Posts mit dem Label Schweitzer werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Schweitzer werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 14. Oktober 2026

Auf Bas folgt Schweitzer: Der nächste Wahlverlierer fällt die Karrieretreppe hinauf

von Thomas Hartung

Qualifikation und Erfolgsnachweise? Not required… Bas (r.) mit ihrem designierten Nachfolger



Es gehört zu den bemerkenswerten Eigentümlichkeiten des deutschen Politikbetriebs, dass eine verlorene Wahl nicht unbedingt eine verlorene Karriere bedeutet. Während gewöhnliche Arbeitnehmer nach wiederholtem Misserfolg mit Konsequenzen rechnen müssen, können Politiker aus Niederlagen mitunter erstaunlichen beruflichen Gewinn ziehen. Der Wähler verweigert ihnen das Mandat, das sie anstreben, und wenige Monate später bekleiden sie ein Amt, das sie aus eigener Kraft womöglich niemals erreicht hätten. Aus dem Verlierer wird ein Minister, aus dem abgewählten Abgeordneten ein Regierungschef. Die demokratische Niederlage erscheint dann nicht als Schlusspunkt, sondern als Durchgangsstation.

Die jüngste Personalie um Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas und den rheinland-pfälzischen SPD-Politiker Alexander Schweitzer – einen politischen Versager, unter dem die SPD nach 35 Jahren durchgehender Regierungsführung die Macht in Mainz verlor und der nun ins Bundeskabinett aufrückt – gibt Anlass, über dieses Phänomen nachzudenken. Dabei geht es weniger um die persönliche Eignung der Beteiligten als um eine politische Kultur, in der Wahlergebnisse und Karriereentscheidungen zunehmend nach unterschiedlichen Logiken funktionieren. Der Wähler entscheidet über Mehrheiten. Die Parteien entscheiden über Personal. Und zwischen beiden Entscheidungen öffnet sich bisweilen eine bemerkenswerte Distanz.

Der Sonderfall Kretschmer: Vom abgewählten Abgeordneten zum Ministerpräsidenten

Kaum eine politische Biographie illustriert diese Eigentümlichkeit so eindrucksvoll wie die des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer. Bei der Bundestagswahl im September 2017 verlor der damalige stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion sein Direktmandat im Wahlkreis Görlitz an Tino Chrupalla von der AfD. Nach fünfzehn Jahren im Bundestag stand Kretschmer plötzlich ohne parlamentarisches Mandat da. Seine Niederlage war keineswegs nur persönlicher Natur. Sie symbolisierte den Niedergang einer sächsischen CDU, die jahrzehntelang an ihre nahezu natürliche Regierungsberechtigung geglaubt hatte und nun bei einer Bundestagswahl im eigenen Bundesland hinter der AfD landete. Kretschmer selbst bezeichnete das Ergebnis damals als “schweren persönlichen Einschnitt”. Einen Ersatzplan hatte er nach eigener Aussage nicht.

Doch während sich andere Wahlverlierer nach einer neuen Beschäftigung umsehen müssen, eröffnete sich ihm ein politischer Karriereweg, der ihn binnen weniger Wochen an die Spitze des Freistaates führte. Ministerpräsident Stanislaw Tillich übernahm die Verantwortung für das schlechte Abschneiden seiner Partei und kündigte seinen Rückzug an. Ausgerechnet Kretschmer, der sein eigenes Mandat verloren hatte, wurde zu seinem Nachfolger bestimmt. Am 13. Dezember 2017 wählte ihn der Sächsische Landtag zum Ministerpräsidenten. Das Bemerkenswerte daran ist nicht, dass diese Wahl unrechtmäßig gewesen wäre. Sie war parlamentarisch vollkommen legitim. Die sächsische Regierungskoalition verfügte über die erforderliche Mehrheit, und das Amt des Ministerpräsidenten setzt kein eigenes Landtagsmandat voraus.

Wahlniederlagen ohne Konsequenzen

Gerade deshalb eignet sich dieser Fall so gut, um die Differenz zwischen demokratischer Legitimität und demokratischer Verantwortlichkeit zu verdeutlichen. Kretschmer hatte eine Wahl verloren, deren Ergebnis die politische Führung seiner Partei erschütterte. Sein Parteifreund Tillich zog daraus die Konsequenz und gab das höchste Regierungsamt Sachsens auf. Kretschmer hingegen übernahm genau dieses Amt. Derselbe Wahlausgang, der den einen aus der Regierungsspitze vertrieb, beförderte den anderen dorthin. Die Niederlage wurde gewissermaßen zum Rohstoff eines politischen Aufstiegs.

Das ist mehr als eine kuriose Personalgeschichte. Es zeigt, wie politische Parteien Niederlagen intern verarbeiten können, ohne dass die persönliche Verantwortung ihrer führenden Akteure zwingend zu einem Karriereverlust führt. Wer im richtigen Augenblick über genügend Rückhalt im Parteiapparat verfügt, kann aus einer Krise gestärkt hervorgehen, selbst wenn er an ihrem Zustandekommen beteiligt war. Allerdings verdient auch die andere Seite Erwähnung: Kretschmer stellte sich später mehrfach erfolgreich Landtagswahlen und erwarb damit eine eigenständige parlamentarische Legitimation für seine Amtsführung. Die paradoxe Konstellation von 2017 wird dadurch nicht ungeschehen gemacht: sie bleibt der Ausgangspunkt seiner Regierungszeit.

Auch bei Heiko Maas war Scheitern die Vorstufe zur Bundeskarriere

Ein weniger spektakuläres, aber strukturell verwandtes Beispiel bietet Heiko Maas. Der saarländische SPD-Politiker war über viele Jahre eine zentrale Figur der Saarbrücker Landespolitik. 2012 trat er erneut als Spitzenkandidat an, konnte die CDU-geführte Regierung jedoch nicht ablösen. Die SPD wurde Juniorpartner einer Großen Koalition. Maas übernahm das Wirtschaftsministerium und das Amt des stellvertretenden Ministerpräsidenten. Schon im Dezember 2013 wechselte er nach Berlin und wurde Bundesjustizminister. 2018 stieg er sogar zum Bundesaußenminister auf. Maas hatte nicht sämtliche persönlichen Wahlziele erreicht, doch seine Niederlagen verhinderten weder die Fortsetzung seiner Karriere noch den Aufstieg in zwei der wichtigsten Ministerien des Bundes. Das Saarland war ihm als politisches Machtzentrum letztlich zu klein geworden, während die Bundespolitik ihm Möglichkeiten eröffnete, die ihm die Wähler seines Heimatlandes nicht verschafft hatten.

Nun werden Ministerämter nicht ausschließlich nach Wahlergebnissen vergeben, sondern auch nach Erfahrung, Verhandlungsmacht, parteipolitischer Proporzlogik und fachlicher Einschätzung. Genau darin liegt aber das strukturelle Problem: Die Kriterien, nach denen Parteien Spitzenämter vergeben, sind andere als jene, nach denen Bürger Parteien wählen oder abwählen. Der Wähler kann eine Partei daran hindern, die Regierung zu führen. Er kann aber kaum verhindern, dass deren Spitzenpersonal an anderer Stelle wieder auftaucht. Das politische System verfügt über zahlreiche Ausweichräume, in denen verlorene Wahlkämpfe nicht als endgültige Entscheidungen, sondern als biographische Zwischenfälle behandelt werden.

Julia Klöckner: Zweimal verloren, trotzdem aufgestiegen

Auch Julia Klöckner gehört in diese Galerie politischer Überlebenskünstler. Zweimal, 2011 und 2016, trat sie in Rheinland-Pfalz als Spitzenkandidatin der CDU an. Zweimal gelang es ihr nicht, die SPD aus der Staatskanzlei zu verdrängen. Besonders die Niederlage von 2016 war schmerzhaft, weil die CDU zwischenzeitlich auf einen Regierungswechsel hoffen durfte.

Klöckner blieb dennoch eine führende Figur ihrer Partei. 2018 berief Angela Merkel sie zur Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft. Nach dem Ende der Regierung Merkel kehrte sie in den Bundestag zurück, wurde wirtschaftspolitische Sprecherin der Unionsfraktion und schließlich im März 2025 Bundestagspräsidentin – Inhaberin des zweithöchsten Staatsamtes der Bundesrepublik.

Zwischen den verlorenen Landtagswahlen und dem höchsten Punkt ihrer bisherigen Karriere liegen zwar mehrere Jahre und auch ein 2025 gewonnenes Direktmandat. Klöckner ist deshalb kein Beispiel für eine unmittelbare Beförderung nach einer Niederlage. Ihre Biographie zeigt vielmehr, dass selbst wiederholtes Scheitern am wichtigsten landespolitischen Wahlziel einer langfristigen Karriere auf Bundesebene nicht entgegenstehen muss. Das wirft eine grundsätzlichere Frage auf: Welche Bedeutung hat die persönliche Erfolgsbilanz eines Spitzenpolitikers für dessen Aufstieg innerhalb einer Partei? Offenkundig keine ausschließliche. Innerparteiliche Netzwerke, bundespolitische Bekanntheit, Erfahrung und die Fähigkeit, sich innerhalb wechselnder Machtkonstellationen zu behaupten, können schwerer wiegen als verlorene Wahlkämpfe. Das ist einerseits vernünftig. Niemand sollte wegen einer einzigen Niederlage dauerhaft von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen werden. Andererseits entsteht ein Legitimationsproblem, wenn politische Parteien Niederlagen öffentlich als Aufforderung zur Erneuerung deuten, personell aber immer wieder auf dieselben Akteure zurückgreifen.

Alexander Schweitzer: Die Niederlage als Eintrittskarte nach Berlin

Mit Alexander Schweitzer erhält diese Frage am 12. Oktober 2026 eine neue Aktualität. Erst im März verlor die SPD in Rheinland-Pfalz nach jahrzehntelanger Regierungsführung die Landtagswahl. Unter dem amtierenden Ministerpräsidenten Schweitzer erreichte sie nur noch 25,9 Prozent, ein Minus von 9,8 Prozentpunkten gegenüber 2021. Die CDU wurde mit 31 Prozent stärkste Kraft. Schweitzer verlor damit das Amt, das er 2024 von Malu Dreyer übernommen hatte.

Nun soll er nach dem überraschenden Rücktritt von Bärbel Bas Bundesarbeitsminister werden. Für Schweitzer wäre das kein Aufstieg in der protokollarischen Rangordnung. Ein Ministerpräsident besitzt als Regierungschef eines Bundeslandes eine eigenständige politische Machtstellung, während ein Bundesminister Mitglied eines Kabinetts und an die Richtlinienkompetenz des Kanzlers gebunden ist. Dennoch wäre der Wechsel nach Berlin ein erheblicher Karriereschritt: vom Verlust der landespolitischen Regierungsverantwortung in die Leitung eines der wichtigsten Bundesministerien.

Bemerkenswert ist dabei vor allem der zeitliche Zusammenhang. Im März wurde Schweitzers SPD von den Wählern aus der führenden Regierungsposition verdrängt. Im Oktober soll derselbe Politiker auf Bundesebene die Verantwortung für Arbeit und Soziales übernehmen – für einen Politikbereich also, in dem sich wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, soziale Sicherung, Rentenfinanzierung und gesellschaftliche Verteilungskonflikte unmittelbar begegnen. Dass Schweitzer zuvor Sozialminister war, spricht für einschlägige Regierungserfahrung. Seine Berufung wäre daher keineswegs ohne sachliche Grundlage. Sie bleibt aber politisch erklärungsbedürftig: Warum sollte ausgerechnet eine Wahlniederlage den Weg in ein neues Spitzenamt eröffnen, ohne dass zuvor eine öffentliche Auseinandersetzung über die Ursachen dieser Niederlage stattgefunden hat? Der Anlass seiner möglichen Berufung verlangt zugleich eine menschliche Unterscheidung. Bärbel Bas hat ihren Rücktritt mit dem Tod ihrer Stieftochter und der Notwendigkeit begründet, ihre Trauer zu verarbeiten. Zudem kritisierte sie öffentliche Angriffe während dieser schwierigen Zeit. Diese persönlichen Umstände sind kein Gegenstand der hier diskutierten Kritik. Es geht um die politische Logik der Nachfolgeentscheidung, nicht um die Gründe ihres Rückzugs.
Der geschlossene Kreislauf politischer Karrieren

Was Kretschmer, Maas, Klöckner und Schweitzer bei allen Unterschieden verbindet, ist die Fähigkeit des politischen Systems, personelle Kontinuität über Wahlniederlagen hinweg herzustellen. Die Parteien verfügen über einen beträchtlichen Bestand an Ämtern, Mandaten und Funktionen, die nicht unmittelbar von einer persönlichen Wahlentscheidung abhängen. Wer eine Landtagswahl verliert, kann Bundesminister werden. Wer im Wahlkreis unterliegt, kann in einer anderen politischen Funktion aufsteigen. Wer als Spitzenkandidat scheitert, kann innerhalb seiner Partei dennoch unentbehrlich bleiben. Darin liegt zunächst kein Verfassungsverstoß, sondern eine Konsequenz der parlamentarischen Demokratie. Minister werden nicht durch Volksabstimmungen bestimmt, und politische Eignung lässt sich nicht allein aus Wahlergebnissen ableiten. Auch ein unterlegener Kandidat kann fachlich geeignet sein, und eine Partei muss auf erfahrenes Personal zurückgreifen dürfen. Doch diese verfassungsrechtliche Selbstverständlichkeit beantwortet nicht die politische Vertrauensfrage.

Demokratie lebt davon, dass politische Verantwortung erkennbar bleibt. Wenn Parteien Wahlen verlieren, müssen sie nicht jeden ihrer Spitzenpolitiker auswechseln. Aber sie sollten erklären können, weshalb ein Politiker, der für eine Niederlage Mitverantwortung trägt, kurz darauf mit einer neuen Führungsaufgabe betraut wird. Ohne diese Erklärung kann der Eindruck entstehen, dass die Wähler zwar Mehrheiten verändern, auf die Karrieren des Führungspersonals aber nur begrenzten Einfluss besitzen. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn Parteien personelle Erneuerung versprechen, tatsächlich jedoch vor allem ihre erfahrenen Funktionsträger zwischen Landesregierungen, Bundestag, Ministerien und Parteizentralen verschieben.

Wenn Verantwortung zur Verschiebemasse wird

Die entscheidende Trennlinie verläuft deshalb nicht zwischen Wahlgewinnern und Wahlverlierern, sondern zwischen politischer Verantwortung und bloßer Karrierefortsetzung. Ein Wahlergebnis ist kein abschließendes Urteil über den Charakter oder die Fähigkeiten eines Menschen. Es ist aber ein demokratisches Signal, das ernst genommen werden muss. Wer daraus keine persönlichen Konsequenzen zieht, sollte zumindest politisch begründen können, warum seine weitere Verwendung im öffentlichen Interesse liegt. Michael Kretschmers Aufstieg nach dem Verlust seines Bundestagsmandats zeigt, wie eine Parteikrise zur Chance für einen einzelnen Politiker werden kann. Heiko Maas und Julia Klöckner stehen für Karrieren, die sich trotz verlorener Spitzenkandidaturen auf Bundesebene fortsetzten. Alexander Schweitzers bevorstehender Wechsel nach Berlin fügt dieser Geschichte ein neues Kapitel hinzu.

All diese Fälle machen sichtbar, dass die politischen Parteien nicht nur Vermittler zwischen Bürgern und Staat sind. Sie sind auch eigenständige Organisationen mit personellen Interessen, internen Loyalitäten und einem ausgeprägten Bedürfnis nach Kontinuität. Das ist unvermeidlich. Problematisch wird es dort, wo dieses Eigeninteresse die politische Verantwortung gegenüber den Wählern überlagert. Die vielzitierte Karrieretreppe, die manche Politiker selbst im Fallen noch hinaufsteigen, ist deshalb weniger ein Beweis individueller Unfähigkeit als ein Symptom institutioneller Entkopplung. Wahlergebnisse verändern Machtverhältnisse, aber sie beenden nicht zwangsläufig politische Laufbahnen. Mitunter schaffen sie sogar neue Gelegenheiten. Und so bleibt am Ende eine unbequeme Frage: Wenn Wahlniederlagen für führende Politiker immer wieder zum Ausgangspunkt neuer Ämter werden, woran erkennen die Bürger dann noch, dass ihre Entscheidung personelle Verantwortung nach sich zieht? Die parlamentarische Demokratie muss nicht jeden Wahlverlierer aus dem politischen Leben verbannen. Sie sollte aber verhindern, dass der Eindruck entsteht, die Wähler dürften über Parteien abstimmen, während die Parteien über die Karrieren ihrer Spitzenleute weitgehend unter sich entscheiden. Denn wo Niederlagen nur noch die Zuständigkeiten verändern, droht aus politischer Verantwortung eine Verschiebemasse des Parteienbetriebs zu werden.