Montag, 10. Juni 2019

Sexismus geht immer...

von Thomas Heck...

In der ganzen Klimadebatte ist neben der Rettung des Planeten das zweite existenzielle Problem der Gegenwart fast in den Hintergrund geraten. Der Sexismus. Gut, dass es "Wissenschaftlerinnen" wie Professorin Julia Becker gibt, die das Thema selbstlos aufgreifen und immer wieder auf die Agenda setzen. Uns würden dann Aussagen entgehen wie "Meine Mitarbeiterin Runa Bezold und ich konnten ein paar neue Formen von Sexismus identifizieren. Zum Beispiel gibt es ganz offensichtlich Sexismus, der als Kompliment getarnt ist. Der hängt zwar mit wohlwollendem Sexismus zusammen, ist aber eine weitere, eigenständige Form von Sexismus." Das nenne ich echte Grundlagenforschung.


ZEIT ONLINE: Frau Becker, Sie forschen über Sexismus. Wie definieren Sie diesen? 
Julia Becker: Sexismus ist, wenn eine Person aufgrund ihres Geschlechts negativ bewertet wird. Es geht immer darum, den ungleichen Status zwischen Männern und Frauen in der Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Sexismus kann sowohl eine individuelle Einstellung oder Verhaltensweise als auch eine kulturelle oder institutionelle Praxis sein. 

ZEIT ONLINE: Sie unterscheiden zwischen feindlichem und wohlwollendem Sexismus.

Becker: Feindlicher Sexismus ist eine klar negative Sicht auf Frauen. Er begründet sich in der Überzeugung, dass Männer einen höheren Status verdient haben. Die feindlichen Sexisten gehen davon aus, dass Frauen das Ziel haben, Macht und Kontrolle über Männer zu erlangen. Deshalb richtet sich feindlicher Sexismus oft an spezifische Personengruppen: Karrierefrauen oder Feministinnen. 

ZEIT ONLINE: Und der wohlwollende Sexismus?

Becker: Der erscheint eher im Gewand der Ritterlichkeit oder des Kavaliertums. Wohlwollende Sexisten sind der Überzeugung, dass Männer Frauen beschützen und versorgen sollten. Frauen sind ihrer Meinung nach das sanftere Geschlecht, warmherziger, fürsorglicher in der Kindererziehung und sie haben einen feineren Sinn für Kunst und Kultur. Die Idee zur Unterscheidung dieser beiden Formen wurde von Peter Glick und Susan Fiske entwickelt. 

ZEIT ONLINE: Welche Art kommt häufiger vor? 

Becker: Feindlicher Sexismus ist klarer zu erkennen, er taucht aber in unserer modernen Gesellschaft weniger auf. Der wohlwollende Sexismus hingegen kommt häufig vor, auch bei jungen Männern und er ist schwer zu fassen, weil er ja freundlich verpackt ist. 

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel, wenn eine Frau im Meeting mit gleichgestellten männlichen Kollegen protokollieren soll, weil sie angeblich eine schönere Schrift hat?

Becker: Genau. Oft sind es Verhaltensweisen in mehrdeutigen Situationen, die zuerst schwer zuzuordnen sind. Wohlwollender Sexismus führt dazu, dass Frauen sich weniger kompetent verhalten: Die Forschung hat gezeigt, dass Frauen Matheaufgaben schlechter lösen, wenn sie vorher auf Geschlechter-Klischees angesprochen wurden, als wenn sie die Rechenaufgabe unbedarft angehen.

ZEIT ONLINE: Ist die Sexismus-Definition auch auf Männer anwendbar? Wenn männliche Erzieher in Kitas skeptisch beäugt werden, weil ihnen von den Eltern unterstellt wird, im Umgang mit Kindern weniger kompetent zu sein?

Becker: Das ist klar Sexismus und natürlich problematisch. Dennoch zeigt die Forschung, dass Männer viel seltener Nachteile durch sexistische Zuschreibungen haben als Frauen, da die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft zugunsten der Männer ausfallen.

ZEIT ONLINE: Gerade arbeiten Sie an einer Studie zu jenem Sexismus, der der Stern-Autorin Laura Himmelreich nach der Veröffentlichung ihres Artikels über Rainer Brüderle vor einem Jahr entgegenschlug. Was haben Sie herausgefunden? 

Becker: Meine Mitarbeiterin Runa Bezold und ich konnten ein paar neue Formen von Sexismus identifizieren. Zum Beispiel gibt es ganz offensichtlich Sexismus, der als Kompliment getarnt ist. Der hängt zwar mit wohlwollendem Sexismus zusammen, ist aber eine weitere, eigenständige Form von Sexismus.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie über diese Form herausgefunden?

Becker: Wir haben uns die Reaktionen von Politikern, Journalisten und Bürgern auf die Debatte angeschaut. Dabei sind sechs Meinungen immer wieder aufgetaucht. Zum Beispiel etwas, was wir den Vorwurf der Lustfeindlichkeit nennen, außerdem das sexistische Kompliment. Zudem Bagatellisierung und die Ansicht, dass Sexismus etwas Natürliches, Angeborenes ist. Aus diesen Meinungen haben wir sechs Kategorien mit typischen Aussagen gebildet und diese 500 Menschen verschiedenen Alters und verschiedener Bevölkerungsgruppen vorgelegt. Sie sollten sagen, ob sie den Aussagen zustimmen. Unsere Umfrage ist wegen der relativ kleinen Teilnehmerzahl nicht repräsentativ, es ist Grundlagenforschung, aber sie hat interessante Ergebnisse hervorgebracht.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Becker: Dass Personen, die den sechs untersuchten Formen von Sexismus zustimmen, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch feindlichem und wohlwollendem Sexismus zustimmen. Dieser Zusammenhang zeigt, dass die Reaktionen auf die Brüderle-Debatte ebenfalls Ausdruck sexistischer Überzeugungen sind. 

Außerdem fanden wir heraus, dass Frauen genauso sexistisch sein können wie Männer. Bei Fragen zur Akzeptanz von Komplimenten oder anzüglichen Sprüchen gab es bei der Beantwortung fast keinen Geschlechtsunterschied. Das hatten wir nicht so erwartet.



ZEIT ONLINE: Was sagt das über unsere Gesellschaft? 

Becker: Wie gesagt, ich bin vorsichtig mit Verallgemeinerungen. Nicht bei allen Items waren die Frauen gleich sexistisch wie die Männer. Aber es ist schon spannend. Man hätte vielleicht eher gedacht, dass Frauen in der Debatte Himmelreich unterstützten und die Männer Brüderle. Aber das war nicht so. Frauen können streng mit ihren Geschlechtsgenossinen sein, wenn die angeblich einen "Flirt nicht verstehen". Allerdings haben wir auch die Geschichte an der Hotelbar abgefragt in unserer Forschung, mit "eine Journalistin" und "ein Politiker" – und da haben die Frauen die Journalistin als wärmer und kompetenter eingestuft, als den Politiker. Das bedeutet, dass eine Person, die sich gegen Sexismus wehrt, nicht notwendigerweise negativ wahrgenommen wird.

ZEIT ONLINE: Sind manche Frauen also unentschieden, was sie jetzt gut heißen und was nicht

Becker: Meine Forschung zeigt, dass die Identifikation mit dem eigenen Geschlecht eine große Rolle spielt. Wenn sich Frauen stark mit ihrem Geschlecht identifizieren, dann sehen sie Sexismus dramatischer und erkennen ihn schneller. Hinzu kommt, dass subtiler Sexismus einfach schwierig zu fassen ist: Oft wissen Frauen erst mal nicht einzuschätzen, war das jetzt abwertend gemeint? Erst später dämmert es ihnen.

ZEIT ONLINE: Es heißt ja, Frauen sollten sexistische Äußerungen sofort und in der Situation selbst anprangern.

Becker: Auf jeden Fall. Am besten ist es, ganz neutral zu fragen: "Wie war das jetzt gemeint?" , "Was sollte das jetzt?" Natürlich läuft sie Gefahr, zum Beispiel als "hysterische Zicke" abgestempelt zu werden. Doch die Forschung zeigt, dass eine Frau, die sich wehrt, oft als kompetenter wahrgenommen wird. 

ZEIT ONLINE: Was ist Ihre ganz persönliche Einschätzung? Hat die Sexismus-Debatte im vergangenen Jahr uns irgendwie weitergebracht? 

Becker: Ich würde es positiv bewerten, dass es überhaupt zu dieser Debatte gekommen ist. Dort wurde etwas benannt, was viele vorher nicht als Sexismus wahrgenommen haben. Dass ein scheinbares Kompliment auch Sexismus sein kann, eine Frau herabwerten kann. Außerdem hat der Hashtag #aufschrei zu viel Solidarität von Frauen und auch Männern geführt. Ich beobachte natürlich auch, dass sich noch nicht so viel verändert hat, wie es sollte. Aber so ist das bei unseren Gewohnheiten, die lassen sich nur langfristig ändern. Das Verhalten von Frauen und Männern wird ja oft schon in der Kindheit geprägt, so etwas lässt sich nicht in einem Jahr umkehren. 




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