Sonntag, 10. Juli 2022

Kartoffelmord am hellichten Tag!

von Mirjam Lübke...

Deutschland, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten! Hier ist es zwar teuer und bald auch ziemlich kalt, aber dafür kann man seine Persönlichkeit auf mannigfache Weise entfalten. Jeden Tag überlege ich, wie ich das für mich nutzen könnte, etwa indem ich mich für irgendein Amt bei der Bundesregierung bewerbe. Als Bundessportbeauftragte wäre ich hochqualifiziert, niemand kann so exzessiv Zeit auf dem Sofa verbringen wie ich. Bekanntlich dachte ich auch schon über Karrieren als Diätcoach oder Primaballerina nach. Wenn jemand es wagt, auch nur vorsichtig an meiner Qualifikation zu zweifeln, dann werfe ich mich wütend auf den Boden und rufe „Shitstorm! Nazis! Frauenfeinde!“



In einem Land, in dem Claudia Roth als Kulturministerin und Robert Habeck als Wirtschaftsexperte eingesetzt werden, verwundert es nicht, dass sich auch Ferda Ataman gegen alle Widerstände durchsetzen und zur Antidiskriminierungs-Beauftragten ernannt werden konnte. Leider können wir zumindest auf Twitter ihren Werdegang nicht mehr nachvollziehen, da sie im Akkord tausende von Tweets gelöscht hat. Zu ihrem Pech zeigt die App das auch so an, da kann nichts so spurlos verschwinden wie aus Ursula von der Leyens Maileingang. Und einige ihrer „schönsten“ Ergüsse wurden akribisch archiviert. Zum Beispiel die Aussage, falls in der Pandemie die Beatmungsgeräte ausgingen, würden Migranten auf den Intensivstationen im Stich gelassen. Darauf muss man erst einmal kommen - geleitet von einem Weltbild, das dem „Weißen“ an sich und den Deutschen insbesondere nur das Übelste unterstellt. Man fragt sich unwillkürlich, wie Frau Ataman in einer derart feindseligen Umgebung überhaupt Karriere machen konnte. Die Frau muss Nerven wie Drahtseile und Ellbogen aus Stahl haben. Und nun kann endlich der Feldzug gegen die Diskriminierung mit aller Macht beginnen. Doch Moment – wenn wir von Diskriminierung sprechen, was meinen wir damit heute überhaupt?

Der Blick auf das Thema hat sich offenbar inzwischen allein auf alles rund um Migration (vor allem solche aus muslimischen Ländern) verengt, weshalb den Posten dann auch jemand mit Migrationshintergrund bekommen musste – immerhin das ist eine Karrierechance. Und das, obwohl Ferda Ataman sogar ein Buch darüber geschrieben hat, warum sie es furchtbar findet, auf eben jenen angesprochen zu werden. Streng genommen ist sie keine Migrantin, da sie in Deutschland geboren wurde, aber sie wird eben als solche „gelesen“ – wie es auf Neudeutsch heißt. Man hätte den Posten demnach auch mit Ahmad Mansour, Imad Karim oder Birgül Akpinar besetzen können, die allesamt für eine erfolgreiche Integration stehen - aber Integration steht bekanntlich auf der Prioritätenliste der Bundesregierung ziemlich weit unten. Da passt es, dass Frau Ataman auch schon die Clan-Kriminalität in Berlin als überbewertet beschrieben hat. Ist es nicht enorm diskriminierend, Herrn M. unlauteres Verhalten zu unterstellen, wenn er Sozialleistungen bezieht aber gleichzeitig einen goldlackierten Lamborghini fährt? Den kann er doch günstig bei „ebay“ ersteigert haben...
 
Wir wollen hoffen, dass sich Ferda Atamans Arbeit auf dem neuen Posten nicht auf Versuche beschränkt, Unschönes unter den Teppich zu kehren. Denn eigentlich soll sie sich gegen jegliche Diskriminierung einsetzen. Kann man das nur tun, wenn man selbst auf die benannte Art schon einmal benachteiligt wurde? Dann müsste man von Vornherein allen Antisemitismusbeauftragten in Deutschland die Qualifikation absprechen, denn kaum einer von ihnen ist Jude. Aber da es in Deutschland mehr Antisemitismusbeauftragte als Juden gibt, ist wahrscheinlich das jüdische Personal knapp geworden. Sawsan Chebli soll schon Interesse bekundet haben, mit ihrem Migrationshintergrund ist sie schließlich auch so etwas wie eine Semitin, da kann man schon mal ein Auge zudrücken, auch deshalb, weil das auf Twitter sicher spannend werden würde.
 
Wer ist heute überhaupt „diskriminiert“? Geht es nach der identitären Linken, dann hat ein Weißer kaum eine Chance, diese Zuschreibung für sich geltend zu machen, da er dank seiner Hautfarbe automatisch „privilegiert“ sein soll. Gilt das dann auch für Kevin-Justin aus einem sozialen Brennpunktgebiet, dem keiner das Abitur, geschweige denn ein Studium zutraut und der daher auch keine Förderung erhält? Oder den durch das soziale Netz gefallenen Langzeitarbeitslosen, der längst abgeschrieben ist und nicht beim Neuanfang unterstützt wird? Was ist mit Biologinnen, die ihre Forschung nicht vorstellen dürfen, weil es einigen Aktivisten nicht gefällt – ist das nicht auch Diskriminierung? Auch frühere „Randgruppen“ können mittlerweile betroffen sein, zum Beispiel Schwule und Lesben, die einfach nur ihr Leben führen wollen, ohne den Regenbogenrummel mitzumachen. Wenn Transfrauen, wie jüngst beim CSD in Köln, einfach mal auf lesbische Frauen losgehen, weil sie ihnen die natürliche Ausstattung neiden, dann finde ich das ebenfalls diskriminierend. Ebenfalls kurios wird es, wenn Migranten, die bekunden, sich in Deutschland nicht benachteiligt zu fühlen, von „Antirassisten“ als „Token“ herabgewürdigt werden – weil sie sich eine vom Mainstream abweichende Meinung erlauben. Ein „Token“, das ist ein Dings, wie ein Einkaufswagenchip. Da ist man einfach zufrieden – und wird prompt zum Stück Plastik herabgewürdigt. Man könnte generell die Einschränkung der Meinungsfreiheit in Deutschland und die „Cancel Culture“ als eine Art der Diskriminierung einstufen. „Diskriminierung bezeichnet eine Benachteiligung oder Herabwürdigung von Gruppen oder einzelnen Personen nach Maßgabe bestimmter Wertvorstellungen oder aufgrund unreflektierter, z. T. auch unbewusster Einstellungen, Vorurteile oder emotionaler Assoziationen“, definiert Wikipedia das Wort. Wenn ich also konservative Wertvorstellungen habe, eine bestimmte Weltsicht nicht übernehmen mag und deswegen angefeindet oder vom öffentlichen Leben ausgeschlossen werde, dann ist das nach dieser Definition ein klarer Fall von Diskriminierung.
 
Es ist ziemlich vermessen zu glauben, eine Gruppe der Gesellschaft könne eine andere nicht diskriminieren, weil sie selbst unterdrückt ist oder sich als unterdrückt ansieht. In den USA zum Beispiel gilt der Antisemitismus von Schwarzen – der sich gegen orthodoxe Juden manchmal auch gewaltsam äußert – als Tabuthema. Migranten können Vorurteile gegen Deutsche haben, auch Aktivismus adelt Pauschalurteile wie „alle Weißen sind Rassisten“ nicht, egal, wie vehement man das auch behauptet. Umgekehrt finde ich es furchtbar, wenn Deutsche Ausländern gegenüber automatisch in ein gruseliges „du müssen das machen so“-Deutsch verfallen. Spricht der andere tatsächlich unsere Sprache nur unzureichend, wird ihn das nicht weiterbringen – spricht er sie gut, ist es schlichtweg beleidigend.
 
Diskriminierung kann sich auch in scheinbar gutgemeinten Handlungen äußern, denn es ist oft schwierig, das richtige Maß zwischen Hilfe und Herablassung zu finden. Das merken vor allem behinderte Menschen im Alltag sehr häufig. Nicht jeder Rollstuhlbenutzer mag es, ungefragt angeschoben zu werden. Ich selbst stehe auf Kriegsfuß mit der sogenannten „leichten Sprache“, die mir bei der Recherche zu bestimmten Themen einfach mal aufs Auge gedrückt wird. Vollkommen ausrasten könnte ich, wenn gegenüber psychisch oder geistig behinderten Menschen automatisch ein Kindergärtnerinnen-Verhalten an den Tag gelegt wird – „Hattu fein gemacht!“ ist vielleicht gegenüber Haustieren angemessen, aber Erwachsenen schätzen einen solchen Umgang eher weniger. Da hilft manchmal nur noch pure Arroganz und das Abfeuern eines beeindruckenden Schwalls von Fremdwörtern. Was ich als psychisch Kranke davon halte, dass neuerdings jeder Straftäter aus dem Morgenland per Ferndiagnose in eine Kategorie mit mir gesteckt wird, habe ich schon oft ausgeführt: Es ist wieder einmal so ein Fall, wo der Abbau von Vorurteilen gegen psychisch kranke Menschen hinter der politischen Korrektheit zurückstehen muss.
 
Um ehrlich zu sein, habe ich aufgrund der bisherigen Aus- und Einlassungen von Ferda Ataman arge Zweifel daran, ob sie alle diese Interessen unter einen Hut bringen kann und will. Ihr Engagement wird sich wohl eher auf die „Modediskriminierungsthemen“ beschränken, die derzeit im Umlauf sind. Die Rollenverteilungen, wer dabei Schurke und unschuldiges Opfer ist, dürften bereits feststehen. Vielleicht „erbarmt“ sie sich wenigstens der ärmeren Milieus, egal, ob diese aus Deutschen oder Migranten zusammengesetzt sind. Ob es ihr gelingt, sich von der Polemik fernzuhalten, die ihre Arbeit als Kolumnistin prägte, wird sich noch zeigen, denn gerade dieses Verhalten hat sie schließlich unter Gutmenschen prominent gemacht. Warum sollte sie eine Strategie aufgeben, mit der sie bisher gut gefahren ist? Wollen wir hoffen, dass ihr Einfluss nicht weiter reicht als bis zum Erstellen einiger steuergeldfressender Plakatkampagnen – alles andere wäre wirklich zum Fürchten.


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