von Thomas Hartung

Heino (bei einem Auftritt im Juli dieses Jahres)
In der Medienwelt finden sich Porträts, die einen Menschen beschreiben, und es andere, die ihn dechiffrieren. Stefan Willekes soeben im ”Zeit-Magazin erschienenes Heino-Porträt gehört entschieden zur zweiten Gattung. Schon der Vorspann stellt nicht einfach einen 87-jährigen Künstler vor, der seit nunmehr fast sieben Jahrzehnten auf deutschen Bühnen steht. Er eröffnet ein Ermittlungsverfahren: Heino sei eine „Institution der alten Bundesrepublik“, habe besonders im Osten viele Fans, singe von Heimat und Deutschland und „behauptet“, das sei nicht politisch gemeint. Dann die Frage: „Wo steht Heino wirklich?“ Das unscheinbare Verb „behauptet“ ist dabei wichtiger als manches spätere Argument. Wer etwas behauptet, kann recht haben; im journalistischen Sprachgebrauch schwingt jedoch bereits mit, dass die Behauptung der Überprüfung bedarf. Heino singt also nicht einfach unpolitisch von Heimat, er behauptet sein Unpolitischsein. Das Magazin übernimmt damit von Beginn an die Rolle des Hermeneutikers, der hinter dem Gesagten nach dem eigentlich Gemeinten sucht; ja nach dem, was eigentlich sein müsse.
Das kennen wir inzwischen zur Genüge von Gesinnungsprozessen von Beleidigung bis Volksverhetzung, wo Juristen sich anmaßen dürfen, Angeklagten zu erklären, was sie denn mit ihren Äußerungen tatsächlich geäußert haben. Dass all dies sozial arrogant, politisch einseitig, ja – Stichwort Gesinnungsjustiz – instrumentalisierend und linguistisch schlicht dumm ist, muss hier nur in Erinnerung gerufen werden, um den Text einzuordnen. Nur ergibt die Recherche ein Problem: Der verborgene “rechte Heino” lässt sich gar nicht so recht finden und überführen. Er lehnt ein lukratives Angebot der FPÖ für einen Parteiauftritt ab. Er hat sich gegen die AfD ausgesprochen und sogar einmal ein AfD-Verbot befürwortet. Vor der Bundestagswahl unterstützte er Friedrich Merz. Gregor Gysi, gewiss kein Kronzeuge einer rechten Heino-Apologetik, berichtet von Ansichten zu Mindestlohn und Steuergerechtigkeit, die er “eher sozialdemokratisch” findet, und bekundet ausdrücklich, sein anfänglicher Verdacht, Heino stehe „rechts außen“, habe sich nach persönlicher Bekanntschaft erledigt. Ein klassisches Porträt könnte an diesem Punkt eine überraschende Erkenntnis verbuchen: Das kulturelle Bild und die tatsächlichen politischen Positionen dieses Mannes passen nicht besonders gut zusammen.
Der Mann, der nicht verschwinden will
Das “Zeit-Magazin” jedoch wählt den intellektualistisch-laienjuristischen – und problematischeren – Weg: Wenn Heino politisch nicht zuverlässig rechts einzuordnen ist, werden eben seine hinterlassenen Zeichen untersucht. Das beginnt durchaus brillant. Heino erscheint als „Zeitmaschine“. 1969, 1989, 2026: Die Welt dreht sich weiter, politische Systeme verschwinden, Moden kommen und gehen – aber einer steht immer noch da und singt. Die Sonnenbrille bleibt, die blonden Haare ebenso, erst recht das rollende R, und selbst die Beatles, erzählt Heino seinem Publikum, seien inzwischen Geschichte, während er immer noch da sei. Darin liegt tatsächlich etwas kulturgeschichtlich Faszinierendes. Heino ist nicht bloß ein Sänger aus der alten Bundesrepublik. Er ist ein Stück alter Bundesrepublik, das die Bundesrepublik überlebt hat, aus der es stammt. Und vielleicht beginnt genau hier das Unbehagen. Denn die bundesdeutsche Kulturgeschichte der vergangenen Jahrzehnte versteht sich gern als Geschichte erfolgreicher Überwindungen. Überwunden wurden Provinzialität und Muff, autoritäre Familienstrukturen und sexuelle Prüderie, Nationalpathos und unreflektierte Heimatgefühle. Was früher selbstverständlich war, wurde historisiert, problematisiert, dekonstruiert oder wenigstens ironisiert.
Nur hat Heino offenbar die kulturwissenschaftliche Fortbildung versäumt. Er singt weiter. Das Magazin erinnert genüsslich daran, wie lange er schon als Inbegriff des Gestrigen verspottet wird. Rainer Moritz nannte ihn einmal das „Brechmittel mehrerer Generationen“, Punkmusiker machten sich über ihn her, Otto ließ bereits 1985 einen Heino-Zombie aus dem Grab steigen. Sein Aussehen, heißt es, sei oft als „provozierend spießig“ empfunden worden: der „Look eines Ewiggestrigen“. Bemerkenswert ist daran das Wort provozierend. Früher provozierte, wer Konventionen brach. Inzwischen kann offenbar auch provozieren, wer sie nicht bricht. Heino ist kulturgeschichtlich zum Ärgernis geworden, weil er eine Entwicklung verweigert, ohne sie argumentativ zu bekämpfen. Er hält keine Vorträge gegen die Moderne. Er steht einfach noch herum.
Die Deutschlandfahne unter Beobachtung
Am deutlichsten zeigt sich die Methode des Porträts beim Konzert in Cottbus. Auf der Bühne hängt eine riesige Deutschlandfahne. Heinos Manager versichert, sie habe „nichts mit einer politischen Gesinnung oder Ausrichtung zu tun“. Am Ende bittet eine Lautsprecherdurchsage das Publikum, sich zur Nationalhymne zu erheben. Gespielt wird – wohlgemerkt – ausschließlich die dritte Strophe. Und dann beobachtet der “Zeit“-Reporter das Publikum. Viele junge Leute, viele alte, Paare, Familien, „unauffällige Menschen“. Es gebe „keine Glatzen“, niemand habe AfD-Parolen gebrüllt. Man muss diesen Absatz zweimal lesen, um seine ganze unfreiwillige Komik zu erfassen. Bei einem deutschen Konzert hängt eine deutsche Fahne, anschließend erklingt die gültige Nationalhymne – und der journalistische Kontrollblick wandert durch die Reihen, um festzustellen, ob irgendwo Rechtsextremisten oder Jünger der Pech-und-Schwefel-Partei zu entdecken sind.
Natürlich findet Willekes keine. Doch weshalb musste er überhaupt nach ihnen suchen? Genau hier offenbart sich jene kulturelle Semiotik, die das gesamte Porträt strukturiert. Die Deutschlandfahne ist nicht zuerst Deutschlandfahne; sie ist ein “Zeichen”, eine “Chiffre”, deren mögliche Kontamination geprüft werden muss. Heimat ist nicht zunächst Heimat. Volkslied nicht zunächst Volkslied. Osten nicht einfach eine Himmelsrichtung oder ein historischer Erfahrungsraum. All diese Dinge tragen einen politischen Schatten. Der Reporter schreibt diesen Schatten nicht frei erfunden in die Gegenstände hinein; es gibt durchaus politische Milieus, die nationale Symbole vereinnahmen. Gerade deshalb aber stellt sich die entscheidende Frage: Wer besitzt die Deutungshoheit über ein kulturelles Zeichen – diejenigen, die es gebrauchen, oder diejenigen, die es am radikalsten verwenden? Wenn die Anwesenheit rechter Männer mit Glatzen die politische Bedeutung einer Deutschlandfahne verändern kann, müsste ihre Abwesenheit sie eigentlich wieder normalisieren. Doch so funktioniert die Semiotik des Verdachts nicht.
Heimat als ostdeutsche Devianz
Besonders aufschlussreich wird das beim Blick nach Ostdeutschland. Dort war Heino zu DDR-Zeiten populär, obwohl seine Musik öffentlich nicht gespielt werden durfte. Karl-Eduard von Schnitzler formulierte 1973 im “Schwarzen Kanal” einen Satz, der erstaunlich gut auch in das heutige Porträt passen würde: „Das Vergangene steht semmelblond vor uns und singt die alten Lieder.“ Das ist eine wunderbare historische Pointe. Der sozialistische Chefpropagandist und das westdeutsche Kulturmilieu begegnen Heino aus völlig unterschiedlichen politischen Ausgangspunkten – und stoßen sich doch am selben Phänomen: Da singt einer von etwas, das eigentlich überwunden sein sollte. Der Heino-Sammler Eberhard Kulla beschreibt, was der Sänger für manche DDR-Bürger bedeutete: „Heino hat uns etwas gegeben, das die Staatsregierung der DDR nicht wollte: Heimat. Er hat uns die deutsche Einheit in Liedern geschenkt.“ Kulla war wegen seines Heino-Fankreises sogar ins Visier der Staatssicherheit geraten. Hier liegt eine große Geschichte bereit. Man könnte untersuchen, warum ausgerechnet sentimentale westdeutsche Volksmusik in der DDR eine oppositionelle oder zumindest nonkonforme Bedeutung gewinnen konnte. Warum Heimat gerade dort kostbar wurde, wo der Staat festlegen wollte, was Heimat politisch zu bedeuten habe.
Das ”Zeit“-Magazin nimmt jedoch eine charakteristische Abzweigung. Kulla beklagt, eine linke Elite wolle Heino in die rechte Ecke stellen. Prompt diagnostiziert ihm Willekes daraufhin ein „diffuses Ressentiment“, ein „Leiden an der deutschen Wirklichkeit“, vorgetragen im „Grummel-grummel-Bariton“. Und bald ist man bei den „Unverstandenen“, deren “Gefühl” sich inzwischen über ganze Landstriche gelegt habe und Wahlen entscheiden könne. Heino, so die Pointe, sei seiner Zeit voraus gewesen. Aus einem konkreten DDR-Erlebnis wird so eine Vorgeschichte des heutigen politischen Ressentiments. Das müsste per se vielleicht gar nicht falsch sein – aber es ist bemerkenswert, wie schnell der Text jene Erfahrung psychologisiert, deren politischen Gehalt er zuvor selbst beschrieben hat. Wer sich von einer kulturellen Elite verkannt fühlt, könnte tatsächlich verkannt worden sein. Er könnte aber auch bloß unter einem „Gefühl des Unverstandenseins“ leiden. Zwischen beiden Möglichkeiten liegt ein beträchtlicher Unterschied.
Die Hermeneutik des Verdachts
Damit gelangt man zum eigentlichen Verfahren des Artikels. Es handelt sich um eine Hermeneutik des Verdachts. Heinos Aussagen werden nicht primär danach beurteilt, was sie besagen, sondern danach, welche verborgenen kulturellen Bedeutungen sie transportieren könnten. Seine politische Selbstbeschreibung besitzt dabei erstaunlich wenig Beweiskraft. Sagt Heino, die Deutschlandfahne sei nicht politisch gemeint, wird gerade dieses Dementi interessant. Singt er ein altes Lied, wird dessen Rezeptionsgeschichte untersucht. Sagt er, er habe sich über bestimmte politische Implikationen nie Gedanken gemacht, erscheint genau diese Gedankenlosigkeit als Problem.
So entsteht eine argumentativ nahezu perfekte Falle: Wäre Heino erklärter Nationalist, wäre die Sache klar. Bestreitet er, Nationalist zu sein, könnte gerade das Teil seiner Strategie der Vieldeutigkeit sein. Der Artikel formuliert diesen Verdacht ganz ausdrücklich. Heino bewege sich „auf einem Grat zwischen krassem Nationalismus und dem Dementi desselben“. Dadurch könne er sich einer Festlegung entziehen und immer behaupten, alles Suspekte sei nicht so gemeint gewesen, so Willekes. Das ist eine bemerkenswert schwere kulturpolitische Anklage. Denn „krasser Nationalismus“ wäre normalerweise anhand politischer Aussagen zu belegen. Hier entsteht er vor allem aus einem Ensemble von Liedern, Fahnen, Auftritten, Publikumsreaktionen und der Weigerung des Sängers, die daraus gezogenen Interpretationen zu übernehmen.
Wenn „Schwarzbraun“ nach Auschwitz führt
Am schärfsten wird diese Methode bei „Schwarzbraun ist die Haselnuss“. Heinos Manager weist darauf hin, das Lied sei älter als der Nationalsozialismus und finde sich sogar in einem Lagerliederbuch von Häftlingen des KZ Sachsenhausen. Man kann diese Verteidigung historisch diskutieren; die Verwendung eines Liedes durch unterschiedliche Gruppen beantwortet tatsächlich nicht automatisch die Frage nach seiner späteren Konnotation. Doch dann zieht Willeke einen Vergleich, der die gesamte Methode des Textes entblößt: Auch „Arbeit macht frei“, schreibt er sinngemäß, sei schließlich nicht von den Nationalsozialisten erfunden worden; trotzdem würde sich kein vernünftiger Mensch den Satz heute über seine Bürotür hängen. Rhetorisch sitzt das vielleicht; historisch jedoch hinkt es gewaltig. „Arbeit macht frei“ ist durch seine Anbringung an den Toren nationalsozialistischer Konzentrations- und Vernichtungslager zu einer der international bekanntesten Chiffren des NS-Terrors geworden. Ein Volkslied hingegen, das vor dem Nationalsozialismus existierte, von Nationalsozialisten gesungen wurde, aber zugleich auch in einem Liederbuch von KZ-Häftlingen auftauchte, besitzt offenkundig eine andere semantische Geschichte.
Ausgerechnet ein Artikel über gefährliche Vieldeutigkeit produziert hier selbst eine mächtige Assoziation. Er sagt nicht: Heino singt ein NS-Lied. Nein, er stellt „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ neben „Arbeit macht frei“. Den Rest erledigt das kulturelle Gedächtnis des Lesers. Und damit praktiziert der Text genau jene Methode, die er Heino indirekt vorwirft: Er arbeitet mit Zeichen, deren Wirkung über das ausdrücklich Gesagte hinausgeht.
Heino ist nicht rechts genug für den Artikel
Das Verrückteste an diesem Porträt bleibt deshalb, wie viele seiner eigenen Rechercheergebnisse gegen die implizite These sprechen. Gregor Gysi mag Heino. Seine politischen Ansichten erscheinen ihm teilweise sozialdemokratisch. Heino hält die AfD nicht für die Lösung. Er lehnte den FPÖ-Auftritt ab. Als ein AfD-Politiker mit dem Satz „Am Sonntag würde Heino Felix wählen“ warb, ging Heinos Management juristisch dagegen vor. Man stelle sich die umgekehrte Konstellation vor: Ein Sänger äußerte sozialdemokratische Positionen, spräche sich gegen eine linke Partei aus, verweigerte einen gut bezahlten Auftritt bei deren Parteifest und klagte dagegen, von einem ihrer Kandidaten für Wahlwerbung vereinnahmt zu werden. Würde man anschließend acht Seiten lang fragen, ob er vielleicht doch irgendwie links sei? Bei Heino wird genau diese Differenz zwischen politischer Position und kultureller Codierung zum Gegenstand.
Das mag legitim sein, verrät aber mehr über den gegenwärtigen Kulturkampf als über Heino. Denn offenbar existiert inzwischen ein Begriff des kulturell Rechten, der weit über konkrete politische Überzeugungen hinausreicht. Heimat, Volkslied, nationale Symbolik, Skepsis gegenüber kulturellen Eliten, Widerstand gegen sprachliche Aktualisierung und das Beharren darauf, alte Dinge weiterhin in ihrem alten Sinne verwenden zu dürfen – all das bildet ein Milieu von Zeichen, aus dem sich ein politischer Verdacht zusammensetzen lässt. Der politische Heino kann sozialdemokratischer sein, als das Klischee erlaubt. Der semiotische Heino bleibt verdächtig.
„Ich mach doch nix“
Deshalb ist der Titel des Porträts hervorragend gewählt: „Ich mach doch nix!“ Im Text fällt der Satz völlig banal. Heino versucht, einen Pappaufsteller auseinanderzuklappen, sein Manager sagt: „Heino, lass das“, und der alte Mann antwortet: „Ich mach doch nix.“ Doch der Satz wird zum Motto einer ganzen Existenz: Heino macht doch nix. Er singt nur. Er trägt nur seine Sonnenbrille. Er lässt eine Deutschlandfahne aufhängen. Er singt alte Lieder. Er tritt für einen Feuerwehrmann auf, den er ungerecht behandelt findet. Er weigert sich, sein Repertoire nach den jeweils neuesten Sensibilitäten zu kuratieren. Und gerade dieses „Ich mach doch nix“ hält das Porträt offenbar für unglaubwürdig. Denn in der spätmodernen Kultur gibt es offenbar keine unschuldigen Worte, Taten und Ereignisse mehr, wie trivial sie auch sind. Alles wird zum Verdachtsmoment, zum Indiz, zum entlarvenden Zeichen. Wer singt, “reproduziert Diskurse”.
Wer eine Fahne zeigt, “positioniert sich”. Wer ein Wort benutzt, aktiviert seine “Verwendungsgeschichte. Wer behauptet, etwas sei unpolitisch, kann damit eine “politische Normalität” verteidigen. Das alles ist als kulturwissenschaftliche Einsicht nicht unsinnig. Aber eine Gesellschaft, die jedes Zeichen ausschließlich über seine problematischste Verwendung liest, verliert irgendwann die Fähigkeit zur kulturellen Mehrdeutigkeit.
Wem gehört ein Volkslied?
Hier liegt die entscheidende Frage, die das Porträt nicht stellt: Wem gehören kulturelle Zeichen? Gehört „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ den Nationalsozialisten, weil sie es sangen? Den KZ-Häftlingen, weil es auch in ihrem Liederbuch stand? Den Generationen davor? Heino? Seinem Publikum? Oder jeweils dem Interpreten, der die politisch folgenreichste Verwendungsgeschichte auswählt? Und weiter: Gehört die Deutschlandfahne den demokratischen Institutionen der Bundesrepublik oder dem radikalsten Demonstranten, der sie ebenfalls schwenkt? Gehört Heimat demjenigen, der darin Kindheit, Landschaft und Zugehörigkeit erkennt – oder demjenigen, der daraus ein ethnisches Ausschlusskonzept macht?
Eine liberale Kultur müsste auf solche Fragen eigentlich mit einem entschiedenen Sowohl-als-auch reagieren. Zeichen sind nicht herrenlos, aber sie sind auch nicht auf ihre schlimmste historische Verwendung festgelegt. Sonst könnte jede extremistische Bewegung Symbole gerade dadurch dauerhaft enteignen, dass sie sie sich aneignet. Die paradoxe Folge wäre eine kulturelle Vetomacht der Radikalen: Je erfolgreicher Rechtsextreme ein Symbol benutzen, desto weniger dürften Demokraten es benutzen. Das wäre eine bemerkenswerte Form antifaschistischer Kapitulation.
Der falsche Heino als moralisch wahrer Heino
Am Ende des Porträts vollzieht Willeke noch eine zweite, beinahe literarische Operation: Er besucht einen Heino-Imitator, der in Altenheimen singt. Dieser falsche Heino setzt sich zu Kranken ans Bett, hört ihre Geschichten und verbirgt hinter seiner Sonnenbrille Tränen der Rührung. Der echte und der falsche Heino sind einander nie begegnet. Dann kommt der Schlusssatz: Der echte Heino müsse für die Verwechslung eigentlich dankbar sein, weil er in Gestalt seines Imitators ein Mensch sei, „der Nähe zulässt und dem es nichts ausmacht, Mitgefühl zu zeigen“. Das ist elegant geschrieben und zugleich erstaunlich brutal. Nach der politischen Hermeneutik folgt die psychologische.
Der echte Heino erscheint als emotional gepanzerte Marke: immer dasselbe Lächeln, immer dieselbe Brille, „Jaja“, „So, so“, Bühne, Erfolg, weitermachen. Selbst nach dem Tod seiner Tochter und später seiner Frau steht er rasch wieder im Rampenlicht. Der Imitator dagegen weint. Der falsche Heino wird dadurch zum moralisch wahreren Heino. Auch hier stellt sich allerdings eine Frage, die ein Porträt über einen 87-jährigen Mann vielleicht wenigstens zulassen müsste: Ist öffentlich sichtbare Emotionalität tatsächlich der zuverlässigere Beweis von Mitgefühl? Oder begegnet hier eine Kultur, die Authentizität durch demonstrierte Innerlichkeit misst, einem Menschen aus einer Generation, die gelernt hat, Schmerz gerade nicht öffentlich auszustellen? Vielleicht ist auch das eine Form kultureller Übersetzung, die das Porträt nicht leistet.
Das Vergangene steht semmelblond vor uns
Am Ende bleibt deshalb Karl-Eduard von Schnitzlers Satz hängen: „Das Vergangene steht semmelblond vor uns und singt die alten Lieder.“ Er war als sozialistische Polemik gemeint. Heute könnte er fast als kulturjournalistische Diagnose durchgehen. Gerade darin besteht Heinos eigentümliche Bedeutung. Er ist kein großer politischer Denker, vermutlich nicht einmal ein besonders politischer Mensch. Das “Zeit-Magazin” liefert selbst genügend Material dafür, dass die Suche nach einer konsistenten rechten Ideologie bei ihm wenig ergiebig wäre. Aber Heino begeht etwas, das für eine reflexive Kultur womöglich schwerer zu ertragen ist: Er problematisiert sich nicht. Er singt Heimat, ohne vorher Heimat zu definieren. Er zeigt Deutschland, ohne die Fahne mit einer Gebrauchsanweisung zu versehen. Er singt Lieder, deren Rezeptionsgeschichte Kulturredakteure auf mehrere Seiten beschäftigen kann, und antwortet auf die Frage nach ihrer Bedeutung womöglich bloß: Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht.
Das kann naiv sein. Es kann stur sein. Manches kann geschmacklos oder historisch unsensibel sein. Nur ist Naivität noch keine Ideologie und Sturheit noch kein Nationalismus. Vielleicht ist Heino deshalb weniger ein politisches Rätsel als ein hermeneutischer Störfall. An ihm zeigt sich, wie schwer es einer Gegenwart fällt, kulturelle Phänomene stehenzulassen, deren Produzenten die Bedeutung ihrer eigenen Zeichen nicht nach den Kategorien des gegenwärtigen Diskurses erklären. Das “Zeit-Magazin” fragt: Wo steht Heino wirklich? Nach acht Seiten lautet die interessantere Gegenfrage: Warum reicht es uns nicht, dort nachzusehen, wo er tatsächlich steht? Politisch findet man einen alten Unterhaltungskünstler mit widersprüchlichen, teilweise konservativen, teilweise sozialdemokratischen Ansichten, mit Sympathie für Merz, Distanz zur AfD und einem tiefen Trotz gegen jene, von denen er sich sein Leben lang verspottet fühlte.
Kulturell aber steht dort etwas Größeres. Ein Restbestand jener Bundesrepublik, in der Heimat noch kein Diskurs, das Volkslied noch kein Bekenntnis und die Deutschlandfahne noch nicht notwendig ein Fragebogen zur politischen Gesinnung war. Man muss nicht darauf bestehen, diese Bundesrepublik unbedingt zurückzuhaben. Man könnte aber einfach akzeptieren, dass einige ihrer Bewohner noch leben. Und manchmal sogar noch singen.
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