
B.Z.-Reporter Jörg Schaefers (53) neben dem verschlossenen Miles-Auto – den Schriftzug haben Witzbolde in „Milf“ verwandelt
von Jörg Schaefers
Berlin – Mein Rucksack ist seit Freitagabend um 20 Uhr in der Gewalt eines Carsharing-Autos. Mit Laptop, Hausausweis, Schlüsseln, Brieftasche und allem Pipapo. Die Verhandlungen zur Freilassung gestalten sich zäh. Schlimm: Ich bin selbst schuld daran. Machen Sie nicht denselben Fehler wie ich.
Es ist gerade Feierabend, als das Miles-Drama seinen Lauf nimmt. Auf dem Heimweg schnell noch in den Supermarkt, das ist der Plan. Da ich kein Auto habe, miete ich eins bei Miles. Das sind die Wagen, die fast immer schwarz sind und bei denen fast immer ein Spaßvogel den unteren Balken des Buchstaben E weggekratzt hat. Auch auf meinem Audi Avant sogar noch das „S“: „MILF“ klebt auf der Scheibe.
Dann kommt die Fehlermeldung
Rein in die Tiefgarage, raus aus dem Auto. Kurz gecheckt: Hat das Handy hier Empfang? Ja, hat es. Also per App die Tür verriegelt und frohen Herzens zum Einkaufen. 20 Minuten später bin ich zurück und stehe im kalten Parkhaus fluchend vor dem Auto. Die Türen lassen sich nicht öffnen, die App spuckt nur eine Fehlermeldung aus.
Alles drin: Das Sharing-Auto von Miles in der Aldi-TiefgarageAnruf bei der Hotline von Miles. Die hat eine nervtötende Eigenschaft: Nach einer gewissen Zeit wird das Gespräch automatisch beendet.
Anruf 1. Ein Mann. „Kein Problem, Herr Schaefers. Schalten Sie einfach die mobilen Daten an Ihrem Handy aus und Bluetooth ein. Dann gehen Sie in die Miles-App und klicken auf Offline-Modus. Dann können Sie die Türen entsperren.“ Ich: „Ich habe keine Miles-App. Ich habe das Auto über die Bolt-App gebucht.“ Er: „Dann geht es nicht.“ Tut-tut-tut.
Tut-tut-tut – die Hotline des Grauens
Anruf 2. Eine Frau. „Ich schicke Ihnen jemanden mit einem physischen Schlüssel, der macht das Auto auf. Darf ich den Kollegen Ihre Telefonnummer …?“ Tut-tut-tut.
Anruf 3. Ein anderer Mann. „Ja, die Kollegin wollte jemanden mit einem Schlüssel schicken, aber die arbeiten jetzt am Freitagabend nicht mehr. Am Wochenende auch nicht, erst Montag wieder. Sind Sie ADAC‑Mitglied?“ Ich: „Nein. Ich habe kein Auto, deshalb miete ich welche bei Miles.“ Er: „Verstehe, dann …“ Tut-tut-tut.
Anruf 4. Ein Mann, ich glaube, es ist der von Anruf 1. Ich: „Können Sie nicht einfach auf einen Knopf drücken und der Wagen geht auf?“ Er: „Nein, weil Ihr Wagen in einer Tiefgarage steht. Da ist er unter dem Radar. Es gibt nur eine Lösung: Wir schicken Ihnen einen Abschlepper. Der zieht Ihren Wagen raus aus der Tiefgarage. Den müssen Sie aber zahlen.“ Ich: „Ich? Weil SIE das Auto nicht aufkriegen?“ Er: „Ja. In den AGBs, denen Sie zugestimmt haben, steht, dass Sie nicht in einer Tiefgarage parken dürfen.“ Tut-tut-tut!
Ein Miles-Auto unter dem Radar
Ich stehe im kalten Parkhaus und denke an „Per Anhalter durch die Galaxis“: ein sehr gutes Buch, in dem das Haus des Protagonisten einer Umgehungsstraße weichen muss. Die Pläne für diese lagen aus in einem Keller ohne Licht, in einem verschlossenen Aktenschrank, in einem unbenutzten Klo, an dessen Tür „Vorsicht, bissiger Hund“ stand. Ich ersetze die Pläne für die Umgehungsstraße in meinem Kopf durch die Miles-AGBs.
Nach einem weiteren Anruf gelingt es immerhin, die Miete des Wagens zu beenden. Knapp 30 Euro sind aufgelaufen. Sorgen machen, dass jetzt jemand anders das Auto mietet und meiner Sachen habhaft wird, muss ich mir nicht: Das Auto ist ja „unter dem Radar“ und somit nicht buchbar.
Letzter Ausweg: Notausgang
Ich beschließe, dass ich heute nichts mehr tun kann, und am Montag noch mal bei Miles anrufe. Dann arbeitet ja der Mann mit dem physischen Schlüssel wieder. Ich möchte ihn gerne am Auto treffen. Und meinen Rucksack rausholen.
Jetzt will ich aber erst einmal nach Hause, schließlich ist es schon nach 22 Uhr. Leider bedeutet das auch, dass das Parkhaus geschlossen ist. Man kommt nicht mehr rein und auch nicht mehr raus. Als ich mein Parkticket an der Schranke einstecken will, um in die Freiheit zu laufen, tut sich nichts. An der Schranke ist ein Notrufknopf und ein Lautsprecher. Der Mann am anderen Ende der Leitung kann nicht helfen. Irgendwann taumle ich durch einen Notausgang nach draußen.
„Warum bist du denn so spät?“, fragt meine Frau zu Hause. „MILF-Probleme“, sage ich.
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