von Michael Thoma
Zentrales Gremium ohne Deutschland: UN-WeltsicherheitsratAm 3. Juni 2026 wählte die UN-Generalversammlung fünf neue nichtständige Mitglieder in den Sicherheitsrat für die Jahre 2027 und 2028. Für Deutschland endete diese Abstimmung mit der größten diplomatischen Niederlage seit 30 Jahren. Der UN-Sicherheitsrat ist das einzige Organ der Vereinten Nationen, dessen Beschlüsse rechtlich bindend sind. Er kann Sanktionen verhängen und den Einsatz militärischer Gewalt autorisieren. Dem Rat gehören 15 Staaten an: fünf ständige Mitglieder – die USA, Großbritannien, Frankreich, Russland und China – sowie zehn nichtständige, die von der Generalversammlung für zwei Jahre nach regionalen Quoten gewählt werden. In der Gruppe „Westeuropa und andere Staaten“ bewarben sich drei Kandidaten um zwei Sitze: Deutschland, Österreich und Portugal.
Für Berlin war eine solche Kampagne an sich nichts Neues. Seit der Wiedervereinigung bewarb sich Deutschland regelmäßig, etwa alle acht Jahre, um einen nichtständigen Sitz im Sicherheitsrat. Bis 2026 war es sechsmal in den Rat gewählt worden – und hatte nie eine Niederlage hinnehmen müssen. Umso bezeichnender fiel das Abstimmungsergebnis aus: Portugal erhielt 134 Stimmen, Österreich 131, Deutschland nur 104. Für die Wahl waren zwei Drittel der Stimmen der 193 UN-Mitgliedstaaten nötig, also 129 Stimmen. Deutschland verfehlte diesen Wert um 25 Stimmen und kam der erforderlichen Marke nicht einmal nahe. Für das Land mit der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt und einem der größten UN-Beitragszahler ist das ein demütigendes Ergebnis. Das Scheitern war kein Zufall. Es ist die Folge von außenpolitischen Versäumnissen, die sich unter der Regierung von Friedrich Merz aufgestaut haben.
Gründe für das Debakel
Von den ersten Tagen seiner Kanzlerschaft an, die im Mai 2025 begann, pflegte Merz das Bild des Außenkanzlers. Er beanspruchte die Rolle eines Führers, der Deutschland verlorenen internationalen Einfluss zurückbringt, den Status einer „führenden mittleren Macht“ festigt und Berlins Position auf allen wichtigen Bühnen von der Nato bis zur UNO stärkt. Die Kernbotschaft zu Beginn seiner Kanzlerschaft war laut: Deutschland kehrt zurück auf die Weltbühne. Die Abstimmung vom 3. Juni machte aus diesem Anspruch eine toxische Selbstbeschreibung. Als Hauptgrund für die Niederlage wird meist die Haltung Berlins im israelisch-palästinensischen Konflikt genannt. Zwischen 2023 und 2026 enthielt sich Deutschland systematisch oder stimmte gegen Resolutionen der UN-Generalversammlung zu einer Waffenruhe in Gaza, zur Feststellung von Verstößen gegen humanitäres Völkerrecht und gegen andere Israel-kritische Dokumente. Oft wird damit erklärt, warum Deutschland vor allem im Globalen Süden Stimmen verloren haben dürfte – vor allem aus Lateinamerika, Afrika und dem Nahen Osten.
Doch diese Lesart erklärt nicht das ganze Bild. Friedrich Merz erwies sich als einer der schärfsten Israel-Kritiker unter deutschen Regierungschefs. Er war der erste Bundeskanzler, der gleich nach Amtsantritt im Fernsehen offen sagte, das Ausmaß des Leids der palästinensischen Zivilbevölkerung lasse sich nicht länger mit dem Kampf gegen den Terror der Hamas rechtfertigen. Sein Satz, er verstehe nicht mehr, welches Ziel die israelische Armee im Gazastreifen verfolge, sorgte international für Aufsehen. Im August 2025 setzte Merz’ Regierung Teile der deutschen Rüstungsexporte nach Israel zeitweise aus. Diese Äußerungen und Entscheidungen riefen die israelische Regierung auf den Plan und führten zu einer deutlichen Abkühlung der bilateralen Beziehungen. Die Niederlage Deutschlands bei der UNO hing also nicht nur – und vermutlich nicht einmal in erster Linie – mit dem Palästinakonflikt zusammen. Eine größere Rolle könnten Unentschlossenheit und Widersprüchlichkeit Berlins in den Krisen um Venezuela und den Iran gespielt haben.
Erst Venezuela, dann Iran: Deutschland immer auf Abwegen
Nach der gewaltsamen Festnahme von Nicolás Maduro durch US-Spezialkräfte im Januar 2026 weigerte sich Merz, einen klaren Verstoß gegen die Souveränität Venezuelas zu verurteilen. Er sagte, die rechtliche Bewertung des US-Vorgehens sei komplex und bedürfe sorgfältiger Prüfung – und verlagerte zugleich den Fokus auf Maduros mangelnde Legitimität. Für mehrere lateinamerikanische Länder war das besonders schmerzhaft. Dass ein Regierungschef, der für sich beansprucht, eine normative Macht in der internationalen Politik zu sein, so eine Bewertung abgibt, dürfte man ihm in der Region kaum verziehen haben. Noch katastrophaler war die Linie zum Iran. Im März 2026 nannte Merz den Iran die größte Sicherheitsbedrohung und vermied eine direkte rechtliche Bewertung der US-amerikanischen und israelischen Angriffe. Er wiederholte nicht in der alten Form seine Äußerungen vom Sommer 2025 zur israelischen Militäroperation gegen den Iran, begrüßte aber die gezielten US-Schläge ziemlich eindeutig. Als aus der Operation ein zermürbender, langwieriger Krieg wurde und die Straße von Hormuz blockiert war, änderte Merz seinen Ton völlig. Ende April 2026 griff er die Regierung von Donald Trump öffentlich an und erklärte, die USA erlitten eine Demütigung, handelten unüberlegt und hätten keine vernünftige Strategie für einen Ausstieg aus dem Konflikt. Diese Worte kamen jedoch zu spät und wirkten wenig überzeugend.
Diese Pendeldiplomatie, die Beobachter aus der Innenpolitik lange von Merz kannten, erwies sich in der Außenpolitik als schlimmer als die konsequente Unterstützung einer Seite. Der Versuch, es sich mit allen recht zu machen, führte dazu, dass Deutschland gleichzeitig sein Verhältnis zu Teilen des Globalen Südens wie zu seinen Verbündeten ruinierte. Merz’ Lavieren mündete in eine Vertrauenskrise. Der schwerwiegendste Faktor für die Niederlage war jedoch das Versagen im Umgang mit internationalen Institutionen. Im September 2025 fand die UN-Generalversammlung statt – die zentrale Bühne für diplomatisches Lobbying vor der Wahl in den Sicherheitsrat. Österreich schickte seinen Präsidenten, Kanzler und Außenminister. Deutschland war auf Regierungschef-Ebene nicht vertreten.
Berlin bleibt außen vor
Merz zog es vor, zur Haushaltswoche des Bundestags in Berlin zu bleiben. Diese Entscheidung erwies sich als strategischer Fehler. Diplomatische Kreise in New York machten deutlich, dass Merz’ Abwesenheit in der internationalen Gemeinschaft als Arroganz und mangelnder Respekt aufgefasst wurde. Gerade auf der Generalversammlung werden traditionell informelle Absprachen getroffen und Unterstützung eingeworben.
Die Niederlage bei der Wahl in den UN-Sicherheitsrat war damit nicht bloß ein taktischer Rückschlag, sondern eine Diagnose des Zustands deutscher Außenpolitik unter Friedrich Merz. Deutsche Diplomaten werden noch lange mit den Folgen zu kämpfen haben. In den Jahren 2027 und 2028 bleibt Berlin außen vor – ausgerechnet in einer Zeit, in der die Fragen des Ukrainekriegs, der Nahostfriedens und des iranischen Atomprogramms besonders brisant sein werden. Die selbsternannte Rolle des Außenkanzlers entpuppte sich als Anspruch ohne Grundlage: weder gestützt von konsequenter diplomatischer Arbeit, noch von der Bereitschaft, an wichtigen internationalen Foren persönlich teilzunehmen, noch von einer klaren Haltung zu den heikelsten Fragen des Völkerrechts. Deutschland verlor gegen Österreich – eine Volkswirtschaft, die gerade mal neun Prozent der deutschen Größe ausmacht. Die Symbolkraft dieses Vergleichs ist kaum zu überbieten.
Vor diesem Hintergrund wirken die Versuche von Deutschlands Außenminister Wadephul, die Berliner Schlappe nur als Ergebnis russischer Machenschaften darzustellen, besonders fadenscheinig.
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