von Alexander Gruber
Fast noch bedenklicher als die Provokation, Israel auf dem KZ-Gelände Mauthausen des Genozids zu bezichtigen, ist die die Reaktion der Gedenkstätte auf den Vorfall.
Unlängst sorgte ein Vorfall in der oberösterreichischen KZ-Gedenkstätte Mauthausen für internationales Medienecho. Am 7. August konfrontierte eine jüdische Besucherin auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers eine Jugendgruppe und deren Führerin, weil einer der Teilnehmer ein T-Shirt mit der PLO-Flagge und der Aufschrift »Free Palestine« trug. Als wäre dies nicht genug, zierte das T-Shirt auch noch das Porträt der palästinensischen Terroristin Dalal Mughrabi, die im März 1978 am »Küstenstraßenmassaker« beteiligt war, bei dem 38 Israelis ermordet wurden, darunter 13 Kinder.
Auf die Frage, warum solch ein T-Shirt in einem ehemaligen NS-Konzentrationslager erlaubt sei, reagierte die Führerin der Jugendgruppe ausweichend, während Teilnehmerinnen des Rundgangs erklärten, damit solle gegen den israelischen »Genozid gegen Palästina« protestiert werden. »Mit dem T-Shirt sagst Du aus, dass Du kein Problem mit der Ermordung von Juden hast«, warf die jüdische KZ-Besucherin dem Jugendlichen vor. Nein, das tue er nicht, erwiderte eine andere Teilnehmerin. Vielmehr sage er, »dass es nicht ok ist, Palästinenser zu ermorden« – eine erstaunliche Aussage angesichts der Tatsache, dass auf besagtem T-Shirt das Konterfei einer Judenmörderin prangte.
Die jugendlichen Besucher der Gedenkstätte Mauthausen waren Teilnehmer des »internationale[n], antifaschistische[n], antiimperialistische[n] und demokratische[n] Jugendcamps 2026«. Veranstaltet wurde das Sommercamp vom Jugendverband der Föderation Demokratischer Arbeitervereine (DIDF), die im hessischen Verfassungsschutzbericht von 2021 als »linksextremistische Organisationen mit türkischem Ursprung« bezeichnet wurde.
Die Gruppe falle immer wieder mit antizionistischen und antisemitischen Kampagnen auf, schreibt die in der Flüchtlingshilfe tätige Organisation City of Hope Cologne e.V. in ihrer Reaktion auf die Geschehnisse in Mauthausen. So habe die DIDF das Palästina-Camp an der Uni Dortmund ebenso unterstützt wie »die von der Hamas gesteuerte Flottille nach Gaza. (…) Auf dem Jugendcamp selbst wurde mit einer antisemitischen Akteurin der Flottille eine ›Informationsveranstaltung‹ durchgeführt.« Der Kölner Ableger der Gruppe habe in der Vergangenheit überdies versucht, die Kampagne »Kuffiyas in Buchenwald« an der Universität zu etablieren, was die Frage aufwerfe, »ob die Ereignisse in Mauthausen nicht eine bewusste Inszenierung waren …«
Bedenklicher Reaktion
Angesichts dessen ist die offizielle Reaktion noch bemerkenswerter, mit der die Gedenkstätte Mauthausen auf den Vorfall auf dem KZ-Gelände reagierte. Ohne darauf einzugehen, dass der im Mittelpunkt der Kritik stehende Jugendliche mit seinem T-Shirt einer palästinensischen Terroristin die Reverenz erwies, sprach die Gedenkstätte von »Toleranz«, »Wahrung der Meinungsvielfalt« und »Deeskalation als oberste[m] Gebot«. Nachdem »die lautstarke Reaktion einer Einzelbesucherin (…) zunächst nicht eingeordnet werden« konnte, hätten die Mitarbeiter alles getan, um die Lage zu beruhigen und »die Situation bestmöglich zu lösen«, hieß es in einem Statement.
Während die Instrumentalisierung des KZ-Geländes für antiisraelische Propaganda nicht mit einem Wort kritisiert wurde, sprach die Gedenkstätte davon, dass sie »allen Besucherinnen und Besuchern mit Offenheit« begegne und »das Recht auf freie Meinungsäußerung sowie die Vielfalt von Meinungen« respektiere, »solange diese sich im Rahmen der geltenden Gesetze bewegen, keine antisemitischen, rassistischen, oder allgemein diskriminierenden Positionen vertreten oder die Würde der Opfer nicht verletzen«. Wie diese Grundsätze mit der durch das Dalal-Mughrabi-T-Shirt transportierten Botschaft vereinbar sein sollen – darüber schweigt sich das Statement allerdings aus.
KZ-Gedenkstätten würden auch als »Projektionsflächen für gegenwärtige politische Konflikte« dienen, heißt es stattdessen weiter, was auch erwünscht sei und der historisch-politischen Bildung entspreche. »Gegenwärtig kommt es jedoch vermehrt zu Situationen, in denen politische Anliegen, die an diesen [sic] Orte geknüpft werden, in diametralem Gegensatz zueinander stehen.« Die Huldigung einer Terroristin, die an einem der blutigsten Anschläge in der israelischen Geschichte beteiligt war, soll also nicht etwa den für die KZ-Gedenkstätte maßgeblichen Grundsätzen widersprechen. Vielmehr soll sie bloß in »Gegensatz« zu dem »Anliegen« der jüdischen »Einzelbesucherin« stehen, dass Judenmörderinnen solch eine Ehrerbietung doch bitte nicht zukommen solle.
»Die Geschichte und die Würde des Ortes gebieten es, solche Konflikte sachlich und in gegenseitiger Empathie auszuverhandeln«, heißt es in unmittelbarer Folge. Wem sich hier die Frage aufdrängt, wieso man jemandem Empathie entgegenbringen sollte, der es für eine gute und noble Idee hält, mit dem Porträt einer Judenmörderin über ein ehemaliges KZ-Gelände zu spazieren, der wird enttäuscht. Denn auch darüber schweigt sich die KZ-Gedenkstätte aus. Stattdessen fordert sie – man kann es nach dem bisher Gesagten fast schon erahnen – den Dialog: »Wir hätten uns in dieser Situation einen offenen und respektvollen Dialog zwischen allen Beteiligten gewünscht.«
Dass sich eine österreichische KZ-Gedenkstätte Offenheit und Respekt für die Verharmlosung und Verherrlichung von palästinensischem Terror gegen israelische Zivilisten wünscht, hätte man sich vor gar nicht allzu langer Zeit kaum vorstellen können. Insofern ist dem ehemaligen Antisemitismusbeauftragten der Stadt Hamburg, Stefan Hensel, zuzustimmen, wenn er diesbezüglich von einer »Zeitenwende« in der Gedenkpolitik spricht. Diese äußert sich u. a. darin, dass Kritik von jüdischer Seite zusehends als aufsässig und störend empfunden wird. »Dabei geht es teilweise um die wirklich nicht besonders große Forderung, dass Orte, an denen tausendfach Juden verfolgt, gequält und ermordet wurden, wenigstens ein Mindestmaß Mindestmaß an Sensibilität und Solidarität mit lebenden Juden zeigen.«

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