Samstag, 11. Juni 2016

Attentat in Tel Aviv: Die Terroristen wollten uns alle treffen

von David Baum...

In Tel Aviv töten zwei Terroristen vier Menschen. David Baum über den Anschlag, der auch dem westlichen Lebensstil galt.

Die palästinensischen Terroristen Mussa und Khaled Machmara planten eiskalt: Der Tel Aviver Sarona-Park, in dem die beiden Cousins aus dem Westjordanland vier Menschen ermordet und weitere angeschossen haben, ist ein Ort der Unbeschwertheit. In den Restaurants, Modeläden und Galerien herrscht „Laissez faire“. Hier wird gefeiert, man tingelt von einer Bar zur nächsten Vernissage. Es wird gelacht, getanzt, gekifft.


Wer auf diese Szenerie schießt, der meint nicht nur Israel, der hat auch den westlichen Lebensstil im Visier. Sarona mit seinem internationalen Publikum ist nicht irgendein Vergnügungsviertel, es hat völkerverbindenden Charakter. An einem Stand gibt es sogar bayerische Würstel, ziemlich köstliche übrigens. Im Café Max Brenner haben die als jüdische Businesstypen verkleideten Terroristen irgendeine Süßigkeit bestellt, bevor sie ihre Automatikwaffen auspackten und losschlugen. Wie das wohl ist, sich als Hamas-Anhänger so zu verkleiden, in diese fröhliche Szenerie zu spazieren – um schließlich zu morden?

Israel lebt schon immer mit dieser Gewalt, und es lebt sogar mit der Ignoranz, die in Europa gegenüber dieser permanenten Anwesenheit von Gewalt besteht. In den letzten Monaten waren es oft verblendete Jugendliche, die glauben, zu Helden Palästinas zu werden, wenn sie mit Messern auf Passanten losgehen. Die neuen Anschläge sind von anderer Qualität, weil offenkundig durchdacht, geübt. Und vermutlich von oben gesteuert.

Beide Attentäter sind gefasst, einer ist inhaftiert, der andere wird in einem Krankenhaus operiert, „um sein Leben zu retten“, wie der Armee-Sprecher sagte. Genau dies sollte man nicht außer Acht lassen. Die Israelis flicken ihre Gegner wieder zusammen, retten ihnen manchmal das Leben. Während auf der palästinensischen Seite auf den Straßen für jeden toten Israeli gefeiert und getanzt wird.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verurteilte die „kaltblütigen terroristischen Morde“ und kündigte eine Reihe von „offensiven und defensiven Schritten“ an. Das bedeutet, dass Genehmigungen für Familienbesuche für Palästinenser während des Fastenmonats Ramadan „eingefroren“ werden.
Wer Israel verdammt, weil es das Westjordanland nicht hergeben und auch nicht aus den besetzten Gebieten abziehen will, der muss eben auch sehen, dass solche Maßnahmen die einzige Möglichkeit sind, sich etwas zu schützen. Aber wie auch, wenn mancher westliche Kommentator nicht einsehen will, dass man vor Gesprächen gern Terroristen wie Mussa und Khaled Machmara verurteilt sähe. Was soll man erwarten von Verhandlungspartnern, die es als Zumutung empfinden, vor Gesprächen erst einmal ein grundsätzliches Lebensrecht Israels zuzugestehen?

Das Attentat schwächt fast alle Seiten, die moderate palästinensische, die noch an Verhandlungen glaubt, und Israel, das einen weiteren unschuldigen Ort verloren hat. Und es schwächt uns alle, die gerne so unbeschwert leben möchten, wie es die Leute von Sarona wollten.

Autor David Baum lebt in München und Wien, ist Mitglied der „GQ“-Chefredaktion

Erschienen in der B.Z.






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