Sonntag, 2. Oktober 2022

Superhelden unter sich...

von Mirjam Lübke...

Die Satirikerin Lisa Eckhart bemerkte kürzlich sinngemäß, der moderne Deutsche führe zum Frieren nicht mehr nach Stalingrad, sondern erledige das auf dem heimischen Sofa. Im ersten Moment zuckte ich zusammen, denn das brave Fräulein in mir fragte sich erst einmal erschrocken, ob man solche Witze machen darf. Jene von der Sorte, bei der man erst denkt, sie seien zu makaber, bis aus der Bauchregion ein grollendes Lachen aufsteigt, weil ein Spruch den Nagel einfach auf den Kopf trifft, auch wenn Moralisten dabei einen Schlaganfall der Entrüstung erleiden. Sie möchten doch so gerne für ihre Opferbereitschaft in diesem Krieg belohnt werden, wenn sie uns im Internet schildern, auf was sie gerade verzichten. Wir halten durch bis zum letzten Pullover! Und wenn von der Decke die Eiszapfen hängen! Der Endsieg des Guten ist zum Greifen nah!


Während die meisten Haushalte in Deutschland aus finanziellen Gründen frieren müssen - allein vom Anblick der Nebenkostenabrechnung wird einem heiß und kalt zugleich - bindet uns die mediale High-Society täglich auf die Nase, wie heldenhaft sie für die "Verteidigung der europäischen Werte" auf Wärme und Körperpflege verzichtet: "Tag 3 der Heizperiode. 17 Grad im Wohnzimmer, sitze hier im T-Shirt mit Ukraine-Solidaritäts-Aufdruck und fröstele. Aber das ist mir die demokratische Zukunft des Westens wert. Gleich gibt es für meine Follower noch ein Foto von meinen kalten Füßen. Das wird aufzeigen, dass mit etwas Kampfwillen auch der härteste Winter ohne russisches Gas für die Freiheit Europas zu meistern ist!"
 
Was dem ordentlichen Bürger im letzten Jahr der nackte Oberarm mit Pflaster war, ist jetzt das Foto vom Heizungsthermostat auf Stufe 0. Ob man nun Querdenker oder Putin damit zu Fall bringen will, ist für den eigentlichen Zweck der Übung vollkommen irrelevant. Um einmal im jüdischen Sprachgebrauch zu bleiben, verpasst man sich selbst den Koscher-Stempel. Denn es ist heute wichtig, mit dem richtigen Etikett versehen zu sein. Das geht schon mit den Emojis im Namen des Twitter-Accounts und dem Facebook-Titelbild los. Mit "I support the current thing" macht man sich darüber lustig, eine Kiwi hingegen bedeutet das gesellschaftliche Aus, denn mit der Frucht outet man sich als Anhänger der Zwei-Geschlechter-Idee.
 
Liane Bednarz betont in ihrem Tweet, noch immer Sommerkleidung zu tragen und teilt damit immerhin das Schicksal weiblicher Superhelden. Während deren männliche Kollegen meist in Ganzkörper-Rüstung stecken - Batman hat es garantiert immer schön warm - müssen Wonderwoman und Supergirl mit nackten Beinen ihre Arbeit erledigen. Wonderwoman residierte in der Serie der Siebziger immerhin im gleichen Gebäude wie der wackere Gerichtsmediziner Quincy, schade, dass diese Zeiten vorbei sind, denn heute könnten wir die beiden als Team gegen "Mad Scientist" Karl Lauterbach gut brauchen. Der treibt nämlich in der Mainstream-Szene weiterhin sein Unwesen, auch wenn das wegen des Krieges ein wenig in Vergessenheit geraten ist.
 
Aber Medienleute wie Liane Bednarz sind nun einmal keine Superhelden, auch wenn sie es gerne wären. Etwas zur Großtat zu erklären, wozu andere Bürger per staatlicher Vorgabe oder mangels passendem Einkommen gezwungen sind, hat etwas Gönnerhaftes und Ignorantes. So wie Marie Antoinette sich ein idyllisches Bauerndorf errichten ließ, in dem das schöne französische Landleben in adretten Häuschen und scheinbar schlichter Kleidung zelebriert wurde. Marie Antoinette aber konnte in ihren Palast zurück, während die echte Landbevölkerung oft nur ein Paar Holzschuhe und ein einziges Kleidungsstück aus grobem Leinen besaß. Egal, was man von den späteren Exzessen der französischen Revolution halten mag - die Bürger waren zurecht wütend. Nur haben sie sich vom Regen in die Traufe gebracht.
 
Auch die im Durchschnitt gut verdienenden Anhänger der Grünen können es sich leisten, den Pfad der Enthaltsamkeit jederzeit wieder zu verlassen, wenn ihnen die Selbstkasteiung zu anstrengend wird. Normalverdiener können das nicht. Warum viele von ihnen sich weiterhin jeden Protests enthalten, ist mir schleierhaft. Von jenen, welche die Probleme erst geschaffen haben, ist wohl kaum Hilfe zu erwarten.



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