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Freitag, 20. März 2026

Deutsche Historikerinnen erklären uns die AfD: Ruth Hoffmann und der angebliche „Raubzug von rechts“

von Lukas Mihr

Schlimmer als die NSDAP? Historikerin Hoffmann weiß mehr über die AfD als diese selbst



Wenn es Deutschland an einem nicht mangelt, dann an Historikern und vor allem Historikerinnen, die dem Deutschen die AfD erklären. Das ist eigentlich das Gebiet der Journalisten, die aber eben nur einen Blick für die Gegenwart haben. Den Blick in die Vergangenheit hat hingegen nur die Geschichtswissenschaft. Und welche Vergangenheit gemeint ist, wird schnell klar. Manchmal landen die Experten noch bei den Klassikern, also Carl Schmitt, Oswald Spengler, Armin Mohler oder Ernst Jünger, aber fast immer bei, na wem wohl, der NSDAP. Das ist ebenso ermüdend wie berechenbar und eine akademische Variation von Godwin’s Law, so dass man fast ein wenig erfreut ist, wenn zumindest immer wieder ein neuer Umweg eingeschlagen wird, um dann doch beim immergleichen Ziel zu landen. Die Historikerin Dagmar Herzog beispielsweise ist komplett sexfixiert und sieht genau in diesem Thema eine Wesensverwandtschaft zwischen AfD und NSDAP.

Ruth Hoffmann hingegen geht von der Gegenwart in die ferne Vergangenheit, nämlich bis ins Mittelalter, um von dort die gesamte deutsche Geschichte durchzuexerzieren. Aber der Reihe nach. In ihrem Werk „Raubzug von rechts“ wirft Hoffmann der AfD vor, demokratische und republikanische Errungenschaften zu kapern und für ihre Zwecke zu vereinnahmen. Die Bezugnahme auf die Landesflagge, die Paulskirchenversammlung und die Bürgerbewegung in der DDR sei rein taktisch motiviert und habe nichts mit einer genuin demokratischen Einstellung zu tun. Wirklich konsequent ist Hoffmann dabei nicht. Sie betont, dass die Rechten in Deutschland sich meist auf die Flagge des Kaiserreichs (Schwarz-Weiß-Rot) bezogen hätten und erst in der jüngeren Vergangenheit Schwarz-Rot-Gold für sich beanspruchten. Das stimmt, nur wurde diese Umdeutung erst dadurch möglich, dass die Bundesrepublik selbst ein verkrampftes Verhältnis zu ihren Symbolen hat. Symptomatisch hierfür ist wohl, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel nach ihrem Wahlsieg 2013 dem freudig erregten CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe eine Deutschlandfahne aus der Hand nahm. In einem Paralleluniversum, in dem Deutschland ein wenig patriotischer ticken würde, wären die bevorzugten Farben der AfD vielleicht tatsächlich Schwarz-Weiß-Rot.

Fremdeln mit Schwarz-Rot-Gold

Obwohl Hoffmann Schwarz-Rot-Gold als Farben der Revolution und der frühen Demokratie anpreist, hätte sie „persönlich auch Schwierigkeiten, die bei mir auf dem Balkon zu hängen.“ Und irgendwie will sie auch den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder für einen jüngsten Flaggenvorstoß nicht so recht loben. Es ist nicht ungewöhnlich, dass der Entstehungsprozess eines Buchs von der Realität überholt wird. Man muss seine Rechercheergebnisse deswegen nicht zwangsläufig streichen, schließlich kann man sie auch als Momentaufnahme stehen lassen. Dass Hoffmann aber auch in ihrer aktuellen Buchpromotion auf Maximilian Krah verweist, um ihre Thesen zu untermauern, verfängt nicht ganz. Denn dieser hat seinen früheren Positionen abgeschworen und gibt sich mittlerweile moderat. Die Einschränkung der Meinungsfreiheit ist für sie nur ein „Narrativ“: „Darüber, wie es sich anfühlte, in der DDR zu leben, wissen offenbar gerade AfD-Männer aus dem Westen besonders gut Bescheid.“ Nun, ganz so falsch können die „Besserwessis“ damit nicht liegen, wenn die AfD im Osten durchweg stärkste Partei ist…

Auch stört sich Hoffmann daran, dass die AfD plane, die Inhalte an Schulen und Theatern mitzubestimmen – ganz als ob diese aktuell völlig frei von politischer Einflussnahme seien. Welch seltsame Blüten das treibt, sah man erst kürzlich im Hamburger Thalia-Theater, in dem der rechte Youtuber Feroz Khan einen kurzen Auftritt hatte. Die heiligen Hallen waren fortan kontaminiert. Es heißt, viele Mitarbeiter seien in Tränen ausgebrochen und hätten sich nicht mehr sicher gefühlt. Sollte Ulrich Siegmund im Herbst zum ersten Ministerpräsidenten der AfD gewählt werden, wird er sicherlich auch Einfluss auf die Kulturpolitik in seinem Bundesland nehmen. Aber glaubt jemand ernsthaft, dass er zu weinen beginnt, wenn er einem Linken im Theater begegnet?

Verdächtige parlamentarische Anfragen

Ebenso weiß Hoffmann, dass die AfD durch die Vielzahl ihrer parlamentarischen Anfragen die Demokratie lahmlegen wolle. Der Blick in die Statistik liefert vielfältige Antworten. Bislang war die AfD erst für zwei volle Legislaturperioden im Bundestag vertreten. Von 2021 bis 2025 stellte sie tatsächlich die meisten Anfragen an die Bundesregierung, zwischen 2017 und 2021 ging der Spitzenplatz allerdings an die FDP. Außerdem errang die AfD den Spitzenposten in der letzten Legislaturperiode nur bei den Anfragen der Fraktion. Bei den Anfragen einzelner Parlamentarier lag die Union vorne. Zudem gilt der Spitzenplatz bei den Fraktionsanfragen nur in absoluten Zahlen. Pro Parlamentarier lagen in diesem Punkt die Linken (inklusive BSW) vorn. Dass die AfD stärker als die SPD vertreten ist, kann auch niemanden verwundern. Denn die Anfragen sind ein klassisches Instrument der Oppositionspolitik, die SPD hingegen war in beiden Legislaturperioden an der Regierung beteiligt. Einmal ganz abgesehen davon, dass die AfD wohl kaum die Verwaltung lahmlegen kann – denn seit langem fällt auf: Je brisanter die Anfragen der Fraktion, desto knapper die Antwort der Bundesregierung.

Große Sorgen macht sich Hoffmann darum, dass die AfD die Errungenschaften der Vorgängerregierungen wieder aufheben könnte. Aber das ist leichter gesagt als getan. Barack Obama hatte einst angekündigt, das Kriegsgefangenenlager Guantanamo Bay zu schließen und die Insassen in den USA vor Gericht zu stellen. Dies war einer der Hauptkritikpunkte an seinem Amtsvorgänger George W. Bush gewesen. Doch bald stellte sich heraus, dass man den Gefangenen die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung nicht nachweisen konnte (obwohl dies sehr plausibel war). In einem rechtsstaatlichen Prozess hätte man sie also freisprechen müssen – woraufhin sie sich natürlich wieder dem terroristischen Kampf angeschlossen hätten. Die Folge: Weder dieses Dilemma noch Guantanamo Bay wurden aufgelöst. Donald Trump wollte in seiner ersten Amtszeit die Krankenversicherung seines Vorgängers, genannt Obamacare, wieder abschaffen, scheiterte jedoch im Kongress. Die Beispiele zeigen: Zwar ist es relativ einfach, ein bereits bestehendes Gesetz aufzuheben – denn dafür bedarf es nur einer Parlamentsmehrheit; der große Rattenschwanz an Konsequenzen jedoch, der damit einhergeht, kann sich als äußerst resistent erweisen.

Die AfD und die Homoehe

Wenn sogenannte “Experten” darauf hinweisen, was die AfD alles umsetzen will, sollte sie einmal an der Macht sein, werfen sie ihr damit entweder implizit oder explizit vor, so radikal wie die NSDAP zu sein. Bloß stimmt das nicht; in letzter Konsequenz bedeuten ihre Vorwürfe, dass die AfD sogar noch radikaler als die NSDAP sei. Hoffmann beispielsweise behauptet, dass die AfD die Homoehe abschaffen wolle. Doch daran darf gezweifelt werden. Wenn man wirklich belastbare Informationen sucht, stößt man auf einen Gesetzentwurf der Fraktion von 2018, der fordert, zum “Lebenspartnerschaftsgesetz von 2001” zurückzukehren. Das kann aber zweierlei bedeuten: Das Gesetz von 2001 auf dem Stand von 2001 – oder das Gesetz von 2001, das in den Jahren danach vom Bundesverfassungsgericht mehrfach modifiziert wurde. Würde die AfD eines Tages letzteres Szenario durchsetzen, würde sich also nicht viel ändern. Die Homoehe hieße dann ganz simpel „Lebenspartnerschaft“, hätte aber nur einen neuen Namen, während in allen Alltagsbelangen alles so bliebe, wie es ist. Nun ist die AfD-Forderung allerdings schon acht Jahre her und in der Zwischenzeit hat man nicht mehr allzu viel zum Thema gehört.

Klar, andere Probleme sind weit dringender. Mit jedem Jahr, das bis zur so geframten „Machtergreifung“ noch verstreicht, wird es unwahrscheinlicher, dass die AfD die Homoehe tatsächlich revidieren will. Könnte die AfD überhaupt alle Schwulen und Lesben augenblicklich zwangsscheiden? Ausgeschlossen! Mit den Nürnberger Rassegesetzen wurden Ehen zwischen Deutschen und Juden verboten. Bereits bestehende Ehen hatten jedoch weiterhin Bestand – weil man einerseits nicht die deutschen Ehepartner verärgern wollte und zweitens einen juristisch-bürokratischen Alptraum fürchtete. Immer wieder will Hoffmann klarstellen, dass es ein (von niemandem in der AfD real gefordertes, aber in ihrer Projektion zum Kernanliegen der Partei erklärtes) „völkisch reines Reich“ nicht geben könne. Denn dazu seien die Deutschen ja schlicht zu vielfältig, schließlich hätten sie ja auch keltische und andere Wurzeln. Das Kaiserreich sei eine verspätete Nation gewesen und erst lange nach anderen Zentralstaaten entstanden. Bis heute gäbe es viele einzelne deutsche Regionalidentitäten. Aber hält uns das davon ab, von den Engländern und den Franzosen zu sprechen? Denn auch dort finden wir Franken, Normannen und Kelten und das Argument der Regionalidentitäten kann man doch auf praktisch jedes Volk (außer einem isolierten Stamm im Amazonas-Gebiet) anwenden.

Der gar schröckliche “Volksbegriff”

Selbst Dänemark, das in seiner Größe etwa einem durchschnittlichen deutschen Bundesland entspricht, hat mehrere verschiedene Dialekte. Üblicherweise bewohnen Völker ein zusammenhängendes Gebiet – die Australier aber nicht. Der Großraum Perth ist von tausenden Kilometern Wüste umgeben und komplett vom übrigen Siedlungsgebiet abgeschnitten. Da könnte man viel eher sagen, dass es zwei verschiedene Völker gibt. Hoffmann kommt auf andere Beispiele zu sprechen: So zum Beispiel auf die Hugenotten, denen Berlin beispielsweise den Gendarmenmarkt verdankt oder auf die Ruhrpolen im Bergwerk, die den Fußballverein Schalke prägten. Ohnehin könne sich nur ein Adliger, der all seine Vorfahren überblickt, seiner deutschen Abstammung sicher sein. Hoffmann kommt zum Schluss: „Worin besteht die nationale Identität, die uns angeblich zu jenem klar definierbaren ‚deutschen Volk‘ macht? Die AfD tut so, als sei das sonnenklar. In Wirklichkeit fällt es ihr selbst schwer, die Frage zu beantworten.“ Dabei gibt sie kurz darauf selbst ein bisschen zu, dass es dann wohl doch nicht ganz so schwierig ist. Denn es mag Fälle geben, in denen die Frage, ob jemand zum deutschen Volk gehört, schwierig zu bejahen ist. Sie zu verneinen ist jedoch deutlich einfacher.

Denn weiter heißt es: „Konkret wird es hingegen immer dann, wenn es darum geht, was angeblich nicht deutsch ist – als würde das Eigene erst durch die Abgrenzung vom Fremden entstehen. Die scharfe Trennung zwischen ‚Wir‘ und ‚den Anderen‘ nimmt darum bei rechten Populistinnen und Populisten großen Raum ein, wobei alles, was nicht zum ‚Wir‘ gehört, als minderwertig und gefährlich gilt.“ Denn auch wenn man sich manchmal darüber streiten kann, ob jemand nun deutsch ist oder nicht, ist doch Folgendes klar: Wenn ein Afghane in Deutschland lebt, aber kaum deutsch kann, nicht arbeitet und seine Frau unter den Schleier zwingt, dann macht ihn auch die Staatsbürgerschaft nicht zum Deutschen. Hoffmann stößt sich – wenig verwunderlich – am Begriff des „Passdeutschen“: „Unsere Verfassung unterscheidet nicht zwischen ‚ethnischen‘ Deutschen und ‚Passdeutschen‘. […] Unser Grundgesetz, das die Würde des Menschen an erste Stelle setzt, spiegelt das wider.“ Sicher, es gibt Passagen des Grundgesetzes, die Hoffmanns Deutung stützen – eben in den Artikeln 1 und 3; aber dass die Verfassung nicht zwischen ethnischen Deutschen und Passdeutschen unterscheidet, liegt wohl vor allem daran, dass Deutschland 1949 im Wesentlichen noch ein monoethnischer Staat war und die bald darauf erfolgende Masseneinwanderung niemand voraussehen konnte. Und weder war das Konzept der massenhaften Doppel- und Mehrfachstaatsbürgerschaft bei Verabschiedung des Grundgesetzes relevant, noch hätte man sich damals vorstellen können, dass deutsche Behörden jemals sogar Menschen ohne Integrations- oder sogar Sprachnachweise am Fließband einbürgern.

„Umvolkung“ damals und heute

Einer der maßgeblichen Autoren des Grundgesetzes, der CDU-Politiker und kurzzeitige Justizminister Schleswig-Holsteins, Hermann von Mangoldt, war jedenfalls kein Vertreter von derart inklusivem Gedankengut; 1939 schrieb er unter dem Titel „Rassenrecht und Judentum“ : „Die Geschichte der Völker aller Kontinente zeigt deutlich die Gefahren, die aus einer Vermischung des eigenen mit stark artfremdem Blute drohen. Immer wieder haben daher die Völker zu den einschneidenden Maßnahmen gegriffen, um einer solchen Überfremdung vorzubeugen. Niemals vorher ist die ganze Frage aber mit der gleichen Schärfe wie heute im Dritten Reiche und in einzelnen anderen mitteleuropäischen Ländern als Rassenproblem erkannt und gleichzeitig auch in der Gesetzgebung als solches behandelt worden. […] Sucht man nach einer Erklärung für diese Ausgestaltung unserer Rassenrechte, so ist sie rasch in den in Mitteleuropa gegebenen Bevölkerungsverhältnissen gefunden. Die Gefahr der Rassenüberfremdung drohte hier ernstlich nur von den Juden. Kein anderes artfremdes Volk hat in diesem Raume auch nur annähernd so hohe Zahlen wie sie erreicht.“ Lustiges Detail übrigens am Rande: Die Google-KI Gemini beantwortet die Frage, ob Deutschland ein Vielvölkerstaat sei, übrigens wie folgt: „Der Begriff ‚Vielvölkerstaat‘ wird für das moderne Deutschland selten verwendet, da er historisch vorbelastet ist (er suggeriert oft instabile Großreiche, die zerfallen).“

Einige der Beispiele, die Hoffmann verwendet, fallen dann auch auf sie selbst zurück: Die Ruhrpolen waren als Slawen den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge. Ihre Vereine wurden verboten und eine Politik der Zwangsassimilierung durchgeführt. Dennoch: Wenn ein Ruhrpole im Zweiten Weltkrieg starb, dann meist als Soldat der Wehrmacht und nicht als KZ-Insasse. Auch die Sorben, die im Grenzgebiet zwischen Sachsen und Brandenburg siedeln, standen unter Beobachtung der Gestapo, entgingen aber der Vernichtung. Auch in Bezug auf die deutschen Juden zeigte sich das Regime flexibel. “Halb-” und “Vierteljuden”, die sich um die deutsche Sache verdient gemacht hatten, konnten auf eine Ernennung zum „Ehrenarier“ hoffen. Die Nazis wussten um die deutsche Ostsiedlung im Mittelalter und dass, damit einhergehend, die slawischen Völker bis zu einem gewissen Grad deutscher Abstammung waren. Dementsprechend sah der “Generalplan Ost” auch nicht die komplette Vernichtung oder Vertreibung der Slawen vor, sondern befand Teile von ihnen als “regermanisierbar”. Im Prozess der „Umvolkung“ sollten sie wieder zu Deutschen werden.

Niemand will „Deportationen“ und sie wären auch gar nicht umsetzbar

Heinrich Himmler sah auch in Stalin einen Spross des deutschen Volkes, wie er in seiner berüchtigten Posener Rede anmerkte. Das äußerte er halb bewundernd, halb verängstigt. Vor dem Aufstieg Stalins waren die Eliten der kommunistischen Partei zu etwa 20-40 Prozent jüdisch gewesen, doch dieser Anteil sank nach der großen Parteisäuberung drastisch – wie in Berlin respektvoll anerkannt wurde. Gleichzeitig fürchtete Himmler jedoch, dass Stalin als heimlicher Germane letztlich der überlegene Feldherr sei. Die NS-Rassenideologie war also weit differenzierter, als man gemeinhin annehmen könnte, und trat oft genug hinter pragmatische Überlegungen zurück. Wenn Hoffmann mit Blick auf die AfD von einer „rechten Phantasie vom rein deutschen Volk“ spricht, sollte sie als Historikerin eigentlich wissen, dass dies nicht umsetzbar ist. Deutschland erhebt aus historischen Gründen zwar die Rasse seiner Einwohner nicht, man kann aber grob abschätzen, dass diese zu etwa 15 Prozent außereuropäischer Abstammung sind. Zum Vergleich: In der Rassenarithmetik der Nationalsozialisten machten die oben genannten Gruppen – Juden, Ruhrpolen und Sorben – 1933 vielleicht nur 2 Prozent der Reichsbevölkerung aus. Das allein zeigt, welch organisatorischer Aufwand eine großangelegte Migration bedeuten würde. Abgesehen davon, dass die AfD nie die Absicht hatte, “alle nicht-Deutschen zu deportieren” und außer zu Landes schaffen, wie in Perpetuierung der Potsdam-Lüge nach wie vor unterstellt wird, wäre so etwas auch nur hypothetisch völlig undurchführbar.

Auch Björn Höcke und andere Vertretern umfassender Remigrationsideen geht es vor allem darum, Menschen, die sich hier nicht integrieren können und wollen, loszuwerden – aber nicht durch Zwang oder gar Gewalt, sondern eher aus freien Stücken. Wenn Hoffmann also schreibt: „Höcke, der für Mäßigung noch nie etwas übrig hatte, betonte im Landtag unmissverständlich, seine Partei wolle es Migranten in Deutschland ’so unattraktiv wie möglich‘ machen, mit den Remigrationen in Thüringen beginnen und von dort aus den ‚Migrationsextremismus‘ im ganzen Land ‚abwickeln‘“, dann bedeutet das nicht, dass Höcke seine Absichten in irgendeiner Weise verschleiert. Er weiß, dass man über den Ansatz einer mehr oder weniger freiwilligen Ausreise mehr erreicht, als mit Zwangsmaßnahmen. Hört man Ruth Hoffmann zu, kommt einem unweigerlich in den Sinn, dass sich Historiker vielleicht endlich wieder einmal auf ihre eigentliche Stärke besinnen sollten, nämlich aus der zeitlichen Distanz heraus Schlüsse ziehen, statt durch Inferenz und Zuschreibungen die eigene Voreingenommenheit über eine Partei zur Grundlage ihrer Expertise zu machen. Die Geschichtswissenschaft wird wohl erst in 20 bis 30 Jahren seriöse Aussagen über die AfD des Jahres 2026 treffen können.


Montag, 16. März 2026

Der Kolonialismus des Nahen Ostens

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Das osmanische Jerusalem, 1862.

Ständig wird das Narrativ vertreten, „der Westen“ sei schuld an den fortdauernden Unruhen und Kriegen im Nahen Osten. Und die Keimzelle allen Übels sei der europäische Kolonialismus.
Das ist so tief in unserer Selbstkasteiung verankert, dass wir es gar nicht mehr hinterfragen.
Ich würde gerne eine andere Perspektive anbieten. Die meiner Meinung nach historisch sehr viel zutreffender ist.

Eine Kolonie (lat.: colere = bebauen, Land bestellen) ist ein Gebiet außerhalb des Kernterritoriums eines Staates, das politisch, wirtschaftlich und militärisch von diesem Staat kontrolliert wird, ohne gleichberechtigter Teil dieses Staates zu sein.

Ein wenig Vor-Geschichte

Mit dem Tod des Propheten Mohammed 632 fielen viele arabische Stämme wieder vom Islam ab, da sie sich nur Mohammed persönlich verpflichtet gefühlt hatten. Sie waren also keineswegs wirklich islamisch missioniert.
Daraufhin begannen interne Kriege auf der arabischen Halbinsel, vor allem durch den ersten Kalifen.
Abu Bakr war einer der ersten Anhänger Mohammeds. Aus dieser Zeit stammt noch der Begriff des Kalifen, der gleichzeitig ein religiöser und politischer Herrscher war, ähnlich wie der Papst lange Zeit.
Diese Krieg werden als „Ridda“ bezeichnet.

Danach begann die Islamische Expansion. Keine Missionierung, sondern kriegerische Eroberung.
Die Region war dominiert von Byzanz, also dem oströmischen Reich (Konstantinopel, heue Istanbul), und dem Perserreich, heute Iran.
Innerhalb weniger Jahre eroberten die Araber ein riesiges Gebiet, vom heutigen Iran bis nach Libyen. Das gelang, weil die großen Reiche erschöpft waren und sich lokale Stämme und Ethnien den Arabern anschlossen. In den nächsten wenigen Jahrzehnten beherrschten die Araber ein Gebiet von Indien bis nach Spanien.

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Karte der Islamischen Expansion mit den Zeitangaben der wichtigsten Schlachten und Eroberungen. (Open Source)

Das war die erste Kolonisation. Die heutigen Staaten wurden arabisiert. Durch die Kombination von Religion und Gewaltmacht war das nachhaltig. Bis heute wird in all diesen Ländern (bis auf den Iran) auch arabisch gesprochen, ist meist sogar Amtssprache.

Und seitdem wird das Gebiet in Europa als gemeinsames Reich wahrgenommen.
Das ist aber ebenso ungenau, als würde man ganz Europa als christliches Reich wahrnehmen. Und deshalb muss auch dieser Artikel ungenau bleiben, denn jede Region hat ihre eigene Geschichte.

Wechselhafte Kalifate

Es folgten viele Dynastien. Mit unterschiedlichen „Hauptstädten“: Die Umayyaden regierten von Damaskus aus (heute Syrien), das goldene Zeitalter der Gelehrsamkeit war unter den Abbasiden von Bagdad (heute Irak), die Fatimiden regierten von Kairo in Ägypten aus, usw.
Im Unterschied zu Europa war es tatsächlich zumeist ein zusammenhängendes Reich, aber mit nicht weniger internen Kriegen, wie in Europa.

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Die Alhambra, die Kasbah (Stadtburg) der muslimisch-maurische Dynastie der Nasriden, die das Emirat von Granada in Al-Andalus (Andalusien) in Spanien beherrschten. Eine der größten Burg-Paläste Europas.

Dann kam das Osmanische Reich, die heutigen Türkei. Die Macht wurde ebenfalls gewaltsam durchgesetzt. Das war die zweite Kolonisation.
Die Türken waren keine Araber - sie stammten aus den asiatischen Steppen, bis heute gibt es auch Turk-Völker bis nach China - akzeptierten Arabisch aber aus religiösen Gründen als Verkehrssprache.

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Druck aus einem Buch von ca. 1580 mit handschriftlichen, deutschen Anmerkungen. Er zeigt verschiedene Trachten von türkischen und arabischen Kämpfern.

Dieses Osmanische Reich beherrschte diese riesige Region für 400 Jahre. Ende des 19. Jahrhunderts war auch dieses Imperium erschöpft, erste Gebiete fielen ab. Dann verlor es den Ersten Weltkrieg und wurde von den Siegern zerschlagen.

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Colonel Thomas Edward Lawrence in seiner arabischen Tracht mit dem Dolch (Janbiya), der heute vor allem noch im Jemen getragen wird. (Foto 1918) Der biografische Film Lawrence von Arabien von 1962 ist bis heute ein Meisterwerk, das den Kampf der Araber gegen die Osmanen schildert.

Man darf aber auch hier nicht vergessen, dass viele der Ethnien Anfang des vergangenen Jahrhunderts noch hauptsächlich Beduinen waren. Von Nordafrika über Arabien bis ins heutige Syrien. Sie hatten ein völlig anderes Konzept von Grenzen und Nationalstaaten.

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Ein Beduinen-Mädchen hütet die Schafe am Rande der Negev-Wüste bei Beʾer Scheva (arab.: Biʾr as-Sab, türk.: Birüssebi, engl.: Beersheba), heute Israel. Die traditionelle Bekleidung unterscheidet sich enorm von der arabischen, aber auch von der muslimischen („palästinensischen“) im heutigen Westjordanland. (Foto: 1932)

Bis heute leben u.a. in Israel und Ägypten Beduinen, häufig in Rivalität beispielsweise zur Hamas. Denen nach dem Zweiten Weltkrieg manchmal Häuser und ganze Dörfer gebaut wurden, damit sie nicht mehr über Staatsgrenzen hinaus umherziehen. (Auch solche Dörfer werden in Israel übrigens von der Hisbollah mit Raketen beschossen: Qasr as‑Sir, 2021; Arab al-Aramshe, 2024, usw.)

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Eine muslimische Familie in traditioneller Kleidung in Betlehem, heute Westjordanland. (1898)

Natürlich, es gab mal Kreuzfahrerstaaten in der Levante, dem heutigen Israel, Libanon und Syrien. Aber das waren eher Stadtstaaten. So klein, dass man sie auf einer Gesamtkarte kaum nicht richtig abbilden kann. Und klar, später haben die Briten beispielsweise auch ein Protektorat in den heutigen Arabischen Emiraten und im Oman gehabt. Aber auch das waren angesichts der schieren Landmasse Winzlinge.

Frankreich übernahm das Gebiet des heutigen Syriens und des Libanons als Mandat für den Völkerbund, dem Vorläufer der UN. Aber nicht um es zu behalten, nicht als Kolonie. Auch wenn sie dort natürlich für wenige Jahrzehnte eine Kolonialordnung pflegten, denn irgendwie mussten sie es ja verwalten.
Was hätten sie auch machen sollen? Sie hatten ja nicht einmal Zeit aufzuräumen, dann kam schon der Zweite Weltkrieg. Jetzt wurde es noch chaotischer.
Das französische Vichy Regime kollaborierte mit Nazi-Deutschland, und damit auch Syrien und Libanon. (Und Teile der Palästinenser, deren Anführer auch zeitweise in Berlin residierte und Mitglied der SS wurde.) Im Irak gab es einen Putsch, um sich Deutschland anzuschließen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Siegermächte - ein bisschen Frankreich, aber vor allem Großbritannien - dann tatsächlich einen Fehler gemacht. Sie haben Grenzen mit dem Lineal gezogen. Weil sie kriegsmüde waren und möglichst schnell aus dem Schlamassel raus wollten. So richtig Ahnung hatten sie nicht, denn vorher war ja alles jahrhundertelang das Osmanische Reich gewesen.

So wurden beispielsweise die indogermanisch-sprachigen (iranischen) Kurden und die sprachlich zu den Kurden gehörenden Jesiden vergessen. Die alevitischen Kurden werden von anderen Muslimen nicht als „echte“ Muslime anerkannt, die Drusen in Israel und Syrien als Ketzer angesehen. In Jordanien setzte man einfach einen Herrscher aus der Dynastie der Haschimiten ein, die eigentlich aus Arabien stammt. Und so weiter.

Und mit der aufkommenden Selbstständigkeit der Staaten, wie dem Irak, Ägyptens oder Syrien, begannen erneut die Verteilungskämpfe. Die das Osmanische Reich durch Gewalt und Autonomie-Politik wie ein einem Schnellkochtopf unter einem Deckel gehalten hatte.
Ägypten war osmanisch, aber mit starkem britischem Einfluss. Der Sudan wiederum war quasi ägyptische Kolonie, gehörte also indirekt zum Reich.

Diese Verteilungskämpfe dauern bis heute an.
Deshalb vergleiche ich das auch gerne mit dem 30-Jährigen Krieg in Europa. Wir sehen Verteilungskämpfe, wie auch im ehemaligen Jugoslawien nach dem Zerfall der Sowjetunion. Oder im kurzlebigen Reich von Alexander dem Großen nach seinem Tod, bei den Angelsachsen nach dem Rückzug der Römer aus England, und so weiter.

„Weltliche“ Herrscher - wie das Haus Saud in Saudi-Arabien oder das Königreich Jordanien - wollen natürlich an der Macht bleiben. (Haus Al Chalifa, Bahrain; Haus Al Sabah, Kuweit; Al Maktum, Dubai; Oman, Haus Al Said; usw. Man kann an den Herrscherhäusern noch heute häufig die alten Stämme anlesen.)
Andere, wie der Iran, die Hisbollah, die Hamas oder IS wollen wieder ein Kalifat, also ein islamisch geführtes Imperium.

Wobei die sich auch untereinander bekämpfen, beispielsweise der sunnitische IS und der schiitische Iran sind spinnefeind. Hisbollah und Iran eint mit der Hamas ausschließlich der Hass auf Israel. Wäre der erledigt, würden sie sich gegenseitig bekämpfen. Die Hamas ist auch verfeindet mit der eher weltlichen, sozialistischen PLO: es kam 2006 zum Bürgerkrieg im Gazastreifen und immer wieder zu Gefechten im nördlichen Westjordanland.

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Visualisiert: Die heutigen Staaten, die ursprünglich zum Osmanischen Reich gehörten. Es sind exakt die Staaten, in denen es seit Jahrzehnten Kriege und Spannungen gibt. (Zum Osmanischen Reich gehörten mehr, ich habe nur die relevanten Staaten in Nahost eingefärbt.)

Keine homogene Masse

Deshalb verstehen viele Europäer auch nicht die internen Streitereien. Weil sie die Geschichtsbücher nicht bemühen.

Ägypter sehen sich beispielsweise bis heute als Nachkommen eines Jahrtausende alten Reiches. Auch wenn deren Herrscher vor der Arabisierung erst Griechen und dann Römer waren. Sie schauen zumeist auf die Palästinenser herab.
Die Türken sehen sich als Nachfahren der Kolonialherren, die alles 400 Jahre regiert haben. Weshalb Erdogan sich gerne als Vermittler anbietet, dabei geht es um Reputation.
Die Iraner sehen sich in der Breite als Nachfahren der Perser und sind keine Araber, weshalb derzeit bei Demonstrationen gerne mal skandiert wird, dass sie auf arabische Propheten scheißen. Sie sind im Gegensatz zum Regime wenig religiös; die radikalen Schiiten, die in der islamischen Welt eine kleine Minderheit sind, haben da natürlich andere Vorstellungen.
Die Araber sehen sich aufgrund der Religion und der islamischen Expansion natürlich als Hai im Karpfenteich, schließlich sprechen alle anderen Länder ihre Sprache. Auch sie blicken u.a. auf die Palästinenser herab.

Das verdeutlicht auch, warum beispielsweise Ägypten keine palästinensischen Flüchtlinge aufgenommen hat. Oder wie die Hisbollah einen Staat im libanesischen Staate aufbauen konnte. Oder warum Katar (Haus al Thani) - zwischen den Erzrivalen Saudi-Arabien und Iran - versucht auf allen Hochzeiten zu tanzen. Und warum den meisten Arabern völlig scheißegal ist, wenn das iranische Regime Zehntausende massakriert.

Es gab keinen europäischen Kolonialismus in der arabischen Welt

Es ist in meinen Augen geschichtsrevisionistisch, den Grund im europäischen Kolonialismus zu sehen.
Das ist kein Reinwaschen, der war kein Stück besser. Nur hat der woanders stattgefunden. In Afrika, Indien, China und den Amerikas.

Die Briten waren keine Kolonialherren, sondern kurzzeitig Verwalter. Sie haben das Gebiet nicht von seinen unterschiedlichen Bevölkerungen erobert, sondern es ist ihnen zugefallen. Weil sie den Hausherren in einem Krieg besiegt hatten, in dem diese Gebiete höchstens eine Nebenrolle spielten. Nicht einmal eine Sprechrolle.

Wir denken nur, das sei alles Kolonialismus gewesen.
Weil wir Agatha-Christie-Filme sehen, in denen die Briten wie Kolonialherren in Ägypten und Mesopotamien rumlaufen. Oder Dokumentationen über britische oder deutsche Forscher, die Tutanchamun, Babylon oder Troja entdecken. Oder weil Indiana Jones auf der ganzen Welt Nazis bekämpft. Oder weil uns irgendwelche Linksradikalen auf Social Media erzählen, an dem Chaos seien europäische Kolonisatoren schuld. Und Postkolonialismus-Professoren eh überall Kolonialismus und Rassismus wittern, weil sonst auffallen würde, wie sinnlos ihr Lehrstuhl ist und normale Historiker das auch könnten.
Weil wir keine Ahnung von der arabischen Welt zwischen dem oströmischen Reich und dem Ersten Weltkrieg haben.

Tatsächlich kracht es überall. Und da, wo es nicht kracht, sind autokratische Herrscher an der Macht.
Und immer wieder kann man auf Social Media „westliche“ Linksradikale und Palituchträger erwischen, die absolut keine Ahnung von der islamischen Welt haben.
Da darf man schon die Frage stellen, ob es nicht eher rassistisch und arrogant ist, oder auf einem kolonialistischen Weltbild beruht, hunderte Ethnien, Nationen und Historien über einen Kamm zu scheren.
Würden wir heute Bulgarien zur Seite springen, wenn die Türkei es angreift? Nur weil es christlich-orthodox und die Türkei muslimisch ist? Und wenn nicht, warum erwarten wir dann, dass Ägypten Palästinenser aufnimmt oder Saudi-Arabien dem Iran gegen die USA verteidigt?

Man sollte sich zwischen den Selbstgeißelungen doch wenigstens an eines erinnern:
Demokratie und die Trennung von Religion und Staat sind europäische Errungenschaften. Für Frieden zwischen den Staaten und Akzeptanz von religiösen und ethnischen Minderheiten mussten auch wir jahrhundertelang kämpfen. Und haben uns auch gegenseitig die Köppe eingeschlagen. Das läuft in der islamischen Welt nicht anders als in der christlichen. Dort wurde es nur über Jahrhunderte durch Dynastien unter dem Deckel gehalten. Einem kolonialistsichen, imperialistischen, autokratischen, aber islamischen Deckel. Und der ist offen, weil der letzte Hausherr einen Krieg gegen andere verloren hat.

Es ist sehr schwer vorstellbar, dass es dort anders aussehen würde, wenn Großbritannien nicht so doof gewesen wäre, diese Grenzen zu ziehen.
Denn in den meisten Konflikte der Region geht es nicht um Grenzstreitigkeiten. Sondern um Religion und Macht.


Erschienen auf steady.page

Sonntag, 1. März 2026

Dekolonialisierung in Braunschweig: Globaler Opferkult auf deutschem Sockel

von Thomas Hartung

Wird zum Objekt woker Umdeutungen: Das Braunschweiger Kolonialdenkmal



In Braunschweig wird derzeit gefeiert, was als Musterfall “moderner”, sprich woker Erinnerungskultur gilt. Das Kolonialdenkmal in der dortigen Jasperallee – 1925 errichtet zur Erinnerung an “unsere Kolonien und die dort gefallenen Kameraden” – wird nicht abgerissen, sondern “dekolonisiert”. Die Stadt hat dazu einen internationalen Wettbewerb ausgerufen, eingebettet in die Initiative “Koloniales Erbe in Braunschweig” und die Ausstellung “Decolonizing Public Space”. Gewonnen hat die niederländisch-surinamische Künstlerin “patricia kaersenhout” [sic!], die auf exakt diese Schreibweise wert legt. Ihr Projekt “Liberating the Monument” umgibt den alten Steinquader mit einer erhöhten, schwarzen Granitplatte, die an Grabplatten erinnert. In diese Fläche sind die Namen siebzehn “Widerstandsheldinnen und -helden” aus Afrika, Asien und Ozeanien eingraviert, die gegen deutsche Kolonialherrschaft kämpften. Über QR-Codes können die Besucher ihre Geschichten in mehreren (!) Sprachen abrufen.

Nachts wird das Ensemble in violettes Licht getaucht – eine Farbe, die laut Künstlerin “den Löwen befreit” und aus einem Symbol von Macht und Unterdrückung ein Zeichen der Gleichheit machen soll. Zur Einweihung spricht der Oberbürgermeister, Schülerinnen und Schüler tragen Widerstandsgeschichten vor, ein “O-beah-Mann” vollzieht eine rituelle Zeremonie. Auf dem Papier klingt das alles nach pluraler Erinnerung: Die Opfer kolonialer Gewalt erhalten endlich Namen, der eurozentrische Blick wird “erweitert”. In Wahrheit jedoch ist “Liberating the Monument” ein weiterer exemplarischer Akt der Selbstentfremdung – und symptomatisch für eine deutsche Erinnerungskultur, die das Eigene nur noch als Quelle von Schuld und Scham kennt.

Vom Denkmal zur pädagogischen Inszenierung

Ein Denkmal ist zunächst etwas Einfaches – eine verdichtete Form kollektiver Erinnerung. Das Braunschweiger Kolonialdenkmal war Ausdruck eines historischen Bewusstseins, das heute Fremdscham auslöst: Es ehrte die kolonialen “Kameraden” und klagte den Verlust überseeischer Besitzungen an. Der Löwe mit eingezogenem Schwanz symbolisierte Kraft und Durchhaltewillen; zugleich war das Denkmal eingebettet in die welfische und mecklenburgische Heraldik. Man kann diese Symbolik heute ablehnen, kritisieren, historisch einordnen – aber sie war Teil einer konkreten lokalen Erinnerung: Braunschweiger Bürger, Verbände, Veteranen schufen sich 1925 ein Denkmal für “ihre” Toten und “ihr” Imperium – eine im damaligen Paradigma selbstverständliche Identifikation, die aus heutiger Sicht zwar fragwürdig gilt, damals jedoch in keiner Weise problematisiert wurde.

Der Umbau zum “befreiten” Monument verschiebt die Funktion nun radikal: Nicht mehr Braunschweigs eigene Vergangenheit steht im Mittelpunkt, sondern eine globale pädagogische Botschaft. Passanten sollen über “blinde Flecken im kulturellen Archiv” nachdenken, die “dominante, mystifizierte Erzählung” der Geschichte hinterfragen. Erinnerung wird damit zur moralischen Nachschulung: Wer sich dem Denkmal nähert, soll nicht trauern oder historisch staunen, sondern neu lernen. Nicht “wir gedenken unserer Toten”, sondern “ihr habt da draußen vieles falsch gemacht – und wir erklären euch jetzt, was.” So wird das Monument von einem Ort des Erinnerns zu einer Bühne der Umerziehung.

Die Entörtlichung des Gedenkens

Auffällig ist, dass die siebzehn geehrten Widerstandsfiguren kaum Bezug zu Braunschweig haben: Es sind Namen aus Tansania, Kamerun, Namibia, Samoa, China, Uganda; – ein globales Pantheon kolonialer Helden. Das markiert eine Verschiebung: Der deutsche Stadtraum dient als Trägermaterial für eine universalistische Opfererzählung, in der das Konkrete des Ortes verschwindet. Aus Braunschweigs Geschichte verkommt so zur Kulisse einer weltpolitischen Moralstunde. Dabei hat auch diese deutsche Stadt längst eigene, authentische Formen des Gedenkens entwickelt – etwa die Stolpersteine für die deportierten jüdischen Bürger, die aus konkreten Namen und Adressen bestehen und das verdichtete Elend der eigenen Nachbarschaft sichtbar machen.

“Liberating the Monument” hingegen löst das Gedenken aus dem Ort heraus. Das Eigene – die ambivalente koloniale Vergangenheit einer deutschen Stadt – wird unter einer schwarzen Granitplatte begraben, auf der eine austauschbare Liste globaler Widerstandsfiguren steht. Wer in zwanzig Jahren dort vorbeigeht, wird kaum noch verstehen, was hier einmal wirklich erinnert wurde. Bewahre, dass solche “Denkmalbefreiungen” irgendwann auch NS-Konzentrationslager-Gedenkstätten betreffen, möchte man hier einwerfen.

Die Logik des Dekonstruierens

Offiziell “reagiert” das neue Kunstwerk auf das alte Denkmal. In Wahrheit tut es etwas anderes: Es überformt, relativiert, moralisiert. Die Künstlerin spricht davon, die “dominante mystifizierte Erzählung” zu hinterfragen, die Stadt von “kolonialen Machtstrukturen” zu befreien. Die deutsche Erinnerungskultur bewegt sich seit Jahren in dieser Logik: Nicht ergänzen, sondern “dekonstruieren“; nicht kontextualisieren, sondern “transformieren”. Was an den Koloni-ldenkmälern, Kaiserstandbildern, Straßennamen irritiert, soll nicht als historische Fremdheit ausgehalten, sondern als moralisches Fehlurteil korrigiert werden.

Der tiefere Grund ist eine Verschiebung des Selbstverhältnisses: Ein Volk, das sich seiner Geschichte sicher ist, kann Widersprüche ertragen – auch hässliche. Es stellt erklärende Tafeln dazu, baut vielleicht ein Gegendenkmal neben das alte; aber es hält aus, dass seine Vorfahren andere Maßstäbe hatten.


Wenn es denn überhaupt andere waren: Im pfälzischen Landau etwa blieben nach einem Bürgerentscheid vor einem Jahr die Hans-Stempel-, die Kohl-Larsen-und die Hindenburgstraße ebenso erhalten wie jüngst in Münster die Skagerrak-, die Admiral-Scheer-, die Admiral-Spee-, die Otto-Weddigen- und die Langemarckstraße. Ein Volk, das seine eigene Legitimität nur noch in der Distanz zu sich selbst findet, muss Symbole ständig “erlösen“: vom preußischen Militarismus, vom Kolonialismus, vom Nationalismus, von der “weißen” Dominanz. “Liberating the Monument“ befreit das Denkmal nicht – es befreit die Gegenwart von der Zumutung einer – von manchen als unschön empfundenen – eigenen Geschichte, indem es sie unter einer verordneten neuen Bedeutungsschicht verschüttet.

Die „Wichtigkeit des Eigenen”

Konservative Erinnerungskultur insistiert auf einem einfachen Gedanken: Ein Gemeinwesen, das seiner selbst nicht erinnert, hört auf zu existieren. Es mag sich noch für alles Mögliche moralisch zuständig fühlen – für den Weltfrieden, den Regenwald, das Klima –, aber es verliert jene innere Kontinuität, ohne die politische Freiheit nicht zu haben ist. Diese Kontinuität wird nicht zuletzt auch gestört durch den aktuellen Ramadan-Kotau: “Freiburg adelt den Ramadan zum quasi offiziellen Leitfest – mit Mond-Inszenierung, Grußbotschaften und Infotafel. Für christliche Feste werden dagegen ‚Wintermärkte‘ und Zurückhaltung gepredigt”, moniert der rechtspolitische AfD-Fraktionssprecher in Baden-Württemberg, Rüdiger Klos. Diese Prediger aber müssten sich fragen lassen, ob sie bereit wären, “Kreuz, Krippe und christliche Fastenzeit im selben Maß sichtbar zu machen. Alles andere ist keine Toleranz, sondern politisch motivierte Bevorzugung.”

Das Eigene ist nicht dasselbe wie das Gute. Auch Schuld, Verstrickung, Irrtum gehören dazu. Aber sie werden als eigene Schuld erinnert, nicht als Anlass zur Selbstabschaffung. Die Braun-schweiger Kolonialgeschichte ist Teil der deutschen Geschichte. Sie verschwindet nicht dadurch, dass man ihr ein globales Widerstandsrelief aus schwarzem Granit vor die Füße stellt. Gerade im Umgang mit Kolonialismus wäre eine souveräne Erinnerungskultur gefragt: eine, die die koloniale Gewalt klar benennt, aber zugleich die historische Realität anerkennt, dass Deutschland – anders als klassische Weltreiche – nur kurz und begrenzt Kolonialmacht war; eine, die die Opfer würdigt, ohne die eigene geschichtliche Existenz zum bloßen Verbrechen zu erklären.

Ritual statt Urteil

Bemerkenswert ist der quasireligiöse Rahmen, den Braunschweig der Einweihung gibt. Ein „O-beah-Mann“ – Vertreter einer afro-karibischen spirituellen Tradition – soll das Kunstwerk rituell weihen. Der deutsche Stadtraum wird damit nicht nur semantisch, sondern auch kultisch geöffnet: für importierte Rituale, für eine symbolische “Heilung” durch violettes Licht und magische Worte.
Das ist mehr als Folklore. Es ist Ausdruck eines Bedürfnisses, die eigene Geschichte nicht mehr mit rationaler Kritik, sondern mit Exorzismus zu behandeln.

Die Vergangenheit erscheint als Dämon, der gebannt werden muss. An die Stelle des historischen Urteils tritt eine esoterische Reinigung. Wer aber glaubt, sich durch Rituale von seiner Geschichte freikaufen zu können, wird am Ende nur eines erreichen: die Unfähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung setzt Identifikation voraus – nicht mit jeder Tat der Vorfahren, aber mit der Tatsache, dass es unsere Vorfahren waren.

Erinnerung ohne Selbstverlust

Niemand muss das Braunschweiger Kolonialdenkmal lieben: ein Löwe, der zur Rückeroberung “unserer Kolonien” mahnt – das ist der Ton eines vergangenen Zeitalters. Aber gerade in dieser Fremdheit liegt sein Wert: Statt das Denkmal unter einem globalistischen Opferrelief verschwinden zu lassen, könnte eine erwachsene Stadt Schulklassen dorthin führen und ihnen sowohl den kolonialen Selbstentwurf von 1925 zeigen als auch unsere heutige kritische Sicht darauf vermitteln. So würden junge Menschen verstehen, dass Geschichte aus Spannungen besteht; dass sich das Eigene nicht nur aus Heldentaten und nicht nur aus Verbrechen der Vergangenheit zusammensetzt, sondern das Ziel eines langen, manchmal widersprüchlichen Wegs ist.

“Liberating the Monument” hingegen befreit uns vor allem von der Pflicht, diese Spannung auszuhalten. Es verwandelt das Denkmal in eine moralische Lehrstation, die mehr über die Gegenwart erzählt als über die Vergangenheit: über eine Republik, die ihren Kindern lieber globale Schuldgeschichten als lokale Herkunftsgeschichten erzählt. Wer Erinnerungskultur ernst nimmt, muss dagegenhalten: Nicht jeder Stein im öffentlichen Raum ist eine pädagogische Stellwand. Manches ist einfach Teil der eigenen Geschichte – und gerade deshalb unverzichtbar.


Montag, 27. Januar 2025

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