Sonntag, 27. Januar 2019

Die Klima-Revolution der Kinder wird wohl ausfallen

von Thomas Heck...

Die Kinder Deutschlands, die der neuen Klima-Ikone Greta Thunberg nacheifern, streiken. Für das Klima, für eine gerechte Gesellschaft, für das Ende des Kapitalismus. Doch ich wette, dass aus rein praktischen Erwägungen, die Klima-Revolution so wohl ausfallen wird. Die Gründe finden sich im Menschlichen, wie dieser fiktive Bericht einer noch mehr fiktiven Bekannten aus Berlin das sehr gut beschreibt...


Eine Bekannte aus Berlin hatte heute beim Frühstück eine Familiendiskussion mit ihren beiden Kindern, Juliane, 15 Jahre und Birte 17 Jahre. Beide besuchen ein Gymnasium in Berlin und streben das Abitur an. Beide wollen später irgendwas Soziales machen. Die Bekannte und ihr Mann sind beide stramme SPD-Wähler, mit Hoffnung, gut situiert, Reihenhaus im Berliner Süden. Juliane und Birte waren gestern schulschwänzen. Für das Klima. Greta Thunberg ist das große Vorbild. Was meine Bekannte eher verwunderte, waren doch ihre Kinder beim Mobben immer ganz vorne mit dabei und Kinder wie Greta waren früher beliebte Opfer.

Juliane und Birte besuchen deswegen auch eine Waldorfschule. Weil auch meine Bekannte nicht will, dass die Mitschüler ihrer Kinder Aishe und Mohammed heißen, sie das aber niemals zugeben würde und für eine richtige Privatschule zu geizig ist. Aber nach den Mobbing-Vorwürfen war ein Schulwechsel angezeigt.

Abends wurden die beiden Klimaretter für das Schwänzen zur Rede gestellt und erhielten auf die Frage: „Wie lange wollt Ihr das durchziehen?" die sinngemäße Antwort: „Solange, bis Eure Generation unserer eine bessere Welt hinterlasst. Eine gesunde Welt. In der wir wieder leben können." An Details konnte sich meine Bekannte nicht mehr erinnern. Die strukturierte Erzählung beherrscht in dieser Familie niemand.


Aber sie hat sich Gedanken gemacht und einen praktischen Ansatz gefunden. Heute Morgen, in Absprache mit ihrem Mann, ging sie auf den gestrigen Abend ein. Sie sagte ihren Kindern, dass sie darüber nachgedacht und erkannt habe, dass sich etwas ändern muss. 

Zur Klimaverbesserung wird die Familie die beiden Diesel verkaufen und auf ein umweltfreundliches Modell umsteigen. Für ein Elektroauto reicht es finanziell noch nicht und ihr Mann muss jeden Tag nahezu 100 km zur Arbeit in den Süden Brandenburgs fahren. Aber ein Hybrid wäre schon möglich.

Fortan werden beide Kinder nur noch mit der S-Bahn oder dem Fahrrad zur Schule oder zu ihren Aktivitäten fahren. Meine Bekannte ist auch eine jener Helikopter-Eltern, die Juliane und Birte seit der 1. Klasse morgens zur Schule fahren, noch in der 7. Klasse bis ins Klassenzimmer gebracht hatten, bis die beiden nur noch peinlich berührt waren, und nach Schulschluss auch wieder abholen. Die beiden Gören wurden sogar zur Demo am Brandenburger Tor gefahren.

Um Strahlung zu vermeiden bzw. zu reduzieren, ist sie bereit, auf Mobiltelefone zu verzichten. Es wird daher nur noch ein altes Mobiltelefon für die ganze Familie geben. Für Notfälle, so ganz traut man dem Kohleausstieg nämlich auch nicht. Ein Prepaid-Handy reiche doch vollkommen. Ohne Flatrate. Das ist gleichzeitig auch viel günstiger. WLAN wird abgeschaltet, das Haustelefon wird, auch um „gefährliche Funkstrahlung" zu reduzieren, wieder eine Schnur haben. Jeder bekommt eins in sein Zimmer.

Klamotten werden, um die Ausbeutung asiatischer Hilfsarbeiter oder gar Kinder zu reduzieren und um klimaschädliche Transportwege einzudämmen, nicht mehr in den einschlägigen Hip-Läden gekauft. Primark & Co. seien künftig tabu. Ebenso Amazon, wo sich zum zuständigen Lieferanten schon eine Freundschaft anbahnte. Für die vielen Sozialkaufhäuser in Berlin verdient ihr Mann zu viel. Das geht also nicht. Gekauft wird dann aber in Nachhaltigkeits-Stores oder Second-Hand-Shops. Davon gibt es reichlich in Berlin. Dass sie nicht immer modisch sind, wird hingenommen. Es geht immerhin ums Klima.

Tiefkühlpizzen, Burger, Fast Food, Getränke in Plastikflaschen und abgepackte Lebensmittel werden reduziert bis abgeschafft. Aus das beliebte wöchentliche Sushi vom Bestellservice muss verzichtet werden. Beim Mineralwasser können man ja auf Sodastream umstellen. Wenn man das Gerät in der Küche versteckt, würde auch keiner vom Freundeskreis der SPD-Ortsgruppe, die allesamt  der BDS-Bewegung angehören, merken, dass man beim Boykott israelischer Produkte etwas schummelt. Aber für das Klima lohnen sich Opfer.

Es wird fortan mehr gekocht. Die frischen Lebensmittel dafür werden auf dem Markt gekauft. Bio muss nicht sein. Wird aber angestrebt. Preisdifferenzen zu den bisherigen Lebensmitteln werden durch gemeinsame Reduktion der Haushaltskasse bzw. der Taschengeldkonten ausgeglichen Das Führerscheinsparbuch von Juliane und Birte wird nicht mehr gebraucht und könnte als Anschubfinanzierung dienen.  Da nur noch ein Auto zur Verfügung steht, müsste entweder am Wochenende eingekauft werden oder die Kinder würden nach der Schule den Einkauf erledigen müssen. Revolution erfordert eben Opfer.

Meine Bekannte und Ihr Mann sehen ein, dass sie bislang fast nur Fehler gemacht haben. Daher legen sie die Entscheidungen, das Klima zu verbessern und damit die Erde wieder lebenswert zu machen, in die Hände der Kinder.

Bis Montag Morgen möchte sie daher, dass die Kinder einen Maßnahmenplan entwickeln. Mit dessen Hilfe alles möglichst rasch angegangen wird, denn es sei 5 vor 12.

Dazu kann gern auch regelmäßiges Schulschwänzen gehören.  Nicht wie beim letzten Sommerurlaub, wo die Familie bereits eine Woche vor den Ferien nach Kalifornien flog und Juliane und Birte in der Schule als krank abgemeldet wurden. Allerdings wird es dann keine Entschuldigungsschreiben geben. Weder von ihrem Mann noch von ihr. Da das Teil der Revolution ist, müssen das die Kinder selbst regeln.

Termin ist Montag, 7.00 Uhr. Küche.

Bis jetzt haben die Kinder nicht viel dazu gesagt. Aber es ist ja noch Zeit. 




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