Sonntag, 8. Februar 2026

Bleierner Stillstand mit laufendem Motor

von Michael Münch

Die Uhr tickt, doch in Deutschland bewegt sich nichts



Schon wieder dieselben Zahlen, schon wieder dieselbe Starre: AfD 26 Prozent, Union 25 Prozent, SPD 16 Prozent, Grüne 11 Prozent, Linke 10 Prozent. Zwei Drittel der Bürger sind mit Kanzler und Regierung unzufrieden – doch an der Wahlfront, in den Umfragen, bewegt sich nichts. Das Land wirkt wie ein Zug, der mit heulendem Antrieb im Bahnhof verharrt, während der Fahrplan längst zerrissen ist. Deutschland lebt im Zustand des rasenden Stillstands. Jede Schlagzeile überholt die nächste, jede Krise wird lauter, und doch verharren die Balken wie festgenagelt. Die Menschen fühlen den Niedergang – aber sie wählen, als gäbe es noch ein Gestern, in das man zurückkriechen könnte.

Und auf in dieser bleiernen Trägheit lastet eine Wahrheit, die man nur ungern ausspricht: Die AfD ist die stärkste Einzelpartei, die Union reicht an sie nur noch als rechnerischer Doppelgänger aus CDU und CSU heran, beide zusammengeklebt wie ein altes Wahlplakat. AfD 26, Union 25: Wer ehrlich rechnet, muss die CSU abziehen und sieht die CDU sodann unter zwanzig Prozent. Eine Zahl, die früher das Ende eines Parteichefs bedeutet hätte. Heute verkauft man uns diese Partei als Stabilität, als Mitte, als letzte Bastion gegen das Unheil, das man täglich an die Wand malt.

Der Osten misstraut dem System

Dabei sprechen die Zufriedenheitswerte eine andere Sprache. Fast 70 Prozent misstrauen Kanzler und Regierung – doch der Wahlzettel wird nicht zum Denkzettel, sondern bleibt ein Anker, an den man sich klammert wie an ein Geländer im Sturm. Viele Wähler halten an dem fest, was sie kennen, weil sie fürchten, was sonst angeblich alles kommen könnte. Man vertraut blind den Warnungen vor politischen Veränderungen. Warnungen desselben Systems das die Krise erst heraufbeschworen hat.

Im Osten ist diese Bindung dünner, dort weiß man, dass Systeme sterben können; Wer den Zusammenbruch eines Staates erlebt hat, glaubt nicht mehr an Ewigkeitsgarantien aus Berlin. Darum verschiebt sich das Gewicht dort schneller, während der Westen noch am Möbelstück Bundesrepublik rückt und hofft, es werde irgendwann wieder gemütlich. Doch der Stillstand der Umfragen ist kein Beweis für Zufriedenheit, sondern für Müdigkeit. Man wählt nicht mehr aus Überzeugung, sondern aus Gewohnheit, aus Angst vor sozialer Ächtung, aus Sorge um Arbeitsplatz, Familie, Ruf.

Umfragen als Blick in den Rückspiegel

Viele würden anders stimmen, wenn der öffentliche Pranger nicht so hell angestrahlt wäre. Die Brandmauer, als moralischer Schutzwall gedacht, wirkt längst wie ein politischer Betonring. Sie stabilisiert nicht, sie verengt, sie macht Mehrheiten künstlich unmöglich und treibt den Frust tiefer in den Boden. Aber ein System, das nur durch Ausgrenzung hält, steht nicht fest, es klemmt. So gleichen die Umfragen dem Blick in den Rückspiegel. Man sieht das Gestern klar, das Morgen nur als Schatten, und das Heute als flackernde Warnlampe. Deutschland steht vor einer völligen Neuordnung, wirtschaftlich, geopolitisch, kulturell. Doch die Parteien tun, als ließe sich die Uhr zurückdrehen.

Vielleicht ist diese bleierne Phase nur die Ruhe vor einer Verschiebung, die lauter wird, sobald der erste Dominostein fällt.

Vielleicht auch der Moment, in dem ein Land merkt, dass man Niedergang nicht wegmoderieren kann. Sicher ist nur, dass Zahlen allein nichts mehr erklären, weil dahinter ein Gefühl wächst, das stärker ist als jede Tabelle. Die Menschen spüren, dass etwas endet, ohne zu wissen, was beginnt. Darum bleiben sie auf dem Bahnsteig, hören den Zug, sehen ihn aber nicht.

Politik wird zur Verwaltung des Wartens, während der Zug weiter heult.

Und während Moderatoren ihre Formeln sprechen, Institute Kurven glätten und Parteien Brandmauern stapeln, verschiebt sich unter der Oberfläche ein anderer Ton. Kein Aufschrei, eher ein Knirschen, als würde sich das Fundament um Millimeter bewegen. Vielleicht wird man später sagen, dies sei die eigentliche bleierne Zeit gewesen. Nicht laut, sondern schwer. Eine Epoche, in der das Land im Leerlauf raste.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen