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Das osmanische Jerusalem, 1862. | |
Ständig wird das Narrativ vertreten, „der Westen“ sei schuld an den fortdauernden Unruhen und Kriegen im Nahen Osten. Und die Keimzelle allen Übels sei der europäische Kolonialismus. | |
Eine Kolonie (lat.: colere = bebauen, Land bestellen) ist ein Gebiet außerhalb des Kernterritoriums eines Staates, das politisch, wirtschaftlich und militärisch von diesem Staat kontrolliert wird, ohne gleichberechtigter Teil dieses Staates zu sein. | |
Ein wenig Vor-Geschichte | |
Mit dem Tod des Propheten Mohammed 632 fielen viele arabische Stämme wieder vom Islam ab, da sie sich nur Mohammed persönlich verpflichtet gefühlt hatten. Sie waren also keineswegs wirklich islamisch missioniert. | |
Danach begann die Islamische Expansion. Keine Missionierung, sondern kriegerische Eroberung. | |
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Karte der Islamischen Expansion mit den Zeitangaben der wichtigsten Schlachten und Eroberungen. (Open Source) | |
Das war die erste Kolonisation. Die heutigen Staaten wurden arabisiert. Durch die Kombination von Religion und Gewaltmacht war das nachhaltig. Bis heute wird in all diesen Ländern (bis auf den Iran) auch arabisch gesprochen, ist meist sogar Amtssprache. | |
Und seitdem wird das Gebiet in Europa als gemeinsames Reich wahrgenommen. | |
Wechselhafte Kalifate | |
Es folgten viele Dynastien. Mit unterschiedlichen „Hauptstädten“: Die Umayyaden regierten von Damaskus aus (heute Syrien), das goldene Zeitalter der Gelehrsamkeit war unter den Abbasiden von Bagdad (heute Irak), die Fatimiden regierten von Kairo in Ägypten aus, usw. | |
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Die Alhambra, die Kasbah (Stadtburg) der muslimisch-maurische Dynastie der Nasriden, die das Emirat von Granada in Al-Andalus (Andalusien) in Spanien beherrschten. Eine der größten Burg-Paläste Europas. | |
Dann kam das Osmanische Reich, die heutigen Türkei. Die Macht wurde ebenfalls gewaltsam durchgesetzt. Das war die zweite Kolonisation. | |
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Druck aus einem Buch von ca. 1580 mit handschriftlichen, deutschen Anmerkungen. Er zeigt verschiedene Trachten von türkischen und arabischen Kämpfern. | |
Dieses Osmanische Reich beherrschte diese riesige Region für 400 Jahre. Ende des 19. Jahrhunderts war auch dieses Imperium erschöpft, erste Gebiete fielen ab. Dann verlor es den Ersten Weltkrieg und wurde von den Siegern zerschlagen. | |
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Colonel Thomas Edward Lawrence in seiner arabischen Tracht mit dem Dolch (Janbiya), der heute vor allem noch im Jemen getragen wird. (Foto 1918) Der biografische Film Lawrence von Arabien von 1962 ist bis heute ein Meisterwerk, das den Kampf der Araber gegen die Osmanen schildert. | |
Man darf aber auch hier nicht vergessen, dass viele der Ethnien Anfang des vergangenen Jahrhunderts noch hauptsächlich Beduinen waren. Von Nordafrika über Arabien bis ins heutige Syrien. Sie hatten ein völlig anderes Konzept von Grenzen und Nationalstaaten. | |
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Ein Beduinen-Mädchen hütet die Schafe am Rande der Negev-Wüste bei Beʾer Scheva (arab.: Biʾr as-Sab, türk.: Birüssebi, engl.: Beersheba), heute Israel. Die traditionelle Bekleidung unterscheidet sich enorm von der arabischen, aber auch von der muslimischen („palästinensischen“) im heutigen Westjordanland. (Foto: 1932) | |
Bis heute leben u.a. in Israel und Ägypten Beduinen, häufig in Rivalität beispielsweise zur Hamas. Denen nach dem Zweiten Weltkrieg manchmal Häuser und ganze Dörfer gebaut wurden, damit sie nicht mehr über Staatsgrenzen hinaus umherziehen. (Auch solche Dörfer werden in Israel übrigens von der Hisbollah mit Raketen beschossen: Qasr as‑Sir, 2021; Arab al-Aramshe, 2024, usw.) | |
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Eine muslimische Familie in traditioneller Kleidung in Betlehem, heute Westjordanland. (1898) | |
Natürlich, es gab mal Kreuzfahrerstaaten in der Levante, dem heutigen Israel, Libanon und Syrien. Aber das waren eher Stadtstaaten. So klein, dass man sie auf einer Gesamtkarte kaum nicht richtig abbilden kann. Und klar, später haben die Briten beispielsweise auch ein Protektorat in den heutigen Arabischen Emiraten und im Oman gehabt. Aber auch das waren angesichts der schieren Landmasse Winzlinge. | |
Frankreich übernahm das Gebiet des heutigen Syriens und des Libanons als Mandat für den Völkerbund, dem Vorläufer der UN. Aber nicht um es zu behalten, nicht als Kolonie. Auch wenn sie dort natürlich für wenige Jahrzehnte eine Kolonialordnung pflegten, denn irgendwie mussten sie es ja verwalten. | |
Nach dem Zweiten Weltkrieg | |
Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Siegermächte - ein bisschen Frankreich, aber vor allem Großbritannien - dann tatsächlich einen Fehler gemacht. Sie haben Grenzen mit dem Lineal gezogen. Weil sie kriegsmüde waren und möglichst schnell aus dem Schlamassel raus wollten. So richtig Ahnung hatten sie nicht, denn vorher war ja alles jahrhundertelang das Osmanische Reich gewesen. | |
So wurden beispielsweise die indogermanisch-sprachigen (iranischen) Kurden und die sprachlich zu den Kurden gehörenden Jesiden vergessen. Die alevitischen Kurden werden von anderen Muslimen nicht als „echte“ Muslime anerkannt, die Drusen in Israel und Syrien als Ketzer angesehen. In Jordanien setzte man einfach einen Herrscher aus der Dynastie der Haschimiten ein, die eigentlich aus Arabien stammt. Und so weiter. | |
Und mit der aufkommenden Selbstständigkeit der Staaten, wie dem Irak, Ägyptens oder Syrien, begannen erneut die Verteilungskämpfe. Die das Osmanische Reich durch Gewalt und Autonomie-Politik wie ein einem Schnellkochtopf unter einem Deckel gehalten hatte. | |
Diese Verteilungskämpfe dauern bis heute an. | |
„Weltliche“ Herrscher - wie das Haus Saud in Saudi-Arabien oder das Königreich Jordanien - wollen natürlich an der Macht bleiben. (Haus Al Chalifa, Bahrain; Haus Al Sabah, Kuweit; Al Maktum, Dubai; Oman, Haus Al Said; usw. Man kann an den Herrscherhäusern noch heute häufig die alten Stämme anlesen.) | |
Wobei die sich auch untereinander bekämpfen, beispielsweise der sunnitische IS und der schiitische Iran sind spinnefeind. Hisbollah und Iran eint mit der Hamas ausschließlich der Hass auf Israel. Wäre der erledigt, würden sie sich gegenseitig bekämpfen. Die Hamas ist auch verfeindet mit der eher weltlichen, sozialistischen PLO: es kam 2006 zum Bürgerkrieg im Gazastreifen und immer wieder zu Gefechten im nördlichen Westjordanland. | |
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Visualisiert: Die heutigen Staaten, die ursprünglich zum Osmanischen Reich gehörten. Es sind exakt die Staaten, in denen es seit Jahrzehnten Kriege und Spannungen gibt. (Zum Osmanischen Reich gehörten mehr, ich habe nur die relevanten Staaten in Nahost eingefärbt.) | |
Keine homogene Masse | |
Deshalb verstehen viele Europäer auch nicht die internen Streitereien. Weil sie die Geschichtsbücher nicht bemühen. | |
Ägypter sehen sich beispielsweise bis heute als Nachkommen eines Jahrtausende alten Reiches. Auch wenn deren Herrscher vor der Arabisierung erst Griechen und dann Römer waren. Sie schauen zumeist auf die Palästinenser herab. | |
Das verdeutlicht auch, warum beispielsweise Ägypten keine palästinensischen Flüchtlinge aufgenommen hat. Oder wie die Hisbollah einen Staat im libanesischen Staate aufbauen konnte. Oder warum Katar (Haus al Thani) - zwischen den Erzrivalen Saudi-Arabien und Iran - versucht auf allen Hochzeiten zu tanzen. Und warum den meisten Arabern völlig scheißegal ist, wenn das iranische Regime Zehntausende massakriert. | |
Es gab keinen europäischen Kolonialismus in der arabischen Welt | |
Es ist in meinen Augen geschichtsrevisionistisch, den Grund im europäischen Kolonialismus zu sehen. | |
Die Briten waren keine Kolonialherren, sondern kurzzeitig Verwalter. Sie haben das Gebiet nicht von seinen unterschiedlichen Bevölkerungen erobert, sondern es ist ihnen zugefallen. Weil sie den Hausherren in einem Krieg besiegt hatten, in dem diese Gebiete höchstens eine Nebenrolle spielten. Nicht einmal eine Sprechrolle. | |
Wir denken nur, das sei alles Kolonialismus gewesen. | |
Tatsächlich kracht es überall. Und da, wo es nicht kracht, sind autokratische Herrscher an der Macht. | |
Man sollte sich zwischen den Selbstgeißelungen doch wenigstens an eines erinnern: | |
Es ist sehr schwer vorstellbar, dass es dort anders aussehen würde, wenn Großbritannien nicht so doof gewesen wäre, diese Grenzen zu ziehen. |
„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“ Sie verbieten nicht die Hassrede, sondern die Rede, die sie hassen. Den Sozialismus erkennt man daran, daß es die Kriminellen verschont und den politischen Gegner kriminalisiert...
Montag, 16. März 2026
Der Kolonialismus des Nahen Ostens
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