Mittwoch, 16. September 2026

Ob 11. September oder 7. Oktober: Am Ende ist immer der Jude schuld

von Julian Marius Plutz

Alles geplant von finsteren Mächten… Die antisemitischen Konspirationisten haben in diesem Herbst Hochkonjunktur



Was ist der Unterschied zwischen der “Tagesschau” und einer Verschwörungstheorie? Die Antwort: Sechs Monate. Sie kennen das: Während kluge Menschen Ereignisse längst als valide Tatsache abgespeichert haben, kommt der öffentlich-rechtliche Rundfunk eben bei den gleichen Tatsachen entweder mit Lamentieren oder Verharmlosen oder sogar mit Totschweigen um die Ecke. Das war so bei Corona, bei der Sprengung von Nord Stream und bei vielen anderen Vorgängen, wo das Offensichtliche nicht ins Narrativ passte. Doch dann gibt es noch die anderen Verschwörungstheorien, die keine sechs Monate oder gar zwei Jahre brauchen, sondern nur wenige Stunden bis zur Sendung – allerdings unter einer Voraussetzung: Sie müssen einfach unbedingt und sofort ins Erzählmuster passen.

So ist es beim Thema Israel. Fast immer, wenn sich die ARD mit dem Nahostkonflikt befasst, geht es darum, den vermeintlich geknechteten Gazanern (die abgesehen von ihren Kindern mehrheitlich erwiesenermaßen ein judenfeindlicher und gewaltaffin-toxischer Misthaufen sind) eine Bühne zur Opferinszenierung zu geben – was sogar schon dazu führte, dass Propagandisten mit Preisen gekürt werden. Daher erhielt die ARD-Nahostkorrespondentin Sophie von der Tann vor zwei Monaten ausgerechnet in Frankfurt den Katharina-Zell-Preis für ihre “unerschrockene” Berichterstattung; streng genommen erhielt sie diesen Orden wider die menschliche Schläue vom Landesverband Evangelische Frauen in Hessen und Nassau – für ihre ungefilterte pro-Hamas-Berichterstattung. Spätestens hier wird klar, warum Adolf Hitler für die Reichspogromnacht den Martin Luthers Geburtstag gewählt hat. Insofern ist es nur folgerichtig, dass sich manche ihre Verschwörungstheorien so zusammenzimmern, dass es auch wirklich ins selbstgewählte schimmelige Weltbild passt. Und wenn etwas nicht passt, dann muss es eben passend gemacht werden.

Toxischer, blinder Judenhass

Vergangenen Freitag jährte sich zum 25. Mal der islamische Anschlag auf das World Trade Center in New York. Und zum 25. Mal jährt sich das Hochamt der weltweiten Verschwörungsirren, die mit zunehmendem zeitlichen Abstand zu diesem verhängnisvollen Datum predigen, dass die USA und/oder – wer auch sonst – die Juden für diesen größten feindlichen Angriff auf die Vereinigten Staaten seit Pearl Harbor verantwortlich waren. Innerhalb kürzester Zeit wurden Arbeitslose, Soziologen und sonstige Taugenichtse zu Experten für Bausubstanz und Statik oder zu Sachverständigen für Sprengtechnik Brandbegutachtung. Und all diese Privatgelehrte wissen aus selektivem Quellenstudium ganz genau, dass das, was am 11. September 2001 geschah, gar nicht so geschehen sein kann, weil es ihrer Expertise widerspricht und die gegenteilige Erklärungen Teil der Lüge der insgeheimen wahren Schuldigen sind.

Sie berufen sich ausgerechnet auf einen Historiker wie Daniele Ganser, dessen Bücher im Wesentlichen damit glänzen, dass er fast ausschließlich Sekundärquellen verwendet; ein Schweizer Geschichtswissenschaftler, der nicht empirisch arbeitet und von Bauwesen so viel Ahnung hat wie der Autor dieser Zeilen, sich im Gegensatz diesem jedoch zum großen Erklärer aufwirft, wird zum Kronzeugen der Verschwörungsirren. Eigentlich ist diesen Leuten völlig egal, wer Täter ist – und noch mehr ist ihnen egal, wer die Opfer waren. Diesen Leuten geht es nur darum, ihr antiamerikanisches und “antizionistisches“ Narrativ zu bestärken. Apropos Juden: Nach dem 11. September 2001 gab es auch einen 12. September 2001. Jüdische Schulen wurden von Polizisten mit Maschinenpistolen bewacht, als die Jungs und Mädels nach diesem Dienstag zum Unterricht kamen. Deutschlandweit waren Innenminister aufgrund von Gefahrenmeldungen in Alarmbereitschaft, jüdische Einrichtungen zu schützen (ja, damals gab es noch Innenminister, die das Problem ernst nahmen). Das war etwa in Brandenburg und in Bayern der Fall.

Antizionismus und Antiamerikanismus vereint

Doch was hat der Anschlag vom 11. September überhaupt mit Juden zu tun? Weshalb mussten der 9-jährige Ben und die 10-jährige Esther in Deutschland noch mehr als sonst geschützt werden, wo die Anschläge doch die USA trafen? Die Antwort ist so bizarr wie traurig: Weil sie Juden sind. Und weil viele der Verschwörungsirren, die den 9/11 als “Inside Job” verklären und eine weitgehend lückenlos aufgeklärte Planungsgeschichte samt Tathergang unter Verweis auf vermeintlich (!) “ungeklärte Details” (Stichwort WTC7 mit einem angeblichen jüdischen Versicherungsbetrug) in Abrede stellen, im Kern Juden hassen und im Kern US-Amerikaner hassen. Deshalb würdigen sie das Offensichtliche zynisch herab und blenden es aus – den mörderischen islamistischen Terror, der später auch Europa mit Deutschland traf. Sie wollen es nicht sehen, weil ihr Antisemitismus oder Antizionismus noch stärker ist als ihre Abneigung gegen den militanten Islamismus. Betrachtet man sich die in den letzten 25 Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossenen Publikationen und Medienaktivitäten einer ganzen 9/11-Verschwörungstheorie, so fällt auf, dass für viele dieser Paranoiker der damalige Anschlag wohl zur rechten Zeit kam, um ihrem völlig unmaßgeblichen Leben einen Sinn zu geben.

Der Ungeist dahinter ist überaus fruchtbar – und spiegelt sich auch in den “Völkermord“-Vorwürfen gegen Israel und in einer beispiellosen Täter-Opfer-Umkehr. In wenigen Wochen wird sich der 7. Oktober 2023 jähren, der Tag, an dem so viele Juden ermordet wurden wie seit der Shoah an keinem anderen einzelnen Tag. Auch dann werden wir wieder die üblichen Verschwörungsirren lesen und hören, die ad-hoc-Experten in Flugabwehr und Staatssicherheit und die False-Flag-“Insider“, die nichts wissen, aber alles erklären können und am Ende zu der immerselben einfältigen, toxischen und dummen conclusio kommen: Der Jude ist an allem Schuld. Sogar am Holocaust und am 7. Oktober.


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