Samstag, 25. April 2026

Jüdische Deutsche, deutsche Juden, Israelis… Versuch einer Orientierung

 

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Aus persönlichem, gegebenem Anlass habe ich das akute Bedürfnis, meine Sicht auf Juden und Israel doch nochmal zu erklären.

Denn ich glaube, nach dem Dritten Reich ist da einiges kommunikativ einfach weggeduckt worden. Bis heute haben viele Deutsche ein Problem damit, auch nur „Juden“ zu sagen. Anstatt „Juden“ zu normalisieren, findet nach wie vor eine Sonderbehandlung statt. Aus ganz verschiedenen Motiven und politischen Ansichten. Der „Jude“ scheint für viele nach wie vor „der Fremde“ zu sein.

Deutsche Juden sind älter als Deutschland

Zunächst einmal bin ich selber völlig ohne irgendwelche Ressentiments oder Vorurteile sozialisiert worden. Und mit Vorurteile meine ich nicht, dass Juden Brunnen vergiften oder kleine Kinder fressen. Sondern viel grundsätzlicher, dass Juden irgendwie „die Anderen“ sind.

Der Mensch definiert immer, wer zu seiner und zu einer anderen Gruppe gehört. Das ist einer von vielen psychologischen Mechanismen, die uns von vor der Steinzeit geblieben sind. Das wird ausgiebig beforscht, u.a. scheint das so genannte „Mutterschaftshormon“ Oxytocin damit zu tun zu haben. Das „Kuschelhormon“ hat auch maßgeblichen Einfluss auf Fremdenhass.

Im Süden Düsseldorfs wurde ich geboren, gegenüber des Schlossparks. Aufgewachsen bin ich genau zwischen Düsseldorf und Köln. Am Bieräquator: dort, wo man in Kneipen tradiert Alt und Kölsch bekommt. Sicher hat auch das damit zu tun. Die Schääl Sick ist immer die andere.

Denn die älteste jüdische Gemeinde nördlich der Alpen ist in Köln nachgewiesen. Genauer im Jahr 321.
Noch krasser: Der spätere Kaiser „Konstantin der Große“, der das Christentum zur Staatsreligion im Römischen Reich machte, hat in einem Dekret erlassen, dass jüdische Bürger Kölns in „Kurialämter“ durften.
Heute würde man sagen, sie durften Beamtenjobs übertragen bekommen. Das war zumeist kein Lob, sondern eine Pflicht. Kurien spendeten auch für die Stadt oder richteten öffentliche Spiele aus. Es waren voll anerkannte Bürger, wie der Legionär aus dem Balkan oder Spanien, der nach 20 Jahren seinen Ruhesitzt bekam, oder der Kelto-Germane, der aus Solingen Messer lieferte.

Das bedeutet also, dass Juden in Deutschland bereits sesshaft waren, sogar leitende Aufgaben übernahmen, bevor es überhaupt Deutschland gab. Jahrhunderte bevor der Begriff „tiudisk“ (gesprochen etwa „diutisch“) für „völkisch“ aufkam. Das war nämlich keine Bezeichnung für eine Herkunft. Ein Lateinisch sprechender Mönch in Nordfrankreich oder Norditalien hätte die Bevölkerung auch „tiudisk“ genannt: Jene, die die Gemeinsprache sprechen. „Deutsch“ trägt den Vielvölkerstaat im Namen, sorry Blut und Boden.

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Der „Judenhof“ in Speyer: Umkleideraum und Vorraum der Mikwe, des jüdischen Ritualbads. Angeschlossen an die damalige Synagoge. Vor 1084 gebaut, ab da wurde er vom christlichen Bischof von Speyer offiziell gefördert.

Die Juden sind „die Anderen“?

In der Schulbildung wird gerne erwähnt, welchen Ressentiments und Vertreibungen Juden auch in Deutschland ausgesetzt waren. Und nichts läge mir ferner, als das zu verharmlosen. Tatsache ist aber, dass das Deutsche Reich für Jahrhunderte auch ein Paradies für Juden war.
Die SchUM (Speyer, Worms, Mainz) waren das europäische Zentrum für das Judentum. Fürsten luden Juden in ihr Gebiet ein und gaben ihnen Vergünstigungen. Weil Juden nicht nur gute Kaufleute, sondern auch gute Handwerker waren. Was durch die Propaganda der letzten zwei Jahrhunderte gerne vergessen und für antisemitische Erzählungen verwendet wird.
Die SchUM sind heute UNESCO Welterbe.
Die größte Vertreibung von europäischen Juden fand nicht in Deutschland statt, sondern nach der Rückeroberung durch die „allerkatholischsten“ Herrscher Spaniens.

Was Juden höchstens zu den „Anderen“ machte, war die Heiratspraxis. Die aber häufig genug durchbrochen wurde.
Die gelbe Kopfbedeckung und die gelben Sterne waren keine europäische Idee. Die stammte vom abbasidischen Kalifen al-Mutawakkil, der im 9. Jahrhundert in Samarra im heutige Irak residierte. Ein Hardliner. Europäer haben das teilweise übernommen. Zum Schluss die Nazis.

Natürlich gab es Vertreibungen und soziale Intoleranz. Und Schlimmeres.
Das Wort „Ghetto“ leitet sich vom venezianischen Stadtviertel Cannaregio ab, das „geto“ („Gießerei“) genannt wurde. Immer wieder wurden Juden zu den „Anderen“ gemacht. Aber es ist unmöglich zu entscheiden, was vorwiegend war. Auch Historiker können das nicht. Im Mittelalter war man etwas nachlässig mit Statistiken.

In Deutschland haben im Ersten Weltkrieg letztendlich tausende deutsche Juden für Kaiser, Volk und Vaterland gekämpft. Nich nur als Eingezogene, sondern auch als Offiziere.

Stereotype und Abstraktionsvermögen

Sozialisiert in einem American Football Team mit Mitgliedern aus 22 Nationen ist es mir schwer unmöglich, Stereotypen zu folgen. Und Rassismus, eh. Wenn, dann spreche ich von sozio-kulturellem Kontext. Und das tue ich niemals leichtfertig.

Juden sind aber durch ihre Geschichte mehr als eine Nation oder Staatsangehörigkeit. Sie sind eine Religionsgemeinschaft, genau so gläubig und nichtgläubig wie Christen, manchmal genauso atheistisch wie ich. Sie sind ein Volk, denn alles, was es für ein Volk braucht, ist es, sich als Volk zu definieren. Und sie sind eine Ethnie. Was DNA-Verbindungen von Menschen mit dem Namen Cohen zu Angehörigen der Priesterkaste vor über 2000 Jahren zweifelsfrei belegt haben.

Für mich aber ist ein jüdischer Deutscher vor allem ein Deutscher.
Und wenn, wie heute wieder in einem Video gesehen, eine Autofahrerin mit Beifahrer in Berlin zwei Männer mit Kippa im Vorbeifahren anpöbelt, dann ist das antisemitisch. Denn sie kann gar nicht wissen, ob diese Juden tatsächlich Israelis sind, mit der IDF zu tun haben, ober ob es einfach nur Deutsche jüdischen Glaubens sind.
Es ist Rassismus in seiner ausgeprägtesten Form. Vergleichbar wäre es, wenn ich alle dunkelhaarigen für Muslime, Palästinenser, Araber, Islamisten oder – alter Begriff – „Kümmeltürken“ halten würde. Ostasiaten, Südamerikaner und Afrikaner werden sich bedanken.

Um das differenzieren zu können, um Menschen zunächst durch Kennenlernen und unterlassenes Einordnen verstehen zu können, braucht es Abstraktionsvermögen. Die Fähigkeit, vom Einzelnen auf das Gesamte und vom Gesamten aufs Einzelne schließen zu können. Da hat schon Aristoteles drüber nachgedacht. Und das ist ein Kernpunkt dessen, was echte Intelligenz ausmacht.

Gewohnheitsmäßige Ablehnung

In meinen Augen haben die Nazis auch einen gehörigen Teil deutscher Kultur und Geschichte in einem Bildersturm zerstört. Und es scheinbar bis heute unmöglich gemacht, über die Hinterlassenschaften des Holocaust hinaus, einfach normal mit Juden umgehen zu können.

Ich kann mich noch gut an ein geleaktes Handy Video erinnern. Jahre ist es her. Aufgenommen im südlichen Ostdeutschland in einer Art Biergarten. An dem wohl ein Schwarzer mit seiner weißen Freundin vorbei geht. Die Aufnehmende sagte im deutlichen ostdeutschen Akzent „Isch habe noch nie so eenen in Escht gesehen.“
Das ist vielleicht das Problem.

Die Wahrscheinlichkeit ist statistisch recht groß, dass jeder, der dies liest, schon einmal einen Juden getroffen hat. Oder sogar einen kennt. Ohne es zu wissen.
Und das überfordert viele.

Jüdische Deutsche, deutsche Juden, deutschsprechende Israelis, israelische Deutsche, jüdische Atheisten, Doppelstaatler… das ist aber auch alles verwirrend.
Ich bin der festen Überzeugung, dass sehr viele Menschen durch diese sozio-kulturell bedingte deutsche Sprach- und Denkbarriere nicht einmal verstehen, wenn sie etwas Antisemitisches äußern. Oder wo der Unterschied zwischen Antisemitismus und Israelkritik liegt.

Ich warne zur Vorsicht.
Ich kenne drei Juden und/oder Israelis persönlich, die am Samstag im Biergarten neben Ihnen sitzen können, eine Schweine-Haxe futtern, nicht im Finanzgewerbe arbeiten, den lokalen Akzent sprechen, sich anständig den Helm lackieren und über Netanjahu abledern. Und alle gedient haben.
Wer bei dem Bild paranoid wird, hat es verdient.


Erschienen auf steady.page

1 Kommentar:

  1. Und auf der anderen Seite gibt es die Arschlöcher. Antisemiten, Judenhasser. Meist von links. Linkspartei und BSW, SPD und Grüne, Teile der CDU, halt die Alt-Parteien... und auch die AfD hat sich bislang nicht so recht mit Ruhm bekleckert. Wir leben in üblen Zeiten.

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