Freitag, 7. August 2026

Kollabierende Medienmärchen

von Lukas Mihr

Münchhausens Erben haben ihr Handwerk perfektioniert



Die deutsche Gesellschaft hat ein Problem mit Statistik. Klar, es ist ja Mathematik. Will man sie vollständig erfassen, muss man – wohl oder übel – selbst nachrechnen. Und natürlich muss man das weder im Kopf tun noch den Taschenrechner vom Dachboden holen. Schließlich gibt es mittlerweile KI. In den vergangenen Tagen begegneten uns gleich drei Schlagzeilen, die schnell in sich zusammenbrechen, wenn man kurz über sie nachdenkt. Aber das ist in einer klickzahlenoptimierten Welt wohl schon zu viel verlangt.

Die erste Schlagzeile betraf eine aktuelle Petition, die große Wellen schlug; initiiert und maßgeblich mitgetragen wurde sie von einem sozialistischen Anwaltskollektiv, was alleine schon den Aussagewert stark einschränkt: Über 1.000 Juristen, so die reißerische Meldung, haben die Forderung nach einem Parteiverbot der AfD unterzeichnet. Begierig griffen die Medien diese Schlagzeile auf. Logisch: 1.000 ist in unserem Alltagsverständnis eine große Zahl. Aber stimmt das überhaupt? Hätten zum Beispiel 1.000 Juraprofessoren unterzeichnet, wäre das angesichts von etwa 1.600 Juraprofessoren in Deutschland eine beeindruckende Nummer. Doch nur eine Handvoll der Unterschriften stammt in diesem Fall von Professoren. Sind es dann vielleicht besondere Experten, etwa für Verfassungs- oder Parteienrecht? Ebenfalls nein. Die Juristen verteilen sich über alle Fachgebiete. Es wird also auch eine Richterin darunter sein, die zwischen zwei Nachbarn schlichten will, weil ein Knallerbsenstrauch in einen Maschendrahtzaun hineinwächst. Der richtige Vergleichsmaßstab wären somit alle Juristen in Deutschland, ungeachtet ihrer Fachrichtung – egal, ob Richter, Anwälte oder Notare. Deren Zahl liegt allerdings bei etwa 440.000. Die an sich so beeindruckende Zahl von über 1.000 Unterschriften repräsentiert also gerade einmal 0,25 Prozent aller Juristen. Vielleicht wächst sie in den nächsten Wochen noch. Aber selbst wenn sie sich vervierfachte, käme man gerade einmal auf ein Prozent.

Die bösen Russen und die AfD

Schlagzeile zwei betraf den Terroranschlag auf den CSD in Berlin im vergangenen Monat. Zunehmend mehrten sich in den letzten Tagen die Stimmen, die nahelegten, derartige Vorfälle ereigneten sich auffällig oft kurz vor einem Wahltermin, wovon die AfD am meisten profitiere. Direkt ausgesprochen wurde es meist nicht, doch es wurde suggeriert, jemand ziehe im Hintergrund die Fäden, um Wahlen zu manipulieren: entweder die AfD selbst oder vielleicht der russische Geheimdienst, der auf diese Weise Einfluss auf die deutsche Außenpolitik nehmen wolle. Diese These schaffte es anfangs nicht bis in den journalistischen Mainstream – von Andeutungen im ZDF-“heute journal“ abgesehen – und blieb zumeist Wirrköpfen vorbehalten; allerdings schloss sich auch der SPD-Politiker Sebastian Fiedler solchen Spekulationen an und erhielt dafür prompt Unterstützung von Karl Lauterbach. Man könnte hier zunächst rein logisch argumentieren. Glaubt jemand ernsthaft, dass der Tino beim Abdullah anruft und einen Anschlag in Auftrag gibt? Wo bleiben die Beweise? Würde das nicht dem Verfassungsschutz auffallen, der versucht, die Partei zu durchleuchten?

Überhaupt: Wie stark kann der Einfluss eines Terroranschlags sein? Bislang war es relativ egal, wie die AfD bei einer Wahl abschnitt. Denn in die Regierung hätte es die Partei ohnehin nie geschafft. Die kommende Wahl in Sachsen-Anhalt ist die erste, bei der eine halbwegs realistische Chance auf eine parlamentarische Mehrheit besteht. Und dafür soll die Partei riskieren, anschließend – dann völlig zu Recht! – verboten zu werden? Klar: Wer sich so tief in Verschwörungstheorien verstrickt, dem ist nicht mehr zu helfen. Versuchen kann man es trotzdem. Also: Zunächst einmal ist es wenig verwunderlich, dass Terroranschläge immer nur wenige Monate vor einer Wahl stattfinden. Denn der nächste Wahltermin ist in aller Regel nicht allzu weit entfernt. Immerhin gibt es die Bundestags- und Europawahlen sowie die Wahlen zu allen 16 Landesparlamenten. Zudem besteht stets die Möglichkeit von Neuwahlen, sodass die Dauer einer Legislaturperiode von vier beziehungsweise fünf Jahren nicht immer voll ausgeschöpft wird. Für die folgende Untersuchung wurden alle Wahlen zwischen Anfang 2013 und Ende 2026 berücksichtigt, also ungefähr der Zeitraum des bisherigen Bestehens der AfD. Wikipedia listet folgende islamistische Terroranschläge in Deutschland auf:



Untersucht man alle 18 aufgeführten Vorfälle, springt ins Auge, dass sich einer davon gerade einmal zwei Tage vor der Bundestagswahl 2025 ereignete. Ehrlicherweise müsste man jedoch auch eingestehen, dass dies auf die Bundestagswahlen 2013, 2017 und 2021 nicht zutrifft. Nimmt man alle 18 Anschläge zusammen und ermittelt, wie weit sie im Durchschnitt vom nächsten Wahltermin entfernt waren, kommt man auf 99 Tage. Bei einer reinen Zufallsverteilung von 18 Terroranschlägen über den Zeitraum 2013 bis 2026 wäre ein zeitlicher Abstand von 107 Tagen zu erwarten gewesen.



Es stimmt also, dass Terroranschläge zeitlich etwas näher an Wahlterminen liegen als erwartet. Bei gerade einmal 18 Anschlägen darf man diesen Umstand jedoch nicht überbewerten. Bei einer derart kleinen Stichprobe ist die statistische Aussagekraft äußerst begrenzt. Nicht umsonst werden politische Umfragen meist mit etwa 1.000 bis 2.000 Teilnehmern durchgeführt. Wie man sieht, liegt der ermittelte Wert von 99 Tagen mitten im Konfidenzintervall, umgangssprachlich also innerhalb der statistischen Unschärfe. Der gefundene Effekt ist somit lediglich ein Zufallstreffer. Erst bei weniger als 70 Tagen dürfte man ins Grübeln kommen, und bei einem Abstand von unter einem Monat würde der Zufall als Erklärung langsam ausscheiden.

Aber was ist eigentlich mit der These, dass ein Anschlag dem Wahlergebnis der AfD nützt? Wenn dem so wäre, müsste man doch nach jedem Vorfall einen Anstieg der Umfragewerte beobachten können. Der folgende Datenverlauf der Website “DAWUM – Darstellung und Auswertung von Wahlumfragen” – beginnt erst im Jahr 2016. Allerdings umfasst dieser Zeitraum 17 der 18 genannten Terroranschläge:



Trägt man alle Terroranschläge in das Verlaufsdiagramm ein, lässt sich definitiv kein solider Trend feststellen. Manchmal steigen die Werte nach einem Anschlag, manchmal sinken sie. Gelegentlich fallen sie kurz nach einem ersten Anstieg wieder, oder der Anstieg hatte bereits vor dem Anschlag begonnen und setzte sich danach lediglich fort.

Wenn überhaupt, lässt sich etwa ab 2024 ein Anstieg der AfD bei gleichzeitig wachsender Zahl von Terroranschlägen feststellen. Das ist allerdings nicht die einzig mögliche Interpretation. Die AfD startete mit guten Werten ins Jahr 2024, musste dann aber nach der Remigrations-Lügengeschichte von “Correctiv” Federn lassen. Dass sich die Werte einige Monate später erholten, kann an den Terroranschlägen gelegen haben – oder schlicht daran, dass die Erinnerung an “Correctiv” mit der Zeit verblasste. Irgendwann wurde wieder das Niveau vor “Correctiv” erreicht, und die Werte stiegen weiter. Auch das kann an den Terroranschlägen liegen oder daran, dass Friedrich Merz mittlerweile zum Kanzler gewählt worden war und die letzten CDU-Wähler verschreckte, die noch an eine konservative Wende geglaubt hatten.

Überhaupt ist fraglich, warum ausgerechnet Terroranschläge einen derart großen Einfluss auf das Sicherheitsgefühl der Bürger haben sollten. Schließlich gibt es noch die „normalen“ Messerattacken, die sich jeden Tag ereignen. Und ja, langfristig nutzen die Terroranschläge der AfD – aber eher nach dem Motto: Steter Tropfen höhlt den Stein. Zwar gibt es keinen klaren kurzfristigen Effekt. Auf Dauer fällt den Bürgern jedoch auf, dass Terroranschläge früher keine Normalität in Deutschland waren. Selbst wenn jeder Terroranschlag mit dem maximalen Abstand zur nächsten Wahl – also jeweils am Montag nach dem Wahlsonntag – erfolgt wäre, würde der Trend nicht anders aussehen. Was zeigt eigentlich der Blick ins Ausland, also auf die westlichen Staaten, die nach dem 11. September 2001 einen islamistischen Terroranschlag erlebt haben?



Hinweis: Hier wird nicht in Tagen, sondern in Prozent einer Legislaturperiode gerechnet. Der amerikanische Präsident hat beispielsweise eine Amtszeit von vier Jahren, sein französischer Kollege hingegen von fünf. Ein Jahr in den USA würde somit mit 25 Prozent, zwei Jahre in Frankreich mit 40 Prozent in die Statistik eingehen und so weiter.

Die folgende Grafik zeigt, ob ein Anschlag eher näher am nächsten landesweiten Wahltermin liegt – rot – oder weiter davon entfernt – blau. Dabei wurde jeweils der verheerendste Terroranschlag ausgewählt. Wie man sieht, liegen die Niederlande exakt in der Mitte bei 50 Prozent. Im Durchschnitt liegen Terroranschläge etwas näher an Wahlterminen, als bei einer Zufallsverteilung zu erwarten wäre, nämlich bei 44,7 Prozent. Allerdings wären Werte zwischen 37 und 63 Prozent angesichts der geringen Fallzahl statistisch unauffällig. Was sofort ins Auge fällt, ist der extreme Ausschlag für Spanien im Jahr 2004. Die verheerende Attacke ereignete sich nur drei Tage vor den Parlamentswahlen. Das kann doch kein Zufall sein – und es ist auch keiner!


Al-Qaida hatte den Anschlag so geplant, dass er die Wahlen beeinflussen würde. Tatsächlich wurde die konservative spanische Regierung, die den Irakkrieg unterstützt hatte, abgewählt. Die neue sozialdemokratische Regierung zog dagegen, wie zuvor versprochen, die Truppen aus dem Irak ab. Das wäre somit das exakte Gegenbeispiel zu der These, dass rechte Parteien von Terroranschlägen profitieren. Nimmt man stattdessen den zweitschlimmsten Terroranschlag in Spanien in die Liste auf, verändert sich der durchschnittliche Abstand zur nächsten Wahl sogar auf 47,0 Prozent. Würde man zusätzlich den 11. September 2001 in die Liste aufnehmen, stiege der Abstand auf 50,8 Prozent – denn die Präsidentschaftswahlen 2004 waren damals noch weit entfernt. Ein einzelner Terroranschlag kann also den Ausschlag dafür geben, ob die Bilanz positiv oder negativ ausfällt. So oder so: Mit Ausnahme von Madrid zeigt sich kein auffälliges Muster.

Die dritte der eingangs erwähnten Schlagzeilen betrifft die US-Abschiebepolitik: so war in den vergangenen Tagen zu lesen, dass im laufenden Jahr bislang 23 Menschen im Gewahrsam der US-Einwanderungsbehörde ICE ums Leben gekommen seien. Mehrere deutsche Medien übernahmen diese Schlagzeile unhinterfragt. Das passt gut zu den ständigen Faschismusvorwürfen gegen Trump. Denn was wäre ein Diktator ohne seine eigene Gestapo? Bereits zu Beginn des Jahres hatte es einen Aufschrei gegeben, als ICE-Beamte Renee Good und Alex Pretti erschossen. Schenkte man damals den Medien Glauben, wurden beide lediglich wegen ihres Einsatzes gegen die Abschiebung illegaler Einwanderer getötet. Videoaufnahmen zeigen jedoch, dass Good den Beamten, der die tödlichen Schüsse abgab, beinahe mit dem Auto überfahren hätte. Der Fall Pretti lässt sich weniger gut nachvollziehen. Es existieren jedoch Videoaufnahmen, die zeigen, wie er einige Wochen vor seinem Tod ein ICE-Fahrzeug durch Tritte beschädigte. Gut möglich, dass er kurz vor den Schüssen ähnlich aggressiv auftrat.

ICE-Framing und Falschdarstellungn

Die deutschen Medien behaupteten nicht ausdrücklich, ICE-Beamte hätten in diesem Jahr bereits 23 Menschen in ihrem Gewahrsam getötet. Bei einer grundsätzlich feindseligen Berichterstattung entsteht dieser Eindruck im Kopf der Leser jedoch beinahe von allein. Dabei hilft es, wenn Adjektive wie „umstritten“ in die Artikel einfließen oder die schlechten Lebensbedingungen in den ICE-Einrichtungen erwähnt werden. Werden dort also Menschen wirklich, wie suggerirt “ermordet” oder eher fahrlässig getötet? Selbst wenn man die Todesursachen bekannt gäbe, dürften die Kritiker kaum verstummen. Schließlich ist ein Herzversagen schnell diagnostiziert und stand bereits auf den Totenscheinen der Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“. Auch dass einige der Toten Suizid begangen hatten, muss aus dieser Perspektive nichts heißen. In Gangster- und Agentenfilmen wurden schließlich schon genügend Unschuldige „selbstgemordet“, sprich: Beweise für einen Mord manipuliert. Wie gesagt: Die Medien hatten nichts dergleichen ausdrücklich behauptet. Sie dürften jedoch genau wissen, welchen Effekt ihre eingefärbte Berichterstattung entfaltet.

Aber sind 23 Todesfälle tatsächlich so erschreckend, wie sie im ersten Augenblick klingen? Nein, denn die Nachrichtenartikel boten keinen Kontext, der es ermöglicht hätte, die Zahl der Toten korrekt einzuordnen. Ohne zu wissen, wie viele Menschen sich wie lange im ICE-Gewahrsam befanden, lässt sich nicht beurteilen, ob 23 Tote eine überdurchschnittlich hohe Zahl darstellen. Nur als Beispiel: Wenn sich eine Million Raver zu einer Love-Parade versammeln, muss man damit rechnen, dass einer von ihnen stirbt – selbst dann, wenn sich keine Katastrophe wie 2010 in Duisburg ereignet. Das ist keine Tragödie, sondern Statistik. Bis zum 11. Juli wurden etwa 230.000 Menschen von ICE festgenommen. Entscheidend wäre allerdings noch, wie lange sie sich im Gewahrsam befanden. Dies lässt sich mithilfe von GPT anhand einer Übersichtsgrafik aus einem Artikel des Guardian abschätzen. Im Durchschnitt befinden sich die Festgenommenen etwa 53 Tage in Gewahrsam. Zusammengenommen ergibt das ungefähr 12,2 Millionen Hafttage.


Mit dieser Zahl und dem durchschnittlichen täglichen Sterberisiko einer vergleichbaren Altersgruppe lässt sich ermitteln, ob im ICE-Gewahrsam auffällig viele Menschen sterben. Soll heißen: Würde ein Vergleich mit einer Gruppe ähnlicher Altersstruktur eine überdurchschnittlich hohe Zahl von Todesfällen ergeben? Die Antwort lautet: Nein!

Es gibt keinen Hinweis auf mysteriöse Todesfälle im ICE-Gewahrsam.

In unseren aufgeregten Zeiten sollte daher gelten: Erst denken, dann klicken!


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