schon seit längerem unter Beschuss aus der queer-woken-islamophilen Szene, weil sie sich früh gegen die Verharmlosung des Kopftuches einsetzte und die Abschaffung “kultursensibler” Gerichtsurteile forderte. Sie machte schon vor der großen Einwanderungswelle von 2015 auf den Fall einer Frau aufmerksam, die vor Gericht keine Härtefallscheidung bewilligt bekam. Die Richterin hatte befunden, es sei in der muslimischen Kultur »normal«, wenn der Ehemann seine Frau auch einmal körperlich züchtige, deshalb lägen keine besonderen Härten vor. Die Ehefrau solle das reguläre Trennungsjahr abwarten. Dank des von Schwarzer erlangten öffentlichen Interesses kassierte eine höhere Instanz das Urteil und verfügte die sofortige Scheidung. Prompt riefen Kritiker ihr übliches Credo, man dürfe das alles nicht verallgemeinern, Kopftücher seien nur ein Stück Stoff und Schwarzer sei “fremden-” und“ islamfeindlich”«.
Endgültig in die rechte Ecke gedrängt wurde die klassische Feministin, als sie Erfahrungsberichte von Transmenschen veröffentlichte, in denen diese erzählten, wie wenig glücklich sie mit ihrer Entscheidung geworden waren. Statt der Erfüllung ihres Lebenstraums folgten Depressionen und die bittere Erkenntnis, nichts mehr rückgängig machen zu können. Suizide in der Szene dürfen ebenfalls nicht benannt werden, das Dauermotto lautet ”Trans macht glücklich!”
Zwischen allen Stühlen
Alice Schwarzer möchte keine “Rechte” sein, und ihre radikalliberale Haltung zur Abtreibung würde auch nicht mit jener bürgerlicher Konservativer in Übereinklang zu bringen sein. In letzter Zeit suchte sie im Zuge ihres pazifistischen Engagements die Nähe zu Sahra Wagenknecht und scheint damit nun zwischen allen Stühlen zu stehen. Im konservativen Lager würde man mit ihr sprechen, schon, weil sie sich bereits früh gegen die fortschreitende Islamisierung engagierte, aber lieber wäre es ihr wohl, wieder Anschluss an die Linke zu finden, die eher zu ihrer politischen Heimat gehört. Realistisch ist das derzeit nicht – vielleicht sollte Frau Schwarzer sich deshalb der Tatsache bewusstwerden, wie schnell heute das rechte Etikett vergeben wird und ob sich unter diesem Etikett vielleicht doch ein paar Vernünftige befinden, die sie in Trans- und Islambelangen unterstützen würden.
Denn in der woken Szene sieht es nach wie vor noch düsterer aus, was das Licht der Erkenntnis angeht. Nicht nur verschenkt sie durch ihre Randale jedes Restchen Verständnis für ihre Anliegen in der Bevölkerung – was wahrscheinlich auch gut so ist, denn sie haben schon genug Unheil angerichtet, das Selbstbestimmungsgesetz durchgebracht und den Forschungsbetrieb an den Universitäten in eine ideologische Hölle verwandelt: Die Schwester der Transbewegung, die Genderideologie, drängt nicht nur der Biologie ihren Stempel auf. Und sucht sich als Verbündeten ausgerechnet die islamische Welt aus. Obwohl man dort vor Entsetzen die Hände ringt: Ein palästinensischer Imam ließ kürzlich verlauten, man habe den Krieg gegen Israel nur wegen der “Queers for Palestine” verloren, deren Unterstützung habe den Zorn Allahs auf Gaza herabgerufen. Ein wenig amüsiert konnte man von diesem Statement schon sein: Da hatte sich ein Teil der Queer- und Transszene komplett zum Affen gemacht und versteht wahrscheinlich bis heute nicht, warum sie dafür keinen Dank geerntet hat. Wenn der Imam recht hat – und wer kennt schon die Wege Allahs? – dann sollten Israel den Queers eventuell Blumen zukommen lassen.
Nachwuchs-Salafisten und Linksextremisten
Warum die Linke sich so gut mit Islamisten versteht, kann man mittlerweile recht gut aufschlüsseln: Es ist die Lust daran, Andersdenkende- und -gläubige bedingungslos zu unterwerfen. Es geht längst nicht mehr darum, den Rest der Welt von Ideen zu überzeugen, sondern sie bis ins Private hinein mit Gewalt durchzusetzen. Ayatollah Khomeini liebte ebenso wie Mao Zedong die öffentliche Herabwürdigung und Bestrafung seiner Gegner, nur trifft das von ihm installierte System hauptsächlich die Frauen, die auf offener Straße wegen “unmoralischen Verhaltens” abgefangen und bestraft wurden – als deutliche Abschreckung für alle anderen, die an Widerstand auch nur dachten. Das Prinzip “Bestrafe einen, erziehe Hunderte”, das Mao zugeschrieben wird, findet ebenso in islamistischen Systemen seine Anwendung, wo jeder dazu aufgerufen ist, Abweichler ohne Zögern körperlich zu bestrafen.
Wenn also Politik und Justiz in Deutschland dem Linksextremismus so viel Spielraum zugestehen, dann mögen ähnliche Motive im Hintergrund schon mitschwingen: Milde Urteile für die “Hammerbande”, die Menschen für “falsche Kleidung” ins Krankenhaus prügelte, weil dahinter “ehrenhafte Motive” standen, gehen daher in eine fatale Richtung. Der öffentliche Raum wird zu einer Strafzone für all jene, die sich den entsprechenden Ideologien nicht anpassen wollen: Ob Nachwuchs-Salafist auf dem nordrhein-westfälischen Pausenhof, der seine Mitschülerinnen bedrängt, das Kopftuch zu tragen oder der Linkextremist, der dem politischen Gegner die Fensterscheiben einwirft, der Geist dahinter ist derselbe. Und trifft auf eine Gesellschaft, die keinen Ärger haben will und sich wegduckt. Warum spielen aber Queers und Feministinnen bei diesem Spiel mit? Falls sie hoffen sollten, am Ende mit Wohltaten für ihre Unterstützung bedacht zu werden, so lohnt sich auch hier ein Blick auf die revolutionären Systeme der Vergangenheit.
Große Stunde mit Abschluss des Klassenkampfs
Zu Beginn wird die zahlenmäßige Unterstützung gern in Anspruch genommen, sobald sich das System etabliert hat, räumt es allerdings gnadenlos auf. Der Stalinismus mit “gemäßigteren” kommunistischen Gruppen oder eben die Ayatollahs mit der der iranischen Linken, die bei der Rückkehr Khomeinis noch gejubelt hatten. Scheinbar gemeinsame Ziele, etwa die Bekämpfung des Kapitalismus, dienen als Honigtöpfe, um die Mitstreiter zunächst bei der Stange zu halten. Am Ende dann das böse Erwachen: Keine der Zusagen, für die man sich ideologisch verbogen hat, wird eingehalten. Auch Feministinnen lassen sich schon seit Jahrzehnten vertrösten, dass mit dem Abschluss des Klassenkampfes auch ihre große Stunde gekommen sei. Im Sozialismus sah das auch fast so aus, denn Frauen wurden auch in Männerberufen gebraucht, an die Spitze der Hierarchie drangen sie aber nur selten vor, es sei denn sie verfügten über die Gnadenlosigkeit einer Hilde Benjamin oder Margot Honecker.
Von diesem Standpunkt aus kommt Alice Schwarzer immerhin das Verdienst zu, sich nicht weggeduckt zu haben, während ihre Gegnerinnen einfach nicht klug werden wollen: Das System, das sie propagieren, wird auch sie auffressen. Sei es, weil die Interessen von “Transfrauen” längst über die biologischer Frauen gestellt werden, Widerstand gegen Transfrauen im Frauensport kommt etwa nur noch von den Athletinnen selbst, die sonst jegliche Chance auf einen fairen Wettbewerb verlieren würden. Oder weil das Kopftuch eben kein Symbol der Selbstbestimmung ist, sondern nur die andere Seite der sexistischen Medaille. Und nebenbei gesagt, noch nicht einmal vor Sexismus in Form von Gewalt und Missbrauch schützt, weil der Islam nun einmal die Gleichberechtigung der Geschlechter nicht im Programm bereithält. Alice Schwarzer hat das früh durchschaut, durchschaut aber noch nicht, wie radikal die Szene ist. Da kann sie keinen Blumentopf gewinnen. Vielleicht ist es für sie an der Zeit, sich andere Verbündete zu suchen und mit diesen – gewaltfrei und gesprächsbereit – über Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei ihren Standpunkten zu diskutieren.
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