Sonntag, 8. November 2026

EU will Harmonisierung der Schimpfwörter

von Meinrad Müller

Hauen und Stechen im EU-Parlament: Wenigstens die mundartlichen Beleidigungen sollen nun standardisiert werden




Brüssel hat eine neue Regelungslücke entdeckt. Im Europäischen Parlament wird seit Jahrzehnten in 24 Amtssprachen gestritten, geschimpft und beleidigt. Doch was nützt die schönste Beschimpfung, wenn der Adressat sie nicht versteht? Eine neue EU-Norm soll da Abhilfe schaffen. Als Vorbild dient ausgerechnet die lokale elsässische Mundart. Da wird bekanntlich gschwätzt, wie der Schnabel gwachse is. Wer als Abgeordneter und nationaler Müsbollezähler (Mäusebollenzähler) aus Portugal, Polen oder Spanien ins Europäische Parlament gewählt wird, macht früher oder später Bekanntschaft mit dem Elsass. Dort, mitten in Straßburg, steht das gewaltige Parlamentsgebäude, wie a Mischthüffe (Misthaufen) inmitten deutscher Geschichte. Ein architektonisches Meisterwerk, das von außen an einen unvollendeten Turmbau zu Babel und an ein Schisshüssdeckelgsischt erinnert.

Innen drin wird dieser Eindruck täglich bestätigt, wo eine Anzahl Besserwesser sich gegenseitig bschimpfe. Das schafft Verständigungsprobleme. Ein Spanier kann einen Polen beschimpfen, ohne dass dieser etwas davon bemerkt. Der Grieche glaubt, der Finne habe ihm ein Kompliment gemacht. Und der Ungar bedankt sich höflich für eine Beleidigung, weil niemand das elsässische Rétschbése einordnen kann; die Übersetzer auch nicht. Damit soll nun Schluss sein.

Der Schofseckel wird europäisch

Den Anfang machte ein Streit über die europäische Agrarpolitik. Ein polnischer Abgeordneter verlangte höhere Zuschüsse für seine Bauern. Sein französischer Kollege hielt die Forderung für unsinnig. Aus den hinteren Reihen ertönte ein kräftiges „Schofseckel!“ Der Pole hielt das zunächst für eine elsässische Käsesorte. Erst einer aus Frankfurt/Oder klärte ihn auf: Gemeint war ein männliches Schafsorgan, das zur Fortpflanzung dient. Die Sitzung musste unterbrochen werden.

Kurz darauf bezeichnete ein Abgeordneter seinen niederländischen Kollegen als „Bürelimmel“. Dieser hatte vorgeschlagen, die europäischen Bauern sollten künftig weniger Kühe halten und dafür mehr Formulare ausfüllen. Ein Bürelimmel ist im Elsass ein Bauernlümmel. Der Niederländer protestierte. Er sei weder Bauer noch Lümmel, sondern seit zwölf Jahren Mitglied des Umweltausschusses und nie und nimmer ein Grùmmbéreschéledsuppfresser gewesen. Das überzeugte niemanden.

Vom Bschisser zum Potschamberfratz

Beim nächsten Tagesordnungspunkt ging es um die Verwendung europäischer Fördermittel. Ein italienischer Abgeordneter erklärte, sämtliche Gelder seien ordnungsgemäß ausgegeben worden. Aus der französischen Delegation ertönte ein unüberhörbares „Bschisser!“ (einer, der andere bescheißt). Der Italiener, der bereits wie ein Nerfebindel wirkte, verlangte eine Entschuldigung. Sein Gegenüber erklärte, er habe keineswegs den Kollegen persönlich gemeint, sondern lediglich dessen Buchführung. Die Parlamentspräsidentin ließ prüfen, ob eine Buchführung überhaupt beleidigt werden könne.

Ein weiterer Zwischenfall ereignete sich bei der Debatte über die Renovierung des Parlamentsgebäudes: Ein spanischer Abgeordneter kritisierte die hohen Kosten. Ein Elsässer rief ihm „Potschamberfratz!“ entgegen – Nachttopfgesicht! Der Spanier war empört. Er habe über Baukosten gesprochen, nicht über seine Gesichtszüge. Außerdem sei der Nachttopf in Spanien längst abgeschafft.

Mückenpimmel und Zwetschgenarsch

Bei der Beratung über eine europäische Verteidigungsinitiative verlor ein Abgeordneter die Geduld. Er bezeichnete seinen Vorredner als „Muckebibbes“. Das bedeutet Mückenpimmel. Der Betroffene verlangte eine persönliche Erklärung – schließlich sei er seit dreißig Jahren verheiratet und habe drei Kinder; eine derartige Unterstellung weise er daher entschieden zurück. Auch die europäische Obstverordnung blieb nicht verschont: Als ein österreichischer Abgeordneter eine einheitliche Mindestgröße für Zwetschgen vorschlug, erschallte aus der letzten Reihe ein kräftiges „Pfluemmearsch!“ (Zwetschgenarsch). Die Sitzung geriet außer Kontrolle.

Ein Abgeordneter wollte wissen, ob das Wort auch für Pflaumen gelte. Die Kommission verwies auf die unterschiedlichen Zolltarifnummern. Bei der Beratung des Haushalts forderte ein deutscher Abgeordneter, die Reisekostenabrechnungen künftig auf den letzten Cent genau zu kontrollieren. „Pfennispàlter!“, rief ein Kollege – also Geizhals. Der Deutsche, der wollte, dass alles beim Alten bliebe, war bereits als Màmmahucker – Muttisöhnchen – bekannt. Er zeigte sich empört; schließlich sei er kein Nixnutz. Die Reisekosten würden immer schon stinken wie ein Lumpesack.

Ungehörige Wortwahl

Ein anderer wollte wissen, wie viele Dolmetscherstunden die bisherigen Beleidigungen bereits gekostet hätten. „Müsbollezähler!“, kam die prompte Antwort, Mäuseköttelzähler – also Ein Mensch, der selbst die kleinsten Kleinigkeiten nachzählt. Der deutsche Abgeordnete verlangte daraufhin eine schriftliche Kostenaufstellung. Ein Abgeordneter bestand darauf, künftig in der ersten Reihe Platz nehmen zu dürfen. Dort werde er von den Fernsehkameras besser erfasst. Ein Kollege musterte ihn längere Zeit und murmelte dann: „Schisshüssdeckelgsischt“ (Scheißhausdeckelgesicht).

Die Präsidentin rügte den Zwischenruf. Die Kameraleute erklärten hingegen, die Wortwahl sei zwar ungehörig, die Beschreibung aber aus technischer Sicht nachvollziehbar. Er solle sich nicht aufführen wie eine beleidigdi Lèwerwùrscht. Damit war die Grenze des bisher Zulässigen erreicht. Nun soll eine europäische Norm für Abhilfe sorgen: 19 ausgewählte elsässische Schimpfwörter werden in sämtliche Amtssprachen übersetzt. Dazu kommen verbindliche Definitionen und Hinweise zur korrekten Verwendung. „Rétschbése“, der Klatschbesen, soll künftig beispielsweise nur bei nachweislich übermäßiger Geschwätzigkeit eingesetzt werden dürfen.

Die EU schafft endlich Klarheit

Für bloßes Weitererzählen von Gerüchten wird “Schirzejäjer” empfohlen. Damit kein Mitglied des Parlaments unbeabsichtigt beleidigt wird, erhalten alle Abgeordneten ein mehrsprachiges Schimpfwortverzeichnis. Die EU plant außerdem einheitliche Hinweisschilder und Schulungen für die Dolmetscher. Ob die neue Verordnung auch außerhalb des Parlaments gelten soll, wird derzeit geprüft. Besonders umstritten ist die Frage, ob Bürger ihren Bürgermeister künftig ohne vorherige Anmeldung als Schofseckel bezeichnen dürfen.

Die Kommission hat bereits eine Arbeitsgruppe eingesetzt. Vorsitzender soll ein Elsässer werden: Der versteht wenigstens, worum es geht! Die EU verabschiedet die gemeinsame Schimpfwortnorm mit überwältigender Mehrheit. Nur die elsässischen Abgeordneten stimmen dagegen. Sie wollen sich nicht von Brüssel vorschreiben lassen, wie man in ihrer Heimat schimpft.


1 Kommentar:

  1. Diese EU. Und mir ist das grundsätzlich egal. Denn ich weiß eins. Dass Ursula von der Leyen eine EU-Votze ist.

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