Donnerstag, 22. Juni 2017

Zu Judenhass und Nebenwirkungen fragen Sie WDR und Arte

von Thomas Heck...

Gestern war ein denkwürdiger Tag, ein Novum im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen und ein Beweis, dass es ich immer lohnt, standhaft zu bleiben und nicht aufzugeben, es aber eine Zensur im Deutschen Fernsehen tatsächlich gibt. Aber auch die bittere Erkenntnis, dass ein Film über übelsten Antisemitismus der deutschen Linken, der Friedensbewegten, der Muslime und der Nazis nur dann politisch korrekt und somit vorzeigbar ist, wenn nicht gleichtzeitig Israel an den Pranger gestellt wird.

Angesichts der vielen israelkritischen, ja israelfeindlichen Berichte gerade im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, gerade bei Arte, mutet es sehr fragwürdig an, warum gerade ein Film über Antisemitismus die Verantwortlichen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen dazu treibt, eine derartige Scharade um diesen Film abzuziehen. Denn die Scharade trägt bei mir nicht gerade zur Entspannung bei. Es ist alles noch viel schlimmer...


Denn der Film berührt einen wunden Punkt, über den nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen werden darf. Antisemitismus des Alltags von Links und von Muslimen. Etwas, was nicht sein darf. Der Film erreicht auch gar nicht diejenigen, die es bräuchten, die Antisemiten selbst. Umso erstaunlicher und absurder wirkten die Versuche, diesen Film verschwinden zu lassen. Ohne die sozialen Medien und wachsamer Bürger wäre der Film auch verschwunden, doch der Druck der Öffentlichkeit war wohl zu stark.


Ach, hätten sie es doch gelassen. Nachdem Arte und der WDR die umstrittene Antisemitismusdokumentation in ihrer vorliegenden Form nicht hatten ausstrahlen wollen, erledigte die "Bild"-Zeitung den Job und setzte die Öffentlich-Rechtlichen so sehr unter Druck, dass sie es nun doch taten. Nachdem also das Kind in den Brunnen gefallen war, warf ihm der düpierte WDR nun noch ein paar schwere Steine hinterher. Ein schlechter Verlierer, der der Meinungsfreiheit hiermit einen Bärendienst erwiesen hat.

"WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn hat dem WDR einen Bärendienst erwiesen, als er glaubte, mit windigen, ablenkenden Kritteleien wie im angehängten „Faktencheck“ eine qualitative Messlatte herbeizuzaubern, um die sich der Sender außer in diesem einen Fall einen feuchten Dreck schert. Als vor kurzem im WDR eine Dokumentation über Geerd Wilders gesendet wurde, gab es diese Messlatte offenbar noch nicht. Man änderte erst nach Druck von außen einige Punkte, ließ allerdings die nötige Transparenz dabei vermissen. Faktencheck? Journalistische Standards? Fehlanzeige!

Mit Fakten zum Film „Auserwählt und Ausgegrenzt“ ist man dagegen großzügig zur Stelle. Und es sind humoristische Perlen darunter, das muss ich den Machern lassen. Frage: „Ist es wahr, dass die EU das Mausoleum Arafats mitfinanziert hat?“ Antwort: „Das ist nicht belegbar. Die EU bezahlte dabei unter anderem die Gehälter“. Na wenn die EU nicht die Steine bezahlt hat sondern nur die Bauarbeiter, wäre es natürlich grundfalsch, von Mitfinanzierung zu sprechen! Aber der Faktencheck bietet nicht nur Possen, sondern wartet mit Behauptungen auf, deren Perfidie nicht sofort auffällt."


Denn nach "gründlicher Prüfung", so WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn, habe man "sieben persönlichkeitsrechtliche Verstöße" erkennen und "25 weitere inhaltliche Mängel oder Fehler" feststellen müssen. Justiziable Stellen des Films wurden für die Ausstrahlung ambulant geändert, andere vermeintliche Klopper mit dem Hinweis auf Korrekturen im Internet entschärft: "Und deshalb muss man nach dem Film auch zwingend den Faktencheck im Internet sehen." Man könnte das auch Zensur nennen. Und man würde sich wünschen, die ARD würde ihre täglichen Nachrichtensendungen mit der gleichen Inbrunst auf den Gehalt der Wahrheit überprüfen.


Dort wird beispielsweise das Zitat eines Experten (bei 19:54 Minuten) zum "Bedürfnis" der Linken bemängelt, "den Nationalsozialismus zu relativieren", und die fehlende Einordnung nachgereicht: "Sozialistische Systeme wie DDR und Sowjetunion grenzten sich beispielsweise deutlich vom Nationalsozialismus" ab, und die Judenfreundlichkeit beispielsweise des späten Stalin ist bekanntlich legendär.

An anderer Stelle (07:51 Minuten) spricht eine Expertin über den obsessiven Gebrauch von Paraphrasen wie "Banker von der Ostküste" oder "jene einflussreichen Kreise", wenn es um Juden geht. Der WDR weist darauf hin, dass die Professorin nicht den allgemeinen Sprachgebrauch, sondern auf Basis von "über 14.000 Zuschriften an den Zentralrat der Juden" lediglich "dezidiert antisemitische Schriftstücke" analysiert hat. Was natürlich beruhigend ist.

So redlich der Versuch sein mag, eine Dokumentation zu zeigen und sich gleichzeitig von ihr zu distanzieren, so gründlich ging er in die Hose. Zumal die obsessive Akribie, mit der im "Faktencheck" noch das kleinste Haar in der Suppe gesucht wurde, den Befürwortern des Films in die Hände spielte. 

"Der Film lag monatelang bei Ihnen rum", sagte der Historiker Michael Wolffsohn später beim anschließenden Talk mit Sandra Maischberger, und: "Wenn Sie die von Ihnen propagierten Standards immer anwenden würden, dann hätten Sie nur Testbilder." Schönenborn räumte ein: "Der Film hätte in anderer Form einen Anstoß zur Antisemitismusdebatte geben können und nicht einen über journalistische Standards."

Diese Debatte sollte Maischberger führen, sozusagen vollenden, was der Film nicht leisten konnte und diskursiv abfedern, was die verantwortlichen Sender verbockt hatten: "Israelhetze und Judenhass: Gibt es einen neuen Antisemitismus?"

Es stand selten eine Moderatorin auf so verlorenem Posten, was auch an der Auswahl der Gäste lag. Geladen waren je ein jüdischer (Wolffsohn) und ein muslimischer (Ahmad Mansour) Streiter wider den neuen Antisemitismus. Eine Korrespondentin (Gemma Pörzgen) redete dem "palästinensischen Narrativ" das Wort, ein vertrautes Großväterchen (Norbert Blüm) dem "gesunden Menschenverstand" und der Nächstenliebe.

Eine wichtige Scharnierfunktion erfüllte der Psychologe Rolf Verleger, den ich schon rein menschlich nur als Widerling bezeichnen kann. Da hätte man auch Evelyn Hecht-Galinski einladen können. Als ehemaliges Mitglied im Zentralrat der Juden wird Verleger immer dann gebucht, wenn Redaktionen aus Proporz- und Ausgewogenheitsgründen einen kritischen Kostüm-Juden suchen, der Sachen sagt wie: "Ich finde, so geht das bei uns Juden nicht weiter.…"

Das sagt er wirklich, und Mansour, ebenfalls Psychologe, fährt ihm sogleich in die Parade: "Wie kommen Sie von Jude auf Israel?", und das ist im Grunde genau die Frage - was haben Juden in Europa mit der israelischen Politik zu schaffen? Verleger druckst: "Ich kenne keine Untersuchungen über israelischen Antiislamismus. Aber ich weiß, dass es ihn gibt!", weil der Bruder des Schwippschwagers seines Onkels in seinem Beisein mal eine sarkastische Bemerkung über Araber gemacht haben soll. 

Überhaupt zieht es die Diskussion immer wieder weg von ihrem eigentlichen Thema und hinein in den Konflikt zwischen Israel und Palästina - auf die gleiche schiefe Ebene also, auf die auch die (leider nicht eingeladenen) Autoren von "Auserwählt und ausgegrenzt" geraten sind. Korrekturversuche der Moderatorin fruchten nicht, es scheint in der Natur der Sache zu liegen. Sogar Wolffsohn seufzt, Europa sei eben längst "ein Nebenschauplatz des Nahen Ostens".

Mansour plädiert für pädagogische Besuche auch arabischstämmiger Schüler in Auschwitz. Pörzgen hält dagegen - das gehöre nicht zu deren Kultur, mal möge doch mal auf 50 Jahre Besatzung im Westjordanland hinweisen. Blüm häuft Beispiel auf Beispiel israelischer Schikanen, deren Zeuge er wurde. Wolffsohn erklärt launig, er könne derer noch wesentlich mehr aufzählen. Und weisst nebenbei darauf hin, dass es keine israelischen Vernichtungsphantasien für Palästinenser gäbe. Das mache den Unterschied. Blüms intellektuelle Begrenztheit kann darauf nur grunzend antworten.

In diesem Stil geht es hin und her zwischen den Kontrahenten, vor und zurück in der Geschichte. Ganz gleich, auf welcher Seite des Konflikts sich der Zuschauer positioniert hat - die Debatte liefert Erregungsangebote im Minutentakt. Leider aber kaum mehr Erhellendes zur eigentlichen Frage: Gibt es, zusätzlich zum klassischen, noch einen "neuen", sich aus Kreisen der Linken und des politisierten Islam speisenden Antisemitismus in Europa? Es könnte sein, dass der umstrittene Film diese Frage bei allen Mängeln doch beantwortet hat. 

Dafür spricht, dass auch in dieser Debatte fortwährend auf Fragen wie jener herumgekaut wird, ob denn schon Antisemit sei, wer nur Israel kritisiere. Auf Maischbergers Erkundigung, ob ihm als Christ denn eine gewisse, na ja, Judenskepsis nicht durch Erziehung eingeflößt worden sein könnte, reagiert Israelkritiker Blüm empört: "Jesus war Semit! Ich bin kein Antisemit, wenn ich Israel kritisiere oder das internationale Bankwesen." 

Israelkritik, schön und gut und wichtig also "unter Freunden", schon verstanden. Warum aber ist Israelkritik so beliebt, dass das überhaupt ein Wort sein kann: Israelkritik? Gibt es auch Palästinakritik? Warum ist Chinakritik nicht einmal ein Begriff und Sudankritik purer Nonsens? Fragen, die keine Fernsehkritik klären kann. Hauptsache, es liegt nicht am Antisemitismus.

Dabei ist es doch so einfach. Dieser Film hat seine Berechtigung und ich muss kein Freund Israels sein, um den Film und die Entwicklung in unserer Gesellschaft als erschreckend anzusehen. Wenn politische Berichterstattung sich dahin entwickelt, dass ausgewogen heisst, dass man den palästinensischen Judenhass und dessen Morde nicht benennen darf, ohne den "bösen" israelischen Soldaten darzustellen, dann läuft das was falsch. Wie ausgewogen ist ein Bericht über den Nationalsozialismus? Es gibt ein Richtig und ein Falsch und daher werde ich weiter Israelkritiker wie Blüm als das bezeichnen, was sie sind: Antisemiten.






Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen