Montag, 16. März 2026

Der Kolonialismus des Nahen Ostens

Bild
Das osmanische Jerusalem, 1862.

Ständig wird das Narrativ vertreten, „der Westen“ sei schuld an den fortdauernden Unruhen und Kriegen im Nahen Osten. Und die Keimzelle allen Übels sei der europäische Kolonialismus.
Das ist so tief in unserer Selbstkasteiung verankert, dass wir es gar nicht mehr hinterfragen.
Ich würde gerne eine andere Perspektive anbieten. Die meiner Meinung nach historisch sehr viel zutreffender ist.

Eine Kolonie (lat.: colere = bebauen, Land bestellen) ist ein Gebiet außerhalb des Kernterritoriums eines Staates, das politisch, wirtschaftlich und militärisch von diesem Staat kontrolliert wird, ohne gleichberechtigter Teil dieses Staates zu sein.

Ein wenig Vor-Geschichte

Mit dem Tod des Propheten Mohammed 632 fielen viele arabische Stämme wieder vom Islam ab, da sie sich nur Mohammed persönlich verpflichtet gefühlt hatten. Sie waren also keineswegs wirklich islamisch missioniert.
Daraufhin begannen interne Kriege auf der arabischen Halbinsel, vor allem durch den ersten Kalifen.
Abu Bakr war einer der ersten Anhänger Mohammeds. Aus dieser Zeit stammt noch der Begriff des Kalifen, der gleichzeitig ein religiöser und politischer Herrscher war, ähnlich wie der Papst lange Zeit.
Diese Krieg werden als „Ridda“ bezeichnet.

Danach begann die Islamische Expansion. Keine Missionierung, sondern kriegerische Eroberung.
Die Region war dominiert von Byzanz, also dem oströmischen Reich (Konstantinopel, heue Istanbul), und dem Perserreich, heute Iran.
Innerhalb weniger Jahre eroberten die Araber ein riesiges Gebiet, vom heutigen Iran bis nach Libyen. Das gelang, weil die großen Reiche erschöpft waren und sich lokale Stämme und Ethnien den Arabern anschlossen. In den nächsten wenigen Jahrzehnten beherrschten die Araber ein Gebiet von Indien bis nach Spanien.

Bild
Karte der Islamischen Expansion mit den Zeitangaben der wichtigsten Schlachten und Eroberungen. (Open Source)

Das war die erste Kolonisation. Die heutigen Staaten wurden arabisiert. Durch die Kombination von Religion und Gewaltmacht war das nachhaltig. Bis heute wird in all diesen Ländern (bis auf den Iran) auch arabisch gesprochen, ist meist sogar Amtssprache.

Und seitdem wird das Gebiet in Europa als gemeinsames Reich wahrgenommen.
Das ist aber ebenso ungenau, als würde man ganz Europa als christliches Reich wahrnehmen. Und deshalb muss auch dieser Artikel ungenau bleiben, denn jede Region hat ihre eigene Geschichte.

Wechselhafte Kalifate

Es folgten viele Dynastien. Mit unterschiedlichen „Hauptstädten“: Die Umayyaden regierten von Damaskus aus (heute Syrien), das goldene Zeitalter der Gelehrsamkeit war unter den Abbasiden von Bagdad (heute Irak), die Fatimiden regierten von Kairo in Ägypten aus, usw.
Im Unterschied zu Europa war es tatsächlich zumeist ein zusammenhängendes Reich, aber mit nicht weniger internen Kriegen, wie in Europa.

Satellitenbild
Die Alhambra, die Kasbah (Stadtburg) der muslimisch-maurische Dynastie der Nasriden, die das Emirat von Granada in Al-Andalus (Andalusien) in Spanien beherrschten. Eine der größten Burg-Paläste Europas.

Dann kam das Osmanische Reich, die heutigen Türkei. Die Macht wurde ebenfalls gewaltsam durchgesetzt. Das war die zweite Kolonisation.
Die Türken waren keine Araber - sie stammten aus den asiatischen Steppen, bis heute gibt es auch Turk-Völker bis nach China - akzeptierten Arabisch aber aus religiösen Gründen als Verkehrssprache.

Bild
Druck aus einem Buch von ca. 1580 mit handschriftlichen, deutschen Anmerkungen. Er zeigt verschiedene Trachten von türkischen und arabischen Kämpfern.

Dieses Osmanische Reich beherrschte diese riesige Region für 400 Jahre. Ende des 19. Jahrhunderts war auch dieses Imperium erschöpft, erste Gebiete fielen ab. Dann verlor es den Ersten Weltkrieg und wurde von den Siegern zerschlagen.

Bild
Colonel Thomas Edward Lawrence in seiner arabischen Tracht mit dem Dolch (Janbiya), der heute vor allem noch im Jemen getragen wird. (Foto 1918) Der biografische Film Lawrence von Arabien von 1962 ist bis heute ein Meisterwerk, das den Kampf der Araber gegen die Osmanen schildert.

Man darf aber auch hier nicht vergessen, dass viele der Ethnien Anfang des vergangenen Jahrhunderts noch hauptsächlich Beduinen waren. Von Nordafrika über Arabien bis ins heutige Syrien. Sie hatten ein völlig anderes Konzept von Grenzen und Nationalstaaten.

Bild
Ein Beduinen-Mädchen hütet die Schafe am Rande der Negev-Wüste bei Beʾer Scheva (arab.: Biʾr as-Sab, türk.: Birüssebi, engl.: Beersheba), heute Israel. Die traditionelle Bekleidung unterscheidet sich enorm von der arabischen, aber auch von der muslimischen („palästinensischen“) im heutigen Westjordanland. (Foto: 1932)

Bis heute leben u.a. in Israel und Ägypten Beduinen, häufig in Rivalität beispielsweise zur Hamas. Denen nach dem Zweiten Weltkrieg manchmal Häuser und ganze Dörfer gebaut wurden, damit sie nicht mehr über Staatsgrenzen hinaus umherziehen. (Auch solche Dörfer werden in Israel übrigens von der Hisbollah mit Raketen beschossen: Qasr as‑Sir, 2021; Arab al-Aramshe, 2024, usw.)

Bild
Eine muslimische Familie in traditioneller Kleidung in Betlehem, heute Westjordanland. (1898)

Natürlich, es gab mal Kreuzfahrerstaaten in der Levante, dem heutigen Israel, Libanon und Syrien. Aber das waren eher Stadtstaaten. So klein, dass man sie auf einer Gesamtkarte kaum nicht richtig abbilden kann. Und klar, später haben die Briten beispielsweise auch ein Protektorat in den heutigen Arabischen Emiraten und im Oman gehabt. Aber auch das waren angesichts der schieren Landmasse Winzlinge.

Frankreich übernahm das Gebiet des heutigen Syriens und des Libanons als Mandat für den Völkerbund, dem Vorläufer der UN. Aber nicht um es zu behalten, nicht als Kolonie. Auch wenn sie dort natürlich für wenige Jahrzehnte eine Kolonialordnung pflegten, denn irgendwie mussten sie es ja verwalten.
Was hätten sie auch machen sollen? Sie hatten ja nicht einmal Zeit aufzuräumen, dann kam schon der Zweite Weltkrieg. Jetzt wurde es noch chaotischer.
Das französische Vichy Regime kollaborierte mit Nazi-Deutschland, und damit auch Syrien und Libanon. (Und Teile der Palästinenser, deren Anführer auch zeitweise in Berlin residierte und Mitglied der SS wurde.) Im Irak gab es einen Putsch, um sich Deutschland anzuschließen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Siegermächte - ein bisschen Frankreich, aber vor allem Großbritannien - dann tatsächlich einen Fehler gemacht. Sie haben Grenzen mit dem Lineal gezogen. Weil sie kriegsmüde waren und möglichst schnell aus dem Schlamassel raus wollten. So richtig Ahnung hatten sie nicht, denn vorher war ja alles jahrhundertelang das Osmanische Reich gewesen.

So wurden beispielsweise die indogermanisch-sprachigen (iranischen) Kurden und die sprachlich zu den Kurden gehörenden Jesiden vergessen. Die alevitischen Kurden werden von anderen Muslimen nicht als „echte“ Muslime anerkannt, die Drusen in Israel und Syrien als Ketzer angesehen. In Jordanien setzte man einfach einen Herrscher aus der Dynastie der Haschimiten ein, die eigentlich aus Arabien stammt. Und so weiter.

Und mit der aufkommenden Selbstständigkeit der Staaten, wie dem Irak, Ägyptens oder Syrien, begannen erneut die Verteilungskämpfe. Die das Osmanische Reich durch Gewalt und Autonomie-Politik wie ein einem Schnellkochtopf unter einem Deckel gehalten hatte.
Ägypten war osmanisch, aber mit starkem britischem Einfluss. Der Sudan wiederum war quasi ägyptische Kolonie, gehörte also indirekt zum Reich.

Diese Verteilungskämpfe dauern bis heute an.
Deshalb vergleiche ich das auch gerne mit dem 30-Jährigen Krieg in Europa. Wir sehen Verteilungskämpfe, wie auch im ehemaligen Jugoslawien nach dem Zerfall der Sowjetunion. Oder im kurzlebigen Reich von Alexander dem Großen nach seinem Tod, bei den Angelsachsen nach dem Rückzug der Römer aus England, und so weiter.

„Weltliche“ Herrscher - wie das Haus Saud in Saudi-Arabien oder das Königreich Jordanien - wollen natürlich an der Macht bleiben. (Haus Al Chalifa, Bahrain; Haus Al Sabah, Kuweit; Al Maktum, Dubai; Oman, Haus Al Said; usw. Man kann an den Herrscherhäusern noch heute häufig die alten Stämme anlesen.)
Andere, wie der Iran, die Hisbollah, die Hamas oder IS wollen wieder ein Kalifat, also ein islamisch geführtes Imperium.

Wobei die sich auch untereinander bekämpfen, beispielsweise der sunnitische IS und der schiitische Iran sind spinnefeind. Hisbollah und Iran eint mit der Hamas ausschließlich der Hass auf Israel. Wäre der erledigt, würden sie sich gegenseitig bekämpfen. Die Hamas ist auch verfeindet mit der eher weltlichen, sozialistischen PLO: es kam 2006 zum Bürgerkrieg im Gazastreifen und immer wieder zu Gefechten im nördlichen Westjordanland.

Bild
Visualisiert: Die heutigen Staaten, die ursprünglich zum Osmanischen Reich gehörten. Es sind exakt die Staaten, in denen es seit Jahrzehnten Kriege und Spannungen gibt. (Zum Osmanischen Reich gehörten mehr, ich habe nur die relevanten Staaten in Nahost eingefärbt.)

Keine homogene Masse

Deshalb verstehen viele Europäer auch nicht die internen Streitereien. Weil sie die Geschichtsbücher nicht bemühen.

Ägypter sehen sich beispielsweise bis heute als Nachkommen eines Jahrtausende alten Reiches. Auch wenn deren Herrscher vor der Arabisierung erst Griechen und dann Römer waren. Sie schauen zumeist auf die Palästinenser herab.
Die Türken sehen sich als Nachfahren der Kolonialherren, die alles 400 Jahre regiert haben. Weshalb Erdogan sich gerne als Vermittler anbietet, dabei geht es um Reputation.
Die Iraner sehen sich in der Breite als Nachfahren der Perser und sind keine Araber, weshalb derzeit bei Demonstrationen gerne mal skandiert wird, dass sie auf arabische Propheten scheißen. Sie sind im Gegensatz zum Regime wenig religiös; die radikalen Schiiten, die in der islamischen Welt eine kleine Minderheit sind, haben da natürlich andere Vorstellungen.
Die Araber sehen sich aufgrund der Religion und der islamischen Expansion natürlich als Hai im Karpfenteich, schließlich sprechen alle anderen Länder ihre Sprache. Auch sie blicken u.a. auf die Palästinenser herab.

Das verdeutlicht auch, warum beispielsweise Ägypten keine palästinensischen Flüchtlinge aufgenommen hat. Oder wie die Hisbollah einen Staat im libanesischen Staate aufbauen konnte. Oder warum Katar (Haus al Thani) - zwischen den Erzrivalen Saudi-Arabien und Iran - versucht auf allen Hochzeiten zu tanzen. Und warum den meisten Arabern völlig scheißegal ist, wenn das iranische Regime Zehntausende massakriert.

Es gab keinen europäischen Kolonialismus in der arabischen Welt

Es ist in meinen Augen geschichtsrevisionistisch, den Grund im europäischen Kolonialismus zu sehen.
Das ist kein Reinwaschen, der war kein Stück besser. Nur hat der woanders stattgefunden. In Afrika, Indien, China und den Amerikas.

Die Briten waren keine Kolonialherren, sondern kurzzeitig Verwalter. Sie haben das Gebiet nicht von seinen unterschiedlichen Bevölkerungen erobert, sondern es ist ihnen zugefallen. Weil sie den Hausherren in einem Krieg besiegt hatten, in dem diese Gebiete höchstens eine Nebenrolle spielten. Nicht einmal eine Sprechrolle.

Wir denken nur, das sei alles Kolonialismus gewesen.
Weil wir Agatha-Christie-Filme sehen, in denen die Briten wie Kolonialherren in Ägypten und Mesopotamien rumlaufen. Oder Dokumentationen über britische oder deutsche Forscher, die Tutanchamun, Babylon oder Troja entdecken. Oder weil Indiana Jones auf der ganzen Welt Nazis bekämpft. Oder weil uns irgendwelche Linksradikalen auf Social Media erzählen, an dem Chaos seien europäische Kolonisatoren schuld. Und Postkolonialismus-Professoren eh überall Kolonialismus und Rassismus wittern, weil sonst auffallen würde, wie sinnlos ihr Lehrstuhl ist und normale Historiker das auch könnten.
Weil wir keine Ahnung von der arabischen Welt zwischen dem oströmischen Reich und dem Ersten Weltkrieg haben.

Tatsächlich kracht es überall. Und da, wo es nicht kracht, sind autokratische Herrscher an der Macht.
Und immer wieder kann man auf Social Media „westliche“ Linksradikale und Palituchträger erwischen, die absolut keine Ahnung von der islamischen Welt haben.
Da darf man schon die Frage stellen, ob es nicht eher rassistisch und arrogant ist, oder auf einem kolonialistischen Weltbild beruht, hunderte Ethnien, Nationen und Historien über einen Kamm zu scheren.
Würden wir heute Bulgarien zur Seite springen, wenn die Türkei es angreift? Nur weil es christlich-orthodox und die Türkei muslimisch ist? Und wenn nicht, warum erwarten wir dann, dass Ägypten Palästinenser aufnimmt oder Saudi-Arabien dem Iran gegen die USA verteidigt?

Man sollte sich zwischen den Selbstgeißelungen doch wenigstens an eines erinnern:
Demokratie und die Trennung von Religion und Staat sind europäische Errungenschaften. Für Frieden zwischen den Staaten und Akzeptanz von religiösen und ethnischen Minderheiten mussten auch wir jahrhundertelang kämpfen. Und haben uns auch gegenseitig die Köppe eingeschlagen. Das läuft in der islamischen Welt nicht anders als in der christlichen. Dort wurde es nur über Jahrhunderte durch Dynastien unter dem Deckel gehalten. Einem kolonialistsichen, imperialistischen, autokratischen, aber islamischen Deckel. Und der ist offen, weil der letzte Hausherr einen Krieg gegen andere verloren hat.

Es ist sehr schwer vorstellbar, dass es dort anders aussehen würde, wenn Großbritannien nicht so doof gewesen wäre, diese Grenzen zu ziehen.
Denn in den meisten Konflikte der Region geht es nicht um Grenzstreitigkeiten. Sondern um Religion und Macht.


Erschienen auf steady.page

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen