Montag, 23. Mai 2016

16 € für Flüchtlinge - 4,72 € für Harz-IV-Empfänger

von Thomas Heck...

Flüchtlinge müssen mit Nahrung versorgt werden.  Lasagne, Spaghetti, Seelachsfilet, Kichererbseneintopf: Was in den großen Flüchtlingsunterkünften mittags serviert wird, ist sehr unterschiedlich. Lasagne, Spaghetti, Seelachsfilet, Kichererbseneintopf: Turgut Yüksel (SPD) und Florian Fix, Gastrokritiker vom "Journal Frankfurt", haben einmal gekostet, was dort auf den Tisch kommt.

Turgut Yüksel findet den Eintopf aus Kichererbsen und Putenfleisch gut, Florian Fix lobt die Würzung des Linsenpürees. Der SPD-Landtagsabgeordnete und der Gastrokritiker vom „Journal Frankfurt“ haben eine ganze Batterie Teller vor sich – auf jedem ein Mittagsgericht, wie es in der vergangenen Woche auch in einer von fünf Frankfurter Flüchtlingsunterkünften serviert wurde. Sie testen, was dort auf den Tisch kommt. 

Aus Gründen der Integration sollte vielleicht frühzeitig auch deutsches Essen gereicht werden, um so manches Asylverfahren frühzeitiger zum Abschluss zu bringen... wir wäre es denn mit Currywurst und Pommes rot-weiß, Labskaus aus Bremen, Weißwurst mit süßem Senf oder Grünkohl und Pinsel? Immerhin werden für Flüchtlinge 16 Euro am Tag ausgegeben, während des Harz-IV-Empfänger sich mit 4,72 Euro begnügen muss und natürlich noch selbst kochen muss.


Noch immer leben in Frankfurt Hunderte Menschen in Turnhallen oder ähnlichen Notquartieren. Syrer, Afghanen, Pakistaner, Iraker, Iraner, Eritreer und andere wohnen notgedrungen auf Zeit zusammen, jeder mit anderen kulinarischen Gewohnheiten und Geschmacksvorlieben. Doch keiner darf für sich selber kochen, das verbietet sich aus Gründen des Brandschutzes und der Hygiene. Stattdessen fahren morgens, mittags und abends die Lkw der Essensversorger vor, liefern aus, was in ihren Großküchen vorbereitet wurde.

Fischfilet, Arabische Linsen und Reis, dazu Joghurt, Gewürze und Baklava von Schubert-Speisenversorgung.
Für das FNP-Testessen sind vier der Anbieter, die insgesamt sechs Unterkünfte in Frankfurt verpflegen, auch in der Redaktion an der Frankenallee vorbeigefahren und haben die Mittagsmenüs für Yüksel und Fix abgeliefert. Und nun sitzen die beiden vor den vielen Tellern.


Einen hat Agaplesion-Catering, das täglich 190 Essen in die Unterkunft in der Franz-Böhm-Schule liefert, angerichtet: Lasagne, gefüllt mit Rinderhack, auf Tomatenragout. Dazu ein kleiner Salat, Zitronensaft, Olivenöl, Salz, Pfeffer, um ein Dressing daraus zu machen.
Das nächste Gericht liefert die Firma Schubert-Catering (eine Tochterfirma der Wisag), die zur gleichen Zeit auch im Bockenheimer Labsaal und in der Landesaufnahmestelle an der Hanauer Landstraße für Flüchtlinge auftischt, insgesamt 1000 Essen täglich: Seelachsfilet mit Arabischen Linsen und Reis, dazu Zitrone, Joghurtsoße und Brot, Baklava als Dessert.
Eda Catering aus Obertshausen, Spezialist für türkische Küche und Versorger unter anderem der Unterkunft am Länderweg in Sachsenhausen, kocht insgesamt knapp 500 Essen. Diesmal Kichererbsen-Eintopf mit Putenfleisch samt Reis mit Mandelstückchen, Obst und Brot sind bei jeder Mahlzeit obligatorisch. Vollkornspaghetti mit Tomatenkäsesoße steht bei der Gourmet-Werkstatt Wetterau und damit in der Turnhalle der Philipp-Holzmann-Schule auf dem Plan. Dazu gibt es für die 105 Bewohner einen kleinen Salat samt Fertig-Dressing, Birnenkompott, zwei Blätterteigkekse, eine Orange.
Berufsesser Florian Fix findet diese Portion zu klein, den Anblick ernüchternd. „Aber geschmacklich ist es in Ordnung, die Nudeln sind nicht matschig oder so.“ Während alle anderen Lieferanten ihr Essen in großen Behältern warm anliefern und Mitarbeiter es vor Ort auf die Teller füllen und ausgeben, liefert die Gourmet-Werkstatt das Essen aus Bad Nauheim fix und fertig auf Tabletts angerichtet, so dass sie den Bewohnern nur noch in die Hand gedrückt werden müssen. „Cook & Chill“ nennt sich das Verfahren, nach dem das Essen am Vortag gekocht und kurz vor dem Garpunkt wieder runtergekühlt wird. Dann kommt es auf Teller unter Hauben, Besteck und Dessert daneben und ab in einen Wagen. Darin wird es am nächsten Tag fertig gegart und sofort ausgegeben.
„Essen, wie zu Hause gekocht“, verspricht die Gourmet-Werkstatt. Das Kompliment kann Florian Fix nicht teilen. „Aber es ist gesundes Essen, der Speiseplan durchaus abwechslungsreich. Wobei beinahe jedes Gericht nach dem Schema Fleisch, Beilage und irgendwie Gemüse zusammengestellt ist“, merkt der Fachmann an. Mit seiner etwas läppischen Bemerkung „Das Brötchen ist Modell Krankenhaus“ liegt er nicht falsch. Von den Spaghetti gingen 105 Portionen in die Holzmann-Turnhalle – und eine weitere Fuhre in ein Krankenhaus, wie Matthias Krause, Produktionsleiter der Gourmet-Werkstatt, bestätigt.
Etwas mehr nach Hausmacherkost schmeckt für Florian Fix und auch Turgut Yüksel die Lasagne aus der Agaplesion-(Krankenhaus)-Küche, wo für die 190 Bewohner der Schulturnhalle gesondert gekocht wird. Gerade wird ein neuer Speiseplan erprobt, an dem die Bewohner kräftig mitgeschrieben haben. Bei dieser Portion fürchtet nun Turgut Yüksel, dass er nicht ganz satt würde. Wäre er in der Böhm-Schule, bekäme er aber Nachschlag.
Der Fisch mit Linsenpüree, den Schubert-Essenversorgung angerichtet hat, ist hingegen eine reichliche Portion. Der Seelachs sei zu trocken geraten, befinden beide Tester. Aber das Püree mit Kardamom und Co. sei gut gewürzt, lobt Fix. Das gilt auch für den Kichererbseneintopf, den Yüksel schmackhaft findet. „Ich esse ja oft in der Kantine des Hessischen Landtags. Ich würde nicht sagen, dass das Essen dort besser ist“, sagt Yüksel.
„Ich habe gut und abwechslungsreich gegessen“, sagt Florian Fix am Ende der Testreihe. Doch mit Blick darauf, dass die Flüchtlinge wochen-, ja monatelang mit dem Catering-Essen leben müssen, hat er Bedenken: „Ich hätte wohl mehr Probleme mit Frühstück und Abendbrot – da steht beinahe jeden Tag das Gleiche auf dem Büffetplan. Auch wenn die Wurstsorten wechseln, es bleibt allabendlich Wurst.“ Auch Gurke statt Tomate bedeute keine große Abwechslung. Das wissen auch die Caterer und bemühen sich um mehr Vielfalt: Eda-Catering liefert auch abends warmes, stets vegetarisches Essen. „In den meisten Herkunftsländern kennt man kein klassisches Abendbrot“, sagt Inhaber Hamdi Cetinkaya. Schubert bringt zum klassischen Abendbüfett wenn möglich Omeletts oder Suppen dazu, Agaplesion versucht mit gefüllten Weinblättern, Bohnensalat, Hummus oder ähnlichen Spezialitäten Abwechslung auf den Tisch zu bringen. 
Catering morgens, mittags, abends... für die Hygiene in den Unterkünften sorgen professionelle Reinigungskräfte, so klappt das sicher mit der Integration... Sozialneid inklusive.


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