Samstag, 24. Januar 2026

Kapitän statt Politkommissar: Linke Medien schäumen über Kimmich, weil er bei der WM 2026 nur Fußball spielen will

von Thomas Hartung

Will in den USA bei der WM 2026 einfach nur Fußball statt Haltung zeigen: DFB-Kapitän Joshua Kimmich



Joshua Kimmichs Ankündigung, sich bei der WM 2026 aus politischen Debatten herauszuhalten, schmeckt deutschen Haltungsjournalisten überhaupt nicht. Pit Gottschalk nennt die an sich für ein sportliches Event selbstverständliche Entscheidung eine „Kapitulation“ und entrüstet sind, der DFB-Kapitän dürfe angesichts von Donald Trump, Grönland und Strafzöllen nicht einfach schweigen – denn er habe eine „Verantwortung“, Stellung zu beziehen. Allein die verräterische Aufzählung zeigt, worum es hier wirklich geht: Nicht um Menschenrechte am Spielfeldrand, sondern um eine generelle Pflicht zum politischen Bekenntnis. Wer heute Bedeutungsvolles als Fußballer leisten will, soll nicht Bälle spielen, sondern Signale senden. Aus einem Sportler wird ein politischer Funktionsträger, aus dem Mannschaftskapitän ein Kommissar der „richtigen Haltung“.

Dabei blendet Gottschalks Kommentar aus, dass Kimmich mit seiner wohldurchdachten Aussage genau aus den Erfahrungen von Katar die Konsequenz zieht. Er hatte mehrfach davor gewarnt, den Fußball zum Wandertheater der Weltpolitik zu machen; durchaus wolle er für Werte stehen, sei aber kein “politischer Experte“; dafür gebe es andere. Seine Aufgabe sei es, guten Fußball zu spielen. In einer demokratischen Ordnung ist das kein Rückzug, sondern eine legitime Rollenklärung. Wer Sportler zum permanenten Gesinnungsbeauftragten erklärt, verkennt Grenzen von Kompetenz und Mandat und nimmt Anleihen an totalitären und gleichgeschalteten Gesellschaften, in denen alles “politisch” sein muss.

Die Lehre aus Katar: Moraltheater statt Turniersieg

Gottschalk behauptet allen Ernstes, die deutsche Mannschaft sei 2022 nicht an ihrer Politisierung gescheitert, sondern an der „halbherzigen Inszenierung“: One-Love-Binde und Mund-zu-Foto seien nur inkonsequent gewesen. Genau hier liegt die intellektuelle Blindstelle: Schon damals wurde die Nationalelf zur Litfaßsäule einer rot-grünen Moralagenda nach SPD-Drehbuch umgebaut: Regenbogen statt Taktiktafel, Haltungsrituale statt Spielkultur. Das Ergebnis war nicht ein zu schwaches politisches Signal, sondern die vollständige Überblendung des eigentlichen Auftrags – Fußball spielen. Weltweit sorgten die Bilder der deutschen Innenministerin Nancy Faeser auf der Tribüne mit Pride-Armbinde für Kopfschütteln. Die DFB-Elf entpuppte sich als „Menetekel einer zerfallenden Gesellschaft“, in der Politik, Medien und Verbände lieber moralische Gesten produzieren, als Leistung und Erfolg einzufordern.

Das damalige Symbolgeschleudere in der Wüste von Katar – Armbinden, Statements, Regenbogenkulissen – war kein Mangel an Aktivismus, sondern ein Zuviel davon. Die Moralheuchelei nahm der Mannschaft die Konzentration, spaltete das Team und entfremdete Millionen Zuschauer, die einfach guten Fußball sehen wollten, von der Mannschaft auf dem Platz Kimmichs nunmehrige, quasi geläuterte Haltung – Politik raus aus der Kabine – ist in diesem Licht keine Kapitulation, sondern eine späte Einsicht: Wer ein Turnier gewinnen will, muss den Sport ernst nehmen und darf ihn nicht länger als Bühne für außenpolitische Belehrungen missbrauchen.

Medienhypermoral: Die USA als Projektionsfläche

Stellvertretend für zahlreiche andere Wächter- und Erziehungsjournalisten in diesem Land arbeitet Gottschalk mit moralischem Druck: Er malt „verstörende Bilder“ aus den USA – Polizeieinsätze, ICE-Willkür, Einreisebeschränkungen –, um zu suggerieren, ein schweigender Fußballer mache sich an diesen angeblich rechtswidrigen oder gar faschistischen Zuständen mitschuldig. Aber nichts von alledem ist real; bei alledem, was in diesen Wahnbildern der Trump-USA verklärt wird, geht es in Wahrheit schlicht darum, dass ein Land kontrolliert, wer sich in ihm aufhält.

Das Problem dieses Szenarios ist seine Einseitigkeit. Wo war diese Leidenschaft eigentlich, als deutsche Politiker in Katar um LNG-Gas warben, während dieselben Medien die WM im Wüstenemirat mit Anti-Katar-Kampagnen begleiteten? Und wo ist sie, wenn saudische Investoren halb Europa aufkaufen, von Fußballklubs bis hin zu Rüstungsgeschäften?

Die Auswahl der Empörungspunkte folgt einem vertrauten Muster: Der „böse Westen“, hier verkörpert durch Trumps Amerika, eignet sich als Feindbild besser als autoritäre Regime, mit denen man energie- und migrationspolitisch eng verflochten ist. Dem Fußballer wird dabei die Rolle des prominenten Propagandasprachrohrs einer Außenpolitik zugedacht, die selbst voller Widersprüche steckt. Kimmich soll ausbaden, was Politik und Medien nicht zu lösen bereit sind – wenn sie es denn überhaupt noch wollen, geschweige denn können.

Das Recht auf politikfreie Räume

Konservativ gedacht beginnt Freiheit aber nicht dort, wo alle ihre Meinung laut herausrufen, sondern dort, wo man Menschen zugesteht, in bestimmten Rollen gerade nicht politisch zu agieren. Ein Trainer muss kein Kolumnist sein, ein Opernsänger kein Klimaaktivist, ein Nationalspieler kein außenpolitischer Kommentator. Und ja: Es gibt ein Menschenrecht auf politikfreie Räume. Umfragen zeigen seit Jahren, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung politische Debatten bei Großereignissen wie EM und WM ausdrücklich nicht wünscht. Laut einer Yougov-Umfrage, die das ZDF 2024 zitierte, sieht das die Hälfte der Deutschen so. Das ist ganz sicher kein Zeichen von Verdrängung, politische Ignoranz oder Apathie – sondern von Vernunft: Wer seine politischen Überzeugungen ernst nimmt, trägt sie im Parlament, in Bürgerinitiativen, in öffentlichen Debatten in Medien oder auch auf genehmigten Demonstration aus – aber nicht in der 87. Minute eines Länderspiels per Eckfahnenpose.

Die permanente Moralisierung und Hyperpolitisierung des Alltags, zu der der Sport längst gehört, ist ein Kennzeichen spätmodernen Aktivismus: Alles wird symbolisch überladen, jede Veranstaltung zur Bühne eines Kampfes Gut gegen Böse. Wer sich entzieht, gilt als feige oder hat „kapituliert“. Tatsächlich verteidigt er die Möglichkeit der Unterscheidung: hier das Spiel, dort die Politik.

Zurückhaltung als bürgerliche Tugend

Joshua Kimmich hat sich in der Vergangenheit durchaus politisch geäußert, etwa in der Impfdebatte – mit allen verheerenden Folgen. Er hat aus der auch solche Bekenntnisse zwangsläufig folgenden Vereinnahmung seiner Person und der hässlichen Polarisierung seiner Anhänger und Spielerkollegen jedoch gelernt und seine Schlüsse gezogen. Nun entscheidet er sich, als Kapitän eine andere Linie zu fahren: Verantwortung auf dem Platz, Maßhalten am Mikrofon. Damit akzeptiert er, dass auch Schweigen eine legitime Form der Selbstbegrenzung sein kann. Doch Journalisten wie Gottschalk wollen daraus eine moralische Niederlage machen. Tatsächlich liegt diese Niederlage anderswo: in einer Medien-Unkultur nämlich, die den Fußball, wie auch andere Alltagsbereiche von der Kunst über Musik bis zum Film, nur noch als Vehikel für die eigenen erwünschten Weltanschauungen begreift und missbraucht. Wer wie Gottschalk Kimmichs Entscheidung als „falsche Lehre“ brandmarkt, behauptet damit implizit, es gebe eine Pflicht zur Haltung – und zwar zur einzig wahren und richtigen.

Doch Kimmichs „Politikverweigerung“ ist in Wahrheit das genaue Gegenteil von Flucht. Sie ist der Versuch, den Sport und andere spielerische, unpolitische Distraktoren eines problemüberladenen, zunehmend belastenden Weltgeschehens endlich dem Zugriff eines politmedialen Komplexes zu entziehen, der aus jedem Tor ein Statement, aus jeder Binde ein Manifest, aus jedem Turnier eine Weltanschauungsschlacht und aus jedem Stadionbanner eine Haltungsparole machen will. Die WM 2026 wird kommen – mit Trump oder ohne, mit Strafzöllen oder ohne. Entscheidend ist, ob Deutschland dort diesmal eine Mannschaft stellt, die endlich wieder und vor allem Fußball spielt – oder nur ein Wanderensemble des moralischen Staatsschauspiels. Wer, wie Kimmich, bei letzterem nicht mehr mitspielen will, der kapituliert nicht. Sondern er wehrt sich.


1 Kommentar:

  1. Ist denn Kimmich heute überhaupt geimpft? Fragen über Fragen.

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