Montag, 19. Oktober 2026

Paris is falling

von Michael Münch

Chaos, Gewalt und Anarchie alias “Schülerproteste“ in Frankreich: In Paris erreichte die Gewalt gestern ihren bisherigen Höhepunkt




Während die offiziellen Stimmen und die etablierten Medien noch immer die beruhigende Geschichte von Schülerprotesten gegen schlechte Bildung und steigende Lebenshaltungskosten erzählen, brennen in Paris, Lyon, Marseille und anderen Städten Ladenzeilen, Geschäfte, Autos und öffentliche Gebäude, und die Bilder von vermummten jungen Männern, die systematisch Läden plündern, erzählen eine völlig andere Geschichte. Für unsere Mainstreammedien liegt der Fall klar: Natürlich handelt es sich dabei ausschließlich um friedliche Gymnasiasten und Studierende. Dass die aus purer Verzweiflung über fehlende Lehrer und überfüllte Klassenzimmer beschlossen haben, Monoprix, Apple Stores, SFR-Filialen und Luxusboutiquen methodisch auszuräumen, ist doch nur verständlich. Und jeder, der etwas anderes vermutet, ist selbstverständlich ein Verschwörungstheoretiker!

Die Behörden sprechen von “ultragauche” und opportunistischen Delinquenten, als wäre das eine Erklärung und nicht die Beschreibung eines bekannten Musters, das man in den französischen Banlieues seit Jahrzehnten beobachten kann, wenn junge Männer mit Migrationshintergrund jede Gelegenheit nutzen, um blinde Zerstörungswut mit Beutemachen zu verbinden. Frankreich trägt an den Folgen seiner kolonialen Geschichte besonders deutlich, und die demographische Zusammensetzung der Viertel, aus denen die Unruhen regelmäßig kommen, ist kein Geheimnis, – auch wenn man es in den Abendnachrichten lieber nicht zu deutlich ausspricht. Die vergangene Nacht wird wahrscheinlich in die Geschichte eingehen – aber nicht, weil Schüler endlich bessere Schulen bekommen haben, sondern weil die Eskalation ein Ausmaß erreicht hat, das selbst den Vergleich mit früheren Ausschreitungen der turbulenten Pariser Geschichte nicht zu scheuen braucht – und und durch das die Grenze zwischen sozialem Protest und offener urbaner Gewalt weiter verschoben wurde.

Was in Frankreich beginnt, bleibt selten auf Frankreich beschränkt

Nein, das ist keine Revolution im klassischen Sinne, sondern eher die Fortsetzung einer Entwicklung, die sich in den Vorstädten schon seit langem abzeichnet und nun unter dem Deckmantel legitimer Forderungen sichtbar wird. Die Geschichte hat gelehrt: Was in Frankreich beginnt, bleibt selten auf Frankreich beschränkt – und die Muster von Unruhen, Plünderungen und dem Zusammenprall von Staat und Teilen der Jugendbevölkerung aus bestimmten Herkunftsgruppen lassen sich in mehreren europäischen Ländern bereits in kleinerem Maßstab beobachten, wo linksextreme und islamistische Gruppen die Gewalt gezielt importieren wollen. Die verharmlosende und vergleichsweise zurückhaltende Berichterstattung vieler Medien hat möglicherweise auch weniger mit mangelndem Interesse zu tun als mit der Sorge, dass detaillierte Bilder und Berichte Nachahmer in Deutschland, Belgien, den Niederlanden oder anderswo ermutigen könnten, denselben Weg zu gehen. Man fürchtet die Ansteckung mehr als die Ereignisse selbst; deshalb bleibt die Erzählung von den friedlichen Schülern und den bösen Casseurs am Rand so lange wie möglich intakt.

Die Ironie besteht darin, dass gerade die Vermeidung der klaren Beschreibung die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sich ähnliche Szenen später auch anderswo abspielen – und dann als überraschende Phänomene erscheinen, obwohl das Muster absehbar war. Nein, Paris fällt nicht in dem Sinne, dass der Staat zusammenbricht – aber die Illusion, man könne die demographischen und sozialen Realitäten der Banlieues dauerhaft mit der Schüler- und Kaufkraft-Erzählung überdecken, zerfällt derzeit sichtbar und stündlich mehr. Wer die Bilder aus dem Nachbarland sieht und dennoch bei der offiziellen Version bleibt, entscheidet sich bewusst für eine Geschichte, die mit den beobachtbaren Vorgängen längst nicht mehr zusammenpasst. Die kommenden Tage werden zeigen, ob die französischen Behörden die Lage wieder unter Kontrolle bringen oder ob die Unruhen an Dynamik weiter zunehmen. Die Legende, es handele sich hier um klassische Schülerproteste, ist jedenfalls als Irreführung entlarvt.


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