Donnerstag, 9. April 2026

Leserinnenfrage: Bombardierung von Beirut

 

Bild

Bevor ich das jetzt auf Social Media poste, kann ich gleich einen Beitrag daraus machen.

„Lieber Herr Hoffmann,
teilen Sie die Einschätzung des Spiegels, dass Gebiete fernab der Hisbollah-Hochburgen und ohne Vorwarnung angegriffen wurden? [Link]“

Ich bekam die Leserfrage eben. Ich möchte das zwischendurch kurz abhaken, weil es mir – um ganz ehrlich zu sein – nur noch auf den Sack geht.
Die Frage beinhaltet bereits einen Bias. Sigar mehrere. Was kein Vorwurf an die Fragende ist! Sie muss es so verstehen. Weil der ganze Artikel, um den es geht, bereits verzerrt und manipulierend ist.

Screenshot des Artikels

„Um 14.30 Uhr kam der Tod aus dem Nichts“
Spiegel online (Bezahlschranke), 09.04.2026, 08.00 Uhr, Christoph Reuter

• Das erste können wir gleich so abhaken.
Luftangriffe erfolgen ohne Vorwarnung.

Wird ein bestimmtes Ziel anvisiert, und das wird vorgewarnt, läuft es weg.
Die IDF haben im Gazastreifen vorgewarnt. Aber nur in ganz bestimmten Situationen. Beispielsweise wenn Infrastruktur der Hamas zerstört werden sollte, was ansonsten in einem so dicht besiedelten Gebiet zu unverhältnismäßig großen zivilen Schäden führen könnte. Oder wenn irgendwo Operationen durchgeführt werden sollten, um die Zivilbevölkerung zu schützen.

Kein Staat der ganzen Welt warnt vor. Das ist eine große Ausnahme der IDF. Es ist eine Zusatzleistung, ein Zeichen, dass die IDF zivile Schäden minimieren wollen. Hier wird plötzlich zum Standard erhoben und indirekt einverlangt, was in der Propaganda vorher nicht einmal zur Kenntnis genommen wurde.
Ich – so ganz persönlich – halte das bereits für Propaganda und schlicht frech. Weil es die Bemühungen der IDF nivelliert.

• Das zweite ist das „fernab der Hisbollah-Hochburgen“.

Aus dem Artikel:
„»Innerhalb von 10 Minuten und gleichzeitig in mehreren Gebieten« habe sie »den bislang größten koordinierten Angriff auf mehr als 100 Kommandozentralen und militärische Einrichtungen der Hisbollah durchgeführt«, teilte Israels Armee auf X mit. […]
Was für Kommandozentralen und Militäreinrichtungen mitten in dicht besiedelten Stadtvierteln das gewesen sein sollen, wo Vermieter dieser Tage schon Angst haben, auch nur eine Wohnung an schiitische Flüchtlinge zu vermieten, wurde nicht erklärt.“

Und weiter erklärt Christoph Reuter:
„Aber die Anklage aus Israel, in den christlichen, sunnitischen, drusischen Vierteln in und um Beirut unterhalte die Hisbollah ihre »Militäreinrichtungen und Kommandozentralen«, ist schlicht absurd.“

Die Aussage ist so unfassbar lächerlich, dass man sich fragen muss, was Herr Reuter beruflich macht. Wahrscheinlich verdient er als studierter Islamwissenschaftler und „fließend Arabisch Sprechender“ sein Geld damit, vor allem durch Syrien zu reisen und das Leid der Menschen zu beklagen, anstatt relevante Informationen zu liefern. Dass er augenscheinlich keine Ahnung von Militär hat, ist bei Medienschaffenden dieser Tage selbstverständlich.

Die südlichen Stadtteile des Einzugsgebietes Beirut sind tradiert in schiitischer Hand. (Haret Hreik, Ghobeiry, Chiyah, Bir Hassan) Deshalb wird der Süden der Großstadt als Hochburg der Hisbollah bezeichnet.
Das ist auch keine neue Behauptung Israels, das haben die sich nicht jetzt ausgedacht. Das ist von der nach Konfessionen getrennten Bevölkerung völlig normal und war es schon während des Bürgerkriegs 1975 bis 1990 so.

Bild
Die Karte der Stadtteile hat mir freundlicherweise die Ki erstellt.
Der Libanon: Ein kleiner Reiseführer
Dieser Beitrag sollte eigentlich als Teil des kommenden Newsletter erscheinen. Er ist aber aufgrund der Komplexität so lang geworden, dass ich mich spontan dazu…
Steady icon Steady

• Am 27.09.2024 wurde der Chef der Hisbollah Hassan Nasralla in eben einem dieser Bezirke Haret Hreik getötet. In einem großen Bunker, gemeinsam mit der Führungsriege der Hisbollah und Angehörigen der iranischen Revolutionsgarden. Gebaut an der Regierung vorbei in einer Millionenstadt, in der unmittelbaren Nachbarschaft eines Krankenhauses.

• Die genauen Angaben variieren, aber alleine im März 2026 wurden in Beirut u.a. getötet (ohne genauere Prüfung):

  • Reza Khazaei (Offizieller der Quds‑Force)

  • Majid Hosseinikandesar (Leiter der Finanzabteilung der IRGC‑Quds‑Force)

  • Alireza Bi‑Azar (Geheimdienstoffizier der IRGC‑Quds‑Force)

  • Ahmad Rasouli (Geheimdienstoffizier der IRGC‑Quds‑Force)

  • Hossein Ahmadlou („Israel‑Desk“‑Offizier der IRGC‑Quds‑Force)

Und der Islamwissenschaftler Reuter geht allen Ernstes hin und veröffentlicht im Spiegel nach dem Motto: „Das ist doch alles absurd.“

Weitere Verzerrungen:

• Die Debatte um Kommandostrukturen ist so alt wie die erste Meldung der IDF dazu.
Für eine Kommandostruktur braucht man keinen Bunker mit Monitoren, sondern einen Raum mit Telefon und Internet. Die „Kommandostruktur“ oder „Kommandozentrale“ ist ein taktischer Raum, ein Konstrukt, eine militärische Größe, kein real existierender Raum.
Ein Kommandeur mit Laptop und Telefon und einem Funker in einem Zelt ist eine „Kommandozentrale“. Es kann so schwer zu verstehen nicht sein.

• „Bisher 1500 Tote im Land“: Das gleiche Spielchen wie auch bei der Hamas, das gleiche Spielchen wie beim Iran, das gleiche Playbook.
Wie viele Zivilisten? Oder noch besser: Wie viele Kombattanten und legitime Ziele?

Ich habe keine Lust mehr – zumal zwischen Tür und Angel – den ganzen Artikel zu zerlegen.
In meinen Augen das typische Gefasel, das nur an die Zivilisten denkt und Elend verkauft, anstatt zu begreifen, dass es die Propaganda unterstützt. Vielleicht sogar gewollt.

„Man kann es bewundern oder verachten, aber die zutiefst gespaltene libanesische Bevölkerung hat sich über Jahrzehnte daran gewöhnt, dass ein Kampf einer anderen konfessionellen Miliz mehrere Kilometer weiter nicht unbedingt ihr Kampf ist.“

Und genau das ist das Problem. Dieser failed State unterlässt es seit zwei Jahrzehnten, die Resolution des Sicherheitsrates durchzusetzen. Und die UN ebenso. Mehr noch, die Herrschaft auf dem eigenen Gebiet herzustellen. Normalerweise müsste man den Libanon aus der UN kicken, weil er die Grundbedingungen für einen Staat nicht erfüllt.

Es wird ignoriert, dass die Hisbollah wieder und wieder mit Rückendeckung des Irans Israel angreift, kritisiert wenn Israel sich wert, aber auch keine Alternative genannt, wie Israel sich schützen soll.

„Was für Kommandozentralen und Militäreinrichtungen mitten in dicht besiedelten Stadtvierteln das gewesen sein sollen, wo Vermieter dieser Tage schon Angst haben, auch nur eine Wohnung an schiitische Flüchtlinge zu vermieten, wurde nicht erklärt.“

Das ist Krieg.
Wie ich das jetzt gerade so sehe, haben die Libanesen genau zwei Wahlmöglichkeiten: Entweder sie sind der Feind, dann bekommen sie Bomben auf den Kopf. Oder sie sind Verbündete, dann müssen sie endlich selber etwas gegen die Hisbollah unternehmen.

Aber ich habe echt keinen Bock mehr, mich mit einem solchen manipulativem Scheiß auseinanderzusetzen.
Tschuldigung, schnell so runtergetippt. Wenn ich angefressen klinge, dann ist das so.


Erschienen auf steady.page


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen