von Lukas Mihr
Deutsche Qualitätsjournalisten bei der ArbeitEs war ein seltsames Schauspiel, das sich da vor einer Woche in Erfurt bot – und das lag noch nicht einmal am Aussehen der Beteiligten: Bei einer Pressekonferenz des Bündnisses „Widersetzen“ kam der Angriff auf drei Vertreter von “Apollo News” während des AfD-Bundesparteitags zur Sprache. Die Journalisten waren von Teilnehmern einer linken Demo attackiert worden. Die Übeltäter traten noch auf ihre Opfer ein, als diese bereits auf dem Boden lagen. Nur das Eingreifen der Polizei konnte Schlimmeres verhindern. Ein Vertreter von “Apollo News” wollte wissen, ob sich das Bündnis klar von Gewalt distanziere. Doch die erste Aktivistin meinte, keine Fragen von “Apollo News” beantworten zu wollen. Dies sorgte für Unmut unter den Journalisten, und mehrere verlangten eine Antwort auf die Frage. Namentlich tat sich ein Reporter des “Deutschlandfunks” hervor. Dann jedoch kam eine klare Antwort: „Faschistinnen mit einem Presseausweis sind immer noch Faschistinnen.“
Eine klare Verurteilung der Gewalt wäre natürlich immer noch das beste Szenario gewesen. Im Vergleich zu einer geheuchelten Alibi-Distanzierung war diese Aussage immerhin ehrlich. Und letztlich konnte man doch zufrieden sein. Ja, es gab Gewalt gegen rechte Journalisten, aber auch die linken Mainstreamjournalisten wollten diese Attacke gegen ihren Berufsstand nicht hinnehmen. Oder etwa nicht? Nun, tatsächlich fanden sich Verurteilungen der Gewalt auch in anderen Medien. Das ist lobenswert, versperrt aber den Blick darauf, dass rechte Medien ein wenig das schwarze Schaf der Familie sind, das vom großen Bruder Mainstream durchaus herumgeschubst wird. Einen offenen Aufruf zur Gewalt wird man von den etablierten Medien natürlich nicht vernehmen. Dies wäre kontraproduktiv und auch juristisch brisant. Aber wer genau hinschaut, der sieht, dass Regierung und Medien die unliebsame Konkurrenz eben doch loswerden wollen.
Fader Beigeschmack
Was in der “Zeit“ zu lesen war, stimmt bedenklich: Dort hieß es, die Proteste seien „weitgehend friedlich“ verlaufen. Ja, was denn jetzt? Ein Protest ist entweder friedlich oder nicht friedlich. Und über Apollo News erfahren wir, das Medium würde laut Kritikern unter „dem Deckmantel der Seriosität rechte Narrative verbreiten“. Dann folgt die entscheidende Relativierung: „Die Demonstranten wussten aber offenbar nicht, dass es sich bei den drei Reportern um Journalisten handelt. […] Das macht die Angriffe nicht weniger schlimm, aber sie galten offenbar nicht gezielt Pressevertretern. […] In der Wahrnehmung der Demonstranten waren es womöglich also nicht Journalisten, auf die sie losgingen, sondern drei Männer, die sie aufgrund ihres Verhaltens der rechten Szene zuordneten.“ Also kurz: Gewalt? Ja. Angriff auf die Pressefreiheit? Nein. Und weiter: „Waren die Attacken das Ergebnis einer unglücklichen Verkettung von Umständen, oder ist für die Demonstranten Gewalt gegen unliebsame Medien ein Mittel des Protests?“
Wer in Überzahl (!) auf jemanden eintritt, der bereits am Boden liegt (!), ist kein Opfer der Umstände. Der will treten. Es bleibt fader Beigeschmack, wenn die “Zeit“ einerseits sagt, es sei kein Angriff auf die Pressefreiheit, wenn man nicht wisse, dass es sich um Pressevertreter handelt, man dann aber im Umkehrschluss davon ausgehen muss, dass exakt dieselben Demonstranten gar nicht erst gewalttätig geworden wären, hätten sie die Männer gleich als Journalisten erkannt. Denn erst im vergangenen Jahr hatte ein Flyer eines Linken-Bezirksverbands dazu aufgerufen, “Apollo News” das Leben „ungemütlich“ zu machen. Man solle dem Medium „in die Tasten treten“.
Journalisten, die ihresgleichen ausgrenzen
Den Vogel abgeschossen hatte aber ARD-Journalistin Anja Kohl, eher für Wirtschaft als für Politik zuständig, die im „Sonntags-Stammtisch“ beim “Bayerischen Rundfunk” schockiert erzählte, dass am Rande des Parteitags Journalisten angegriffen wurden und die AfD sich nicht davon distanziert habe. Sie hatte den Vorfall wohl nur am Rande mitbekommen und angenommen, dort hätten rechte Demonstranten linke Journalisten verprügelt – denn alles andere würde nicht in ihre Denkschablone passen. Bezeichnend: Moderator der Plauderrunde war immerhin Hans Werner Kilz, einst Chefredakteur des “Spiegel” und der “Süddeutschen Zeitung”, der die Sache aber ebenfalls nicht gerade rückte. Klar: In Deutschland gilt – noch – die Pressefreiheit. Was aber, wenn die Journalisten von “Apollo News” und anderen Portalen eben das nicht mehr sein sollen, nämlich: Journalisten. Dann könnte man sie unter formaler Achtung der Pressefreiheit praktischerweise an die Seite drängen. Denn die Pressefreiheit würde nach wie vor gelten – nur eben nicht für “Apollo News”.
Anette Dowideit, die Co-Chefredakteurin von “Correctiv” (Achtung, erstes Warnzeichen!), meinte auf Bluesky (zweites Warnzeichen): “Die Mitarbeitenden…” (drittes Warnzeichen) “…von Apollo News sind keine Journalisten.“ Natürlich könnte die Aussage Dowideits einfach aus einer Wut heraus entstanden sein. Und was sich derart explosionsartig entlädt, muss man nicht aus politischer Perspektive analysieren. Nun ist diese Aussage aber eben kein Einzelfall, sondern findet sich quer durch den gesamten Mainstream. Man muss daher von einer gezielten Taktik ausgehen. So zum Beispiel RTL-Moderator Maik Meuser über den heutigen “Nius”-Chefredakteur:
„Ich hab mich ziemlich über den Auftritt von ‚Bild‘-Chef Julian Reichelt bei ‚Hart aber fair‘ geärgert. Da saß kein Journalist im Studio, sondern ein Agitator ohne Kinderstube.“ Oder Maria Exner, ehemals Chefredakteurin des “Zeit-Magazins”: „Würde man diese Prinzipien auf Nius anwenden, würde man innerhalb von zwei Sekunden sehen, dass das alles Mögliche ist, aber kein Journalismus. Auch das wird mir häufig nicht klar genug benannt.“ Oder Michael Götschenberg aus dem ARD-Hauptstadtstudio: „Allerdings achtet ‚Compact‘ bei dem, was inhaltlich geboten wird, mitnichten auf die Einhaltung journalistischer Kriterien. Beim Thema Impfzwang wird ausschließlich Impfgegnern eine Plattform geboten. Die Autoren machen sich mit dem Thema gemein, treten nicht als Journalisten, sondern als Aktivisten auf.“
“Blinde Journalisten sind keine Journalisten”
Oder René Martens vom “Mitteldeutschen Rundfunk“: “Die Geistesbrüder von ‚Compact‘ sind ja auch keine Journalisten, LOL.” Oder Mohamed Amjahid, ebenfalls “Zeit“, in der “taz”: „Was Springer-Medien, die Neue Zürcher Zeitung oder die Junge Freiheit mit ihren teils menschenfeindlichen Inhalten machen, ist aus meiner Sicht kein Journalismus.“ Selbst der Deutsche Journalistenverband (DJV) beteiligt sich an der selektiven Ausgrenzung: DJV-Vorsitzender Mika Beuster meinte, “Nius” sei ein „Kampagnenportal“, das „auf journalistische Standards zu pfeifen scheint, wenn die rechtspopulistische Agenda dies verlangt“. Oder Stefan Plöchinger, Online-Chef der “Süddeutschen Zeitung”: „Wir Journalisten brauchen wohlüberlegte Taktiken gegen die ständige Eskalation, statt die Populisten-Strategie weiter blind zu bedienen – weil blinde Journalisten keine Journalisten sind.“ Oder Nadia Zaboura in der “taz”: „Und das bringt uns zum journalistischen Imperativ unserer Zeit: Journalismus ist antifaschistisch – oder er ist kein Journalismus.“ Oder Martin Sulzbacher vom österreichischen “Standard“, gerichtet an die Adresse von AUF1: „Was ‚Alternativmedien‘ machen, ist ja kein Journalismus, sondern Desinformation, das Schlechtreden von seriösen Medien. Das ist Propaganda. Und das Ziel dieser Akteure ist das, was sie Systemsturz nennen. Ich würde das, was ihnen vorschwebt, ganz klar als rechte Diktatur bezeichnen.“
Auch Daniel Günther, CDU-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, scheint von einem Gesinnungscheck auf Linientreue für das Berufsbild des Journalisten zu träumen. Über seinen berüchtigten Auftritt bei Markus Lanz, wo er – angeblich als “Privatperson“ – seine Sympathien für Verbote und Zensur unliebsamer Medien à la “Nius“ durchblicken ließ, äußerte er später: „Das habe ich eingefordert, eine Lanze für hohe Qualitätsstandards unabhängiger Medien gebrochen und mich deutlich gegen das Verbreiten von Fake-News und politische Kampagnen durch sogenannte ‚alternative Medien‘ positioniert. Aktivismus, ob von linker oder von rechter Seite, ist kein Journalismus. Stimmungsmache ist keine Berichterstattung. Nicht überall, wo Journalismus draufsteht, ist auch Journalismus drin.”
Narzisstische Kränkung
In den letzten Monaten sind vor allem “Nius” und “Apollo News” in das Visier der Streiter für “Unsere Demokratie™” geraten. Aber es gibt eine wichtige Nuance: “Nius” ist gewissermaßen eine Abspaltung der “Bild”-Zeitung. Reichelt brachte nicht nur das Know-how und Führungsqualitäten aus seinem alten Job als Chefredakteur mit, sondern auch mittlerweile eine gute Handvoll seiner damaligen Kollegen. Er startete also nicht bei null. Ganz anders Max Mannhardt, der “Apollo News” gewissermaßen als Online-Schülerzeitung ins Leben rief, sich dann aber innerhalb weniger Jahre fest etablierte. Solch ein raketenhafter Aufstieg – Mannhart ist grade mal 24 – ruft eben auch Neider auf den Plan. Wie Julia Ruhs in ihrem Buch „Links-grüne Meinungsmacht“ festhielt, stößt es vielen Journalisten auf, vom Podest verdrängt zu werden. Journalismus bedeutete früher Studium und/oder Volontariat. Wer es dann geschafft hatte, konnte auf Archive zugreifen, die Normalsterblichen immer verschlossen blieben. Seitdem es aber Google gibt, kann praktisch jeder auf diesen nicht mehr ganz so exklusiven Wissensfundus zurückgreifen. Ohne das Internet gäbe es heute eine nahezu rein linke Medienlandschaft, während seit 2015 das Angebot an rechten Onlinemedien schon ein wenig unübersichtlich geworden ist.
Schon vor zehn Jahren meinte die Kommunikationswissenschaftlerin Margreth Lünenborg, es sei für viele Journalisten eine „narzisstische Kränkung, dass sich im Netz die journalistische Schwerpunktsetzung völlig auflöst“. Und noch einmal zehn Jahre davor hatte ihr amerikanischer Kollege Jay Rosen das Schlagwort von „the people formerly known as the audience“ – „die Leute, die einst als Publikum bekannt waren“ geprägt. Als einer der ersten erkannte er, dass die Bevölkerung dank Online-Recherche eben nicht mehr blind vertraut, sondern sich ein eigenes Bild macht und auch widersprechen kann. Wer Google anwirft, findet viele Artikel, die “Nius“ und “Apollo News” unsaubere Arbeitsweisen vorwerfen. Vor kurzem wurde erst genüsslich ausgeschlachtet, dass Reichelt sich nur dank tatkräftiger Hilfe des schwerreichen IT-Unternehmers Frank Gotthardt finanziell über Wasser halten kann. Und auch im rechten Lager selbst gibt es misstrauische Stimmen, weil der Sponsor eher der CDU als der AfD nahesteht.
Keine geschützte Berufsbezeichnung – aus Gründen
Trotzdem: Auf dieser Ebene kann die Debatte ja gern geführt werden! Wer sich in die Öffentlichkeit begibt, muss sich eben auch seinen Kritikern stellen. Die jüngsten Attacken (und damit sind nicht die körperlichen gemeint) sind allerdings ein Schlag unter die Gürtellinie. Warum? Bekanntermaßen darf man sich in Deutschland nicht einfach Arzt oder Richter nennen. Beides sind geschützte Berufsbezeichnungen und setzen mindestens ein Staatsexamen voraus. Es ist daher nur selbstverständlich, dass Menschen, die über Leben und Tod oder Freiheit und Gefängnis entscheiden, eine anspruchsvolle Ausbildung durchlaufen müssen. Aber mit Blick auf den Journalismus müsste dies doch eigentlich auch gelten. Oder nicht?
Dass sich heute jeder als “Journalist” bezeichnen darf, hat historische Gründe. Mit dem Schriftleitergesetz etablierte die NSDAP eine Zulassung zum Beruf des Journalisten – oder negativ formuliert: eine Nicht-Zulassung für alle, die nicht als politisch zuverlässig galten. Um einem solchen Szenario zu entgehen, hat die Bundesrepublik bis heute kein derartiges Zulassungsverfahren beschlossen – noch nicht, wie anzumerken ist, denn wie man sieht, stehen die Proponenten dieser Sicht bereits in den Startlöchern. Die Bundespressekonferenz ließ bereits ihre Muskeln spielen, als sie Boris Reitschuster, der der Bundesregierung stets kritische Fragen bezüglich der Coronamaßnahmen stellte, aus ihren Reihen ausschloss. Offiziell natürlich nicht wegen seiner politischen Haltung, sondern weil er seinen Wohn- und Firmensitz nach Montenegro verlagert hatte.
Gretchenfrage: „Wie hältst du’s mit dem Journalismus?“
Als YouTube den gesamten Onlineauftritt der “Achse des Guten” von seinen Servern löschte, sah Mika Beuster vom DJV kein Problem – schließlich sei dies ja die Entscheidung eines Privatunternehmens, und ohnehin betreibe die Achse keinen seriösen Journalismus. “T-Online” berichtete ebenfalls über den Vorgang und nannte Hendryk M. Broder einen „Provokateur“ – ganz so, als sei die Einschränkung der Meinungsfreiheit dadurch zu rechtfertigen.
Die Gretchenfrage „Wie hältst du’s mit dem Journalismus?“ kann durchaus relevant sein: 2017 wurde Billy Six, der hauptsächlich für die “Junge Freiheit” schreibt, in Venezuela verhaftet und kam erst 2019 wieder frei. Der Geschäftsführer von “Reporter ohne Grenzen”, Christian Mihr, forderte die venezolanische Regierung zu einem „rechtsstaatlichen Verfahren“ auf. Frank Überall, Beusters Vorgänger als DJV-Chef, hielt sich damals eher zurück. Auf Nachfrage erklärte er, es sei nicht ganz klar, ob Six „als Journalist oder als politischer Aktivist“ in Venezuela gewesen sei. Es gebe „verschiedene Infos und Gerüchte“, und für politische Aktivisten setze sich der DJV nicht ein, „gleich welcher politischen Ausrichtung“. Während der Fall Billy Six in den deutschen Medien kein großes Thema war, erfuhr die Inhaftierung des “Welt”-Korrespondenten Deniz Yücel ungleich größere Aufmerksamkeit. Er saß für etwa ein Jahr in der Türkei im Knast – wegen konstruierter Terrorismusvorwürfe. Yücel jedenfalls konnte sich gut in Six einfühlen und setzte sich ebenfalls für dessen Freilassung ein.
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