Mittwoch, 8. Juli 2026

Aktivistische Selbstgleichschaltung: Der Journalismus als Frontorganisation

von Thomas Hartung

Journalisten als Gesinnungsmultiplikatoren



Es gibt Sätze, in denen sich ein ganzes Zeitalter verrät. Der Begriff „antifaschistischer Journalismus“ gehört dazu. Er klingt zunächst moralisch ehrenhaft, beinahe selbstverständlich. Wer wollte schon für Faschismus sein? Wer wollte bestreiten, dass Journalismus Tyrannei, Gewalt und Menschenverachtung entgegentreten müsse? Gerade darin liegt jedoch die Raffinesse des Begriffs. Er tarnt einen radikalen Rollenwechsel des Journalismus als bloße Selbstverständlichkeit. Aus dem Berichterstatter wird ein Kämpfer, aus dem Beobachter ein Frontsoldat, aus der Distanz eine verdächtige Schwäche. Nadia Zaboura formuliert es in der “taz” ganz offen: Das “Erstarken vom Faschismus und der AfD” stelle den Journalismus vor Herausforderungen, die “nur mit antifaschistischem Journalismus” zu meistern seien. Neutralität und Objektivität erscheinen dabei ausdrücklich als problematische, ja lächerliche Fiktionen.

Man muss das ernst nehmen, weil hier nichts mehr verklausuliert wird. Der Text beklagt nicht einfach Fehlentwicklungen, sondern fordert ein neues journalistisches Selbstverständnis. Journalismus solle sich “in Gänze Menschenrechten und Machtkritik verschreiben” müsse „journalism-as-usual“ verweigern und der “laufenden Faschisierung” die Stirn bieten. Manche, heißt es weiter, würden das vielleicht “Aktivismus” nennen, aber andere “schlicht Journalismus”. Das ist der entscheidende Satz, denn genau hier fällt die Maske: Journalismus soll nicht mehr beschreiben, prüfen, gewichten und im Bewusstsein eigener Fehlbarkeit berichten; er soll kämpfen. Er soll sich nicht mehr an der Wirklichkeit orientieren, sondern an einer vorab festgelegten moralischen Blickrichtung. Er soll nicht mehr informieren, damit der Bürger urteilen kann. Er soll urteilen, damit der Bürger sich anschließt. Genau darin liegt der eigentliche Skandal: Der Beruf, der sich einst über methodische Selbstdisziplin legitimierte, erklärt seine Selbstbegrenzung plötzlich zum Problem. Wer Aktivismus als Journalismus ausgibt, zerstört jedoch das Vertrauen in freie Medien. Eine freie Presse hat die Macht zu kontrollieren und sich nicht sich selbst zur politischen Kampftruppe zu machen. Wenn Journalisten nicht mehr berichten, sondern umerziehen, wenn sie nicht mehr fragen, sondern moralisch vorsortieren, dann endet der Journalismus und beginnt die Propaganda.

Wahrheit nicht durch Haltung ersetzen

Der klassische liberale Journalismus beruhte auf einer einfachen, aber anspruchsvollen Einsicht: dass Wahrheit nicht durch Haltung ersetzt werden darf. Journalisten mögen Überzeugungen haben – aber ihr Berufsethos verlangt von ihnen, zwischen Überzeugung und Nachricht, zwischen Kommentar und Bericht, zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu unterscheiden. Gerade deshalb sind Begriffe wie Neutralität oder Objektivität nie als Behauptung totaler Unvoreingenommenheit zu verstehen gewesen, sondern als regulative Idee. Sie zwingen zur Selbstdisziplin. Sie erinnern daran, dass die Wirklichkeit größer ist als das eigene Lager, dass der Gegner nicht bloß als moralisches Material existiert und dass Öffentlichkeit vom Streit lebt, nicht von der Vorzensur des Richtigen. Der “antifaschistische Journalismus” jedoch bricht mit genau diesem Ethos. Er erklärt die Selbstdisziplin des Berufs zum Problem und die Parteilichkeit zur Tugend. Er denunziert das “Narrativ der Neutralität und Objektivität“ als “überholt” und fordert stattdessen “Transparenz der eigenen Position” – also letztlich Bekenntnisjournalismus. Das klingt nach Ehrlichkeit, ist aber in Wahrheit ein Rückschritt. Denn sobald die Position wichtiger wird als die Methode, verliert der Journalist seine eigentliche Autorität. Er ist dann nicht länger jemand, der trotz persönlicher Präferenzen an einer gemeinsamen Wirklichkeit arbeitet, sondern ein politischer Akteur mit Medienzugang. Das Publikum erhält keine Nachricht mehr, sondern ein Gesinnungsprodukt.

Natürlich wird man einwenden, in Zeiten des “Faschismus” seien solche Skrupel Luxus. Genau hier liegt die eigentliche Konstruktion. Der Begriff “antifaschistisch” dient nicht bloß der moralischen Aufladung, sondern der totalen Ausnahmebegründung. Wer seinen Journalismus “antifaschistisch” nennt, verleiht ihm automatisch den Glanz des Widerstands. Er steht dann nicht mehr im demokratischen Meinungskampf, sondern in einer imaginierten historischen Endschlacht. Jede Distanz wirkt feige, jede Differenzierung wie Verharmlosung, jede Gegenfrage wie Verrat. So entsteht ein Klima, in dem journalistische Regeln selbst als hinderlich erscheinen, weil sie den Kampf verlangsamen.

Erfurt als Realprobe

Bis hierhin könnte man den ganzen Vorgang noch als theoretische Selbstüberhöhung eines ohnehin ideologisch geprägten Medienmilieus lesen. Doch dann kam Erfurt. Dort wurden am Rande der Proteste gegen den AfD-Parteitag Journalisten mehrerer konservativer Medien angegriffen; nach übereinstimmenden Berichten traf es besonders Reporter von “Apollo News”, zudem wurde aber auch ein Vertreter der “Jungen Freiheit” und ein Mitarbeiter des “Bayrischen Rundfunks“ attackiert. Die Thüringer Polizei ermittelt, Politiker aus verschiedenen Parteien, auch linken, verurteilten die Vorfälle. Entscheidend ist aber nicht nur der Angriff selbst. Entscheidend ist die anschließende Pressekonferenz des Bündnisses „Widersetzen“. Dort wollten Journalisten wissen, ob man die Gewalt gegen Reporter verurteile. Eine klare Distanzierung blieb aus. Stattdessen fiel der Satz, der den ganzen moralischen Kern dieses Milieus freilegt: “Faschisten mit einem Presseausweis sind immer noch Faschisten. Ich weiß nicht, was Sie nicht verstanden haben. Sie sind auf unseren Aktionen nicht willkommen”, so die Sprecherin Noa Sander.

Man muss diesen Satz genau lesen. Er ist nicht bloß eine Entgleisung, sondern die reine Lehre des “antifaschistischen Journalismus”, übersetzt in Straßenpraxis – und insgeheim geteilt von der Zunft linker Hauptstadt-Journalisten, die sich schon längst im angemaßten Glorienschein von “Widerstand“ und – ganz wörtlich – “Widersetzen“ sonnt. Wenn der Journalist nicht mehr Beobachter ist, sondern Teil der Front, dann gibt es eben keine Pressefreiheit mehr als allgemeines Prinzip, sondern nur noch Freund und Feind. Wer aus dem falschen Medium kommt, verliert seinen Status als Journalist und wird zum legitimen Objekt des Ausschlusses. Der Presseausweis schützt dann nicht mehr, weil die moralische Feindmarkierung ihn entwertet.

Wenn der Presseausweis nicht mehr schützt. Und henau hier zeigt sich, wie nah Theorie und Praxis beieinanderliegen. Im “taz”-Text wird der Journalismus zum Aktivismus erhoben; in Erfurt wird der Journalist des falschen Mediums zum Faschisten erklärt. Auf der einen Seite heißt es, Neutralität sei lächerlich; auf der anderen Seite wird dem unerwünschten Reporter implizit abgesprochen, überhaupt Träger von Rechten zu sein. Das ist kein Zufall, sondern innere Konsequenz. Denn wer „antifaschistisch“ nicht mehr als politische Haltung innerhalb einer pluralen Demokratie versteht, sondern als totale Legitimationsquelle, verschiebt den Maßstab des Rechts. Dann gilt nicht mehr: Auch der politisch missliebige Journalist darf fragen, berichten, filmen, konfrontieren. Dann gilt: Der richtige Journalist ist willkommen, der falsche ist verkleideter Feind. Pressefreiheit wird vom Grundrecht zur Gesinnungsprämie. Sie gilt nur noch, solange das berichtende Organ moralisch akkreditiert ist.

Aktivismus, publizistisch verfeinert

Damit ist der Rubikon überschritten. Die Attacke auf einen Reporter ist dann nicht mehr bloß ein gewaltsamer Exzess im Demonstrationsgetümmel, sondern die praktische Anwendung einer Theorie, die Journalismus längst als Form politischer Bündnistreue umdefiniert hat. Wer diesen Schritt nicht sehen will, belügt sich selbst. Der Satz aus Erfurt ist nicht der Ausrutscher einer erhitzten Situation. Er ist die Verdichtung eines Weltbildes: Faschismus ist, was wir so nennen; Journalist ist, wer auf unserer Seite steht; und wer beides verwechselt, verliert den Anspruch auf Schutz. Das erklärt auch die merkwürdige Tonalität des “taz”-Beitrags: Da ist von „Faschisierung“, von „Diskurszerstörern“, von der „Mitverantwortung deutscher Medien beim Erstarken des Faschismus“ die Rede. Traditionsmedien hätten versagt, weil sie rechte Akteure „inhaltlich stellen“ wollten, statt entschlossener gegenzuhalten. Gleichzeitig wird ein “antifaschistisches Bündnis” beworben, ein Schwerpunkt der Zeitung dazu angekündigt und das eigene Projekt damit als Teil dieser Bewegung markiert.

Das ist natürlich legitim – aber es ist eben Aktivismus, publizistisch verfeinert. Gerade die Weigerung, diesen Aktivismus auch als solchen zu benennen, macht die Sache unerquicklich. Denn sie beansprucht noch die alte Autorität des Journalismus, nachdem dessen alte Regeln längst abgelegt worden sind. In Wahrheit ist „antifaschistischer Journalismus“ der Versuch, aus dem Vertrauensverlust der Medien einen moralischen Vorteil zu schlagen. Weil das Publikum dem klassischen Medienbetrieb immer weniger glaubt, soll nun nicht etwa mehr Genauigkeit, mehr Nüchternheit, mehr Offenheit für widersprüchliche Wirklichkeit geliefert werden. Stattdessen wird die Krise zur Radikalisierung des eigenen Mandats benutzt. Das Publikum ist misstrauisch? Dann müsse man eben entschiedener Haltung zeigen. Die Gesellschaft ist polarisiert? Dann müsse der Journalist eben selbst Partei werden. Die Bürger entziehen sich der gewünschten Einordnung? Dann sei nicht etwa die Einordnung zu prüfen, sondern der Kampf gegen die Abweichung zu intensivieren.

Medien als Umerziehungsanstalten

Damit wird jedoch genau jener Fehler wiederholt, der viele Medien erst in ihre gegenwärtige Lage gebracht hat. Sie verwechseln ihre kulturelle Präferenz mit einem demokratischen Auftrag. Sie halten die eigene moralische Grammatik für deckungsgleich mit dem Gemeinwohl. Und sie be-merken nicht, dass gerade diese Selbstgewissheit die Öffentlichkeit zerstört, die sie angeblich verteidigen wollen. Denn Öffentlichkeit lebt davon, dass auch das Falsche, Unangenehme und politisch Uner-wünschte sichtbar wird – nicht damit es siegt, sondern damit es widerlegt werden kann. Wer stattdessen den Journalismus in ein Instrument moralischer Hygiene verwandelt, zerstört das Feld des Streits und damit die Demokratie im Namen ihrer Rettung.

Der tiefere Irrtum liegt in der anthropologischen Verachtung, die diesem Modell zugrunde liegt. Der Bürger erscheint darin nicht mehr als mündiger Leser, dem man Tatsachen, Gegensätze und Kontexte zumutet, sondern als gefährdetes Wesen, das vor falschen Einflüssen geschützt und auf die richtige Seite geführt werden muss. Der Journalist wird zum Erzieher, der Leser zum pädagogischen Objekt. Das ist kein republikanisches, sondern ein vormundschaftliches Modell von Öffentlichkeit, sondern Presse als Umerziehungsanstalt.

Erfurt hat dafür das praktische Beweisstück geliefert. Der unerwünschte Reporter ist dort nicht mehr Gegenspieler im öffentlichen Streit, sondern jemand, den man aus der Pressekonferenz drängt, dessen Fragen man nicht beantwortet und dessen Anwesenheit man als illegitim markiert – indem man abspricht, überhaupt Journalist zu sein und sich damit auf die Grundlagen der Presse- und Informationsfreiheit berufen zu dürfen. Das ist kein Betriebsunfall, sondern die soziale Wahrheit eines Milieus, das den Begriff „Faschist“ längst zum Freibrief gemacht hat, um alle Grenzen zu überschreiten. Wer den anderen moralisch entmenschlicht, muss sich über die politische Verrohung nicht mehr wundern: er betreibt sie selbst – zumal Sander auch Aktionen gegenüber CDU und BSW ankündigte, sollten diese „den Faschisten zur Macht verhelfen“. Man darf sich hier keinen Illusionen hingeben: Diese extremistische Diktion entspricht genau dem Denkmuster des vom Staat finanzierten und mit Preisen und Auszeichnungen behängten linken NGO-Milieus. “Correctiv“-Chefredakteurin Anette Dowideit beteiligte sich selbst an diesem begrifflichen Ausgrenzung und Diffamierung durch die Anmaßung, selbst zu definieren, wer als “Journalist“ gelten darf und wer nicht:


Von Hermann Göring ist der Ausspruch überliefert “Wer Jude ist, bestimme ich!”. In diesem Ungeist heißt es heute von Bündnissen wie “Widersetzen“ und NGOs wie “Correctiv” oder auch vom “Zentrum für politische Schönheit” sinngemäß: Wer Journalist ist, bestimmen wir! Boris Reitschuster schreibt dazu: “ Die Lehre aus der Reichspressekammer der Nazis war: Niemand darf je wieder entscheiden, wer Journalist ist und wer nicht. Bei Correctiv & Co. sieht man das, subventioniert vom Staat, anders – und maßt sich an, was in der alten Bundesrepublik bewusst geächtet war.” Genehm ist nur noch der “antifaschistische Journalismus“ – alle anderen sind “Faschisten mit Presseausweis“. Die “taz“ und gesinnungsverwandte Medien verhelfen diesem Totalitarismus zu fataler Breitenwirkung.

Frontbildung mit Presseausweis

Man könnte zugespitzt sagen: Dieser “antifaschistische Journalismus” ist der Endpunkt einer langen Entwicklung, in der sich Teile des Medienmilieus immer weniger als Beruf und immer mehr als moralische Bewegung verstehen. Er ist nicht die Verteidigung des Journalismus, sondern seine Umfunktionierung. Nicht Wahrheit, sondern Haltung wird zur Leitwährung. Nicht das bessere Argument zählt, sondern die richtige Feindmarkierung. Nicht die Wirklichkeit setzt Grenzen, sondern das politische Ziel. Gerade deshalb ist dieser Begriff so gefährlich. Nicht, weil er unmittelbar Zensur bedeutet, sondern weil er den inneren Kompass eines Berufsstands verschiebt. Wer sich erst einmal als Kämpfer begreift, empfindet jede Skepsis gegen die eigene Parteilichkeit als Zumutung. Wer glaubt, im antifaschistischen Ernstfall zu handeln, wird schnell jedes Mittel als erlaubt empfinden, das dem Guten dient. Und wer die moralische Front einmal bezogen hat, verliert fast zwangsläufig die Fähigkeit, noch zwischen Nachricht und Mobilisierung zu unterscheiden.

Tragisch daran ist, dass Journalismus gerade in unruhigen Zeiten das genaue Gegenteil bräuchte: Mehr Kälte, nicht mehr Hitze; mehr Form, nicht mehr Erregung; mehr methodische Strenge, nicht mehr moralische Selbstinszenierung. Die Krise des Journalismus wird nicht dadurch überwunden, dass er sich offen in eine politische Kampftruppe verwandelt. Er wird dadurch endgültig zerstört. Der “antifaschistische Journalismus” ist deshalb kein Fortschritt, sondern ein Geständnis. Es bringt zum Ausdruck, dass man der eigenen Methode nicht mehr traut; dass man glaubt, die Wirklichkeit nicht mehr durch Genauigkeit, Recherche, Skepsis und offene Debatte in den Griff zu bekommen. Also greift man zur Moral – weil die Moral schneller wirkt als die Wahrheit. Das ist verständlich; aber es ist eben nicht Journalismus. Es ist Frontbildung mit Presseausweis. Und Erfurt hat gezeigt, was daraus wird, wenn diese Frontbildung die Straße erreicht: Dann wird aus dem Kampfbegriff brutale Praxis, aus der moralischen Großformel ein Ausschlussritual und aus dem Presseausweis ein wertloses Stück Plastik. Wer Journalisten zu Aktivisten umerzieht, darf sich nicht wundern, wenn Aktivisten im nächsten Schritt darüber entscheiden, wer überhaupt noch Journalist sein darf.


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