von Lukas Mihr

Elon Musk im Frühjahr 2025 als “Rotstift-Manager“ bei DOGE
Im vergangenen Jahr berichteten zahlreiche Vertreter der selbsternannten deutschen “Qualitätsmedien”, darunter ARD, ZDF, “Zeit” und auch “Spiegel”, dass Elon Musk für den Tod von 14 Millionen Menschen verantwortlich sei. Hintergrund: Der Unternehmer hatte im vergangenen Jahr das unter Trump neugeschaffene US-Department of Government Efficiency (DOGE, zu deutsch etwa “Amt für Regierungseffizienz”) übernommen und den Rotstift angesetzt. Er strich die Staatsausgaben drastisch zusammen und setzte sich dabei vor allem auch für Kürzungen bei der United States Agency for International Development (USAID, vergleichbar mit dem deutschen Entwicklungshilfeministerium) ein. Ende Mai 2025 endete Musks Tätigkeit für DOGE und die Trump-Administration. Zwei Monate später erschien eine Studie der britischen Fachzeitschrift “The Lancet”, die als eine der weltweit wichtigsten Publikationen im Bereich der medizinischen Forschung gilt, deren Berechnungen zufolge durch die infolge von Musks Kürzungen nunmehr ausbleibenden amerikanischen Hilfsleistungen etwa 14 Millionen Menschen bis zum Jahr 2030 sterben könnten. Sollte dies zutreffen, würde Elon Musk auf einer Stufe mit den großen Diktatoren des 20. Jahrhunderts landen, deren Machenschaften ebenfalls Menschenleben im Millionenbereich kosteten – so das bezweckte Framing.
Prognosen sind bekanntlich immer dann schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen – und in diesem Fall ist besondere Skepsis angebracht. Zwar zeigt sich, wenn man dann genauer hinsieht, dass in der Studie selbst wie auch in den meisten Artikeln zum Thema der Konjunktiv verwendet wurde – Musks Kürzungen könnten bis zu 14 Millionen Menschen das Leben kosten –, doch wenn man eine solche Studie unkritisch übernimmt, wird ein einzelnes Verb im Konjunktiv den beim Leser bewusst erzeugten Eindruck nur unwesentlich abschwächen. So hätte damals schon auffallen können, dass die potentiellen 14 Millionen Opfer ein projektierter Mittelwert waren, der einer erheblichen Spannbreite unterliegt, die sich etwa im Bereich von 8,5 bis 19,5 Millionen bewegt. Außerdem stellt sich die Frage, ob nicht vielleicht ein anderer Global Player – China oder die EU – die durch Musks Streichungen erzeugten Lücke füllen könnte, oder ob ein möglicher demokratischer Nachfolger im Weißen Haus bis 2030 die Bilanz wieder verändern würde. Ohnehin kann man über den Nutzen von Entwicklungshilfe streiten, da diese insbesondere in Afrika nicht immer da ankommt, wo sie ankommen soll.
Kein “Musk-Effekt“ feststellbar
All diese Punkte hätten die deutschen (und die amerikanischen) Medien schon im vergangenen Jahr kritisch anmerken können – auch ohne intensive Recherche. Nun aber hat der Blogger Alden Whitfeld die Probe aufs Exempel gemacht: In einem ausführlichen Beitrag zerpflückt er die “Lancet”-Studie. Mittlerweile sind Daten für mehrere afrikanische Länder aus dem zurückliegenden Jahr 2025 verfügbar – und, welche Überraschung: bislang lässt sich kein “Musk-Effekt” feststellen. Whitfeld fallen mehrere Punkte auf. In medizinischen Studien wird oft die Metrik der verlorenen Lebenszeit verwendet. Beispiel: Stirbt ein Kind im Alter von einem Jahr, das unter anderen Umständen 80 Jahre alt geworden wäre, hat es 79 Jahre Lebenszeit verloren. Stirbt ein Erwachsener mit 79 Jahren, der unter anderen Umständen 80 Jahre alt geworden wäre, hätte er ein Lebensjahr verloren. Der Tod des Kindes hätte bei der Berücksichtigung der verlorenen Lebenszeit also das 79-fache Gewicht. Diese Logik fehlt allerdings in der “Lancet”-Studie.
Üblicherweise weiß jeder, dass es Afrika generell schlecht geht. Was aber nicht jeder weiß: In den letzten Jahren hat sich die Lage in Afrika deutlich verbessert. Offenbar misst die “Lancet”-Studie aber USAID bei dieser Verbesserung einen größeren Anteil zu, als es tatsächlich angebracht wäre. Wenn man so argumentiert wie die Studienautoren, muss der Wegfall an Entwicklungshilfe zwangsläufig zu Toten führen – wobei man dabei allerdings vernachlässigen würde, zu welchem Anteil es die afrikanischen Staaten selbst geschafft haben, ihre Situation zu verbessern. Nicht immer ist der Zusammenhang zwischen Hilfsleistungen und Verbesserung der Situation linear. Eine deutliche Steigerung der Zahlen kann durchaus keine oder nur eine geringfügige Verbesserung der Lebenserwartung zur Folge haben, und umgekehrt gilt das entsprechend auch für eine Verringerung der Entwicklungshilfe.
Ausgebliebenes Horrorszenario
Zudem ist die Studie bei Weitem zu simpel gedacht; fällt etwa die US-Hilfe weg, führt dies nicht zwangsläufig zu Todesfällen, weil die betroffenen Staaten selbst entgegensteuern können. Whitfeld bringt ein Argument: Angenommen, in einem Land gibt es pro Jahr eine Million Abtreibungen, dann würde ein Abtreibungsverbot die Geburtenzahlen nicht um eine Million erhöhen – weil ein Teil der betroffenen Frauen auf illegale Abtreibungsmethoden ausweichen und viele Paare würden es mit der Verhütung genauer nehmen würden Genau einen solchen Effekt konnte Whitfeld in seinen Daten feststellen: Mehrere afrikanische Staaten begannen von sich aus, ihre Ausgaben etwa im Gesundheitssektor zu erhöhen. Manchmal wurden Ausgaben für die Prävention von Krankheiten gekürzt, die Ausgaben für die Behandlung dieser Krankheiten jedoch erhöht. Im Falle von HIV vernachlässigt die Studie, dass es seit Kurzem ein hochwirksames Medikament gibt, das noch keine Anwendung in den vergangenen Jahren erfuhr, auf denen die späteren Schätzungen zur Sterblichkeit basieren. Wie aus anderen Daten hervorgeht, hat sich im letzten Jahr auch noch kein afrikaweiter Einbruch in der Getreideversorgung gezeigt. Allerhöchstens regional – was dann allerdings Ursachen im betreffenden Land hat und nicht mit einer pauschalen Kürzung zusammenhängt, die zudem alle Länder gleichermaßen betrifft
Auch Whitfelds Ausführungen selbst sind natürlich mit Vorsicht zu genießen; eine Prognose, die fünf Jahre in die Zukunft reicht, lässt sich nach nur einem Jahr nicht abschließend beurteilen, vor allem, weil einige der beschriebenen Auswirkungen einer Zeitverzögerung unterliegen. Im nächsten und übernächsten Jahr sollte er seine Analyse daher wiederholen, wobei mit voranschreitender Zeit immer besseres Datenmaterial zur Verfügung steht. Dass sich auf lange Sicht ein Anstieg der Todeszahlen durch das angeblich so “verderbliche” Wirken Musks zeigen wird, ist zwar nicht auszuschließen, aber eher unwahrscheinlich. Wäre sich das Worst-Case-Szenario der “Lancet“-Autoren, auf das sich auch die deutschen Medien so zähnefletschend stürzten, tatsächlich eingetreten oder würde es sich auch nur abzeichnen, dann hätte man im zurückliegenden Jahr deutlichere Indizien sehen müssen. Die gab es aber nicht. Es ist, wie Whitfeld treffend anmerkt: Nur weil eine Fachzeitschrift wie “The Lancet” einen hervorragenden Ruf hat, ist sie noch lange nicht vor politischer Verblendung gefeit. Medien, die allerdings derselben Verblendung anheimgefallen sind, fällt das natürlich nicht auf.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen