Donnerstag, 10. Mai 2018

Da wird die WELT sich wohl zwischen Israel und Iran entscheiden müssen...

von Thomas Heck...

Auch die WELT erfindet sich ihre eigene Welt in der Berichterstattung über den Konflikt zwischen Iran und Israel, liefert zwar einen interessanten Hintergrundbericht garniert mit alternativen Fakten und Schlagwörtern, wie "jetzt hat der Iran zurückgeschlagen", die Faktenlage mit Dichtung überlagert. Iranische Angriffe werden im Konjunktiv berichtet, israelische Angriffe sind Fakt und dienen einer Eskalation. So schreibt die WELT:


Jerusalem reagierte äußerst hart auf Irans ersten Raketenangriff auf Israel. Die schwersten Luftangriffe auf Syrien seit Jahrzehnten stellen den Befehlshaber der iranischen Al-Quds-Brigaden vor eine unlösbare Aufgabe. 

Wohl kaum ein Mensch wird im Nahen Osten gleichzeitig so gehasst und so verehrt wie Qassim Suleimani, Kommandant der Al-Quds-Brigaden. Das ist die Abteilung der iranischen Revolutionsgarden, die für die vielen Auslandseinsätze des iranischen Regimes verantwortlich ist.

Selbst seine Feinde räumen Suleimani zwei positive Charaktereigenschaften ein: Er ist ungeheuer mutig. Schon als junger Offizier im iranisch-irakischen Krieg stahl er sich hinter feindliche Linien, um von dort Ziegen für seine hungernden Soldaten zu stehlen.


Und er gilt als Meisterstratege: Viele glauben, dass er der Architekt von Irans erfolgreicher Expansionspolitik in Nahost ist. Egal ob Rebellen in Jemen, zehntausende Milizionäre im Irak, Syrien oder Libanon – sie alle werden von Suleimani ausgerüstet, ausgebildet, indoktriniert und schließlich befehligt, um den Einfluss der Islamischen Republik in der Region zu mehren.

Jetzt könnte er aber einen Schritt zu weit gegangen sein. Die harte Reaktion der Israelis auf einen Raketenangriff aus Syrien stellt den General vor ein schweres Dilemma. Eine Entscheidung von ihm könnte bestimmen, ob dem Nahen Osten schon jetzt der nächste Krieg droht.

Der Hintergrund ist eines von Suleimanis wichtigsten Projekten: Der Aufbau einer ständigen, großen iranischen Militärpräsenz in Syrien. Damit soll ein alter strategischer Traum Teherans wahr werden: Eine Landbrücke vom Persischen Golf bis zum Mittelmeer.

Die gestattet nicht nur eine direkte Verbindung zu Irans wichtigsten Verbündeten und direkten Handel mit Europa. Sie würde es dem Iran auch erlauben, den Erzfeind Israel unmittelbar von seiner Grenze aus zu bedrohen, während die Mullahs sich in über 2000 Kilometer Entfernung in Sicherheit wähnen. Und genau das ist der Grund, weshalb man in Jerusalem entschlossen ist, nicht zuzulassen, dass der Iran im Nachbarland Fuß fasst.


Schon mehrere Male haben die Israelis in jüngster Vergangenheit iranische Positionen in Syrien angegriffen. Diese Bombardements wurden stets mit einer klaren Botschaft begleitet: Wir werden so lange kämpfen, bis ihr euch aus Syrien zurückzieht. Bis zur vergangenen Nacht reagierten die Iraner nicht. Dabei ist unklar, ob sie nur abwarteten, um US-Präsident Donald Trump keinen Vorwand zu liefern, das Atomabkommen mit dem Iran aufzukündigen, oder ob die wiederholten Luftangriffe der Israelis ihre Vorhaben schlicht nur vorzeitig vereitelten.

Jetzt aber haben die Iraner zurückgeschlagen. Laut Angaben des israelischen Armeesprechers schossen iranische Revolutionsgarden in der Nacht zum Donnerstag 20 Raketen vom Typ Grad und Fadschr-5 aus der Umgebung von Damaskus Richtung Israel ab. Mehrere Raketen sollen noch in Syrien eingeschlagen sein.

Die anderen Geschosse, die israelisches Territorium bedrohten, sollen von Israels Raketenabwehr abgefangen worden sein. So gab es auf israelischer Seite keine Verluste, der Materialschaden soll begrenzt sein.



Erster Angriff auf israelisches Territorium

Doch Israels Luftwaffe nahm den ersten direkten iranischen Angriff auf ihr Land zum Anlass, um den Mullahs eine Kostprobe ihres verheerenden Könnens zu geben. Im größten Bombardement Israels in Syrien seit Jahrzehnten, und Israels größter Aktion gegen den Iran aller Zeiten, bombardierten Kampfflugzeuge eine lange Liste iranischer Stellungen im ganzen Land: Spähposten der iranischen Militäraufklärung, logistische Einrichtungen, Kasernen, Munitionsdepots, Raketenabschussrampen und vor allem vorgezogene Armeeposten in den Golanhöhen. Zudem wurden zahlreiche syrische Luftabwehrsysteme vom Typ SA-5, SA-2, SA-22 und SA-17 zerstört, die Feuer auf die israelischen Jets eröffnet hatten.

Israels Antwort auf den wohl sorgfältig kalkulierten, begrenzten Angriff auf israelische Armeestellungen fiel wohl weitaus massiver aus als die Iraner erwartet hatten. „Wir haben einen erheblichen Teil der iranischen Positionen in Syrien zerstört“, sagt Armeesprecher Oberstleutnant Jonathan Conricus WELT. Dabei sei man nicht darauf aus gewesen, Soldaten zu töten, sondern militärische Kapazitäten zu vernichten.

Wenig später sagte Verteidigungsminister Avigdor Lieberman, Israel habe nahezu die gesamte iranische Infrastruktur in Syrien beschossen. Er hoffe, dass die „Episode“ nun vorbei sei und „jeder verstanden hat“. Lieberman verwies auf ein Sprichwort, wonach, „wenn der Regen auf uns fällt, der Sturm über sie kommen wird“.

Israel gelang es, innerhalb weniger Stunden iranische Arbeit vieler Monate zunichte zu machen. Das macht zwei Dinge deutlich: Dass Israel offenbar über sehr gute geheimdienstliche Informationen über die Standorte iranischer Truppen verfügt; und dass der Iran derzeit nicht imstande ist, sich gegen Israels hochentwickelte Luftwaffe zu verteidigen.

Das stellt Suleimani vor ein Dilemma. Er könnte Rache nehmen, und Israel von seinen Soldaten mit Raketen beschießen lassen. Doch das trüge gleich zwei Risiken: Bei einem begrenzten Angriff wie dem letzten, der Israel keinen wirklichen Schaden zufügte, verlöre er sein Gesicht. Bei einem großen Angriff liefe Suleimani zu diesem Zeitpunkt, zu dem er sich noch nicht verteidigen kann, Gefahr, Opfer einer noch umfassenderen Vergeltung zu werden und fast sämtliche Aktivposten in Syrien zu verlieren.

Suleimani könnte stattdessen seine Verbündeten losschicken, wie die libanesische Hisbollah-Miliz, deren Arsenal von 150.000 Raketen Israel erheblichen Schaden zufügen kann. Doch die Folge wäre ein verheerender Zwei-Fronten-Krieg zu einem Zeitpunkt, der weder Iran noch der Hisbollah politisch nützt. Denn Suleimanis Bosse wollen dieser Tage mit aller Welt Diplomatie betreiben, damit das Atomabkommen nicht vollkommen zusammenbricht.


Suleimani könnte deshalb auch einfach stillhalten. Das wäre zwar ein schwerer Gesichtsverlust, doch es würde ihm wenigstens erlauben, seine Kapazitäten in Syrien wieder aufzubauen.
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Israel scheint mit dieser Option zu rechnen. Die Armee blieb zwar in Alarmbereitschaft, wies jedoch die Behörden im Norden des Landes an, an ihrer Alltagroutine festzuhalten. Die Schulen sind geöffnet. Einzig Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern wurden vorerst untersagt.
Wahrscheinlich ist ein dritter Weg

Am wahrscheinlichsten ist indes, dass Suleimani nach einem dritten Weg sucht, keinen Krieg riskiert, andererseits aber dennoch Rache nimmt. Es ist eine Alternative, die die Al-Quds-Brigaden und ihre Verbündeten in der Vergangenheit wiederholt wählten: Attentate auf israelische und jüdische Einrichtungen in aller Welt.

Für israelische Urlauber und jüdische Gemeinden könnte es deshalb ein sorgenvoller Sommer werden.

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