Donnerstag, 15. Dezember 2016

Wie sich Hensel um Kopf und Kragen redet

von Thomas Heck...

Wenn man einen Fehler macht, gibt es eigentlich keine Möglichkeit, dem heute üblichen Shitstorm zu entgehen. Man muss das Thema aussitzen. Jeder von uns, der sich in dem Bereich bewegt, hat das schon erlebt. Und im Auslösen eines Shitstorms sind gerade die Linken wirklich gut, sie zerstören Existenzen, Karrieren, Familien und ganze Lebensperspektiven. Ohne Gnade, ohne Mitleid. Da tut es dann auch mal gut, wenn es einen trifft, der selbst versucht hat, aus politischen Gründen Existenzen zu vernichten, indem er selbstgerecht und arrogant konservative Blogs in die rechte Ecke stellte. Der Stern hat Gerald Hensel interviewt. Er bereut nichts, wir auch nicht.


Vor zwei Wochen führte Gerald Hensel noch ein normales Leben. Doch dann rief der Strategy Director bei der Agentur Scholz & Friends die Aktion #KeinGeldFürRechts ins Leben. Er möchte Werbetreibende dafür sensibilisieren, keine Banner auf rechten Websites zu buchen. Auf seiner inzwischen nicht mehr öffentlich zugänglichen Homepage hat er eine Liste mit Seiten präsentiert, die er als rechts einstuft.
Die Resonanz auf diese Idee ist gewaltig. Allerdings fällt sie nicht nur positiv aus: Rechte Websites wie "Junge Freiheit", aber auch konservative Magazine wie "Tichys Einblick" oder  der von Henryk M. Broder betriebene Blog "Die Achse des Guten" schießen sich seit Tagen auf Hensel ein. Der 41-Jährige wird im Netz massiv beschimpft und hat Morddrohungen erhalten.
Herr Hensel, wo befinden Sie sich gerade?

Ich bin in einem Hotel an einer Stelle, die nicht in Berlin ist.

Aus Sicherheitsgründen?

Ja, klar.

Sie werden persönlich bedroht?

Ja. Es ist ein systematischer, konzertierter Shitstorm, der zu einem Angriff auf mein persönliches Leben und mein Arbeitsumfeld, meine Kollegen, meinen Arbeitgeber geworden ist. Ich bekomme seit sieben Tagen täglich Tausende von Hass-Tweets und Facebook-Messages, es wurden mehrere Fake-Profile mit meinem Namen angelegt. Menschen arbeiten sich durch insgesamt 22.000 meiner oft politischen Tweets, um mich dann in Foren als Antisemit zu zeichnen. So startet dann die nächste Angriffswelle.

Wie sind Sie in diese Situation gekommen?

Ich bin Politologe und Digitalstratege. Ich bin mit der Logik von Mediaschaltung vertraut. Wenn ich auf eine Seite komme, die hetzt, und daneben den Banner einer großen Marke sehe, finde ich das nicht nachvollziehbar. Dadurch bin ich an einen Punkt gekommen, wo mir ein Fehler im System aufgefallen ist. Darauf wollte ich hinweisen.

Sie haben daraufhin die Aktion #KeinGeldFürRechts ins Leben gerufen. Haben Sie das allein entschieden oder haben Sie sich mit Ihrem Arbeitgeber Scholz & Friends abgestimmt?

Nein, das ist komplett meine eigene Entscheidung gewesen. Scholz & Friends hatten weder in der Vorbereitung noch in der Umsetzung etwas damit zu tun, außer dass sie die Auswirkungen spüren. Die Agentur wurde übel beschimpft. Kunden bekamen Boykott-Drohungen. Und es ist auch eines nicht: eine großangelegte Aktion. Es waren zwei Beiträge und ein Tweet.

Wie war die Resonanz auf die Aktion?

Die negative Resonanz habe ich beschrieben: Seit sieben Tagen stehe ich unter Dauerfeuer von populistischen und rechten Blogs, die täglich mit mehreren Artikeln in einer sehr systematischen Weise gegen mich persönlich schießen. Mein Arbeitgeber und ich werden mit den absurdesten Vorwürfen konfrontiert.

Haben Sie auch positive Erfahrungen gemacht?

Ja. Immer mehr Leute verstehen, was in diesem Lande gerade passiert. Die schweigende Masse, das deutsche Bürgertum, das den Mund nicht aufkriegt. Die kriegen durch diese Geschichte mal mit, was das für Leute sind, die sich hier als Verteidiger des Abendlandes aufspielen. Und es gibt Resonanz auf die eigentliche Idee: Faktisch bestellen Werbekunden ihre Banner ab. Irgendwas scheint wohl dran zu sein an meiner Frage, die ich gestellt habe.

Auf ihrer Website "davaidavai.com" haben Sie eine Liste veröffentlicht mit Websites, die Sie als rechts klassifizieren. 

Es geht mir nicht darum, dass ein Kreuzzug gegen einzelne Seiten geführt wird. Es geht darum, dass die Leute, die Banner schalten, ein Verständnis dafür kriegen, wohin sie eigentlich ihre Werbegelder lenken. Es geht mir nicht um Blacklisting. Ich habe nie zu einem Boykott aufgerufen. Ich habe gesagt: "Werbeleiter dieser Welt, schaut mal wieder hin, wohin ihr euer Geld gebt. Ihr habt nämlich keine Ahnung mehr, wie eure Budgets funktionieren. Oft sind es eben manipulative Knoten, die Gesellschaften in Echtzeit in Hate-Mobs verwandeln."

In der Liste taucht die "Achse des Guten" nicht auf. In einem langen Text über Ihre Aktion stellen Sie den von Henryk M. Broder betriebenen Blog allerdings in einen Kontext mit "Breitbart" und "Pi-News". Warum haben Sie das gemacht?

Ganz einfach, weil ich manchmal ein naiver Idealist bin. Ich bin ein Mensch, der eine Idee hatte. Ich habe einen definitiv nicht rechtsicheren Text geschrieben. Dennoch haben sich diese Leute demaskiert und gezeigt, wer sie wirklich sind.

Was ist Ihre wichtigste Lehre aus den letzten sieben Tagen?

Es gibt Leute, die haben manipulative Interessen daran, dass Menschen dauerwütend sind. Die eine Seite wird wütend, die andere Seite wird auch wütend. Ich hatte einen interessanten Dialog mit einem Menschen, der mich beschimpft und bedroht hat. In einem Moment der Empathie habe ich ihm zurückgeschrieben und gefragt, warum er wütend ist. Wir haben festgestellt, dass wir beide wütend sind.

Warum diese Wut?

Ich weiß warum: Weil es Leute gibt, die damit Geld verdienen. Wir starren auf unseren Handyscreen und brüllen uns an. Nur dass der Screen von Hans, so heißt der Mann, anders aussieht als meiner. In meinem sehe ich Fotos vom Mittagessen meiner Freunde und es werden Katzenfotos gepostet. Bei Hans köpfen Ausländer am Alexanderplatz Frauen, danach wird eine Massenvergewaltigung durchgeführt und keiner tut was. Eigentlich müssen Hans und ich zusammen ein Bier trinken gehen. So haben wir das früher gemacht. Es verdienen aber Leute Geld damit, dass Hans und ich kein Bier zusammen trinken können.

Flaut die Hasswelle gegen Sie langsam ab?

Ich denke schon seit Tagen, dass sie abflaut. Aber es werden jeden Tag drei Artikel nachgelegt, die immer wieder dafür sorgen, dass es weitergeht. Das ist systematisch. Der Druck liegt vor allem auf meinem Arbeitgeber.

Steht der noch hinter Ihnen.

Ja. Die Firma steht rückhaltlos hinter mir. Dennoch habe ich mich entschlossen, mein Vertragsverhältnis mit Scholz & Friends zu beenden. Nicht weil ich denke, ich hätte etwas falsch gemacht. Ich habe alles richtig gemacht. Aber der Erfolg war insgesamt so groß, dass ich mich für zukünftige Ideen selbst freier machen muss - und meinen Arbeitgeber auch. In dieser einen Woche haben sich Menschen demaskiert. Wer bisher noch nicht den Schuss gehört hat, da kann ich nur sagen: Guckt mal, was hier passiert.

Sie kündigen, um Ihr Leben dem Kampf gegen Rechts zu widmen?

Ich würde die Formulierung "Kampf gegen Rechts" ungern benutzen. Ich habe aber ein großes Interesse an dem Thema "manipulative Knoten" im Netz. Die sorgen dafür, dass ich mit Hans kein Bier trinken kann. Obwohl wir beide vermutlich keine so verkehrten Typen sind. Aber die eine Hälfte Deutschlands denkt, ich bin Gott, die andere denkt, ich bin der Teufel. Wahrscheinlich stimmt beides nicht.

Wenn Sie die Uhr um zwei Wochen zurückdrehen könnten: Würden Sie etwas anders machen?

Nein, als Mensch, der ich bin, habe ich Fehler gemacht. Aber auch die würde ich noch einmal so machen. Einfach weil ich ein Mensch bin.

1 Kommentar:

  1. Er bildet sich ein Politologe zu sein. Sollte er wirklich einen Abschluss haben, darf er ihn getrost der Uni wieder zurückgeben. Als Politologe muss man eine Situation analysieren können und objektiv schlussfolgern. Er ideologisiert nur, verdammt diejenigen, die nicht seine Meinung vertreten und - ach wie links antidemokratisch - kann es gar nicht leiden, wenn jemand unsere Gottkaiserin kritisiert. Das ist einem Politologen unwürdig. Ein Politologe sollte auch geschichtsfest sein, also sollte er auch wissen, dass Nazis und rechtsradikale was ganz anderes sind. Die Hälfte der Bevölkerung zu diffamieren, die nicht seiner Meinung sind, das kenne ich zu genüge aus der DDR. Er hätte sich sicher pudelwohl dort gefühlt, so im marxistisch-leninistischen (mehr leninistisch-stalinistischen) Mainstream. Aber, es trifft endlich mit dem Shitstorm mal den richtigen.

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