von Thomas Hartung

Grüne „Mannsbilder“ Hofreiter, Banaszak: Später Umgang mit Defekten
Es gibt politische Debatten, die ihre eigentliche Bedeutung nicht in dem finden, was sie fordern, sondern in dem, was sie ungewollt eingestehen. Das sogenannte “Männermanifest” einer Gruppe grüner Politiker gehört in diese Kategorie. Auf den ersten Blick wirkt es harmlos. Man müsse junge Männer ernster nehmen, heißt es dort, ihnen positive Rollenbilder anbieten, über Verantwortung, Fürsorge und Selbstvertrauen sprechen. Selbst Anton Hofreiter räumt ein, im progressiven Lager gebe es bislang kaum ein positives Bild moderner Männlichkeit. Bemerkenswert ist nicht diese Einsicht. Bemerkenswert ist, dass sie überhaupt ausgesprochen werden muss. Denn über Jahrzehnte war Männlichkeit in weiten Teilen des akademischen und politischen Diskurses kein kulturelles Gut, sondern vor allem ein gesellschaftliches Problem. Patriarchat, hegemoniale, ja toxische Männlichkeit, strukturelle Gewalt – kaum ein Begriff, der nicht mit dem Mann als Träger eines historischen Schuldzusammenhangs verbunden wurde.
Rund ein Dutzend Parteimitglieder, darunter prominente Figuren wie Franziska Brantner und Ricarda Lang, plädieren nun für eine „positive Definition von Männlichkeit“. Sie kritisieren, dass die Grünen lange nur definiert hätten, was Männer nicht sein sollen – nicht dominant, nicht gewalttätig, nicht unterdrückend –, ohne ein attraktives Gegenangebot zu machen. Das Ergebnis: ein Vakuum, das von der sogenannten „Mannosphäre“ gefüllt werde. In der Bundestagsfraktion stößt dieses Papier aber auf scharfen Widerstand. Es sei „neben der Spur“, verschrecke Wählerinnen und werfe die Debatte um Jahrzehnte zurück, berichten Christoph Schult und Severin Weiland im “Spiegel“. Das interne Zerwürfnis der Grünen liest sich prompt wie eine Farce, die zugleich tiefe Einsichten in den Zustand der deutschen Linken gewährt. Diese Kontroverse ist kein Zufall, sondern der logische Kollaps eines ideologischen Projekts. Die Grünen als Speerspitze eines entgrenzten Feminismus und progressiver Umerziehung ernten nun das, was sie jahrzehntelang gesät haben: die Entfremdung junger Männer von einer Politik, die Männlichkeit primär als Problem behandelt.
Die Erfindung des Verdachts
Nicht zufällig sprechen Schult und Weiland von einer Partei, die plötzlich um junge Kerle wirbt, nachdem gerade diese Wählergruppe ihr zunehmend den Rücken kehrt. Die politische Diagnose folgt der demographischen Realität. Nicht eine neue Einsicht hat das Manifest hervorgebracht, sondern neue Wahlergebnisse. Vor einiger Zeit entstand im politischen Feuilleton die “Mannosphäre” als merkwürdiger Sammelbegriff. Ursprünglich bezeichnete er lose Internetmilieus von Pickup-Artists, Selbstoptimierern, Fitnesskanälen oder Männerrechtsgruppen; inzwischen fungiert er häufig als eine Art Schattenbegriff, der weniger eine klar umrissene soziale Wirklichkeit als vielmehr einen Verdachtsraum beschreibt. Der Terminus funktioniert nicht als deskriptive Kategorie, sondern als Denunziationswaffe. Er konstruiert ein hermetisches Paralleluniversum „rechter Männer“, die Muskeln, Hass und Politik vermischen, um damit jede Suche junger Männer nach Stärke, Disziplin und Orientierung zu pathologisieren. Die reale Ursache liegt tiefer: in der allumfassenden Pazifizierung der Gesellschaft. Jungen werden in Schulen als „ADHS-Störung“ gebrochen, Aggression therapeutisiert, Ernstfälle wie Krieg, Handwerk, Bewährung durch Simulationen ersetzt – Fitnessstudios, TikTok-Posen, “Bro”-Science.
Was die Medien als gefährlichen „Männlichkeitskult“ denunzieren, ist der verzweifelte Ersatz für verlorene Initiationen in einer Welt ohne echte Härte. Wer von Disziplin spricht, wer traditionelle Familienbilder verteidigt, wer sich für Wehrpflicht, körperliche Leistungsfähigkeit oder Vaterschaft interessiert, bewegt sich schnell in dessen Nähe. Zwischen einem Fitnesscoach, Jordan Peterson, Andrew Tate, konservativen Intellektuellen oder offen frauenfeindlichen Influencern verschwimmen die Grenzen. Der Begriff arbeitet nicht analytisch, sondern atmosphärisch. Er erzeugt Assoziationen.
Ablösung des „Hard“ durch das „Soft“
Doch nicht das Internet hat die Krise männlicher Identität erzeugt. Es ist vielmehr der Ort geworden, an dem eine bereits vorhandene kulturelle Leerstelle sichtbar wird. Denn wir leben in einer „sentimentalen Revolution“, in der Empathie, Betroffenheit und Tränen zur Währung politischer Legitimität geworden sind. Ferdinand Mounts 2025 erschienene “Analyse der Sentimentalität” (im Original: ”Soft: A Brief History of Sentimentality”) über die Ablösung des „Hard“ durch das „Soft“ findet hier ihre Entsprechung; aus dem Ritter wird der sensiblen Softie, aus dem “Arbeiter” (Ernst Jünger) der Therapiepatient. Die Grünen verkörpern diesen Typus paradigmatisch: Lastenrad, vegane Sensibilität, moralische Selbstgeißelung statt Gestalt und Verantwortung. Die Reaktion der Hinterbänkler in der Grünen-Fraktion zeigt, wie tief diese Konditionierung sitzt: Jeder Vorstoß zu positiver Männlichkeit wird als Bedrohung der weiblichen Wählerschaft und des feministischen Dogmas wahrgenommen.
Statt dies als Chance zur Selbstkritik zu nutzen, flüchtet sie sich aber in die gewohnten Denunziationsmuster. Das Manifest wird gar als Verrat an der feministischen Essenz der Partei gebrandmarkt: „Die Grünen sind eine feministische Partei“, betont Co-Fraktionschefin Britta Haßelmann pflichtschuldigst. Anton Hofreiter, einer der wenigen, die hier Klartext sprechen, benennt das Kernproblem: Im linken Lager werde Männlichkeit pauschal abgelehnt, Männer für das, was sie sind, verurteilt, nicht für das, was sie tun. Genau das muss man als Folge einer Infantilisierung diagnostizieren: Statt Jungen zu Männern zu erziehen – durch Forderung, Risiko und Maß –, produziert man „letzte Menschen“ (Nietzsche), die blinzelnd im Glück der “Safe Spaces” leben. Das bekräftigte jetzt auch Scott Galloway in seinem neuen Buch „Notes on Being a Man“: “Eine ganz Generation ist zu asexuellen, antisozialen und pornosüchtigen Typen herangezüchtet worden.”
Der Mann als Problem
Hier beginnt die eigentliche Geschichte. Jede Kultur hat Narrative, was ein Mann sein soll. Der griechische Hoplit, der römische Bürger, der mittelalterliche Ritter, der protestantische Familienvater oder der bürgerliche Offizier – sie alle verkörperten unterschiedliche Ideale, Rollenbilder, Archetypen. Keines davon war vollkommen. Alle konnten missbraucht werden. Doch sie beantworteten dieselbe anthropologische Frage: Worin besteht männliche Bewährung? Die Moderne hat diese Antwort nicht ersetzt, sondern dekonstruiert. Der Mann erschien nun vor allem als Privilegierter, als Träger struktureller Macht, als potentieller Täter. Die – teilweise vielleicht berechtigte – Kritik blieb aber selten beim konkreten Fehlverhalten stehen. Sie richtete sich zunehmend gegen das kulturelle Ideal selbst. Damit entstand ein merkwürdiges Vakuum. Von jungen Männern wird bis heute erwartet, Verantwortung zu übernehmen, Familien zu gründen, im Ernstfall andere zu schützen, beruflich erfolgreich zu sein und psychisch stabil zu bleiben. Gleichzeitig gelten viele jener Eigenschaften, die historisch mit diesen Aufgaben verbunden waren – Durchsetzungsfähigkeit, Wettbewerb, körperliche Robustheit oder Opferbereitschaft – als verdächtig. Die biologischen Tugenden bleiben notwendig; ihre kulturelle Legitimation allerdings verschwindet.
Rechtsintellektuell betrachtet geht es hier nicht um kosmetische Imagepflege, sondern um die Wiederherstellung einer natürlichen Ordnung. Männlichkeit war historisch an Bewährung gebunden: Schutz, Verantwortung, Gestaltungskraft. Kulturen, die dies leugnen, zahlten und zahlen einen hohen Preis – demographisch, kulturell, sicherheitspolitisch. Die Grünen, die Deutschland als Land der ungleich verteilten Macht und „Männergewalt“ (Haßelmann) skandalisieren, ignorieren systematisch, dass Massenmigration, Familienzerfall und Bildungsbenachteiligung von Jungen die eigentlichen Treiber der Krise sind. Stattdessen klammern sie sich an das Narrativ der strukturellen Patriarchatsunterdrückung. Und natürlich wird diese Agenda gerade von der Mainstreampresse vorangetrieben; fast möchte man etwa dem “Spiegel” bezahlte Polit-PR unterstellen: “Erst der Prozess gegen die Männer, von denen die Französin Gisèle Pelicot auf Einladung ihres Mannes vergewaltigt wurde, dann der Vorwurf der Schauspielerin Collien Fernandes, ihr Ex-Mann Christian Ulmen habe sie digital vergewaltigt. Seit diese Fälle öffentlich sind, stockt der Dialog zwischen den Geschlechtern”, behaupteten jetzt ernsthaft Laura Backes und Tobias Becker. Dabei ist die allein die Behauptung, Ulmen habe Deepfake-Videos mithilfe von KI angefertigt, gerichtsbestätigt falsch. Gerichte haben dem “Spiegel” untersagt, den Eindruck zu erwecken, Ulmen habe KI-generierte Nacktbilder oder Videos seiner Ex-Frau erstellt.
Vom Helden zum Patienten
Hier zeigt sich ein tieferer Wandel westlicher Gesellschaften: Frühere Kulturen erzählten Geschichten von Bewährung – unsere erzählt Geschichten von Verletzlichkeit. Der Held war kein makelloser Mensch. Er scheiterte, litt und trug Verantwortung. Seine Würde entstand nicht aus seiner Unversehrtheit, sondern aus seiner Bereitschaft, Lasten zu übernehmen. Die Gegenwart bevorzugt dagegen den therapeutischen Blick: Der Mensch erscheint zunächst als verletzbares Wesen, dessen seelische Integrität geschützt werden muss. Diese Entwicklung hat zweifellos humane Seiten. Sie hat psychische Erkrankungen enttabui-siert und Gewalt innerhalb von Familien sichtbarer gemacht. Doch sie verändert zugleich den kulturellen Horizont: aus Bewährung wird Betreuung, aus Verantwortung Vulnerabilität, aus Selbstüberwindung Selbstbeobachtung. Gerade junge Männer erleben diesen Wandel oft als Sprachlosigkeit. Sie finden kaum noch Erzählungen darüber, wie Stärke aussehen könnte, ohne sofort unter Machtverdacht zu geraten.
Also suchen sie andere Räume. Fitnessstudios ersetzen Kasernen, Online-Communities Vereine; Influencer übernehmen Funktionen, die früher Lehrer, Trainer oder Väter innehatten. Man mag diese Ersatzwelten kritisieren. Doch sie entstehen nicht aus dem Nichts – sie füllen eine Leerstelle. Genau deshalb besitzt das grüne “Männermanifest” eine größere Bedeutung, als seine Verfasser vermutlich ahnen. Eine politische Kultur, die jahrzehntelang fast ausschließlich über männliche Privilegien gesprochen hat, entdeckt plötzlich, dass jungen Männern positive Selbstbilder fehlen. Eine Partei, die den Begriff der „toxischen Männlichkeit“ mitgeprägt hat, sucht nun nach einer “konstruktiven Männlichkeit”.
Männlichkeit als Risiko oder als Ressource
Die Grünen stellen damit jene Frage, deren Existenz sie lange bestritten haben. Die Ironie besteht darin, dass die Antwort kaum innerhalb desselben Deutungsrahmens gefunden werden kann. Wer Männlichkeit primär als Risiko beschreibt, wird sie nur schwer als Ressource rehabilitieren. Vielleicht liegt rechtsintellektuell genau hier die eigentliche Aufgabe. Das “Manifest” der mutigeren Grünen ist ein Symptom der Panik vor der konservativen Wende unter jungen Männern. Es kommt zu spät und bleibt zu zaghaft. Es will „Räume für Debatte“ öffnen, ohne aber die ideologischen Prämissen – als da vor allem wären: Fluidität der Geschlechter, Gleichstellung als Quotenzwang, Pazifizierung als Fortschritt – grundsätzlich in Frage zu stellen. Felix Banaszak warnt vor der Bestätigung von Klischees, Hofreiter fordert mehr als nur Fitness. Doch echte Erneuerung würde bedeuten, die Entwertung traditioneller männlicher Tugenden wie Stärke, Verantwortung oder Wettbewerb rückgängig zu machen, statt sie „progressiv“ umzudeuten.
Eine freie Gesellschaft braucht weder den autoritären Patriarchen noch den therapeutisch entmündigten Mann. Sie braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen können. Das gilt für Frauen ebenso wie für Männer. Doch Kulturen leben von Leitbildern. Sie entstehen nicht durch Verordnungen und nicht durch Wahlprogramme. Sie wachsen aus Literatur, Geschichte, Religion, Familie und gemeinsamer Erfahrung. Vielleicht erklärt gerade dies die gegenwärtige Ratlosigkeit. Die Politik versucht ein positives Männerbild administrativ zu entwerfen, nachdem sie jahrzehntelang an seiner Dekonstruktion mitgewirkt hat. Sie sucht nach einem Ideal, ohne noch an Ideale zu glauben. Der Mann kehrt deshalb nicht zurück, weil ihn ein Manifest entdeckt hätte. Er kehrt zurück, weil sich anthropologische Grundfragen, sprich: die Natur, nicht dauerhaft verdrängen lassen.
Das Vakuum der Pazifizierung mit Distanz füllen
Für eine intellektuelle Rechte liegt hier eine historische Chance. Nicht indem man in billigen Antifeminismus verfällt, sondern indem man ein realistisches, vitales Männerbild verteidigt: den Mann als Gestalter, Beschützer und Träger von Verantwortung – eingebettet in Familie, Volk und Kultur. Die Gesellschaft braucht Männer, die kämpfen können – für Heimat, Familie, Zukunft. Die Linke hat dieses Feld kampflos geräumt. Die Grünen-Debatte zeigt ihre Hilflosigkeit: Vor Landtagswahlen im Osten soll man „die Füße stillhalten“, weil das Thema „fatal“ sei. Tatsächlich aber ist es existentiell. Jede Gesellschaft muss beantworten, was sie unter Mut, Verantwortung, Schutz, Opferbereitschaft oder Vaterschaft versteht. Wo sie darauf keine überzeugenden Antworten mehr gibt, werden andere sie geben – auf YouTube, in Podcasts oder in digitalen Gegenwelten. Die Grünen, gefangen in ihrem eigenen „Heulstaat“, können sie nicht beantworten.
Die Pazifizierung hat ein Vakuum geschaffen. Wir sollten es nicht mit Parodien füllen, sondern mit Substanz: Erziehung zur Resilienz, Anerkennung biologischer und kultureller Realitäten, Ablehnung der therapeutischen Staatskirche des Mitgefühls. Die Zukunft gehört denen, die Härte und Form wieder zu ehren wissen. Die eigentliche Herausforderung besteht daher nicht darin, junge Männer wieder für eine Partei zu gewinnen. Sie besteht darin, ihnen wieder eine kulturelle Erzählung anzubieten, in der Stärke nicht als Verdachtsmoment erscheint, sondern als Tugend, die ihre Würde gerade aus ihrer Bindung an Verantwortung gewinnt. Denn eine Gesellschaft, die nur noch weiß, wogegen Männlichkeit zu verteidigen ist, aber nicht mehr, wofür sie stehen könnte, verliert am Ende mehr als nur eine Wählergruppe. Sie verliert einen Teil ihres eigenen kulturellen Gedächtnisses.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen